Das große Mitfahrzentralen-ABC

Von Autobahn bis Ziel: die wichtigsten Begriffe rund ums kostengünste Reisen auf der Rückbank fremder Autos
lea-werthmann

Autobahn Das Netz aus Asphalt, das Deutschland durchzieht, misst 12 000 Kilometer. Mehr Autobahn gibt es nur in den USA. Von Ausländern wird der Begriff nur ehrfurchtsvoll geraunt und dass er neben „Blitzkrieg“ und „Kindergarten“ in den Welt-Wortschatz eingegangen ist, sagt uns, dass die Autobahn für etwas genuin Deutsches stehen muss. Das gilt auch für die Mitfahrzentrale. Internetseiten für Fahrgemeinschaften sind bei uns stärker verbreitet als in anderen Ländern. Steigen die Bahn- und Benzinpreise, melden Anbieter wie mitfahrzentrale.de bis zu 15 Prozent mehr Neuanmeldungen.

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Illustration: Julia Schubert

Begegnungen Durch Mitfahrzentralen wird die Autobahn zur Bühne größerer und kleinerer Dramen, deren Protagonisten der Zufall in ein Auto gewürfelt hat. Punker trifft auf Banker, Berufssoldat auf Demonstrant, Streber auf Bummel-Student. Was sie gemeinsam haben, ist oft nur das Ziel. Der Platz ist knapp, das Budget klein, die Situation unentrinnbar. Was man aus ihr macht, entscheidet jeder selbst. Chaot Der Chaot kommt nie pünktlich zum Treffpunkt („Sorry Leute, was ne Nacht!“). Er liebt es, seinen Proviant so zu essen, dass Millionen Brösel auf den Sitz regnen. Mit einem gut geschüttelten Dosenbier besprenkelt er deinen Unterarm und seinen Geldbeutel lässt er an der Raststätte liegen. Trotzdem ist dir der Chaot lieber als der Fahrer, der jeden Krümel aus dem Augenwinkel mitzählt und bauernschlau beim Bergab-Fahren den Gang rausnimmt.

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Illustration: Julia Schubert

Details aus deinem Leben Schon in den ersten Minuten wird abgecheckt: Ist er ’ne Laber-Tasche? Mag sie mein Radio oder ihre Ruhe? Dann kommt die Auflockerungsphase. Eisbrecher können sein: ein gemeinsamer Lacher (siehe Chaot) oder Aufreger (siehe Stau). In Phase drei entspinnt sich ein unverbindliches Gespräch und eh man sich versieht, redet man schon über Privates. Spätestens hier stellen Fahrer und Mitfahrer fest, dass die Ex-Freundin vom Sebi seinem Bruder schon mal von der Cousine des Fahrers mitgenommen wurde. Die Buchstaben E bis I findest du auf der nächsten Seite


Erste Mitfahrzentrale, die wurde 1956 gegründet. Durch die Verlagerung der Mitfahrzentralen ins Internet sind die Vermittlungskosten entfallen. Die meisten Portale bieten den Service heute kostenlos an und finanzieren sich allein über Werbung.

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Fahrer Bestimmer, Herr über Tacho und Musikauswahl. Die Mitfahrer sind ihm ausgeliefert (siehe Klaustrophobie, Musikauswahl). Gut zu wissen: Drängler, Fummler und andere Psycho-Fahrer kann man, sofern man den Horrortrip überlebt, bei den meisten Portalen negativ bewerten. Die Anbieter ziehen die Irren dann aus dem Verkehr. Gelaber Mit diesen Sätzen gibst du dich als erfahrener Mitfahrer aus: „Ist schon eine tolle Sache, diese Mitfahzentrale“, „Leute lernt man da kennen, man glaubt es nicht“, „Ich würde mir ja nie eine Bahncard kaufen.“ Die Abkürzung „Mfg“ für Mitfahrgelegenheit ist dagegen tabu. Hals, den nicht voll bekommen. Nein, der feiste Geschäftsmann mit dem Nobelschlitten ist kein guter Mensch, der „einfach mal mit jungen Leuten ins Gespräch kommen will“. Viel lieber möchte er den Studenten für die Fahrt von München nach Frankfurt je 20 Euro abknöpfen, um seine Spesen aufzubessern. Man muss ja schauen, wo man bleibt: Außer Benzin und Mietwagen zahlt der Arbeitgeber ja nichts. Igitt Mitfahrer, die nach zehn Kilometern ihre Schuhe ausziehen; haarige Gummibärchen unter dem Sitz; Fahrer, die ein Jahr nach der Fußball-WM ihre Deutschlandfahnen aufgesteckt lassen. Erfahrene Mitfahrzentralen-Nutzer wissen: Jede zehnte Fahrt ist ein Griff ins Klo. Weiter geht's mit den Buchstaben J bis N


