Das Doppelte Lottchen: CocoRosie erzählen das Märchen ihres Lebens

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Während des Gesprächs zeichnet Bianca Einhörner und sagt anfangs eher wenig, Sierra spricht leise und sanft und schaut ihre Schwester dabei immer wieder liebevoll an, streicht ihr übers Haar oder nimmt sich den Stift und zeichnet auch etwas auf Biancas Blatt.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Eure Biographie hört sich an wie eine dieser Geschichten über Zwillinge, die getrennt werden, sich nach Jahren zufällig wieder begegnen und von diesem Moment an unzertrennlich sind. Ist es ein bisschen so? Sierra: Auf eine gewisse Weise schon. In unserer Vorstellung lebten wir immer noch zusammen. Es war so, als ob wir gar nicht getrennt wären. Das war uns natürlich nicht bewusst, sondern es war mehr wie in einem Märchen. Aber deshalb hat sich gar nicht viel verändert, seit wir uns wieder gefunden haben. Es ist nur etwas sinnlicher. Standet ihr euch als Kinder sehr nahe? Sierra: Als wir klein waren, war es eher so, als ob die andere gar nicht existierte. Ich war ein sehr stilles Kind und habe kaum geredet. Bianca: Wir lebten in völlig verschiedenen Welten. Du hast dich geweigert zu sprechen und hast immer nur gesungen. Unsere Mutter wurde damit irgendwann nicht mehr fertig und deshalb wurde Sierra auf ein Internat geschickt. Ich war damals zwölf. In Märchen ist eines der Geschwister immer sorglos und lebenslustig ist, das andere pflichtbewusst und fleißig. Unterscheidet ihr euch sehr voneinander? Bianca: Als wir noch jünger waren, war es so. Ich war immer sehr gesellig und habe viel Unfug getrieben. Sierra dagegen unternahm lange, geheimnisvolle Spaziergänge und wir hatten keine Ahnung, was sie trieb. Mittlerweile teilen wir viele Interessen und verbringen viel Zeit miteinander. Sierra: Wir haben immer gespürt, dass wir sehr gegensätzlich sind. Bianca ist ernsthafter, ich bin emotionaler. Aber seit wir wieder zusammen sind, haben wir uns so viel ausgetauscht, dass wir jetzt eine Mischung von uns beiden sind. Wie seid ihr denn aufgewachsen? Bianca: Die meiste Zeit waren wir eigentlich „on the road“. Sierra: Unser Vater fuhr nachts und wir schliefen immer hinten im Wagen. Ich erinnere mich noch, wie ich eines Morgens im Auto aufgewacht bin und eine tote Maus auf meinem Kopfkissen gefunden habe. Das war teilweise ganz schön abenteuerlich. Bianca:Einmal ging uns das Benzin aus und unser Vater musste neues besorgen. Solche Sachen passierten ständig. Sierra: Das war auch noch im Death Valley! Im Sommer. Wir saßen zu acht hinten im Wagen, hatten nur wenig Wasser und unser Vater war weg. Ich kam mir vor wie die Sardinen in einer Büchse. Bianca: Unser Vater hat mit drei verschiedenen Frauen jeweils vier Kinder. Warum wart ihr denn immer unterwegs? Bianca: Unsere Eltern haben da beide ihre eigenen Ausreden. Unsere Mutter fühlt sich als Gipsy und hält es nicht lange an einem Ort aus. Unser Vater war ein totaler Naturmensch und beschäftigte sich mit der indianischen Kultur. Er war ziemlich verrückt und als Kind war das oft furchtbar. Heute kann ich diese seltsamen Erinnerungen schätzen, denn sie machen einen großen Teil von mir aus. Also Hippies? Bianca: Ja, total. Aber sie gehörten nicht zu den Hippies, die Drogen genommen haben. Sie gehörten eindeutig der „Zurück zur Natur“-Fraktion an. Wir wurden auch zu Hause geboren und wurden ins Baby-Yoga geschickt und lauter so Zeug. Unsere Mutter war Rudolf-Steiner-Anhängerin und Waldorf-Lehrerin. Sierra: Kein Fernsehen, kein Kunststoff, keine Markenklamotten, keine Werbung, keine Popstars, sondern nur natürliche Sachen waren erlaubt. Dinge, die die Phantasie anregen und fördern. Das war unserer Mutter sehr wichtig. Natur, Spiritualität, Phantasie – das waren die Leitlinien unsere Erziehung. Konnten sich eure Eltern bei so vielen Geschwistern denn überhaupt noch um euch kümmern? Gibt es da nicht ständig Eifersüchteleien? Sierra: Ich genoss das sogar, dass sich nicht ständig einer um mich kümmerte. Es war eine Art von Privatsphäre: Niemand nimmt wahr, was du machst. Du bist zwar von vielen Menschen umgeben, aber keiner interessiert sich für dich, weil jeder mit sich selbst beschäftigt ist. Bianca: Ich war schon als Kind wild entschlossen, mein Ding zu machen und durch diese Situation hatte ich alle Freiheit, die ich dafür brauchte. Ich musste nie zu einer bestimmten Uhrzeit zu Hause sein oder ins Bett oder solche Dinge, wegen der sich andere Kinder mit ihren Eltern streiten. Es gab Keine Regeln. So viele Brüder und Schwestern zu haben ist ganz schön außergewöhnlich. Wie hat euch das geprägt? Bianca: Ich glaube, dass wir dem einen Großteil unserer Individualität und unserer Kraft verdanken. Wenn man in einer so großen Familie aufwächst, muss man schnell eine eigene Identität finden. Ich habe deshalb schon mit neun Jahren zu schreiben begonnen. Dadurch konnte ich der Großfamilie entfliehen. Es gehörte ganz allen mir und ich musste es mit niemand teilen. Sierra: Bei mir war das definitiv das Singen. Ein Teil meiner Persönlichkeit wollte sich bemerkbar machen und das habe ich das übers Singen getan. Auf der nächsten Seite kannst du lesen, wie die Schwestern zu CocoRosie wurden


