Das mit Anne und Nora. Eine Mitfahrgeschichte

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Das mit Anne und Nora Eins Es beginnt damit, dass ich auf einer Rolltreppe am Kantplatz fahre und die Frau vor mir das macht, was alle Menschen auf Rolltreppen vor mir immer machen: Sich umdrehen und auf mich runter schauen. Die Frau glotzt und glotzt und dreht sich erst wieder um, kurz bevor sie oben abspringen muss. Alte Frauen springen auf und von Rolltreppen als wäre die fahrende Stufe ein wackliges Beiboot in einem YouTube-Video, bei dem man auf der anderen Seite wieder ins Wasser fällt. Ich springe auch ab.

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Illustration: Julia Schubert

Oben ist natürlich alles noch schlimmer. Es regnet, und mein Uralt-Handy hat wieder Empfang und Anne hat immer noch nichts geschrieben. Vor drei Tagen habe ich sie am Telefon erwischt und erklärt, dass wir uns entscheiden müssen, zwischen zwei Zimmer, Miniküche und Badewanne in Nippes oder eineinhalb Zimmer, Loggia und vierter Stock in Ehrenfeld. Ich habe die beiden Wohnungen von Hannover aus „klargemacht“, wie mein Freund Thomas sagen würde, und zwar so klar, dass es nur noch ein kleines bis mittleres „Okay“ von ihr bräuchte, und wir wären zusammen - gleiches Bett, gleiches Klingelschild, Köln. Aber Anne sagt nichts. Als ich ihr das mit den Wohnungen mitteilte, klang sie etwa so begeistert wie ein gefällter Baum. Ich habe das instinktiv ignoriert und vorsichtshalber doppelt so viel geredet wie sie, über Laminatböden und Staffelmieten - als wäre ich Tine Wittler und der Schuldenberater in Personalunion. Anne hat irgendwann „Du, ich muss wieder!“ gesagt und weg war sie. Sie ist schon seit einem Monat in Köln und macht ein Theaterprojekt, in vier Tagen soll die erste Vorstellung sein, und so gestresst wie Anne sich seit Wochen benimmt, war noch keine Durchlaufprobe fehlerfrei. Jedenfalls ist unsere Kommunikation seit der Theater-Sache stark eingeschränkt Eigentlich hatte Anne mit Theater gar nichts am Hut, aber jetzt führt sie bei einem Stück für das Frauen-Festival Femirgendwas Co-Regie. Das ist so ein Festival, zu dem Männer tatsächlich keinen Zutritt haben, nicht mal als Beleuchter. Annes Schwester Sarah hatte vor vier Wochen angerufen, weil Sarahs Theater-Gruppe, die irgendwie „Playgrrrls“ oder so ähnlich heißt, für die Aufführung in Köln noch mehr Mädchen brauchte und Anne hatte sich erstmal darüber lustig gemacht, dann hatte ich mich darüber lustig gemacht. Alles in Ordnung, alles lustig. Nur dass Sarah später dann noch mal angerufen hat und Anne hatte ganz lange nichts gesagt am Telefon und dann ihre Tasche gepackt. Als ich wie ein ungewaschenes Fragezeichen dazu kam, hatte sie mich in den Arm genommen und von ihrer Schwester geredet, die sie wieder sehen möchte und von der Kölner Uni, an der sie doch vielleicht promovieren wolle und da wäre dieses Tralala mit den Theatermädchen doch eine gute Gelegenheit, die Stadt richtig zu beschnuppern. Sie hat tatsächlich beschnuppern gesagt, als wäre sie nicht Anne, sondern meine Mutter und wir haben uns gestritten, erst wenig, dann ziemlich viel. Am nächsten Morgen habe ich sie zum Bahnhof gebracht und seitdem ist Anne in Köln. Nach vier Tagen kam eine Postkarte von ihr, auf der stand, dass sie gerne mit mir in Köln wohnen würde, das es unsere Stadt wäre und dass ich anfangen solle nach Wohnungsinseraten zu schauen, sie hätte in der WG ihrer Schwester leider kein Internet. Ich hatte Internet und viel Zeit. Und jetzt habe ich die Wohnungen, aber kein Wort von Anne. Und wenn meine Jacke nass wird, so wie jetzt gerade, riecht sie wie der Zoo. Das mit den Wohnungen kommt mir jetzt schon wieder blöd vor. Übereifrig und nicht besonders souverän. Das könnte auch als Unterzeile meines ganzen Lebens durchgehen. „Mein Freund sucht uns eine gemeinsame Wohnung“ höre ich Anne zu ihren Femininsten-Theaterdamen sagen. Obwohl, die finden das wahrscheinlich gerade gut. Ich wäre ja längst auch mal nach Köln gefahren, aber ich sitze in Hannover fest, weil meine Eltern durch Neuseeland reisen und dabei ein ganz neues Lebensgefühl kriegen, wie sie mir gestern auf den Anrufbeantworter quakten, zweistimmig und mitten in der Nacht. In ihrem alten Lebensgefühl haben die beiden aber leider noch Wau und mich, den fertigen Politologen-Sohn. Und diese beiden kriegen zusammen garantiert kein neues Lebensgefühl. Wau tropft und stinkt, behandelt mich aber so, als wären das meine Attribute. Wenn ich ihn durch den Park schleife, ist es, als würde man einen Wasserskifahrer über den Bahnhofsvorplatz ziehen. Ich muss aufpassen „was er macht“. Das hat sich meine Mutter ausgedacht. Weil Wau so alt ist, wäre es wichtig „was er macht“, wegen der Verdauung und Darmkrebs bei Labradoren. Ich schaue natürlich nicht, was Wau macht. Er schaut selbst auch nicht mehr. Keinen interessiert Hundescheiße. Das gute an der Hundeüberwachung ist, dass ich im neuen Haus meiner Eltern sitzen kann und die heilige Dreifaltigkeit alter Ehepaare genieße: Plasmafernseher, Tiefkühltruhe, Weinkeller. Das ist zwar, aus einer RichardvonWeizsäcker-Perspektive betrachtet, erbärmlich, andererseits auch wieder so viel besser als Rolltreppefahren am Kantplatz, dass ich ernsthaft überlege, den ganze Jungsein+Karrierequatsch sein zu lassen und gleich zu Heizdecke+Cognacschwenker überzugehen. Natürlich bin ich auch wahnsinnig nervös wegen Anne, jetzt gerade wieder und deswegen rufe ich Thomas an, meinen besten Freund, und erzähle ihm, dass es nichts Neues gibt und dass ich die alte Frau auf der Rolltreppe getreten hätte. Thomas sagt. „Sorry, noch mal, was?