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Jeden Tag vermittelt allein der Marktführer mitfahrzentrale.de 10 000 Fahrten. Die meist genannten Gründe sind Kostenersparnis (72 Prozent), Unterhaltung (46 Prozent) und Umweltbewusstsein (37 Prozent). Seit die Pendler- Entfernungspauschale heißt und nur noch ab einer Entfernung von 21 Kilometern zwischen Wohnort und Arbeit gewährt wird, gibt es in fast jeder größeren Stadt auch kommunale Mitfahrbörsen, die sich speziell an Pendler richten. Klaustrophobie Draußen fährt die Welt vorbei und drinnen hat man mehr Körperkontakt als man es Menschen, die man erst seit fünf Minuten kennt, zugestehen möchte. Zwei bis drei Prozent der Deutschen leiden unter Klaustrophobie und ganz ehrlich: Die sollten vielleicht doch lieber mit der Bahn fahren. Denn meistens hat der Fahrer nämlich Geldsorgen und seinen schmalen VW Polo ebenso optimistisch wie völlig wahnsinnig für vier Mitfahrer inseriert. Legendär Es gibt Mitfahr-Erlebnisse, die sind in den Geschichtenschatz anderer eingegangen und wandern von Rückbank zu Rückbank. So wie die Geschichte des Schwarzafrikaners, der eine Mitfahrgelegenheit anbot und feststellen musste, dass sein Mitfahrer ein Skinhead ist, der zu einer NPD-Kundgebung will. Der Neonazi zögerte, einzusteigen und nahm schließlich, wie bei einem Taxi, hinten Platz. Die beiden sprachen kein Wort während der ganzen Fahrt – sagt die Legende. Musikauswahl Delikate Angelegenheit. Kann bei Mitfahrern zu Aggressionen führen. Mit diesem Soundtrack outet man sich zumindest als thematisch versiert: Kraftwerk „Autobahn“, The Wallflowers „One Headlight“, Bob Dylan „Highway 61“, Xavier Naidoo „Dieser Weg“, Talking Heads „Road to nowhere“. Nutzer / Nudisten Die Klientel von Mitfahrzentralen sind längst nicht mehr nur Studenten mit Geldnot. Bezeichnend für den steigenden Altersdurchschnitt der Nutzer ist die Geschichte des Rentner-Pärchens, das eine Studentin in seinem Auto mitnahm. Die Combo verstand sich so gut, dass die beiden ihre Mitfahrerin spontan an ihren Urlaubsort einluden, wo sich herausstellte, dass die recht bieder wirkenden älteren Herrschaften ein recht aufgeschlossenes Hippie-Nudisten-Dasein pflegten.


