"Das Gefühl, die Welt hätte einen vergessen"

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Jasmin studierte Medienwissenschaften und lebt seit einem Jahr in Ramallah, wo sie mit der Jugendorganisation Pyalara (Palestinian Youth Association for Leadership and Rights Activation) eine wöchentliche TV-Diskussionssendung für Jugendliche sowie die Zeitung "The Youth Times" produziert, die man im Westjordanland , im Gazastreifen und auf pyalara.org lesen kann. jetzt.de: Du kommst gerade von einer Demo, oder? Jasmin Srouji: Ja, seitdem der Krieg begonnen hat, wird in Ramallah fast jeden Tag gegen die israelischen Angriffe protestiert. Es ist nur ein paar Monaten her, da standen die Palästinenser noch vor einem Bürgerkrieg und jetzt seid ihr wieder solidarisch miteinander? Natürlich haben die Fatah im Westjordanland, wo ich lebe, und die Hamas im Gazastreifen komplett unterschiedliche politische Vorstellungen davon, wie der Staat Palästina ─ der hoffentlich irgendwann existiert ─ aussehen soll. Aber jeder im Westjordanland kennt jemanden aus Gaza. Meine Organisation Pyalara hat zum Beispiel fünf feste Mitarbeiter dort, mit denen wir alle paar Tage eine Videokonferenz hatten – bis Israel ihnen jetzt den Strom abstellte. Und wenn ich dann höre, dass drei von ihnen aus ihren Häusern raus mussten und in einer Schule campieren, fühl ich natürlich mit. Wir leiden auf beiden Seiten unter der Besatzung Israels. Aber ihr feuert nicht täglich 50 Kassam-Raketen auf Israel. Die Hamas hat den seit Juni herrschenden Waffenstillstand nicht einen Tag eingehalten. Kannst du es nicht nachvollziehen, dass einem da irgendwann der Kragen platzt? Jeder weiß, dass Israel militärisch überlegen ist. Strategisch gesehen, scheint es für Israel von Bedeutung zu sein, einmarschieren zu können, ohne dass die Weltgemeinschaft ihnen Einhalt gebietet. Insofern hat der Raketenbeschuss seine Funktion. Es ist bekannt, dass die Israelis ein Raketenabwehrsystem haben. Wenn sie wollten, könnten sie die Raketen abfangen und noch in der Luft sprengen. Es gibt auf jeden Fall andere, bessere Möglichkeiten, um die Hamas zu stoppen. Die Leute in deinem Alter haben beide Intifadas 1987 und 2000 miterlebt. Was bedeutet es, latent immer einen Krieg vor Augen zu haben? Es nimmt einem ein Stück Leben weg. Glücklichsein, Arbeiten, sich Verlieben, diese alltäglichen Dinge, kommen einfach nicht in Frage. Die Menschen planen hier ihr Leben von einer Minute zur anderen. Nicht wie bei uns Jahre im Voraus. Vor allem die Leute in Gaza fühlen sich durch die Mauer total isoliert. Man hat das Gefühl, die Welt hat einen vergessen.

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Illustration: Julia Schubert

Jasmin Hat man da überhaupt noch einen Nerv für Dinge, die „normale“ Jugendliche machen - Uni? Job? Weggehen? Seit dem 27. Dezember hat keiner meiner Freunde mehr richtig gelacht, und das tut mir weh. So etwas kann ein Volk zerstören. Wenn in Deutschland irgendetwas passiert und ein Kind stirbt, redet man schon darüber, ob die Familie sich je von dem Verlust erholt, ob man so etwas verarbeiten kann. Hier gibt es hunderte Familien, aus denen jemand herausgerissen wurde. Unzählige zerstörte Biographien. Das ist einfach belastend. Seid ihr ein traumatisiertes Volk? Die Leute haben Angst. Und diese Dauerangst ist etwas, was die Seele tief verletzt. Es gab hier noch nie Frieden. Immer wieder werden einfach so Menschen gefangen genommen, aber da redet niemand drüber. Dass israelische Soldaten einfach mal so in die Uni einfallen und irgendwelche Leute festnehmen, weil sie glauben, die würden zu einer terroristischen Gruppe gehören. So wird Hass geschürt. Hass, aus dem potenziell Terroristen werden? Die sind ja nicht doof hier. Die Leute sind gebildet und man glaubt an die Demokratie. Aber obwohl das Westjordanland ein autonomes Gebiet ist, werden die meisten Gesetze von Israel bestimmt und aufgezwungen. Niemand glaubt so richtig daran, dass es in absehbarer Zeit einen Staat Palästina geben wird, mit Demokratie und einer Rechtsordnung. Die meisten Jugendlichen denken, dass Politik nichts bringt und resignieren. Aber sind sie dann nicht Mitschuld daran, dass nichts voran geht? Es gibt so viele Dinge, die in Deutschland selbstverständlich sind und hier durch die Besatzer ein Riesenproblem. Zum Beispiel? Die kleinsten Dinge. Aus Deutschland bin ich es gewohnt, überall hin zu können. Hier ist es schon schwierig, von einer Stadt in die andere zu kommen. Eigentlich braucht man von Ramallah bis Jenin eine Stunde, durch die Checkpoints dauert es aber vier bis fünf. Und dann wird man durchsucht und ausgefragt. Man kann sich einfach nicht frei bewegen. Es ist wie ein Gefängnis. Die meisten Soldaten, die an den Checkpoints stehen, sind keine 20, gerade so aus der Schule. Kann man mit denen nicht reden? Sie schauen dich nicht an. Ein Blick auf deinen Ausweis und wenn sie der Meinung sind, irgendwas sei nicht in Ordnung, gibt es keine Diskussion. Und Streit mit Jemandem, der dir ein Maschinengewehr ins Gesicht hält? Das schnürt dir die Kehle zu, wenn du wie ein Mensch zweiter Klasse behandelt wirst. Die Palästinenser müssen in diesem Gefängnis leben, aber du nicht. Was denken Deine Freunde darüber, dass du in Ramallah bleibst, obwohl du nach Deutschland zurück könntest? Meine Freunde wissen, dass ich die Möglichkeit habe, mich für Palästina einzusetzen und dies auch tue. Gerade aufgrund der vertrackten Situation, müssen Wege gesucht und gefunden werden, um etwas Neues aufzubauen, auch wenn einem Israel Steine in den Weg legt. Deswegen brauchen wir neue Kräfte, die nicht in interne Kämpfe verstrickt sind. Klar gibt es Leute, die einfach nur raus wollen, die sagen, das Leben hier hat doch überhaupt keinen Sinn. Aber die meisten Palästinenser lieben ihr Land und ich tu’s auch. Und ich glaube, es macht manchen auch Mut, wenn sie sehen, dass man hier bleibt.

Text: rebecca-lucke - Foto: privat

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