Das häkelnde Heim

In Kassel fertigen ältere Damen neue Mützen - ihre Auftraggeber sind zwei Designstudentinnen.
katharina-heckendorf

Lange verstaubte es auf Beistelltischen, über Klorollen oder als Topflappen: Das Häkelhandwerk, glaubten viele, gibt’s nicht mehr. Stimmt aber nicht. In zwei Seniorenheimen in Kassel fertigen Seniorinnen im Auftrag des Modelabels „Alte Liebe“ Mützen. So verdienen sie Geld und bekommen ganz nebenbei Kontakt zu den Käufern. 

Die Damen häkeln die Kopfbeckungen aus Merinowolle in allen denkbaren Farbkombinationen, in verschiedenen Formen und Größen, mit Bommel oder ohne. Jedes fertige Modell wird mit einer Postkarte in einen Pappkarton gelegt. Der Clou: Auf jedem Karton steht der Name der Frau, die die Mütze gehäkelt hat. Die Käufer sollen die Postkarten zurücksenden, damit die Häkel-Damen wissen, wo ihre Arbeit gelandet ist und ob sie gut ankommt. Für 32 Euro werden die Häkeleien in Skater- und Surfläden an der französischen Atlantikküste, auf Lanzarote oder in Kassel verkauft.  

Hinter dem Label „Alte Liebe“ stecken die Designerinnen Elisa Steltner und Nadja Ruby. Beide sind 25 Jahre alt und studieren Systemdesign an der Kunsthochschule Kassel. Alle zwei Wochen treffen sie sich mit den „Ladies“, wie Nadja sie nennt, zum Häkeln. Mindestens genauso wichtig wie das fertige Produkt ist den beiden die Zeit, die sie mit den Damen verbringen. Nadja und Elisa wollen mit ihrem Projekt einen Austausch zwischen alt und jung schaffen und etwas gegen die Einsamkeit im Alter tun. Aber es dauerte, bis die Seniorinnen die Idee überzeugte. „Ich glaube, die Damen haben am Anfang nur mitgemacht, weil es ihnen gefallen hat, mit jungen Leuten rumzuhängen“, sagt Nadja.  

Die Idee zum Comeback der Masche entstand unter der südfranzösischen Sonne. Dort war Nadja Ruby im Urlaub von braungebrannten Surfern umgeben, die Häkelmützen trugen. Das machen viele Surfer so, um ihre Ohren vor dem starken Wind zu schützen. Nadja und ihre Freundin und Kommilitonin Elisa griffen die Beobachtung auf und trugen sie den Ladies vor. Die ersten Mützen wurden im vergangenen Sommer verkauft, bis heute wurden fast 800 Stück vertrieben. Von dem Geld, das übrig bleibt, nachdem Wolle und Verpackungsmaterial bezahlt sind, organisieren Nadja und Elisa Konzerte und Ausflüge für die Seniorinnen – mal laden sie eine Jazzband ins Seniorenheim ein, mal fahren sie mit den Damen auf den Weihnachtsmarkt. 



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Nadja und Elisa bringen den Frauen das nötige Material in die Wohnanlage: die Wolle, die Häkelnadeln und die maschengenaue Anleitung für jede Mütze. Die beiden Designerinnen haben sich ganz genau überlegt, wie die Mützen aussehen sollen. Doch manchmal müssen sie sich auch von den Häkel-Damen sagen lassen, was in ist: „Die erzählen uns sogar, welche Farben in dieser Saison im Trend sind“, sagt Nadja. Die 89-Jährige Elisabeth Götz freut sich über die neue Aufgabe. „Das ist eine Sucht“, sagt sie. „Wir brauchen das, ob wir nun Strümpfe stricken oder Mützen häkeln.“ Beim Spazierengehen halte sie nach den Köpfen der jungen Leute Ausschau. Ab und zu entdecke sie dann eine. „Und dann freut man sich, dass die Mützen Anklang finden“, sagt sie.  

Die Mützen sind für Nadja und Elisa eigentlich nur ein Nebenprodukt des Geschäfts. „Der Designer muss endlich aufhören, mit seinen Produkten an der Oberfläche zu kratzen“, sagt Nadja. In vielen Seniorenheimen werde einmal im Jahr ein Kinderchor oder ein Alleinunterhalter bestellt. Das reiche aber nicht, um der Isolation der Menschen zu begegnen, glaubt Nadja. Ute Angermann, Mitarbeiterin im Sozialdienst der Kasseler Seniorenwohnanlage Lindenberg, musste sich trotzdem erst von dem Projekt überzeugen lassen. Heute sagt sie stolz: „Die Damen erfahren wieder eine Wertschätzung, sie sind selbstbewusster geworden. Manche sagen sogar, dass sie dabei wieder jung werden.“  

Noch ist die Häkelmütze ein Nischenprodukt. Aber Nadja und Elisa träumen schon davon, das Projekt in andere Städte zu bringen. Ab Mitte November soll es einen Onlineshop auf der Website geben. Und vielleicht dürfen bald auch die Senioren ihr Wissen anbringen. Gerade arbeiten Nadja und Elisa zusammen mit den „Mofafreunden Nordhessen“ daran, rüstige Opas zu finden, die jungen Fahrern erklären, wie sie ihre alten Herkules’ und  Vespas wieder auf Zack bringen.    

Mehr Infos auf www.alte-liebe.com.


Text: katharina-heckendorf - Fotos: alte-liebe.com

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