“ Thomas ist ein Phänomen. Er ist zerstreuter als ein ganzes Altenheim und dabei gleichzeitig so unhöflich, dass ich nie verstehen werde, warum ausgerechnet so einer mein bester Freund geworden ist. Er sagt jetzt: „Hm, ja du sag mal, kennst du diese eine Band?“ „Welche eine Band?“ „ ...“ „Thomas?“ „Die singen deutsch und waren neulich auch im Fernsehen, bei, dings, äh!“ „Thomas, keine Ahnung, ich werde jetzt gleich sofort wahnsinnig!“ „Warum denn?“ „Weil, ach, keine Ahnung, mich nervt alles.“ „Weil deine Eltern weg sind?“ Manche Sachen merkt er sich. „Nicht wegen meinen Eltern, wegen Anne und den Wohnungen in Köln, ich muss das jetzt entscheiden, soll ich einfach eine nehmen?“ „In Köln?“ „Ich rufe dich an.“ Mit Thomas ist echt überhaupt nicht zu reden. Wenigstens stehe ich inzwischen vor der Haustür, es regnet immer noch. In Hannover ist der Juni nichts Besonderes. Diesen ganzen Jahreszeitenkram macht man hier gar nicht unbedingt mit. Nur im Herbst sind die Zuckerrüben reif, das merkt man daran, dass dann immer ganz viele tödliche Unfälle passieren, also noch mehr als ohnehin schon, weil Rüben vom Laster gefallen sind und die Straße rutschig machen. Edle Eisglätte wie in, sagen wir, St.Moritz, können wir uns nicht leisten. Wau trottet im Gang an mir vorbei und lässt sich nichts anmerken. Vermutlich ist er enttäuscht, dass es wieder nur ich bin und nicht meine Mutter, die gleich an seinem Hinterteil herumdrücken würde. In der Post sind die ADAC-Zeitung für meinen Vater und eine Postkarte aus Christchurch, NZ. Zu sehen sind grüne Hügel vor Gewitterstimmung und ein paar Schafe. Ich verstehe nicht, warum man über Los Angeles, mehrere Wüsten, und die Südsee fliegt, um dann irgendwo an einem See zu sitzen, an dem es genau so aussieht wie hier. „Hey, hey! Schafe sind hier allgegenwärtig. Wir haben schon ganz viele herrliche Plätzchen gesehen. Das würde dir auch gefallen. Mama und Papa.“ Das Einzige, worum ich meine Mutter beneide, ist ihre Handschrift. Mein Handy vibriert und ich bummle hin. Nur Thomas. Von Thomas bekommt man oft SMS, die an jemand anderen gehen sollten, aber diese hier ist für mich. Nehme ich an. Es steht da: „Fahr hin.“ Ich staune und bin gerührt. Es ist die erste seriöse Freund-Leistung, seit ich beim Schulkonzert einen Noten-Blackout hatte und Thomas die Aufmerksamkeit auf sich lenkte, weil er gleichzeitig seitlich von der Bühne stürzte und sich das Schlüsselbein brach. Sehr nett war das. Fahr hin! ist eine gute Idee. Fahr hin! denke ich selber seit zwei Wochen, ohne es richtig zu denken, also so unterhalb der Wahrnehmung lag dieser Gedanke und jetzt ist er da und leuchtet an dem Times Square, der mein Hirn ist. In der Garage steht der Audi meines Vaters. Er hat mir nicht ausdrücklich verboten, ihn zu benutzen und meine Eltern kommen frühestens in drei Wochen wieder. Zeit und Auto habe ich also. Was ich nicht habe ist Geld und einen Aufpasser für Wau. Ich suche den Hund, um mit ihm zu reden. Er sitzt im Wohnzimmer auf der Couch und starrt in den Garten. Ich sage „Wau“, aber nichts passiert. Ich öffne die Tür zum Garten, Wau geht in Zeitlupe nach draußen und setzt sich nach zehn Zentimetern wieder hin. Dieser Hund ist von so perfekter Schwermut, dass ich darüber nachdenken würde, wenn ich nicht nach Köln fahren müsste, um meine abweisende Freundin zu stellen. Ich knülle probeweise ein Kissen unter die Tür, um sie in Wau-Breite festzuklemmen. Wau kann jetzt stumpfsinnig in den Garten und zurück hinken. Weil mein Kopf so ein technisches Wunder ist, höre ich auf einmal die Stimme meines Vaters, die sagt: „Aber auch jeder Einbrecher!“. Aber dann kommt schon wieder die „Fahr hin!Fahr hin!“-Parade vorbei und ich tue, als wäre nichts gewesen. In meinem Geldbeutel sind, aufgerundet, 29 Euro. Auf meinem Konto ist, das weiß ich zuverlässig, etwa die gleich Summe. Seit ich für die Magisterarbeit meinen Jobberei bei Wörth aufgegeben habe, bin ich ins finanzielle Vorschulalter zurückgerutscht. Meine Mutter wollte mir eigentlich Geld da lassen, hat es aber vergessen. Ich weiß, dass sie größere Summen Bargeld in Büchern versteckt hält, weil sie einmal gehört hat, das sei die sicherste Aufbewahrung. Ich fleddere etwa hundert Bücher, heraus fallen Merkzettel, Einkaufslisten, Fahrscheine und Lesebrillen, aber nichts, mit dem man Benzin bezahlen könnte. Wau hat sich umgedreht und sieht mich zwischen den aufgeschlagenen Büchern an, als wäre ich ein Einbrecher.


