Das Abschiedsgeschenk für Mehmet Scholl

Pop ist besser als Fußball – trotzdem werden die Hidden Cameras aus Kanada am Mittwoch vor einem ganz besonderen Spiel auftreten
jakob-schrenk

„Gay Church Rock“ – so wird die Musik der Hidden Cameras bezeichnet. Am Samstag ist die Band aus Kanada während des Christopher Street Days am Marienplatz aufgetreten. Am Mittwoch wird sie ein Kontrastprogramm erleben: FC Bayern Fußballer Mehmet Scholl, der einer der größten Fans ist, hat sie eingeladen, vor seinem Abschiedsspiel gegen den FC Barcelona in der ausverkauften Allianz-Arena zu spielen. Unterstützt werden die Hidden Cameras, die gerne mal mit 18 Musikern auftreten, von lokalen Bandgrößen wie Nova International oder den Moulinettes. Am Wochenende probten die Hidden Cameras im Backstage – Zeit für ein Interview mit Sänger und Mastermind Joel Gibb über die Zusammenhänge von Pop, Fußball, Politik und Striptease.

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Illustration: Julia Schubert

jetzt.muenchen: Seid ihr eigentlich größenwahnsinnig? Joel Gibb: Nein, glaube ich nicht. Warum denn? jetzt.muenchen: Weil ihr als Indie-Szene-Helden am Mittwoch in der Allianz Arena spielen werdet, vor 60 000 Zuschauern. Gibb: Das ist kein Größenwahn, das ist Rock’n’Roll. Ich habe ganz bestimmt keine Abneigung gegen riesige Konzerte. Diese Indie-Klischees interessieren mich nicht: Warum soll eine Band besonders gut sein, nur weil sie in verrauchten Kellern vor zehn nachdenklichen Zuschauern spielt? Ich bin nicht U2, aber mir gefällt die Idee, in einem Stadion aufzutreten. Wir haben ohnehin viele Erfahrungen mit ungewöhnlichen Orten. Wir haben auch schon in Pornokinos gespielt und in Kirchen. jetzt.muenchen: Die Hidden Cameras singen auch in Kirchen „Ban Marriage“ und setzen sich mit dem Problem auseinander, dass man als Schwuler vom vielen Bücken einen Buckel bekommen kann. Gibb: Die Gemeinden in Toronto, wo ich herkomme, haben damit anscheinend kein Problem. Ich kann jeder Band Kirchen als Auftrittsort wärmstens ans Herz legen. Die Bezahlung ist gut, man kann die Orgel benutzen, die Akustik ist hervorragend. Und außerdem gibt es noch diese besondere Atmosphäre, das ist sowohl für die Band als auch für das Publikum eine Abwechslung zum immergleichen Kellerclub. Das Setting ist überhaupt wichtiger, als viele glauben. Ein besonderer Raum ermöglicht besondere Erfahrungen. Deswegen bin ich ja auch so gespannt, was in der Allianz Arena passieren wird. „Ich bin überhaupt kein Wettkampf-Typ“ jetzt.muenchen: Wart Ihr denn schon einmal im Fußballstadion? Gibb: Nein. jetzt.muenchen: Kennt Ihr überhaupt Mehmet Scholl? Gibb: Man hat mir gesagt, wer er ist, aber gesehen habe ich ihn noch nicht. Aber es reicht ja auch, dass er uns gesehen und gehört hat. Anscheinend ist er ein großer Fan, das freut mich. Er hat uns eine Liste mit Lieblingsliedern geschickt, an die werden wir uns ganz genau halten. Und vielleicht lerne ich ihn ja nach dem Konzert kennen. Immerhin hat er ja einen ganz guten Musikgeschmack. jetzt.muenchen: Für Fußball scheinen Sie sich nicht zu interessieren. Gibb: Als ich noch ganz klein war, haben mich meine Eltern in ein Soccer-Team gesteckt. Aber mein erstes Spiel war auch mein letztes. Ich hatte keine Lust, die Gegenspieler zu foulen oder zu besiegen. Ich habe mich einfach ins Gras gesetzt und mit ihnen gequatscht. Ich bin überhaupt kein Wettkampf-Typ, ich will nicht konkurrieren, mich interessiert es eher, Leute zusammenzubringen. jetzt.muenchen: Aber darum geht es doch für die Fans auch im Fußball. Man kommt in Massen an einem Ort zusammen um nach Möglichkeit auszuflippen. Die Motive von Fußball- oder Popfans sind vielleicht gar nicht so unterschiedlich. Gibb: Kann sein. Ich bestehe aber darauf, dass Pop noch viel besser ist als Fußball. Im Stadion kann man vielleicht ein bisschen herumgröhlen und die Show betrachten, die die Jungs auf dem Rasen machen. Bei einem guten Konzert ist man aber selber Teil der Show, singt und tanzt. Ich will die Mauer zwischen Band und Publikum einreißen. Alle sollen ihren Spaß haben. Das ist übrigens gutes körperliches Training, viel besser als Sport, und außerdem wesentlich aktiver und exzessiver.

