Juni 2007, der Fernando Express, eine deutsche Schlagerband, feiert 25-jähriges Bestehen. Es herrscht Sahne-Stimmung, Schlagerstimmung, 2 000 Fans sind gekommen, um im baden-württembergischen Zaberfeld zu feiern; es gibt Weißbier satt und die Lokalzeitung wird später schreiben, dass „das Tanzbein geschwungen“ wurde. Ein Hit folgt dem anderen und dann kommt „Santo Domingo, die Sterne und du“. Die Band spielt es dreimal und der „Schwof“ scheint zu stimmen – flockige Sehnsuchtslyrik, harmlos, sommrig, Tobias bekommt Gänsehaut beim Zuhören, er versteht mit dem Blick auf die vollkehlig singenden Menschen, was Glück ist. Weil er den Text geschrieben hat. Santo Domingo - die Sterne und du. So eine Nacht kennt keine Sorgen und darum frag ich nicht nach morgen. Santo Domingo - mein Herz lacht dir zu. So viele Wünsche sind verborgen und Leben bist du. Das Handwerk hinter diesen Zeilen heißt „Textdichten“; etwa 150 Menschen in Deutschland verdienen ihr täglich Brot oder einen Teil davon, indem sie Verse und Strophen und Refrains verfassen, die Interpreten wie DJ Ötzi, Andrea Berg oder Patrick Lindner zum Besten geben. Tobias Reitz – 28 Jahre und schon ein Leben voller Schlager – ist das Küken unter den deutschen Textdichtern, er ist der dringend benötigte Nachwuchs einer ganzen Branche. Eine Hälfte seines Arbeitstages verbringt er in der Online-Redaktion eines Plattenlabels, die andere Hälfte des Tages schreibt er und arbeitet daran, irgendwann von morgens bis abends Lieder texten zu dürfen. Es sieht ganz gut aus: Neulich besuchte der berühmte Schlagerkomponist Ralph Siegel („Ein bisschen Frieden“) den berühmten Schlagerkomponisten Jean Frankfurter („Über jedes Bacherl geht a Brückerl“) und entdeckte auf dem Klavier seines Gastgebers ein DIN A4 Blatt, auf dem in Schriftart Comic Sans MS ein Text stand – Tobias verschickt all seine Texte in Comic Sans MS. „Das kann nur von Tobias Reitz sein“, sagte Ralph Siegel. Skifahren oder Andrea Jürgens? Tobias sitzt in einem Café in Düsseldorf und wirkt sanft, fast weich – die Stimme, der Händedruck. Er hat Germanistik und Medienwissenschaften studiert und schreibt über Sehnsucht und Santo Domingo. Warum? „Weil Leute, die ein subjektiv schweres Leben haben, von mir keine zusätzliche Wirklichkeit brauchen.“

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Tobias. Seine Wirklichkeit beginnt in Nieder-Ohmen, Gemeinde Mücke, Bundesland Hessen. Papa Reitz ist Verkäufer, die Mama ist Krankenschwester, beide lieben Schlagersendungen und einer der beiden Söhne sieht im Alter von sechs Jahren an den Einblendungen beim Grand Prix Eurovision de la Chanson, dass Lieder einen Komponisten und einen Texter haben. Tobias sieht, dass Schlager scheinbar „gemacht“ werden und etwas entflammt in ihm. Die folgenden Jahre liest er sich durch die Angaben auf den Schlagerplattenhüllen seiner Eltern. „Die Kleingedruckten wurden meine Helden“, sagt er. Als er acht ist, nimmt ihn die Mutter zum Einkauf mit nach Gießen und kann ihn ruhigen Gewissens zur Kinderbetreuung im Kaufhaus abgeben – Tobias fühlt sich in der Plattenabteilung sehr wohl. Er war ein Exot. „Ich war die Pest“, sagt Tobias. Kurz vor der Konfirmation zum Beispiel hat der Vater genug von den Aktivitäten seines Sohnes. Er fürchtet, dass der vor lauter Schlager die Schule schleifen lässt. Als Tobias von der Absicht berichtet, die Sängerin Andrea Jürgens nach einem Rundfunk-Interview in Frankfurt für ein Autogramm abfangen zu wollen, wird der Vater wütend. Er stellt den Sohn vor die Wahl: Wenn er nach Frankfurt fährt, darf er nicht mit zum Skifahren nach Norditalien. Tobias fährt unheimlich gern Ski – aber er bleibt Zuhause und fährt mit einem befreundeten Ehepaar der Eltern nach Frankfurt. Jahre später, als Tobias die Geschichte gegenüber Andrea Jürgens zum Besten gibt, ihr sogar seine frühe Liebe gesteht, sagt die nur eines: „Du warst ja bekloppt.“