Zwei Ich stehe mit laufendem Motor am Kröpcke, an einer Stelle an der man sofort verhaftet wird und ich habe den Warnblinker an. Ich warte auf Nora, die ich gar nicht kenne. Sie war die einzige, die sich auf meine Kurzfrist-Annonce bei mitfahrzentrale.de gemeldet hat. Weil ich nicht wusste, was man für gewöhnlich in so eine Annonce schreibt, hatte ich: „Fahre morgen nach Köln m. Audi-Kombi. Keine Hunde.“ geschrieben. Fasziniert hatte ich die Wörter im Browserfenster angeschaut - etwas vergleichbar Dämliches kannte ich vorher gar nicht. Noras SMS kam nach einer Stunde „Noch Platz nach Köln? Wäre super. Nora“ Und dann haben wir nur vier SMS gebraucht um uns für heute elf Uhr am Kröpcke bei der Bushaltestelle zu verabreden, nur dass da eben ausschließlich Busse halten dürfen und nicht ein schlecht ausgeschlafener Ich im großen Audi. Wie ich da so stehe und blinke, muss ich das Wort „Zwischengas“ denken, obwohl ich gar nicht genau weiß, was es bedeutet. Es schwingt sich in Endlosrotation durch meinen Kopf, „Zwischengas, Zwischengas“ – so etwas habe ich manchmal, dann komme ich nicht mehr runter und fange an, das Wort auf der Zunge zu balancieren, ganz leise „Zwischengas!“ zu sagen und Sätze damit zu bilden, wie zum Beispiel „Gib Zwischengas, Alter!“. Das komische Karussell-Gedenke macht mich noch nervöser und als auf einmal die Beifahrertür aufgerissen wird, erschrecke ich und lasse den Motor absterben. „Hoppla“ sagt das Mädchen, das halb auf dem Beifahrersitz hängt.

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„Du bist Jan.“ Sie wartet meine Bestätigung nicht ab, sondern zieht ihren Kopf wieder raus und geht zum Kofferraum. Sie ist hübsch, das habe ich gesehen und deswegen gucke ich jetzt lieber selber noch mal in den Rückspiegel, um nicht vielleicht aus Versehen einen Cornflake auf der Backe zu haben. Ist aber alles einigermaßen in Ordnung und da ist sie auch schon wieder und strahlt mich an, auf eine so unheimlich nette Weise, dass ich auch anfange zu strahlen und an der Art, wie das ein wenig wehtut, merke ich, dass ich es schon ziemlich lange nicht mehr gemacht habe. Wir strahlen also, und weil mir das gleichzeitig peinlich und sehr angenehm ist, strahle ich Nora nicht direkt an, sondern strahle durch die Windschutzscheibe. Sonst passiert gar nichts, es ist einfach nur ein netter Moment in meinem Leben. „Los.“ sagt Nora und der nette Moment ist ein bisschen vorbei, denn hinter mir hupt jetzt doch einer dieser idiotisch modernen Hannoveraner Busse, die seit der EXPO hier fahren dürfen und die sich dabei so leise und schleichend benehmen wie jemand, der ein spitzes Messer mit sich trägt. Ich gebe Zwischengas, der Audi hüpft auf die Straße, Nora sagt etwas erschrocken „Hui!“ und darüber kann ich mich bis zur ersten Ampel freuen. Sie trägt eine graue enge Jeans und sehr kleine gepunktete Schuhe, ich würde sie gerne noch einmal genau anschauen, aber das geht nicht, weil ich erstens fahren muss und zweitens wäre das ja ein bisschen komisch, sie anzustarren, aber mich interessieren hübsche Mädchen immer erst mal aus so einem reinen Analyse-Gedanken, ich will sie beobachten und ganz eigentlich auch ein bisschen in die Backe kneifen, um zu gucken, ob sie echt sind. Jetzt kann ich immer nur so von der Seite hinschauen und nicken. Nora redet, als wäre sie zwei Jahre in einer Bibliothek eingesperrt gewesen, ihre Stimme strahlt dabei immer weiter, sie hat auch sehr weiße Zähne und einen irgendwie großen Mund. Sie verfügt über das optimale Redwerkzeug, denke ich - schon wieder so ein katastrophal unsinniger Satz, aber dann muss ich ihn plötzlich sagen, weil es kurz still ist und der Satz hinter meinen Zahnreihen wie eingesperrt herumtobt und ich sage: „Du hast das optimale Redewerkzeug.“ Ich bin mir sicher, noch während ich es sage, dass sie jetzt die ganze Fahrt über beleidigt sein wird, ich jedenfalls wäre die ganze Fahrt über beleidigt. Aber Nora sieht mich nur einen Augenblick an, wie ein Dompteur das Tier ansieht, das ohne Aufforderung ein Kunststück gemacht hat. Dann lacht sie und sagt: „Das ist ein schöner Satz. “ Von da an verstehen wir uns hervorragend und ich verfahre mich schon bevor wir das erste Mal auf der Autobahn gewesen sind. Nora ist vier Jahre jünger als ich, hat aber offenbar achtmal so viele Bücher gelesen und sämtliche Alexander Kluge Interviews inhaliert. Sie weiß nicht nur zu allem etwas, das ich noch nie gehört habe, sie verknüpft die Geschichten auch an den seltsamsten Punkten. Sie erzählt, dass in der Mongolei die Big-Brother-Show „Meine Jurte“ hieße, wohingegen die Schweden zu einer Brille „Glasögon“ sagen, was ja ganz logisch wäre, aber wie sagen sie dann zu Glasaugen? „Emailleögon!