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Örtchen, stilles Statistisch gesehen, entfällt auf 15 Autobahnkilometer genau ein Rastplatz. Manchen Autoinsassen helfen aber auch noch so kurze Abstände nicht: Die phobische Angst vor dem Urinieren auf fremden Toiletten heißt Paruresis, auch „schüchterne Blas“ genannt. In diesem Fall: Beckengurt lockern, entspannte Sitzhaltung einnehmen und beten, dass kein Stau kommt. Preisempfehlung Die Internetportale betonen immer wieder, dass Mitfahrgelegenheiten lediglich Kosten decken sollen. Trotzdem verlangen einige gewinnorientierte Fahrer zu hohe Preise. Richtwert sollte sein: Ein Euro pro Liter bei einem angenommenen Benzinverbrauch von zehn Litern auf 100 Kilometern. Für die Strecke München-Frankfurt heißt das: 400 Kilomter gleich 40 Euro. Bei vier Mitfahrern zahlt jeder zehn, bei zweien jeder 20 Euro. Quasselstrippe Was tun, wenn der Typ neben dir nicht aufhört zu labern? Taktik 1, höflich: gähnen, hhmm sagen, nicken, die Schläfe der Fensterscheibe annähern und die kleinste Laber-Pause zum simulierten Einnicken nutzen. Tipp: Unterkiefer entspannen, sieht echter aus. Taktik 2, subtil: „Du entschuldige, ich frage nur kurz die anderen, ob jemand einen MP3-Player hat, den ich leihen kann. Ich würde so wahnsinnig gern ein wenig entspannen.“ Taktik 3, brutal: „Alter, wenn ich Geräusch will, mach ich das Fenster auf.“ Rückbank Wer am Abfahrtsort als erster auf den Fahrer trifft, hat meistens die Wahl, wo er sitzen möchte. Für vorne spricht: mehr Platz. Für hinten: mehr Ruhe. Auf der Rückbank lässt es sich leichter aus nervigen Smalltalkgeschichten ausklinken.

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Stau 967 Staus, die länger als zehn Kilometer waren, zählte der ADAC allein vergangenen Sommer. Wissenschaftler haben nachgewiesen, dass Ausweichen auf Umleitungen in der Regel länger dauert als der Stau. Also, den Fahrer von seinem Aktionismus abbringen und Geduld haben. So schlimm wie 1993 auf der A7 wird es nicht sein. Mit 170 Kilometern war das der längste je gemessene Stau.


Transport Findige Jungunternehmer haben Deutschlands erste Mitfahrzentrale für Dinge ins Leben gerufen: „Raumobil“ nennt sich das Privat-Logistik-Portal, das Gegenstände bei nicht-kommerziellen Fahrern unterbringt und dafür sorgt, dass auch Gegenstände kostengünstigvon A nach B kommen.

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Urlaub (spontan) In einer Winternacht wollte der Regisseur Nicolai Albrecht von Berlin nach München fahren. Auf sein Inserat hatte sich ein Mädchen gemeldet. Während sie über verschneite Straßen fuhren, erzählte sie von ihrem Liebeskummer. Sie fragte ihn, ob er nicht Lust habe, bis nach Florenz weiterzufahren. Er hatte – und sie fuhren nach Italien. Einen Tag und eine Nacht verbrachten sie zusammen, am nächsten Morgen fand er nur einen Zettel auf dem Kopfkissen. Sie hatte es sich anders überlegt und war zum Grund ihres Liebeskummers zurückgereist. Nicolai Albrecht drehte daraufhin den Film „Mitfahrer“, der 2005 mit Ulrich Matthes in der Hauptrolle in den Kinos lief.

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Vorteile Keine Art von A nach B zu kommen, ist kostengünstiger. Auch die Ökonomie spricht dafür, ein Auto vollzuladen.Darüber hinaus ergeben sich oft Annehmlichkeiten sozialer Art: bis vor die Haustür gebracht werden, Einladungen zu Partys oder Übernachtungsmöglichkeiten. Weggefährten Immer wieder schreiben Menschen den Mitfahrzentralen und erzählen ihre Geschichte. Sie berichten von Freundschaften, die im Stau entstanden sind, von Abenteuern auf dem Seitenstreifen und von Liebesgeschichten, die in irgendeinem Auto auf irgendeiner Rückbank ihren Anfang nahmen. Bei mitfahrzentrale.de weiß man von vier Babys, die ihre Zeugung dem Zufall verdanken. Ziel Die Ankunft am Zielort. Geld und Gepäck werden übergeben, die Wege trennen sich. Was bleibt, ist die Gewissheit, dass man, um Menschen zu verstehen, mit ihnen sprechen muss. Und dass jeder am Ende dieses mikrosoziologischen Experiments auch etwas über sich selbst erfahren hat. Gemeinsam mit dem Berliner Taschenbuch-Verlag sucht jetzt.de die besten Erlebnisse von der Rückbank. Erzähle deine Geschichte unter jetzt.de/mitfahren

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