Das Gesprächsroulette

Vergangene Woche lud die jetzt.de-Redaktion ihre Leser gemeinsam mit Vertretern der Münchner Subkultur zum Stadtgespräch ins Cafe Kosmos. Protokoll eines Experiments.
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17.01 Uhr Eine Stunde, in der nichts passiert, kann sehr lange dauern. Vielleicht ist das Wetter zu gut, denken wir während wir auf den ersten Gast warten. Zweifel kommen auf. Haben wir die Experimentierfreude unserer Leser überschätzt? Andererseits: Wer geht bei strahlendem Sonnenschein nachmittags in eine Bar? Dann betritt Susanna von den Guerilla-Gärtnern den Raum. Wir bestellen Apfelschorle.

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Illustration: Julia Schubert
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jetzt.de: Susanna, wo kommst du gerade her? Susanna: Aus der Arbeit. Arbeit heißt aber in diesem Fall nicht Guerillagärtnern, oder? Susanna: Jein. Hauptberuflich arbeite ich für eine städtische Umweltorganisation. Über meine Arbeit dort bin ich zum Guerillagärtnern gekommen. Wie ging das? Susanna: Vor eineinhalb Jahren kamen zwei Berliner Guerilla-Gärtnerinnen zu uns. Sie wollten das wilde Gärtnern nach München bringen und erhofften sich unsere Unterstützung. Natürlich ging das nicht - wir sind eine offizielle Organisation und Guerillagärtnern ist verboten. Ich hatte trotzdem Interesse und beteilige mich nun privat. Ich habe euch übrigens etwas mitgebracht! 18.06 Uhr Sie stellt eine kleine Eierschachtel auf den Tisch. Darin liegen vier braune Bällchen, die später immer wieder für Aufsehen sorgen: Der eine hält sie für versteinerte Hackbällchen, der andere für Vogelfutter. Was ist das da in der Schachtel? Susanna: Das sind Samenbomben, kleine Keimlinge in Lehm gehüllt. Man kann sie einfach vom Fahrrad werfen. Trifft eine Kugel auf fruchtbaren Boden, wächst eine Pflanze. Wie läuft das, wenn Guerilla-Gärtner aktiv werden - tagsüber geht das wahrscheinlich gar nicht, oder? Susanna: Wir machen es nachts. Spannend ist, dass das Interesse ständig wächst. Irgendwie scheinen wir jungen Menschen von heute ein größeres Bewusstsein für die Natur zu entwickeln. Sie geht kaputt und wir wissen nicht einmal, wie man eine Gurke anpflanzt. Das fühlt sich falsch an. Wir wollen dagegen angehen. Habt ihr viel Ärger mit der Münchner Polizei? Susanna: Wenig! Sie dulden uns, weil wir nichts zerstören. Wir machen uns nur über Brachflächen her. Wenn sie uns wirklich mal erwischen, haben wir schnell eine Ausrede parat. Wir sagen meist, das Pflanzen sei Teil einer Schnitzeljagd, oder bloß ein WG-Party Scherz. Die Beamten wollen dann wissen, was wir pflanzen – doch bei den paar Tulpen oder Narzissen konnte uns bisher nie jemand böse sein. Welche Absicht steckt hinter dem Guerillagärtnern – macht ihr das für euch, für die Stadt, oder wollt ihr die Allgemeinheit erziehen? Susanna: Hauptsächlich für uns selbst. Leute aus dem Bahnhofsviertel oder dem Westend haben ja nicht einmal einen Balkon, geschweige denn einen Hinterhof. Die wollen raus, buddeln und pflanzen. Natürlich gibt es aber auch eine politische Forderung hinter unserem Tun: Freie Beteiligung im öffentlichen Raum. Wieso heißt es „öffentlicher Raum“, wenn ich, die Öffentlichkeit, mich nicht einbringen darf? Wir wollen alle in einer grünen Stadt leben! 19.08 Uhr Pollyester kommt ins Wohnzimmer. Sie ist der weibliche Teil des Münchner Partyveranstaltungs-Kollektivs ZomboCombo.