“, prustet es aus Nora und wir lachen so lange wie es dauert, vier LKW zu überholen und danach ist Nora bei Kragenbären, die in Alaska leben und dort auf einem Hügel warten, bis unten ein Hirsch vorbeigeht, um sich dann herunter rollen zu lassen. Auf den Hirsch drauf. Deswegen haben sie so ausgeprägte Nackenmuskulatur im Kragen. Solche Sachen kommen unablässig aus Nora und ich vergesse ganz, dass ich Autobahnfahren nicht besonders mag. Sonst bin ich immer damit beschäftigt zu denken, dass ich vielleicht aus Versehen gleich das Lenkrad herumreißen könnte, und dann würde später niemand die Frage beantworten können, warum ich das getan habe, wo doch nicht mal Rübenmatsch auf der Straße war und ich selber könnte es auch nicht sagen. Natürlich reden wir auch über Köln. Ich erzähle ihr die ganze Geschichte mit Anne, weil es mir irgendwie wie Zeitverschwendung erschienen wäre, Nora nur mit ausgewählten Details zu versorgen. Ich erzähle also, wie ich Anne beim Verlegerdienst Wörth kennen gelernt habe, wo sie Kochbücher, Erziehungsratgeber und Reiseführer immer in 12er-Stapeln verpacken und an deutsche Buchhandlungen verschicken musste, während ich mit einem Gabelstapler Paletten von Büchern ins Lager rammte. Wie wir von Wörth weg immer direkt zum Trinken gegangen sind, um über die anderen zu lästern und uns anschließend ein bisschen zu küssen, so unter Arbeitern. Dass wir zum ersten Mal in einem Zelt auf einem Musikfestival zusammen geschlafen haben, erzähle ich nicht, weil ich jetzt gerade nicht an diesen Sommermorgen-Zeltgeruch erinnert werden will, aber das kann sich Nora bestimmt denken. Wir waren jedenfalls ein stattliches Pärchen, sie die fertige Germanistin mit Tendenz zur Promotion und ich der fast fertige Politologe mit Hang zur Tagesfreizeit. Nora nickt, als ich das mit dem stattlich sage, und guckt dabei auf die Straße, gerade in dem Augenblick, in dem ein toter Fuchs am Rand vorbeifährt. Sie sagt: „Die Tiere schlafen da nur. Allerdings an einer ziemlich gefährlichen Stelle.“ Ich erzähle weiter. Wie Anne schon im letzten Herbst eines Tages nach Köln fuhr, um ihrer Schwester zu helfen, die im Krankenhaus lag, mit Verdacht auf Hirnhautentzündung und die gleichzeitig aus der Wohnung raus musste und wie Anne eine Woche lang alleine die Wohnung gestrichen hatte und nicht wollte, dass ich ihr helfe und wie wir uns darüber das erste mal richtig gestritten haben. Später, als es ihrer Schwester wieder besser ging, war sie mit ihr in die Schweiz gefahren, um die Großeltern zu besuchen. Vier Wochen dauerte es damals, bis sie wieder in Hannover war. Ich stand dann kurz vor der Magisterprüfung, wir verbrachten die Nächte zusammen, ich lernend auf dem Bett, sie lag auf dem Fußboden und erzählte von Köln und Graubünden, und dass sie das mit der Promotion vielleicht doch ein bisschen hinausschieben möchte. „Ich weiß auch nicht“ sagte sie ganz langsam, während ich, rasend vor Prüfungsangst durch die Ordner sprintete. Nora hört zu und die Art wie sie zuhört, gefällt mir noch besser, als die Art mit der sie vorher erzählt hat, sie macht es mit so einer nachlässigen Aufmerksamkeit, nicht zu viel Verständnis, dann schaut sie wieder aus dem Fenster und gerade wenn es unhöflich wäre, sieht sie mich wieder kurz an und nickt, als wäre ihr nichts fremd. Mir selbst ist die Geschichte von Anne und mir beinahe unheimlich, wie ich sie da in einem rasenden Audi ausbreite. Ich habe das noch nie von Anfang bis jetzt überblickt, aber es tut gut. Anne und ich sind seit eineinhalb Jahren zusammen, ohne über das Zusammensein an sich nachzudenken. Wir haben keinen gemeinsamen Freundeskreis, wir unternehmen selten etwas zusammen und wissen auch nicht, wie die Eltern des anderen aussehen. Es gab Wochen, in denen wir uns nicht angerufen haben aus dem einzigen Grund weil wir es vergessen hatten. Jeder, dem ich davon erzählt habe, fand das schrecklich und machte so ein „Auweia“-Gesicht, aber Anne und ich kamen gut damit klar. Es ist etwas Leichtes in der Art, wie sie mir die Tür aufmacht, wenn ich an ihrer Dachwohnung klopfe, ich komme zu ihr, wenn ich will und gehe ohne großartige Erklärungen. Das klingt jetzt wie einer von diesen französischen Kunstfilmen, in denen dann die ganze Zeit gevögelt wird. Aber es war noch anders. Und jetzt kam es mir eben vor, als wäre die Zeit reif für den nächsten Schritt, für eine andere Stadt und etwas mehr von allem. Deswegen habe ich mich auch mit den Wohnungen so reingehängt. Nora muss pinkeln. Ich muss eigentlich schon seit einer Stunde, wollte aber nichts sagen. Vor dem Edelstahldrehkreuz im Autobahnrestaurant gibt mir Nora Benzingeld. Wir trinken dann noch Kaffee und sehen den Familien zu, die ihre Kinder wie Hühner in die geparkten Kombis zurück treiben. Es sind schon wieder Ferien in irgendeinem Bundesland und die Kombis sind bis unters Dach ausgestopft mit Bettzeug und Handtuchrollen. Ich erzähle, dass ich diese Menschen sehe und mir dabei immer wieder ganz langsam vorsage, dass sie nur ein paar Jahre älter sind als ich und nicht von einem anderen Planeten. Logisch betracht sind diese Menschen ziemlich genau das, was ich sein werde, in zehn Jahren oder so. Also, selbst wenn ich mich in den Details dagegen wehre und eben keinen Kombi kaufe oder keine Kinder, oder noch zehn Jahre länger gegen die Halbglatze durchhalte, werde ich doch ungefähr so sein. Es mag Abschwächungen geben, aber es gibt kein wirkliches Entkommen, ich werde ihnen ähneln, da gibt es überhaupt kein „Vertun“, wie meine Mutter sagen würde. Es geht nur darum, es zu akzeptieren. Sich dagegen zu wehren ist unsouveräner als sich darin zu ergeben. Das ist nicht gerade das Thema, mit dem man vor einer 23-jährigen Nora interessant wirkt. Als ich mit meiner „Ergeben ist das neue Auflehnen“-Therorie fertig bin, sehe ich sie nicht an und hoffe, dass sie irgendwie das Richtige dazu sagen wird oder mir eine runterhaut. Sie soll bloß nicht „Jaja, stimmt, so habe ich das noch nie gesehen!“ sagen. Nora lächelt und zuckt mit den Schultern. Wir fahren weiter.


