Das Museum der vergangenen Liebe

Das rote Tön-Shampoo, ein halber Joint, ein Büschel Haare oder ein Tampon: Was bleibt von der Ex? Der Schriftsteller Marc Fischer forscht nach.
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Es stimmt ja nicht, dass nichts übrig bleibt, wenn sie gehen. Es bleibt eine Menge: von Marie das rote Tön-Shampoo und die einzige Creme, gegen die sie nicht allergisch war; von Eva eine kaputte 90-Minuten-Kassette mit Liedern von Elvis Costello, ein Rest Wunderkerze, eine vielleicht etwas zu romantisch geteilte Dollarnote (für New York); von Jessica ein halber Joint und ein Foto im Gück; von Carolina ein Büschel Haare (sie hatte soviel davon); von Lena Augentropfen, Lippenstift, ein Tampon, ja nun, manchmal ist das alles.

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Illustration: Julia Schubert

Fast jeder Dieb, Räuber, Mörder hinterläßt Spuren am Ort seiner Tat – aber kaum jemand läßt mehr zurück als Liebende, die auf einmal keine Liebenden mehr sind. Der Dieb nimmt weg, wenn er kommt; die Ex-Liebe fügt hinzu, wenn sie geht: Gefühle, Schmerzen, Erinnerungen in Form von alten T-Shirts, Notizbüchern, Lippenstiften, Ausweisen, Zahnbürsten, Taschenbüchern, CDs, Flugtickets, Kinokarten, Cocktailkleidern, Weinflaschen, Kaugummis, Fremdwährungen. Seltsame Totems vergangener Existenzen sind das, die Geschichten erzählen, und meist sind sie traurig. „Got a picture of you beside me, got your lipstick mark still on your coffee cup“ heißt es in dem Trennungsklassiker „Back for good“ von Take That. Was tun mit diesen Dingen der Vergangenheit, ihren stillen Schreien und ihrem schrillen Schweigen? Ich wusste es lange nicht, bis mein Freund, der Signore (kein Italiener, tut aber immer so) mir sein Prinzip erklärte. Ihm nach gibt es zwei Methoden. Methode Nummer 1 nennt er den „Alexander-Weg“, nach Alexander dem Großen. Sie geht so: Wie der Feldherr Persepolis zerstörte, brennt man nach der Trennung alles nieder, was einen an sie / ihn erinnert – jeden Schnipsel, jedes Haar, jeden Zettel. Du löschst die Festplatte, fängst von vorn an, sagst dir: Neue Liebe, neues Ich. „Die meisten Menschen machen, versuchen es so. Manchmal klappt es sogar“, sagt der Signore. Er persönlich hingegen bevorzugt eine andere Methode. Er nennt sie „Das Prinzip Shinto“, denn es war sein japanischer Freund Daisuke, der sie ihm beibrachte, vor vielen Jahren. Der Signore war damals gerade von seiner ersten Frau verlassen worden. Mit drei leeren Weinflaschen und etwa 36 484 zerstörten Fotos, Briefen, Damenkleidern, saß er heulend auf dem Fußboden und versuchte mit dem Hammer seinen Ehering ins Parkett zu klopfen, als Daisuke ihn fand. „Mag sein, dass die Dinge tot auf die Welt kommen“, sagte Daisuke, nachdem er dem Signore etwas warmen Sake gebracht hatte, „aber sie werden lebendig, nachdem Menschen sie berührt haben. Darum bringt es nichts, sie wegzuwerfen oder zu vernichten. Sie bleiben eh an und in uns.“ Was er damit sagen wollte, war: Wir können unsere Seele nicht verarschen und all diese Dinge darum genausogut auch behalten – und so verehren wie im japanischen Denken auch Steine, Fernseher oder Lampenständer verehrt werden können. Daisuke erzählte dem Signore von seinem Onkel, der aus dieser Haltung fast eine eigene Kunstform entwickelt hat: Er, der sich oft im Leben ver- und entliebte, hat aus den Fundstücken seiner Verflossenen eine Art Altar errichtet: einen Holzschrein mit vielen Schubladen, und in jeder steckt was Kleines von Mayumi, Naoko, Yasuko, Erin, Yoko, Hiroko. Das „Museum der vergangenen Lieben“ nennt Daisukes Onkel diesen Schrein; und wie kostbare Relikte behandelt und pflegt er all die hinterlassenen Taschentücher und Plastikblumen und Haarspangen und Cocktail-Schirme. Und kostbar waren uns die Menschen ja auch, die diese Gegenstände hinterlassen haben. Es waren uns ja mal die allerkostbarsten Menschen. Nicht jeder muss so systematisch / poetisch vorgehen wie die Japaner, aber auch ich schmeiße nichts mehr weg, seit ich das Prinzip kenne. Mein Museum der verlorenen Lieben ist ein alter Lederkoffer, auf den ich mit silbernem Edding „Gestern, vorgestern, früher“ geschrieben habe. Drin befinden sich neben den Resten von Marie, Eva, Carolina, Jessica auch noch die von Olga, Sara und Anna und neulich, unfassbar, fand ich sogar noch was von Sandra und Beatrice, die ich zwischen elf und dreizehn liebte. Und immer, wenn ich den Koffer öffne (oder etwas Neues hineintue), ersteht das, was längst vergangen ist, kurz neu: Der Duft von Maries Shampoo bringt den Glanz zurück, den die Sonne ihr manchmal ins Haar legte; Evas Kassette ist genau an ihrem Lieblingslied gerissen, „The Angels wanna wear my red shoes“; Annas Begründung „Mehr ist mehr“ höre ich, wenn mir ihre 135 Packungen Nierentee entgegenfallen; Jessicas Joint, das Foto aus Marseille, der Schlüssel – hundert Romane, Lieder, Filme ließen sich darüber schreiben, singen, drehen! Wo sind all diese Menschen jetzt, wie geht es ihnen? Und wie funktioniert diese Energie, die uns erst zusammenbringt und dann wieder auseinanderreißt – und warum muss das so sein? Muss es denn überhaupt? Ach, viele der Souvenirs, die in den Kellern, Schränken, Schubladen der Welt versteckt liegen, könnten uns zu diesen ja immer noch ungeklärten Fragen eine Menge erzählen. Es sind Zeugen der Liebe, sie sollten gehört werden.

Text: marc-fischer - Fotos: Roman Raacke

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