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Polly, wo kommst du gerade her? Polly: Von Zuhause, von der Babyübergabe. Ich ging, mein Mann kam. Bist du ursprünglich Münchnerin? Polly: Nein. Ich komme aus Weißrussland. Mit elf Jahren bin ich nach München gekommen. Mit meiner Mutter und meinem damals zukünftigen Stiefvater. Der Plan meiner Eltern war es, eine Konzertpianistin aus mir zu machen. In Weißrussland war ich auch auf einer Eliteschule, wo es nur Musikfächer gab. Hast du nie dagegen rebelliert? Polly: Doch. Ich habe das Studium abgebrochen. Haben das deine Eltern akzeptiert? Polly: Mittlerweile, ja. Die Eltern wollen eben immer, dass du reich, reich, reich wirst! Einem selbst genügt es vielleicht schon, vor einem kleinen Publikum Erfolg zu haben. Aber sie sagen: „Du musst doch vor Tausende, raus in die Welt“. Sie lieben einen. Aber auch aus einem kleinen Projekt kann mit der Zeit etwas Größeres werden, wenn man beständig vor sich hin tüftelt. So war das bei mir. Und dann denkt man: Vielleicht ist Geduld auch etwas wert, es muss nicht immer schnell gehen mit der Karriere. Susanna: So ist das bei mir auch! Ich habe das Gefühl, meine Eltern verstehen heute noch nicht, für was ich mich eigentlich einsetze. 19:18 Uhr. Der erste User aus der jetzt.de-Community wagt den Schritt aus der digitalen Welt in das analoge Café Kosmos. „bernweich“, wie er sich auf jetzt.de nennt, setzt sich zu uns und stellt sich vor. Susanna verabschiedet sich. Auf den nächsten Seiten: Pollyester erzählt eine München-Berlin-Geschichte zum Fremdschämen, die nächsten Gäste kommen und was bitteschön ist ein "User"?


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Polly: Was ist ein User? jetzt.de: Einer, der innerhalb einer Internetplattform als angemeldetet Nutzer aktiv ist. Zum Beispiel bei jetzt.de. Polly: Also ein Internetsüchtiger! Alle so: Naja, nicht ganz, als Facebook-Nutzer sei man ja auch nicht gleich ein Internetsüchtiger. Und bei jetzt.de könne man zum Beispiel eigene Texte schreiben und mit anderen Nutzern über politische und gesellschaftliche Themen diskutieren. Polly, bist du glücklich in München? Polly: Ja. Seitdem ich für die Musik so viel reise, wieder umso mehr. Es gab Zeiten, in denen tat ich mich schwer mit der Beschaulichkeit der Münchner Szene. Stand ich drei Mal die Woche hier auf der Bühne, dachte ich: „Was wollt ihr noch von mir? Ich habe euch doch schon alles gegeben!“ Das hat mich gehemmt. In anderen Städten – mei, nehmen wir halt mal wieder Berlin – ist das besser. Da ist die Szene größer und vielfältiger. Trotzdem: Ich würde da nie leben wollen. Warum? Polly: München ist meine Heimat. Blank und unbekannt lag die Stadt vor mir, als ich damals aus Weißrussland her kam. Ich habe ich mich mit Haut und Haaren in sie hineinverpflanzt. Ich mag ihre Größe und wie sie gebaut ist, auch wenn sie viel zu teuer ist. Ich habe selbst acht Jahre lang neben der Musik einen Behinderten gepflegt, um mich zu finanzieren. So geht es all meinen Freunden aus der kreativen Szene: Viele von ihnen sind Pizzabäcker. Jeder eignet sich eine andere banale Fähigkeit an, um seine Leidenschaft in dieser Stadt leben zu können. Was entgegnest du, wenn dir ein Bekannter mit dem klassischen „München? Wie hältst du es da denn aus?“- Spruch begegnet? Polly: Das passiert selten. Meine Freunde würden das nie sagen und Bekannte aus den Szenen anderer deutscher Städte wissen, wie fruchtbar München für Künstler sein kann. Man muss nur die richtigen Orte kennen. Wir haben eine sehr familiäre und vernetzte Szene und sind Fremden gegenüber sehr aufgeschlossen. Wir haben kein Problem mit anderen Städten. Die anderen haben eines mit uns. Ich hätte da auch eine Berlin-Anekdote parat. Wie geht die? Polly: Wir sind als ZomboCombo auf einer Berliner Party zu Gast gewesen. Dort begegneten wir einer Frau, die sagte „Ach, ihr seid aus München? Dann seid ihr bestimmt mit dem Taxi gekommen und habt euch auch noch ein paar Nutten mitgenommen, oder?“ Es stellte sich heraus: Sie war ursprünglich auch Münchnerin. Aber sie hatte schon ein totales Berlin-Ego entwickelt, war vermeintlich an ihrem persönlichen Olymp der Coolness angekommen. Und wir, die „Gäste“, sollten jetzt mal daran schnuppern. Das Gute war: So etwas verletzt einen ja nicht, auch wenn es das soll. Aber begegnet einem dieses Klischee nicht so oft, dass man denkt: Irgendetwas Wahres muss daran sein? Polly: Natürlich ist in Berlin mehr los! Aber für mich bedeutet München eben Halt und Heimat. Ich würde niemals wegen einer Stadt umziehen. Ich brauche meine Freunde. Außerdem ist die Münchner Szene authentischer. In Berlin vermischen sich zu viele Macher mit zu vielen Fans, zum Schluss weiß man nicht mehr, wer wirklich etwas reißen möchte. Da verliert man sich ja meist schon auf der Suche nach potenten Partnern. Das ist in München anders. 19.48 Uhr Polly verabschiedet sich. Zwei jetzt.de-Redakteure und neue Besucher treffen ein. Es herrscht Gewusel rund um die zusammengestellten Tische, die Schorlegläser verschwinden und die Biergläser mehren sich. Auch ein merkwürdiges Getränk aus Whiskey und Lavendel macht die Runde. jetzt.de-Leser „bernweich“ hat es sich als Erster vom Barkeeper aufschwätzen lassen. Mal interessiert, mal skeptisch blicken im Gang stehende Leute um die Ecke und tuscheln. Die Aufnahmegeräte auf unserem Tisch ziehen einige Schaulustige an. Als nächstes müsste Miriam Schaaf, die Modedesignerin kommen. Durch die Glasfront des Café Kosmos kann man schon von weitem Leute auf das Café zulaufen sehen. Die blonde Frau mit der riesigen Ledertasche, ist sie das?