Drei Am Barbarossaplatz ist Nora ausgestiegen. Ich glaube, ich habe etwas wie „Also dann!“ gesagt und dabei trauriger geklungen, als ich es mir erlaubt hatte und Nora hat mit dem gleichen Strahlen „Ciao“ gerufen, mit dem sie vor vier Stunden eingestiegen war. Jetzt ist sie weg. Ich würde gerne wissen, warum mir das immer so einseitig vorkommt, wenn ich jemanden toll finde. Und ich will wissen, was Nora jetzt gerade denkt. Ob es etwas wie „Netter Typ, bisschen nervig“ ist. Etwas also, das ich ja selber dauernd von anderen denke. Oder ob sie nur damit beschäftigt ist, die Straße zu suchen, in der die Freundin wohnt, die sie seit zwei Jahren nicht gesehen hat. Ob sie dieser Freundin vielleicht heute Abend nach dem Essen sagen wird, dass sie Mitfahrgelegenheit ganz okay war. Ich höre ganz genau, wie sie diesen Satz sagt. Und weil es in meinem Kopf so überzeugend geklungen hat, versuche ich mir einzureden, dass es genau jetzt gut ist mit Nora. Dass diese netteste Autobahnfahrt aller Zeiten genau das Höchste war, was ich erwarten konnte. Ich war die Mitfahrgelegenheit. Um mich abzulenken, denke ich an Anne. Das funktioniert gut, ich werde auch gleich ein bisschen sauer. Sie hat sich immer noch nicht gemeldet, auf meine Ankomme-SMS nicht und nicht auf das, was ich ihr auf den Anrufbeantworter geredet habe. Bei den Proben müssen Handys aus sein, oberste Regel. Sarahs WG ist am Eigelstein. Die Adresse hatte ich im Stadtplan gesucht und ausgedruckt, ich bin schon fast da. Es erscheint mir aber klug, nicht direkt mit der Familienkutsche vor die Tür der Frauen-WG zu fahren und Anne raus zu ziehen, wie eine Haarspray-Mutter ihrer Tochter aus der Disco. Mir fällt ein, dass ich gar nicht genau weiß, was jetzt passieren soll. Eigentlich wollte ich mir das während der Autobahnfahrt überlegen, aber das ging nicht wegen Nora. Ich parke vor einem Döner-Laden mit Kunstblumenstrauß im Schaufenster. Neben dem drehenden Spieß stehen zwei junge Türken und sehen mich an wie einen, der aus einem dicken Audi mit Hannoveraner-Kennzeichen aussteigt. Mir ist das sofort peinlich und ich bediene mit zu großer Geste die Funk-Türverriegelung, als wäre es eine Waffe, die ich auf das Auto richte. Das angeschossene Auto blinkt zweimal. Das Wetter hier ist wie in Hannover, nur mit einer etwas stumpferen Wärme, könnte auch Norditalien sein. Ich laufe los, ein Gefühl im Bauch, wie vor einem Arzttermin. Annes Handy ist immer noch aus. Sie proben bei Sarah in der WG, weil natürlich niemand bei diesem Frauenfestival für irgendetwas Budget hat. Da jetzt reinzuplatzen wäre jedenfalls gar nicht gut. Eigentlich ist das alles schrecklich undurchdacht. Anne muss in zwei Tagen auf einer Frauen-Bühne stehen, ich muss endlich die beiden Wohnungen besichtigen, und dafür müsste ich wohl besser ein Hotelzimmer nehmen, denn die Wahrscheinlichkeit, dass ich in dieser WG schlafen kann, ist klein. Gleichzeitig ist das, was ich hier anbahne irgendwie nicht angemessen. Diese überstürzte Fahrt nach Köln, das passt nicht zu der alten Anne-und-Jan-Geschichte, das ist als hätte ein anderer Drehbuchschreiber die Serie übernommen und alle Gags überzeichnet. Ich muss stehen bleiben und denke genau das: Du musst stehen bleiben. Neben mir ist eine kleine Grünfläche, die weiter hinten von einer kniehohen Backsteinmauer umschlossen wird. Park ist das noch keiner. Unter einem Baum sitzt eine dicke Obdachlose vor einer kleinen bläulichen Flamme aus einem Spiritusbrenner und grillt sich etwas, das aussieht wie Putenspieße. Hinter der Dicken krabbeln ein paar Kinder herum. In Hannover habe ich noch nie gesehen, wie Obdachlose ihr Essen zubereiten, aber es erscheint mir logisch, dass sie dabei oft grillen. Die Frau hat mich bemerkt und nickt mir jetzt freundlich zu. Ich mache eine halbe Bewegung mit der rechten Hand und gehe fast im selben Augenblick weiter. Als ich in die Sarah-Straße einbiege, bin ich wieder ruhiger. Ich habe ich mir eingeredet, dass ich vor allem wegen der Wohnungen nach Köln gefahren bin und weil ich die Zukunft von Anne und mir plane und nicht um zu kontrollieren, was meine coole Freundin eigentlich treibt. Ich habe ein Kölsch gekauft, in einem dieser Kioske die hier überall sind und habe es gleich an einem Stehtisch aus Plastik getrunken, obwohl ich das sonst nie mache. Dann habe ich die beiden Vormieter angerufen und Termine mit ihnen ausgemacht, einen noch heute Abend und den andere morgen, ziemlich früh. Es ist halb fünf. Der Kiosk mit dem Kölsch hatte Hausnummer 17, jetzt stehe ich vor der 7, wo Sarah wohnt. Die WG ist auf dem Klingelbrett nicht schwer zu finden – nur eine Partei hat mit roter Plakafarbe die Namen der Bewohner