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Die Interpreten sagen danke. Eine Zeitlang hat Tobias unter dieser Beklopptheit gelitten. Ein Achtklässer, der mit den Flippers im Walkman über den Pausenhof läuft („Mandolinen einer Sommernacht“), handelt sich nicht immer nur die Sympathien der Altersgenossen ein. Tobias spricht von Mobbing und „Flipper“ war bisweilen noch der nette unter den Namen, die ihm nachgerufen wurden. Schlagerliebe plus Pubertät führt zu einem schwierigen Ergebnis. „Die Jungs konnten damit nichts anfangen“, sagt Tobias. Vor einem Geburtstag fragen ihn Freunde, ob er einen Wunsch habe. Ja, sagt Tobias: die neue Platte der Flippers! Aber er bekommt nur einen Gutschein und die Freunde gestehen, dass sie sich nicht trauten – dass sie sich blöd dabei vorkommen würden, eine Flippers-Platte zu bezahlen. Die Kollegin ist 82 Jahre alt Es ist eine seltsame Sache mit dem Schlager. Ganz ernst wird er nie genommen aber erfolgreich ist er doch. Im Jahr 2007 rieben sich viele die Augen, als gemeldet wurde, das Best-of-Album der Schlagersängerin Andrea Berg habe es 320 Wochen in den Top 100 der Album Charts ausgehalten – eine derart lange Zeit hatten nicht einmal die Beatles dort verbracht. Eine Frau von 42 Jahren, die jahrelang, trotz Millionen verkaufter Alben nicht so richtig in den Medien aufgetaucht ist. Das hat einerseits mit der Scheuheit von Andrea Berg zu tun, andererseits ist es symptomatisch. Schlager ist für Musikfirmen wie „Ariola“ nach wie vor ein tüchtiger Geldbringer, nur spielt er, vermutlich auch ob seiner Seichtheit, in den Feuilletons keine Rolle und bei Deutschland sucht den Superstar wird er auch nicht gesungen. Und doch funktioniert er. Neben Skipisten, in Bierzelten, in Mehrzweckhallen, in den Schlagersendungen der Dritten Fernsehprogramme – Andrea-Berg-Konzerte sind in nicht mal zwei Tagen ausverkauft.


Tobias hat für sie geschrieben, er hat schon für viele geschrieben, 400 Texte sind bislang entstanden und 80 davon veröffentlicht. Mit Anfang 20 ergattert Tobias ein Stipendium der GEMA-Stiftung für Textdichter und besucht die „Celler Schule“, an der das Liedtexten gelehrt wird. Eine Lehre: Schlagertexte müssen berührend sein. Und einfach.

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Ein Liedtext, der ins Niederländische übersetzt werden soll. „Das Einfache ist das Schwierige“, sagt Tobias, jetzt in seiner Wohnung, greift CDs aus seinem Regal und spielt sie. Erst ein verkopftes Lied, in dessen Verlauf sich an einer entscheidenden Stelle ein Tor, ein Gefühl, ein Bild eröffnen müsste. „Stattdessen“, sagt Tobias und lauscht, „wird es leider interessant“. Und interessant, das ist kein gutes Urteil über einen Schlager. Dann legt er „Mitten im Paradies“ von Helene Fischer ein. Text und Melodie tasten sich gemeinsam zu einer Art Gefühlsgipfel, der da heißt: „Mitten im Paradies“. Eine Formulierung zum Grölen, zum Herausschreien. Eine Stelle mit „schlagerspezifischen Glücksgefühlen“, wie es Tobias nennt. Für das aktuelle Album von Helene Fischer, die mit ihren 23 Jahren in der Schlager-Ecke gerade das wird, was Tokio Hotel für die Bravo-Ecke schon ist, hat Tobias vier Texte geschrieben. Das ist ein Ding, das ist von der Bedeutung her wie "Santo Domingo" oder noch mehr. Die anderen Texte auf dem Helene Fischer-Album schrieb Irma Holder, eine Art Grundmauer des deutschen Textdichterhauses. Sie schrieb für Howard Carpendale, Roy Black, die Kastelruther Spatzen. Irma Holder ist 82 Jahre alt. Santo Domingo, die Sterne und du. In seiner Abschlussarbeit an der Uni schreibt Tobias über „Lebensbejahung bei Rainer Maria Rilke“ und Rilke scheint ihm irgendwie geholfen zu haben. Im Leben und beim Schreiben für seine Texte. „Bejahen heißt bei ihm: Annehmen, was das Leben bietet. Auch das Problematische.“ Vielleicht wäre Rilke ohnehin, zumindest in Teilen, ein guter Schutzheiliger für Schlagerschaffende, für Tobias zumal. „Für ihn musste ein Gedicht aus einer Notwendigkeit heraus entstehen: Wenn man aufsteht und an ein Gedicht denken muss – so geht es mir mit dem Textdichten.“ Aus wenigen Begriffen fabulierlustig eine Welt bauen. „Klar ist der Wortschatz gering“, sagt Tobias und meint Liebe, Sonne, Meer und Sehnsucht, Sommerwind. „Aber das Wort antiseptisch zum Beispiel geht vielleicht im Kabarett – im Schlager verwendest du das nur einmal.“ Eine Zeitlang lebte Tobias zur Untermiete bei einem Piloten. „Warst du eigentlich schon mal in Santo Domingo?“, fragte der. „Nein“, sagte Tobias. „Ein Drecksloch“, sagte der Pilot. Tobias hat es der Sängerin des Fernando Express erzählt. Seitdem muss sie immer lächeln, wenn sie das Lied singt.

Text: peter-wagner - Fotos: Dominik Asbach