Danebenjobs

Studentenjobs machen nicht unbedingt Spaß. Manchmal aber bringen sie einen sogar mit dem Gewissen in Konflikt. Und dann ist echt jeder Spaß vorbei.
jetzt-redaktion

Falsche Flirt-SMS verschicken

Elias, 27:

Die Anzeige versprach einen unkomplizierten Nebenjob von zu Hause aus, ohne feste Arbeitszeiten und mit einem guten Verdienst. Einzige Bedingung war ein Computer mit Internetanschluss. Also meldete ich mich bei einer Agentur, die mir erklärte, ich solle Nachrichten beantworten, mit Menschen zu tun haben und kommunikativ sein. Das klang, als könnte es mir gefallen. Als ich dann telefonisch die erste Einweisung in meinen neuen Job bekam, gefiel es mir gar nicht mehr. Auf meinem Bildschirm blinkten im Sekundentakt SMS von Männern auf, die meine „Kontaktanzeige“ gesehen hatten. Meistens bezogen sie sich dabei auf das nächtliche Fernsehprogramm. Mal nannten sie mich Julia, mal Claudia, mal Petra. In einem Fenster konnte ich sehen, wie alt ich bin, was ich beruflich mache und wie ich aussehe. Sogar Fotos konnte ich verschicken.

Die hoffnungsvollen Männer, die in mich (und meine Kollegen, die irgendwo vor ihren Computern saßen) verliebt waren, zahlten zwei Euro pro SMS. Ich musste sie bei Laune halten: Jede Nachricht mit einer Frage beenden, damit sie auf jeden Fall antworteten. Persönliche Treffen in der Nähe in Aussicht stellen und natürlich rechtzeitig wieder absagen. Damit meine „Kunden“ keinen Verdacht schöpften, musste ich mich ausgiebig bei ihnen entschuldigen, ihnen morgens einen schönen Tag wünschen (das konnte ich im Voraus programmieren) oder sie so lange nerven, bis sie mir eine versöhnliche Antwort (wieder zwei Euro!) schickten.

Ich schämte mich sehr. So viel Unehrlichkeit kannte ich bis dahin nicht. Als ich nach ein paar Tagen in den Statistiken der einzelnen Gesprächspartner entdeckte, dass manche meiner neuen Freunde schon mehrere tausend SMS verschickt hatten, beendete ich die Zusammenarbeit.

Fünf Jahre später bekam ich eine Vorladung von der Polizei, gegen mich werde wegen Betrugs ermittelt, hieß es. Da hatte ich den Job schon längst vergessen. Man erklärte mir, dass mein Name in den Akten des Hotline-Anbieters gefunden worden war und man mich vernehmen müsste. Ich sollte alles erzählen, was ich wusste, zu befürchten hätte ich nichts. Also habe ich ausgesagt und so hoffentlich wenigstens im Nachhinein ein bisschen für Gerechtigkeit sorgen können. Ich werde mich nicht mehr auf Anzeigen melden, die schöner klingen, als die Wahrheit jemals sein kann.

elias-steffensen


Möchtegern-Models anlügen

Cosima, 31:

Nach dem Abi wollte ich nicht sofort studieren und bewarb mich auf Praktikumsstellen. Eine davon: sechs Monate in einer Event-Management-Agentur. Klang gut, nach Abenteuer, exotischen Orten und dem Organisieren von verrückten Sachen. Leider stellte sich schnell heraus, dass es außer mir und meinem Chef nur zwei andere Praktikanten gab und der Laden eigentlich mal eine Modelagentur war, jetzt aber zur Casting-Klitsche wurde und mit Events überhaupt nichts zu tun hatte.

Meine Aufgabe war die Pflege der Datenbank, in die quasi jedermann gegen Geld aufgenommen wurde. Bei erfolgreichem Vertragsabschluss bekam ich Provision. Viele Mädchen mit dem Traum, Model zu werden, kamen zu uns. Kaum eine davon erfüllte auch nur annähernd die dafür erforderlichen Kriterien, aber wir gaben ihnen trotzdem das Gefühl „als ob“. Die Verträge waren sauber, es wurde eben drumherum geredet. Kaum einem der Mädchen fiel auf, dass es den Castingsteckbrief ausfüllte und nicht den für Models. Einige wurden auch vermittelt – aber nicht als Kleiderstangen für Glossy-Magazine, sondern als Statisten für nachmittägliche Gerichtsshows.

