"Dann züchte ich halt Rinder"

Junge Griechen verlassen in Strömen ihre Heimat. Doch auch wer bleibt, muss sich neu erfinden. Drei Wege durch die Krise.
lisa-bruessler

Mehr als 120 000 griechische Akademiker haben seit 2010 das Land verlassen. Nach Deutschland kamen 2012 und 2013 zusammen rund 76 000 Griechen. Sie gehen, weil sie zu Hause keine Chance für sich sehen: Mehr als jeder zweite junge Mensch unter 25 in Griechenland ist arbeitslos. Aber manche wollen nicht gehen. Sie suchen nach Wegen, wie sie auch zu Hause ein lebenswertes Leben führen können. Dabei geht es nicht nur um das Finanzielle, sondern auch darum, das Leben in der Krise erträglicher zu machen. Sich nicht unterkriegen zu lassen. Wir haben drei junge Griechen gefragt, wie sie das machen: warum sie geblieben sind, welche Wege sie gegangen sind und was sie dabei erreicht haben.

Vally arbeitet ehrenamtlich in einer Sozialklinik

„Es ist schwierig, meine Gefühle zu beschreiben, wenn ich die Sozialklinik verlasse. Manchmal bin ich so deprimiert, wenn ich sehe, dass manche Griechen nicht mal Geld für die günstigsten Medikamente haben. Auf der anderen Seite treffe ich Menschen, die nicht aufgeben, die immer bereit sind einander zu helfen. Diese Leute geben mir die Hoffnung, dass der Wandel aus uns selbst kommen wird.

Seit zweieinhalb Jahren arbeite ich im Athener Metropolitan Community Center (MCCH). Wir bieten dort kostenlose Erstversorgung für unversicherte, arbeitslose oder bedürftige Menschen an. Das MCCH funktioniert ausschließlich über ehrenamtliches Engagement und Spenden. Inzwischen arbeiten bei uns 200 Freiwillige.

Ich habe auch eine eigene Zahnarztpraxis in Chalkida, etwa eine Autostunde nördlich von Athen. Da bin ich aufgewachsen. Nach dem Studium bin ich 2007 wieder zurückgekehrt, um die Praxis meiner Mutter zu übernehmen.

Ich habe da viel über mein eigenes Leben und meine Träume nachgedacht und gemerkt: Ich will wissen, wie es ist, im Ausland zu leben. Also ging ich nach Großbritannien, machte einen Master in Implantologie und arbeitete in Preston und Manchester als Zahnärztin.

In England hätte ich tolle Karrieremöglichkeiten gehabt und hätte gut verdient. Aber ich wäre dann ein ökonomischer Flüchtling gewesen. Also ging ich zu meiner Familie und zu meinen Freunden zurück. Das war 2011, mitten in der Krise. Erst da verstand ich richtig, was Krise wirklich bedeutet. Deswegen wollte ich ab dem ersten Tag mithelfen, als im Sommer 2012 im MCHH die Zahnklinik eröffnet wurde. Das war nur möglich, weil ein Athener Zahnarzt in Pension gegangen war und seine Ausrüstung gespendet hatte. Die Patienten haben fast alle ihre Geschäfte oder Arbeitsplätze verloren, sind nicht mehr versichert und können sich die Medikamente nicht mehr leisten. Das sehe ich auch in meiner eigenen Praxis: Die meisten Leute haben kein Geld mehr für Zahnprothesen, weil es nicht mal mehr für ihre Miete, Lebensmittel und Strom reicht. Viele fragen selbst bei kleinen Behandlungen, ob sie die Kosten in Raten bezahlen können.

Ich bin ein paar Mal in der Woche im MCCH, immer wenn es mir meine eigene Praxis erlaubt. Wir alle glauben daran, dass wir die Konsequenzen der Sparpolitik durch diese Form von Solidarität ein bisschen auffangen können.“

>>> Antonis sah in der Fischerei keine Zukunft. Dann halt Rinder, dachte er sich.


Antonis wurde Rinderfarmer

„Mein Tag startet bei Sonnenaufgang mit der Fütterung der Tiere. Dann säubere ich die Ställe und das Gelände. Mittags ruhe ich mich etwas aus und fange dann wieder von vorne an. Im Frühling und Sommer hole ich Futter aus der Stadt und manchmal fahre ich auch ein paar Rinder zum Schlachthof.

Ich habe eigentlich Fischereiwissenschaft studiert. Aber als ich 2009 fertig wurde, begannen die Auswirkungen der Krise deutlich zu werden: Betriebe gingen pleite, die Leute verloren ihre Arbeitsplätze. Ich verabschiedete mich von dem Plan, in der Fischindustrie Arbeit zu finden. Ich begann mich nach Alternativen umzusehen, wo ich nicht von Kündigung oder Konkurs getroffen werden könnte. Und nach einer Arbeit mit Zukunft. Ich habe nie darüber nachgedacht, Griechenland zu verlassen. Nie! Ich wollte immer hier leben.