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20.31 Uhr Ganz plötzlich steht Miriam Schaaf an unserem Tisch. Sie hat die Lippen rot geschminkt, ist aber ansonsten in unauffälligem Schwarz unterwegs. Woher kommst du gerade? Miriam: Aus meinem neuen Atelier in der Landsberger Straße. Ich habe den ganzen Tag handwerklich gearbeitet und dabei die Zeit ein bisschen vergessen. Wie läuft es bei dir? Miriam: Ich schneidere gerade an Bühnenkostümen für die Band Amos. Am 26. August starten die ihre Tour und bis dahin müssen sie fertig sein. Ansonsten entwerfe ich gerade eine Jacke eigens für den Harvest, einen Klamottenladen in der Zieblandstraße. Und im September kommt die neue Kollektion. Ich habe mich endgültig dazu entschlossen, das mit meinem eigenen Label durchzuziehen. Ich will selbstständig sein. Kannst du schon von deiner Mode leben? Miriam: Nein, so richtig im Verkaufsgeschäft bin ich noch nicht. Ich habe einen Nebenjob und bekomme glücklicherweise auch noch etwas Unterstützung meiner Eltern. Zweifelst du manchmal daran, ob du das Richtige tust? Miriam: Nein, ich kann mir keinen schöneren Beruf vorstellen. Ich will und kann nicht anders. Das hat sich bei mir eingebrannt: Ich muss Klamotten machen! Was hast du denn eigentlich für einen Nebenjob? Miriam: Ich arbeite im Haus der Kunst als Museumsaufseherin. Es ist eine merkwürdige Tätigkeit. Das findet jeder. Die Besucher mustern mich immer wieder, mal befremdet, mal neugierig. Als Wächter hat man natürlich auch keinen sehr sympathischen Posten. Während meiner Amtszeit ist aber noch nie etwas vorgefallen. Bei Münchner Jungdesignern denkt man in der Regel an drei Leute: Ayzit Bostan, Patrick Mohr und Miriam Schaaf. Kennt ihr euch? Miriam: Lustigerweise: Nein! Ich habe mich mal versucht, mit Patrick zu unterhalten, aber er schien kein Interesse daran zu haben. Und Ayzit bin ich einfach noch nie über den Weg gelaufen. Ich finde ihre Sachen toll und würde sie gerne einmal treffen. Kannst du eigentlich erklären, was es mit dieser angeblich geplanten „Munich Fashion Week“ auf sich hat? Miriam: Nein. Ich betrachte die Sache auch sehr skeptisch. München ist dem Thema Mode gegenüber noch viel zu verschlossen. Deutschland sollte erst mal sehen, dass die „Berlin Fashion Week“ läuft, bevor man woanders auch noch eine aufbaut. Das wäre albern. Soweit ich weiß, wurden diese Münchner Modewoche aber ohnehin gerade abgesagt oder verschoben. 21.04 Uhr Bernd Hofmann betritt den Raum. Wir rutschen zusammen und als Bernd zu reden beginnt, wird es stiller in der Runde. Er hat eine kräftige Stimme, alle hören zu, wenn er etwas sagt. Es entsteht zum ersten Mal an diesem Abend eine intensive Diskussion. Aug der nächsten Seite: der unvermeidlich Berlin-München-Streit und ein Überraschungsbesuch.