Welche Rolle spielte Musik bei euch Zuhause? Bianca: Gar keine. Unsere Eltern spielten weder ein Instrument noch hörten sie Musik. Nichts. Sierra: Sie waren nicht dagegen, aber sie sind als Kinder selbst ohne Musik aufgewachsen. Auch meine Großeltern spielen weder Instrumente noch haben sie eine Stereoanlage. Beiden Familienteilen fehlt es komplett an kultureller Bildung. Seltsam, findest du nicht, Bianca? Musik, Theater, Kunst, Philosophie – nichts.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Woher kam denn deine Begeisterung für die Oper? Sierra: Dass ich zur Oper kam, lag einfach an meiner Stimme. Sie war von Natur aus für die Oper geeignet und so bin ich aufs Konservatorium gekommen. Für mich war das wie eine Reise zu einem anderen Planeten, von dem noch niemand etwas gehört hat. Ich fühlte mich wie ein Alien oder ein Spion, der sich in eine andere Gesellschaft einschleicht. Aber seltsamer Weise hat es sich gleichzeitig angefühlt, als würde ich nach Hause kommen. Die Legende sagt, dass du, Bianca, einfach irgendwann vor Sierras Tür in Paris gestanden bist. Wie kam es dazu? Bianca: Ich habe das einfach ausgenutzt, dass Sierra eine Wohnung in Paris hatte, weil ich raus wollte. Eigentlich hatte ich vor, weiter zu ziehen, aber dann sind Sierra und ich wie in ein anderes Stadium weggefegt worden und ich habe meine Pläne einfach vergessen. Ihr habt früher nie gemeinsam Musik gemacht. Warum habt ihr nach eurem Wiedersehen plötzlich damit angefangen? Bianca: Das ist ganz instinktiv passiert. Ich habe eine poetische Welt mitgebracht und Sierra war im Singen verwurzelt, daraus hat sich sofort ein eigenes Universum entwickelt. Sierra hatte so viele Songs in sich, die nur darauf warteten, raus zu dürfen, und ich konnte die Sprache bereitstellen, um ihren Songs Leben einzuhauchen. Wir haben uns gegenseitig ergänzt und vollendet. Es war für uns beide, als ob eine Tür geöffnet würde, durch die wir endlich ins Freie konnten. Hattet ihr eine gemeinsame Vorstellung davon, wie eure Musik klingen soll? Sierra: Wir haben nicht darüber nachgedacht, sondern einfach damit angefangen. Wir haben auch nicht nach einem bestimmten Sound gesucht, sondern eher ein akustisches Magazin zusammengestellt. Bianca: Im Grunde haben wir der Tatsache, dass wir Musik machen, selbst zu diesem Zeitpunkt noch gar keine so große Aufmerksamkeit geschenkt. Das Erzählerische war uns wichtig. In den letzten Jahren sind rund um euch eine Reihe von Musikern bekannt geworden, mit denen ihr auch zusammen spielt und die man unter dem Label „New Folk“ oder „New Weird America“ zusammenfasst: Devendra Banhart, Antony oder Joanna Newsom zum Beispiel. Seid ihr das? Sierra: Es ist immer schwierig, wenn man in bestimmte Kategorien gesteckt wird. Wir haben uns erst neulich getroffen und auch darüber geredet, ob wir eine „Szene“ sind. Dabei haben wir festgestellt, dass wir das vielleicht wirklich sind, aber weniger im musikalischen Sinn, sondern spirituell. Vielleicht verbindet uns das gleiche Karma. Wir fühlen uns spirituell verbunden. Schon als wir uns das erste Mal getroffen haben, spürten wir, dass unsere Beziehung eigentlich viel älter ist. Mehr wie eine Familie. Was bedeutet Familie für euch? Bianca: Wir haben mit Familie nicht so viel am Hut, aber natürlich teilen wir mit unseren Brüdern und Schwestern eine bestimmte Vergangenheit, die sonst niemand hat. Das verbindet uns. Aber auch jemandem wie Antony fühlen wir uns sehr verbunden. Er ist wie ein Familienmitglied. Sierra: Das Gefühl, dass man keine Erklärungen braucht, um zu beschreiben, wie man ist und keine Worte, um sich verständlich zu machen. Wie bei kleinen Kindern. Fotos: Kai Regan, Touch and Go

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