hingeschmiert, nur Vornamen natürlich. Sarah, Katha, Ines und Jana wohnen also da. Ganz kurz denke ich, ich fände auch ein „Anne“ ganz frisch hingemalt, aber das wäre ja sehr albern. Ich drücke auf die Klingel und horche in das Haus, höre nichts. Die Hand habe ich am Türknauf, als Kind hatte ich immer wahnsinnig Angst davor, eine vom Summer geöffnete Tür nicht rechtzeitig zu erwischen. Die Haustür gibt nach, aber es hat nicht gesummt. Im Treppenhaus riecht es nach eingeschweißter Frischwurst aus dem Supermarkt, die es bei uns daheim niemals gegeben hat, da kam immer alles vom Metzger, eingeschlagen in Zellophan und braunes Umwickelpapier. Ich habe vergessen, mir anhand der Klingelposition auszurechnen, in welchem Stock die Wohnung ist, aber auch das ist kein Problem, nur eine Tür ist mit Aufklebern tapeziert, davor stehen viele kleine Stoffschuhe und ein voller Müllsack, der oben zugeknotet ist. Die Tür zur WG ist nur angelehnt, so was hasse ich. Ich klopfe, erst vorsichtig dann etwas mehr. Thomas wäre schon längst drin. Er hat auch keine Probleme einfach in irgendein Geschäft zu gehen und zu fragen, ob er schnell aufs Klo darf. Er appelliert in jedem an den Menschenfreund und wenn man mit Thomas unterwegs ist, hat man ständig irgendwelche Typen im Schlepptau, die Thomas an der Ampel oder in der Straßenbahn angequatscht hat und denen er leutselig anbietet, mitzukommen. Das endet dann immer darin, dass sich Thomas „total interessant“ mit der halben Welt unterhält und ich irgendwann nach Hause gehe, weil die Aufgegabelten natürlich immer die totale Katastrophe sind. Ich gehe rein. Der Flur ist ein einziger Wandschrank, vier Meter lang und rot und gelb bemalt. Aus dem nächsten Raum kommen Stimmen, da gehe ich hin. Es ist die Küche, an einem dunklen, alten Tisch sitzen zwei Mädchen. Die eine trägt ein ärmelloses T-Shirt auf dem „Stella“ steht, die andere einen Kapuzenpulli und kurze schwarze Haare. Sie sehen mich an, als wäre ich der Mann mit der Räumungsklage. Ich sage „Hallo, sorry, die Tür war offen, ich bin der Freund von Anne und bin gerade in Köln und wollte mal vorbeischauen. Ist sie, äh, seid ihr fertig mit Proben?“ Die beiden starren mich an, aber eher gelangweilt als erschrocken. Ein paar Sekunden lang sagt niemand was, dann sagt die mit dem T-Shirt: „Anne ist da“ und deutet mit dem Finger wieder in den Gang aus dem ich gekommen bin. Sie lächeln nicht, deswegen drehe ich mich gleich wieder um, sage, schon mit dem Rücken zu ihnen und etwas sehr unternehmungslustig: „Prima, sorry, danke!“ und stehe wieder im Gang. Dass er neben der Wohnungstür noch in die andere Richtung weitergeht, hatte ich vorher überhaupt nicht gesehen, aber da sind noch drei Türen. Zwei von ihnen stehen offen, ich sehe Schreibtische, Betten und viel Papier auf dem Boden, Zettel und Bücher und geheftete Mappen. Wie ich so im Halbdunkel vorsichtig in diese Zimmer sehe, komme ich mir, wie schon eben am Klingelbrett vor, wie in einem schwachsinnigen deutschen Fernsehfilm, in dem der unbedarfte Ehemann auf der Suche nach seiner Frau in einer Drogenhölle landet und sich dort linkisch benimmt, um schließlich seine Frau zu finden, wie sie gerade mit einem Lederjackenträger rummacht. Weil ich das schon vorher denke, kann es mir nicht passieren. Das habe ich mal irgendwo gelesen und bis jetzt hat es immer funktioniert. Von einer Drogenhölle ist die Mädchen-WG zwar weit entfernt, aber riechen tut es immerhin auch nicht gut. Ich klopfe an die geschlossene Tür und öffne sie dann, denn die anderen beiden Zimmer waren leer. Anne muss hier sein. Anne ist da. Sie sitzt am Boden auf einer Matratze, auf der eine Ikea-Bettwäsche liegt. Ich sehe sie und ich sehe, dass etwas nicht stimmt, alles ist unnatürlich. Das ist das Allererste, was ich denke: unnatürlich. Anne ist nackt, ihre Brüste sehen mich an und auch ihr Kopf. Das bannt mich so reflexartig, genau wie eine Nackte auf dem Stern-Cover und ich schaue erstmal Anne an, wie irgendeine nackte Frau und es dauert ein paar Sekunden, bis wir wieder atmen und bis ich sie richtig erkenne und weiß: Ja, das ist Anne, meine Freundin, die ich seit vier Wochen nicht gesehen habe. Aber etwas stimmt nicht und dann fliegt alles in mir durcheinander. Anne sitzt auf einem Mann. Die beiden sind in der Bewegung erstarrt, ich sehe seine Hände, wie sie von hinten ganz schlaff auf Annes Hüftknochen liegen. Irgendwo in der Nähe fährt ein Martinshorn vorbei. Ich begreife, dass die Füße, die unter Anne vorkommen und in meine Richtung zeigen, seine Füße und auf der Unterseite gelb sind. In dem Moment in dem mir das bewusst wird, stehe ich schon wieder vor dem Wandschrank. Unten, auf der Straße, ist Luft.