Mir ist dann aufgefallen, dass es hier in der Region kaum Rinderfarmen, sondern überwiegend Schweinezucht gibt. Das meiste Rindfleisch kommt von größeren Farmen in Nordgriechenland, lokale Produkte fehlen. Dabei eignet sich das Hochland hier sehr gut zur Rinderzucht. Ich dachte: Dann halt Rinder. Das ist übrigens gar nicht so schwer, ich konnte mir einiges über Fachliteratur selbst anlesen.

Deshalb habe ich 2010 meine Farm in den Bergen von Elatovrisi gegründet und konnte so zu Hause wohnen bleiben. Gründungszuschüsse vom Staat gab es nicht, aber mein Vater hilft im Betrieb mit, weil er wegen der Krise seinen Job als Bauarbeiter verloren hat. Ich möchte die Farm auf jeden Fall noch vergrößern und hoffe dafür auf Mittel aus einem europäischen Förderprogramm. Momentan habe ich 150 Tiere im Stall, Kühe und Rinder, die zwischen einem und 15 Monaten alt sind. Mit mehr Geld könnte ich einen zweiten Stall und meine eigene Fleischerei aufbauen – dann könnte ich mein Fleisch selbst verkaufen. Letztes Jahr habe ich nämlich meinen Abschluss an der Nationalen Schule für Metzger gemacht.
 
Wenn ich es mir nochmals aussuchen könnte, würde ich genau das wieder tun. Der Umstieg von Fischereizucht auf Rinderzucht war nicht so schwer wie gedacht. Klar ist es ein harter Job: Ich muss 365 Tage im Jahr hier sein, Urlaub ist nicht drin. Aber dafür kann ich selbst etwas produzieren. Und das Wichtigste für mich: Ich bin mein eigener Chef, mir kann nicht gekündigt werden. Seit ich angefangen habe, steigt mein Einkommen jedes Jahr und die Arbeit fällt mir leichter, weil es mir Spaß macht. Ich werde nicht reich, aber es reicht aus, um ein gutes Leben zu führen.“

>>> Konstantina hat keine Stelle als Lehrerin bekommen. Jetzt macht sie Theater



Konstantina baute ein Theater auf

„Meine Heimatstadt Nafpaktos ist mit 20 000 Einwohnern eine relativ kleine Stadt. Als ich nach meinem Studium in Thessaloniki dorthin zurückgekommen bin, weil ich keine Stelle als Grundschullehrerin gefunden habe, war ich total geschockt. Es ist so anders als in der Großstadt! Die Menschen erschienen mir so desinteressiert. Ich wollte ihnen sagen: „Wacht auf! Seid kreativ!“ Also habe ich mit sieben Freunden das „Youth Theatre of Nafpaktos“ aufgebaut. Ich hatte an der Uni schon Theaterkurse, da bot sich das an.

Wir wollen den Kindern und Jugendlichen hier etwas bieten, auch wenn die Eltern kein Geld haben. Jetzt ist das Projekt größer geworden als anfangs gedacht, weil noch mehr junge Menschen Alternativen suchen und sich einbringen wollen. Wir haben jetzt also auch ein Musik-Team, eine Mal- und eine Tanzgruppe und Umweltprojekte. Ein Kern von sechs Leuten organisiert alle Aktivitäten. Wenn jemand mitmachen will, ist er willkommen, und wenn er wieder aufhören will, kann er das auch jederzeit. Eine Frau, die eine Sprachschule in Nafpaktos hat, hat uns einen Raum überlassen, den wir nicht bezahlen müssen. Wir müssen uns nur drum kümmern. Die paar Euro, die das Projekt sonst noch kostet, zahlen wir aus der eigenen Tasche.
 
An eine Sache erinnere ich mich besonders gut: Letztes Jahr luden wir alle Migranten ein, die bei uns in der Stadt wohnen, und sie kochten traditionelle Gerichte, die wir im Zentrum mit allen Bürgern zusammen aßen – wie bei einem riesigen interkulturellen Essen. Sehr viele Leute waren neugierig, probierten und kamen miteinander ins Gespräch – solche Aktionen machen mich sehr zufrieden.
 
Aber es ist für mich auch okay, wenn sich gar nichts verändert durch unsere Or-
ganisation. Das war gar nicht mein Ziel, als ich angefangen habe. Ich musste einfach etwas für mich selbst tun und aktiv werden. Momentan arbeite ich ein paar Stunden
als Englischlehrerin an einer Grund-
schule, da verdiene ich aber nur ein paar Euro. Ich habe während meines Studiums überall in Griechenland nach Jobs gesucht und unzählige Bewerbungen geschrieben. Aber ich habe fast nie eine Antwort bekommen.

Ins Ausland möchte ich nicht. Aber wenn es woanders in Griechenland einen Job für mich gibt, dann bin ich weg. Das Projekt ist mir sehr ans Herz gewachsen, aber es würde auch ohne mich gut funktionieren.“

Text: lisa-bruessler - Fotos: privat; Illustrationen: Daniela Rudolf