Ich verließ die Agentur zwei Monate früher als geplant. Zum einen, weil ich mit meinem Chef nicht klar kam, zum anderen, weil ich die Mädchen nicht mehr vollquatschen wollte. Meine Provision habe ich trotzdem eingestrichen, ich habe sie als Wiedergutmachung für vier Monate Horrorarbeit empfunden. Das Geld zu nehmen, hat sich nicht ungerecht angefühlt, aber der Job umso mehr. Und ganz ehrlich: Mit 19 hatte ich nicht die Eier, die Kohle liegen zu lassen. Für mich war es sowieso schon verrückt genug, etwas hinzuschmeißen – auch wenn es bis dahin vier Monate gedauert hat. Noch lange später habe ich Leute aus der Datenbank in Scripted-Reality-Shows wiedererkannt.

Cosima Hilsdorf


Ärztebewertungen fälschen

Sarah, 21:

„An den Aushilfsjob in der Marketingagentur bin ich über eine Kommilitonin gekommen. Beim Vorstellungsgespräch erklärte mir der Chef meine Aufgaben: Ich sollte den redaktionellen Teil des „Internetcontents“ betreuen und gestalten, Telefonate annehmen und Events organisieren. Übersetzt hieß das: gefälschte Bewertungen für Ärzte schreiben, deren Praxen ich niemals besucht hatte. Er fand diese Art des Geldverdienens legitim und sagte, Leute, die heutzutage noch an Bewertungen im Internet glauben würden, seien selbst schuld.

Viele würden den Job ablehnen, da sie ihn moralisch nicht vertreten könnten. Ich sagte zu. Elf Euro Stundenlohn – wer zögert da lange?

Ich hatte zwar Gewissensbisse und fühlte mich anfangs schlecht, den Job angenommen zu haben, aber ich brauchte das Geld und dachte irgendwann nur noch an meinen Kontostand.
 
Jeder Arbeitstag begann mit einer Liste, auf der stand, was der jeweilige Arzt beworben haben wollte. Das konnten Implantate oder die besondere Freundlichkeit gegenüber Senioren sein. Diese Aspekte musste ich in die jeweilige Bewertung mit einbringen. Deshalb hörten sich die allermeisten Texte sehr ausgedacht an. An einem Tag schrieb ich ungefähr 35 Stück. Die Arbeit war extrem langweilig, sie forderte mich null und machte überhaupt keinen Spaß. Wenigstens waren die Kollegen nett. Ich arbeitete knapp ein Jahr in der Agentur, sieben Stunden pro Woche. Immer, wenn ich abends zu Hause ankam, war ich erleichtert, endlich keine Bewertungen mehr schreiben zu müssen. Aber falls ich mal wieder dringend Geld brauche, werde ich zurückkehren.“

Protokoll: feline-gerstenberg


Aushelfen im Atomkraftwerk

Hanne, 23:

„Meine Eltern wollen mir alles ermöglichen. Aber in unserer Familie haben alle drei Kinder gleichzeitig studiert, das war finanziell eine ziemlich schwierige Zeit. Weil ich mich für ein Studium in Bayern und damit auch für Studiengebühren entschieden habe, wollte ich einen Teil meiner Kosten übernehmen und nicht einfach den Geldbeutel aufhalten. Deswegen war ich erleichtert, als ich für die Monate nach dem Abitur die Zusage für einen besonders gut bezahlten Bürojob bekam. Der Haken: Es war eine Aushilfsstelle in einem Atomkraftwerk.

