"Dann sind wir Mutti oder Vati für die Gäste"

An denen muss man vorbei, wenn man mal muss: Birgit und Olaf passen auf Toiletten in Berliner Clubs auf. Im Interview erzählen sie von den Abgründen des Nachtlebens.
johann-voigt

Klo-Hüter und Ansprechpartner: Birgit und Olaf.

Foto: Tatjana Glowinski

Wenn die Berliner am Sonntagmorgen nach dem Feiern müde ins Bett fallen, legen sich auch Olaf und Birgit endlich schlafen. Das Paar aus Berlin-Hellersdorf macht jedes Wochenende die Nächte durch. Sie in der „Tube Station“ auf der Friedrichstraße, wo man zu Hip-Hop tanzt, er im Techno- und House-Club „Fiese Remise“ in Kreuzberg.

Birgit und Olaf sind in diesen beiden Clubs die „Ordnungskräfte für sanitäre Anlagen“ – sie betreuen die Toiletten. Im Interview erzählen sie von Berliner Nächten, mitteilsamen Clubgängern, ihrem Verhältnis zu Drogen – und von Frauen am Pissoir. Alles in breitem Berlinerisch und immer wieder unterbrochen von Birgits schallendem Lachen.

jetzt.de: Habt ihr euch während der Arbeit kennengelernt?

Birgit: Ja, das ist eine richtige Liebesgeschichte. Wir haben uns durch Zufall beim Putzen getroffen: ich am Klo, Olaf bei der Müllentsorgung. Wir sind dann in Kontakt geblieben, haben über Jahre hinweg immer wieder miteinander telefoniert und ich habe ihn im Krankenhaus besucht, als es ihm nicht gut ging. Wir haben uns immer gegenseitig aufgebaut. Irgendwann hat es gefunkt.

 

Wie seid ihr denn zu eurem Job gekommen?

Olaf: Ich musste wegen einer Krankheit vor 15 Jahren mit meinem ursprünglichen Job aufhören, habe dann bei einer Toilettenfirma angefangen und meine Frau kennengelernt. Vor ungefähr elf Jahren haben wir uns selbstständig gemacht, seitdem arbeiten wir auf Club-Toiletten.

 

Die Club-Toiletten hüten, das bedeutet sicher viel mehr als nur Saubermachen, oder?

Birgit: Die Gäste reden viel, umarmen einen und machen manchmal auch das eine oder andere Angebot. Ich könnte jeden Abend mit zwei jungen Männern nach Hause gehen. (lacht)

Olaf: Oft müssen wir auch einfach nur zuhören. Die Leute erzählen dann von ihren Problemen auf Arbeit oder mit der Freundin. Dann sind wir eben mal Mutti oder Vati für die Gäste. Aber das geht zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus. (lacht)

 

So gesprächig sind die Feiernden im Club oft durch Drogen wie MDMA und Kokain . . .

Birgit: Wenn die Leute zu zweit oder zu dritt in eine Kabine gehen, dann entweder, um sich zu vergnügen oder, um Drogen zu nehmen. Das wissen wir schon. Später erkenne ich das dann an den Augen.

Olaf: Aber die sind ja alle erwachsen. Die können schon damit umgehen und Probleme gibt es deswegen kaum. Gedealt wird bei uns auf dem Klo auch nicht. Zumindest bekommen wir das nicht mit. So viel Respekt herrscht immerhin noch.

 

"Einmal kamen zwei Mädchen aufs Männerklo, haben sich die Hosen runtergezogen und ins Pissoir gepinkelt."

 

Passiert es, dass Leute, nachdem sie was genommen haben, aggressiv werden oder plötzlich wegklappen?

Birgit: Einer hat vor meinen Augen mal seine Freundin geschlagen. Ich habe ihr gesagt, dass sie so einen Scheißkerl nicht nötig hat. Damit habe ich ein Pärchen auseinandergebracht. Oft passiert so was aber nicht.

Olaf: Es kippt auch kaum jemand um. Und wenn doch, dann reden wir mit den Leuten. Sollte das nichts bringen, holen wir die Türsteher. Anfassen dürfen wir niemanden. Ich habe aber mal am Bahnhof Zoo gearbeitet und da einen Drogentoten gefunden. Ein junger Mann mit einer Heroinüberdosis. Ich verstehe das nicht. Wahrscheinlich suchen diese Leute nach dem Kick.

 

Aber es gibt sicher auch lustige Geschichten, oder?

Birgit: Das stimmt. Einmal kamen zum Beispiel zwei Mädchen aufs Männerklo spaziert, haben sich die Hosen runtergezogen und ins Pissoir gepinkelt. Die ganzen Typen standen mit offenem Mund drum herum und ich habe mich nicht mehr eingekriegt vor Lachen.

 

Bekommt ihr auch manchmal Drogen angeboten?

Olaf: Mir hält immer mal wieder jemand einen Joint hin, aber das will ich nicht. Ich habe ein Mal in meinem Leben gekifft und das war’s. Mittlerweile habe ich sogar mit dem Rauchen aufgehört.

Birgit: Manchmal kommt einer und fragt „Willste wad?“ Aber ich lehne das immer ab. Unsere Stammgäste wissen das auch, aber manchmal kommen auch Leute rein, die sich nicht benehmen können. Ich sage zu unseren Türstehern immer, dass ich nur die Hälfte der Leute reinlassen würde. Ihr haltet an den Abenden aber ja genauso lange durch wie die Gäste.

 

Ist es da nicht verlockend, auch zu Hilfsmitteln zu greifen?

Olaf: Ach Quatsch. Mir reichen ein Kaffee und vielleicht noch ein Energydrink.

Birgit: Ich mache vorher ein Nickerchen, trinke meinen Kaffee und rauche meine Zigaretten. Mehr braucht es gar nicht.

 

Wie war das früher, als ihr noch selbst nachts durch die Berliner Clubs gezogen seid?

Olaf: In der DDR gab es keine Drogen, zumindest habe ich davon damals nichts mitbekommen. Damals haben wir ein paar Bierchen und einen Weinbrand getrunken und das hat gereicht. Wir waren auch nur von 21 bis 1 Uhr auf der Piste. Länger ging es damals gar nicht. Heute fängt es da erst an.

Birgit: Ich war früher fast jeden Tag unterwegs. Ich war richtig süchtig danach. Heute gehe ich noch manchmal ins Ballhaus Berlin. Aber wir sind ja eh immer auf der Arbeit im Club.

 

Und dann wird auch getanzt?

Birgit: Ich kann alles! Hip-Hop, Techno, Elektro. Mir macht das Spaß.

Olaf: Ich bin eigentlich eher ein Schlagerfreak.

 

Fühlt man sich irgendwann zu alt für den Job?

Birgit: Was heißt denn hier alt? Also hör mal! (beide lachen) Uns macht der Job Spaß und ich vermisse den Club manchmal richtig. Einmal bin ich, obwohl ich krank war und gerade aus dem Krankenhaus kam, immer mindestens 15 Minuten da gewesen. Sonst hätte was gefehlt. Der Club ist eben wie Familie.

 

 

Text: johann-voigt

  • teilen
  • schließen