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Miriam: Bernd, was machst du so? Bernd: Ich bin jemand, der immer schon ein Plattenlabel machen wollte. Aus der Idee ist Wirklichkeit geworden, das Label heißt heute Red Can Records. Weil mir die Covergestaltung der Platten von Anfang an sehr am Herzen lag, habe ich begonnen, sie selbst zu drucken. Mit Siebdruck. Dazu kamen Plakate und schließlich hat sich herumgesprochen, dass ich das mache. Dieses Thema scheint sich durch den ganzen Abend zu ziehen: Um sich seine Kunst leisten zu können, muss man immer Kompromisse eingehen. Bernd: Das ist wohl das Thema unserer Generation: Wir gehen unserem Selbstverwirklichungsdrang stärker nach als die Generationen vor uns. Dabei gerät man natürlich an finanzielle Grenzen, merkt, dass man Lösungen finden muss, um einerseits das zu tun, was einem am Herzen liegt und andererseits genug Geld zu verdienen, damit es zum Leben reicht. Ist das vielleicht ein Problem von Münchner Kreativen, weil hier die Lebenshaltungskosten so hoch sind? Täte man dasselbe in Berlin, bräuchte man unter Umständen gar keinen Nebenjob mehr, oder? Bernd: Glaube ich nicht. Es ist einfach die Mentalität der heutigen Mittzwanziger und Mittdreissiger im Allgemeinen, das Sicherheitsdenken der Eltern über Bord zu werfen und seinem Herzblut zu folgen. Und das ist gut. Man kann so nur gewinnen! Miriam: In Berlin ist es nicht leichter, nur weil die Miete billiger ist. Das gesparte Geld gibt man an einer anderen Ecke wieder aus. Gibt es in München unter den Kreativen eigentlich so etwas wie einen regen Austausch? Miriam: In Berlin ist es wahrscheinlich einfacher, mit seinesgleichen in Kontakt zu treten. Hier kann man sich dafür eine eigene Nische erarbeiten und wird nicht ständig von der Konkurrenz aus der Bahn geworfen. Gibt es etwas Münchnerisches, das euch stärkt? Etwas, das euch Kraft gibt? Das es nur hier gibt? Bernd: Für mich ist das Leben in München ein Don Quijote- Dasein. Die finanziellen Bedürfnisse sind so hoch, dass viele Leute ihre guten Ideen zu schnell über Bord werfen. So machen wenige dasselbe wie man selbst. Ich kann mich entfalten und so zeigen, dass man mit viel Mut etwas erreichen kann. Aber wäre das nicht auch ein Grund, wegzuziehen? Miriam: Fast alle meine Freunde sind nach Berlin gegangen. Aber: Sie sind alle wieder zurückgekehrt. Wenn man alles hinter sich lassen will, ist es super, nach Berlin zu gehen. Wenn einem sein Leben und die Heimat aber entsprechen, dann entscheidet man sich früher oder später eben dafür, dazu zu stehen. Und ist glücklich. Entwickeln sich in München einige Sachen nicht sehr viel langsamer weiter als anderswo, weil die Konkurrenz fehlt? Miriam: Vielleicht. Aber ich habe diesen Ehrgeiz gar nicht, mich mit dem Tempo der Welt zu messen. bernweich: Da kommt wieder die Münchner Mentalität durch!

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22.28 Uhr Zum Ende des Abends tritt noch eine jetzt.de-Leserin an den Tisch. Carolin, alias „molicana“, möchte sich bedanken. Vor Jahren hat sie bei einem Schreibwettbewerb mit einem bei jetzt.de online gestellten Text den ersten Platz gemacht. Wir trinken gemeinsam ein Feierabendbierchen. Bernd und Miriam haben sich verabschiedet. Schön war's.

Text: mercedes-lauenstein - Fotos: Juri Gottschall

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