Vier Die Wärme draußen legt sich wie ein Handtuch beim Friseur um meinen Kopf. Ich renne nicht, aber ich gehe sehr schnell, irgendeine ewige Einkaufsstraße entlang. Die Menschen haben Sonnenbrillen auf und Supermarkttüten in der Hand und kommen mir ausnahmslos entgegen. Ich versuche irgendein System in das Durcheinander zu kriegen. Es ist, als wäre in mir ein Team Katastrophenhelfer ausgestiegen, die mich, den Schockpatienten, anbrüllen. Wissen Sie, wo Sie sind? Wissen Sie, was passiert ist? Komischerweise finde ich am Schlimmsten, dass etwas passiert ist, obwohl ich es ziemlich genauso „vorgedacht“ hatte und es damit eigentlich nicht passieren durfte. Am Zweitschlimmsten: dass Anne mich in so eine Klischee-Situation bringt. Ich ertappe sie mit einem anderen. Die spinnt doch. Indem ich sie jetzt „geschmacklos“ finde, reagiere ich wie alle hintergangenen Männer und das nehme ich ihr übel. Gehe ich jetzt auch in eine Kneipe, betrinke mich und erzähle dem gelangweilten Barkeeper meine Story? Da müsste ich beinahe schon wieder lachen, so stereotyp wäre das. Hallo Barkeeper, ich bin der Stereo-Typ!

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Illustration: Julia Schubert

Die Männer in den Kombis, die ich mit Nora beobachtet habe, fallen mir wieder ein und etwas in mir sehnt sich danach, jetzt zu ihnen zu gehören. Sie würden in so einer Situation irgendwie richtig reagieren, richtiger als ich jedenfalls. Oder sagen wir: echter. Ich bin nie eins zu eins, nicht mal jetzt. Ich überlege, wo mir das Echte abhanden gekommen ist und denke, es war wohl irgendwo in den Neunzigern. Da fing es an, dass ich bei allem was ich tat, mir noch mal aus der Vogelperspektive zugeschaut habe. Ein Vogel, der alles einordnen musste, was passierte: Ich, wie ich zu spät über die Uni-Treppen springe, Ich wie ich mit Thomas und den anderen nach einer Sommernacht am Leine-Ufer sitze, Ich wie ich gegen den Bierautomat im „HideOut“ schlage, weil er mein Bier nicht rausrückt. Und jetzt eben: Ich, wie ich über den Gehweg jage, gegen den Strom der Menschen die einfach nach Hause gehen, weil das ihre Stadt ist und weil das in ihrer Tüte ihr Brunch-Brotaufstrich ist. Dann stehe ich vor dem Dom. Der Kölner Dom ist eine Illusion, so wie er da steht, eingekeilt zwischen Neukram und Jeansladen, das gibt es eigentlich nicht. Alle wissen, dass es ihn eigentlich nicht gibt, aber alle tun so, als wäre er da. Ich setze mich in das Café an der Domplatte, es ist kurz nach fünf, das bedeutet, die Leute um mich herum, essen schon eher Würstchen als Torte. Solche Cafés mit großer Terrasse erinnern mich immer an alte Fernsehaufnahmen, Zürich 1960 oder so, in denen die Männer alle aussehen wie Max Frisch und Anzüge in einem Grüngrau tragen, das es heute gar nicht mehr gibt, dazu Hüte und alle sprechen sie gleichzeitig über Hörspielproduktionen vom WDR. Ich bestelle Bier, die Kellnerin könnte meine Großmutter sein, behandelt mich aber, als wäre sie meine Mutter. Das Geklacker der Skateboardfahrer auf der Domplatte. Ein Mann mit einem Protestschild ist das Einzige, was sich in der Fußgängerzone nicht bewegt. Die Tauben kennen ihn schon, sie balancieren oben auf dem Rand des Protestschilds, auf dem etwas mit Schuldenabbau steht. Wie fühle ich mich eigentlich? Ich muss doch ein Gefühl haben, jetzt, schließlich war ich gerade Hauptrolle in einem Konflikt, über den seit Jahrhunderten gefühlige Meisterwerke geschrieben, gemalt und komponiert werden. Ich versuche mich auf Wut zu konzentrieren, schweife aber sofort wieder ab. Nicht mal Selbstmitleid funktioniert richtig, sonst ist das meine Königsdisziplin. Aber jetzt erscheint es mir, als wäre meine ganze dämliche Audi-Aktion an der Sache schuld. Wenn ich nicht gefahren wäre, hätte ich es nicht gesehen und alles wäre noch gut. Ein memmiger Gedanke, aber dafür bin ich schon immer sehr empfänglich gewesen. Das Handy schüttert, SMS von Anne. „Was jetzt?“ steht da und während ich das lese kommt noch eine SMS „Darf ich dich anrufen?“ und ich werde endlich einigermaßen wütend, denn das ist ja wohl die allerschlimmste Frage überhaupt. Denkt sie, dass ich noch zehn Minuten brauche, um drüber hinweg zu kommen? Dass ich mal lieber meine Ruhe haben will? Gerade als ich ein pampiges „Morgen zwischen 15-16 Uhr würde es besser passen!“ zurücktippen will, sehe ich, dass die zweite SMS gar nicht von Anne war, sondern von Nora. Gleich finde ich die Frage ziemlich charmant, auch wenn meine Verfassung gerade nicht besonders charmeempfänglich ist, sondern wie ein schwarzes Loch alles was in meine Nähe kommt verschluckt. Bier zum Beispiel. Gerade serviert die Oma mit weißer Schürze und blaugetönter Brille das zweite Glas, mit so einem Papierfetzen unten dran, der sofort wegfliegt, als ich trinke. Rund um hohe Gebäude ist es ja immer sehr windig. Ich schreibe Nora ein ganz normales „Klar!“ zurück, an Anne erstmal nichts. Es ist immer noch warm, ich merke, dass ich schwitze und hebe meine Arme ein wenig, so dass unter ihnen etwas vom Stadtwind Richtung Rhein wehen soll, was aber gar nicht funktioniert. Die Leute um mich herum wirken, als wären ihnen gerade die Batterie ausgegangen, die flanieren nicht, die schlappen. Nora also, denke ich und komme mir ein bisschen wie Zorro vor. Eine weg, andere ran. Bei aller Zurückhaltung, ihre SMS klingt nicht wie „Kann ich morgen wieder mit zurück fahren?