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Illustration: Julia Schubert

jetzt.muenchen: So exzessiv ist das Pop-Publikum aber oft nicht. Gibb: Das stimmt. Aber die Hidden Cameras sind ja auch eine Reaktion gegen dieses sonst übliche Indie-Ding: Da stehen die Leute traurig herum und nicken mit dem Kopf. Wir gehen auf der Bühne einfach mit gutem Beispiel und exzessivem Verhalten voran. Und am Mittwoch in der Allianz-Arena haben wir auch männliche Gogo-Tänzer dabei. Es fällt den Leuten vielleicht leichter, zu tanzen, wenn das auch vorne auf der Bühne jemand in Unterwäsche macht. Und wir haben natürlich nicht irgendwelche Gogo-Tänzer. Einer arbeitet in der Schweiz für die Vereinten Nationen, das ist eine optimale Qualifikation. Strippen für den Weltfrieden. „Eigentlich verhalten sich Fußballer ziemlich schwul“ jetzt.muenchen: Außer Gogo-Tänzern und einem Dutzend Instrumentalisten werden Sie am Mittwoch auch noch von einem Chor der besten Münchner Bands unterstützt. Das klingt eigentlich schon wieder etwas größenwahnsinnig. Gibb: So eine klassische Drei- oder Fünfmann-Band, das ist eben doch langweilig. Und bei vielen anderen Konzerten ist es doch schon egal, ob es Playback ist oder nicht, die Typen da vorne spielen ohnehin immer das Gleiche. Bei uns ist jedes Konzert anders, und das hat auch damit zu tun, dass wir so viele sind, dass die Besetzung ständig wechselt, weil in jedem Ort, an dem wir auftreten, Freunde von uns mit auf die Bühne kommen. Je mehr Leute wir sind, desto überraschendere Dinge können geschehen. Und darum geht es doch bei einem Konzert: Dass etwas passiert, mit dem man nicht rechnet. jetzt.muenchen: Das zeichnet ja auch ein gutes Fußballspiel aus, dieser eine, ganz besondere Moment, ein Dribbling oder ein Tor, das man nie wieder vergisst. Gibb: Das stimmt. Es geht im Pop immer darum, die Menschen zu bewegen, auf eine ganz direkte und körperliche Weise. Aber es geht natürlich nicht nur um Spaß. Wir sind nicht nur eine Party-Band. Wir haben auch traurige und politische Lieder. jetzt.muenchen: Pop und Politik – passt das überhaupt zusammen? Gibb: Ich glaube schon, dass Popmusik immer noch politisch ist. Man kann in Songs konkrete politische Aussagen verpacken, ohne allzu pädagogisch zu werden. Man kann auch, sowohl in den Texten als auch in der Performance, gesellschaftliche Konventionen angreifen. Ob das funktioniert, hängt auch vom Kontext ab. Wenn ich vor einem toleranten Indie-Publikum über das schwule Leben singe, ist das wahrscheinlich nicht besonders subversiv, die kennen das ja schon alles. jetzt-muenchen: In der Allianz-Arena am Mittwoch, vor dem Spiel der Bayern gegen Barcelona, wird das dagegen nicht der Fall sein. Gibb: Genau. Auch wenn sich Fußballer eigentlich ziemlich schwul verhalten und sich die ganze Zeit küssen und umarmen, scheint es sowohl bei Spielern als auch beim Publikum immer noch ziemlich viel Homophobie zu geben. Wir werden also am Mittwoch für einige Zuschauer eine ganz schöne Zumutung sein, das ist doch fantastisch. Fotos: Gunter Gravies

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