Ob ich mich mit dem Gedanken wohl gefühlt habe oder nicht, war egal – ich brauchte das Geld. Natürlich war es am Anfang ungewohnt, dass ich auf dem Weg zum Bürostuhl Sicherheitskontrollen wie am Flughafen passieren musste: Jeden Tag wurde meine Handtasche durchleuchtet, ich musste durch einen Metalldetektor laufen, dann noch auf eine Waage, mit der mein Gewicht kontrolliert wurde, damit sich niemand anderes mit meiner Chipkarte ins Gebäude schleichen konnte. Einmal im Büro angekommen, war es ein schnöder Aushilfsjob, ich habe Tabellen erstellt und technische Daten übertragen, die ich als Laie nicht verstanden habe. In der Mittagspause saß ich dann mit den Kollegen auf der Wiese an den Kühltürmen, manchmal haben wir uns sogar an den Türmen angelehnt. Wegen der Strahlung habe ich mir keine Sorgen gemacht, die ist nur in einigen Bereichen des Atomkraftwerks minimal erhöht. Freunde von mir haben in der Wäscherei die Schutzanzüge der Mitarbeiter gewaschen, das hätte ich vielleicht nicht machen wollen.

Jetzt, drei Jahre und einen Bachelorabschluss später, kann ich immer noch verstehen, warum ich mich für den Nebenjob entschieden habe. Wer mich verurteilen will, soll mal probieren, sein Studium selbst zu finanzieren. Aber weil ich Atomkraft nicht mehr unterstützen möchte, kellnere ich heute. Selbst wenn ich doppelt so lange arbeiten muss, um das gleiche zu verdienen, fühle ich mich nach Schichtende besser.“

Protokoll: dorothea-wagner


Lottoscheine verticken
Valerie, 26:
In der Kleinstadt, in der ich zur Schule gegangen bin, konnte man als Nebenjob fast nur in der Gastronomie arbeiten. Ich bin aber als Kellnerin völlig unbegabt. Eine der wenigen Alternativen, die ich per Kleinanzeige auftat, war ein Job in einem Callcenter. Telefonieren kann ich ja, dachte ich mir, und bewarb mich. Leider kümmerte sich das Callcenter nicht um Marktforschung oder Kunden, die Hilfe mit ihren Computern brauchten, sondern drehte ahnungslosen Menschen ein nicht-staatliches und völlig überteuertes Lotto-Angebot an. Dafür klickte man die ganze Schicht in einer Computermaske auf den Anruf-Button und automatisch wurde eine beliebige Telefonnummer aus der Datenbank gewählt – angeblich stammten die Nummern immer aus Gewinnspielen, bei denen die Leute mitgemacht und ihre Daten angegeben hatten.  

Ich musste dann einen vom Callcenter vorgeschriebenen Text runterrattern und wenn jemand nicht mitmachen wollte, vorgeschriebene Argumente vorbringen, die alle auf den Zetteln standen, die vor mir auf dem Tisch lagen. Da war sogar vorgegeben, an welchem Punkt des Telefonats man den potenziellen Kunden in ein „persönliches Gespräch“ über das Wetter oder den Wohnort verwickeln sollte. Und wehe, man hielt sich nicht an den Leitfaden, dann gab es riesigen Ärger mit dem Chef. Streng verboten war es, ein „Nein“ des Angerufenen zu akzeptieren, darum gab es nur drei Möglichkeiten, das Gespräch zu beenden: Entweder man machte einen „Abschluss“, ergatterte also die Bankdaten des Kunden und versprach, ihm bald die Unterlagen zuzusenden, oder der Kunde legte einfach auf – oder man wurde angeschrien und beleidigt, dann durfte man selbst auflegen. Wer die meisten „Abschlüsse“ des Tages machte, bekam Pralinen oder Sekt.  

Irgendwann googelte ich das Lotto-Unternehmen und fand unzählige Betrugsbeschwerden von ehemaligen Kunden, wer einmal drin war, kam nur schwer wieder aus dem Vertrag raus. Ich hatte ein furchtbar schlechtes Gewissen und dachte an die verschlafene 18-Jährige, der ich das Angebot angedreht hatte. Von da an brachte ich es nicht mehr übers Herz, am Telefon energisch vorzugehen. Ich hatte vorher schon kaum etwas verkauft, jetzt verkaufte ich gar nichts mehr. In einer Schicht schrie mein Chef mich vor allen Kollegen an, weil ich einen Abschluss vermasselt hatte. Nach der Schicht kündigte er mir. Und ich war verdammt froh darüber.
valerie-dewitt


Text: jetzt-redaktion - Illustration: Yinfinity