“ und erst recht nicht wie „Ich habe was im Auto vergessen.“ Viel eindeutiger klingt es nach „Ich muss dir was sagen, dass ich mich beim Abschied nicht getraut habe.“ Nora also. Ich lege das Telefon kerzengerade vor mich auf den Tisch und versuche mich zu sammeln. Bier Nummer drei bringt mir eine andere Kellnerin, vielleicht ist die Alte nach Hause gegangen, vielleicht ist es in so einem riesigen Cafe auch völlig egal, wer was bringt und am Ende wird die Tonne Trinkgeld gerecht geteilt oder das schwule Besitzerpärchen kriegt alles. Ich werde Nora nichts von der Sache mit Anne sagen, nicht gleich. Es gefällt mir, dass sie denken könnte, ich wäre gerade mit Anne sehr nett, denn dann wird sie ein wenig unsicher sein und das ist dann meine Entschädigung für ihr herzwürgendes „Ciao“ beim Aussteigen. Vielleicht will sie sich heute Abend mit mir treffen. Dann werde ich sagen, dass Anne ohnehin in einer Probe ist und ich beinahe Gefahr gelaufen wäre, mich zu langweilen. Dann könnten wir uns treffen und ich ihr die ganze Geschichte erzählen und dann würde das alles so wirken, als wäre die Zeit perfekt für etwas Neues, selbst wenn wir das gar nicht aussprechen, wüsste es jeder. Der Audi und Wau fallen mir ein, wie zwei Gefährten, die ich aus den Augen verloren habe. Hoffentlich ist Wau nicht tot, wenn ich wiederkomme. Das heißt, es wäre gar nicht so schlimm, wenn er tot wäre, nur wenn er gar nicht mehr da wäre, hätte ich Schwierigkeiten. Wäre er tot, könnte ich sagen: „Mamchen, du hattest recht mit dem Darmkrebs.“ Und vor lauter Aufregung würde mein Vater gar nicht merken, dass der Audi-Tank total leer ist, weil sein Sohn mit dem Benzingeld auf der Domplatte Bier getankt hat. Und wenn doch, würde ich sagen, ich hätte noch versucht den krampfenden Wau in die Tierklinik nach Bremen zu fahren, weil sie nur dort... . Ich mag Lügengebäude, wenn sie gut sind, kann man überall noch ein Zimmer anbauen. Nora also. Ich höre, wie ich Thomas sage, dass ich über die Mitfahrzentrale eine Supersüße kennen gelernt habe und wir postwendend abgestürzt sind. Ich höre, wie er zunächst schweigt, dann aus irgendeiner Schublade „Und Anne?“ zieht, worauf ich wie ein Knallbonbon platze, alles erzähle und er schließlich mit einem „Na dann, passt doch.“ die Absolution erteilt. Anne. Ich habe ihr immer noch nichts zurück geschrieben. „Gib mir Zeit“, wäre schön dramatisch und gleichzeitig ehrlich, denn ich weiß gerade tatsächlich gar nichts zur Sache zu sagen. War’s das jetzt? Will sie, ich meine, will sie immer bei dem bleiben? Oder ist das mehr aus so einer Gruppendynamik entstanden und hat nichts mit uns zu tun? Warum war da überhaupt ein Mann, wo doch angeblich nur Frauen erlaubt sind? Bestimmt so ein Theatertyp mit weicher Stimme. Ich ziehe noch mal das Bild von der vögelnden Anne aus dem Müllberg hervor, unter den ich es gleich gelegt hatte. Tut ganz schön weh. Gleichzeitig ist schon ein Schleier darüber, als wäre es länger her als es ist. Saßen die beiden auf einer Matratze oder am Boden? Letzteres, rede ich mir ein, spräche für die spontane „Hat gar nichts bedeutet, hat uns einfach übermannt“-Fassung, andererseits leider auch für: animalische Liebe, Hörigkeit und diesen Kram. Auf der Matratze könnte dann gleichzeitig bedeuten: Ihr Liebesleben ist schon ganz natürlich (blöd!) oder eben auch schon: echt fad, die Aufregung gar nicht wert. (gut!). Alles Quatsch natürlich, aber man kann gut dabei Bier trinken. Schattig ist es jetzt. Der Dom hat seine Konturen verloren und steht wie eine zu große Wand im Weg. Die Leute halten Abstand, wenn sie daran vorbeigehen. Das Handy klingelt, ich erschrecke, weil der ganze Tisch dunkel vibriert. Noras Nummer steht im Display. Ich atme einmal länger als nötig und mache eine unbeteiligte Stimme. „Hallo?“ „Ja, ich bin’s, Nora.“ Irgendwas ist bei ihr im Hintergrund los, Lachen und Musik, das passt schon wieder nicht in meine Vorstellung. Sie redet weiter, ich muss aufpassen. „Pass auf!“ Warum sagt sie das jetzt auch noch? „Also...“ Sie holt Luft. Jetzt kommt’s. „Wozu dient die Erststimme bei einer Bundestagswahl?“ „ ...“ „Jan, schnell, wir spielen hier Wer wird Millionär! Du hast doch Politik! 20 Sekunden noch!“ Nora kreischt, dann kreischt der ganze Hintergrund. Offenbar ist die Uhr runtergefallen, es raschelt am Hörer. „Bundestag“, sage ich „Wer aus deinem Wahlkreis in den Bundestag kommt.“ „Danke!“ schreit Nora, dann ist die Leitung leer. Behutsam stecke ich das Handy in die Hosentasche. Es ist jetzt sehr still im Café. Die zwanzig Euro, die Nora mir auf dem Rastplatz gegeben hat, lege ich unter mein leeres Bierglas und stehe auf. Ganz kurz habe ich das Gefühl, der Dom käme mir entgegen. Aber er ist es, der fest steht und ich bin es, der schwankt. Ich gehe quer über die Domplatte, am Museum Ludwig vorbei. Auf der obersten Betonstufe bleibe ich stehen. Von hier sind es wirklich nur noch ein paar Meter bis zum Rhein.

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Illustration: Julia Schubert

Diese Geschichte stammt aus dem Buch Von A nach B plus X - Geschichten von der Rückbank, das in diesen Tagen im Berliner Taschenbuchverlag erschienen ist.

Text: max-scharnigg - Illustration: Katharina Bitzl

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