"Das Oktoberfest war kein großer Erfolg"

Wer sich richtig gut mit Bier auskennt, ist nicht nur in Deutschland ziemlich gefragt - vier junge Braumeister erzählen von ihrem Alltag in Nigeria, auf den Bahamas, in den USA und auf hoher See.
anna-kistner
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Illustration: Julia Schubert

Wer das Brauhandwerk an einer der acht Berufsschulen und drei Meisterschulen in Deutschland gelernt hat, besitzt ein begehrtes Fachwissen und der Abschluss des Diplom-Braumeisters, den die TU Berlin und die TU München-Weihenstephan anbieten, ist weltweit sogar einzigartig. Fast zwangsläufig arbeiten deutsche Bierbrauer auf dem ganzen Globus. Weil biermäßig gerade sowieso alle nach München schauen, haben wir über die Grenzen geschaut und Braumeistern zugehört, die ihren Lohn im Ausland verdienen. Wie ist es, der Welt das Bier zu erklären? Die Brauerin: Meike Bluhm, 26 Der Brauort: Port Harcourt, Nigeria

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Illustration: Julia Schubert

"Ich bin Braumeisterin bei „Pabod Breweries“ in Port Harcourt. Das ist im Süden von Nigeria. Hier leite ich ein Team von 30 Mitarbeitern und habe eigentlich eine Art Managerposition inne. Ich kümmere mich also um die Produktionsleitung, um den Rohstoff-Einkauf und um die Verwaltung. Da in Afrika aber vieles anders läuft als in Deutschland, kann es gut sein, dass ich in einem Moment im Büro arbeite und im nächsten von oben bis unten mit Bier besudelt in der Halle stehe. Vor drei Jahren habe ich meinen Abschluss als Diplom-Brauer an der TU in Berlin gemacht. Eigentlich wollte ich noch einen Ingenieurs-Titel erwerben, aber kurz bevor diese Ausbildung losgegangen wäre, wurde mir angeboten, in Nigeria Brauer anzulernen. Diese Praxis hat mir so viel Spaß macht, dass ich gar keine Lust mehr auf Theorie hatte. Ich bin dann einfach in Nigeria geblieben und weiß ehrlich gesagt gar nicht, ob ich so schnell überhaupt wieder nach Deutschland will. Das wäre wie ein Kulturschock für mich. Lauter muffelige Leute auf den Straßen. Klar ist der Alltag und das Arbeiten in Nigeria mit viel mehr Strapazen verbunden als in Deutschland, aber über was ich mich hier jeden Tag aufs Neue freue, ist die Warmherzigkeit der Menschen. Klingt vielleicht irgendwie kitschig, ist aber wirklich so. Auch das Brauen ist etwas Besonderes in Nigeria. Hier kann man mit seiner Arbeit selber noch richtig was verändern. In Deutschland operieren die Brauereien auf so einem hohen Niveau, dass es schwierig ist, als einzelner Brauer den Unterschied zu machen. Es ist schon ein schönes Gefühl, in einer Bar in Port Harcourt zu sitzen und sein eigenes Bier zu trinken. Ein bisschen macht es mich auch stolz, unter solch schwierigen Bedingungen gute Qualität herstellen zu können. In Nigeria brauen wir übrigens nicht nach deutschem Reinheitsgebot. Das deutsche Bier wäre den Nigerianern viel zu bitter. Wir verwenden zwar Gerstenmalz als Basis unserer Biere, anteilig werden aber auch Zucker und Sorgum, eine afrikanische Getreidesorte, als Zutaten für unser Lager-Bier eingesetzt. Außerdem stellen wir ein Stout, also so etwas Ähnliches wie Guiness, her und ein alkoholfreies Malzbier. Vom Oktoberfest haben in Nigeria nur die wenigsten Menschen überhaupt schon einmal gehört. Vielleicht ein paar vereinzelte Brauer aus meinem Team. Unser „Oktoberfest“ ist der Tag der Unabhängigkeit am 1. Oktober. An diesem Tag wird bestimmt viel Bier getrunken in Nigeria. Ansonsten gehen viele Nigerianer nach der Kirche erstmal in die Bar und trinken ein Lager. Man muss wissen, dass die meisten Menschen in Nigeria keinen Kühlschrank haben. Also gehen sie in eine Kneipe, um ein kühles Bier zu trinken." Auf der nächsten Seite: André über die Kunst, Bierbrauen mit Karaoke Singen zu verbinden.


Der Brauer: André Klein, 35 Der Brauort die AIDAblu, ein Schiff

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Illustration: Julia Schubert

"Die Brauerei, in der ich als Braumeister arbeite, ist das erste schwimmende Brauhaus der Welt. Im Februar wurde die AIDAblu in Betrieb genommen und damit auch die Schiffsbrauerei. Wir sind ein Team von drei Braumeistern, die abwechselnd vier Monate lang auf hoher See Bier brauen. Mein Dienst begann Mitte Juni, dauert also noch bis Anfang November. Danach kehre ich zu meinem alten Job als Braumeister bei Radeberger nach Frankfurt zurück. Da Radeberger Partnerunternehmen bei der AIDA ist, wurde der Job als Kreuzfahrtschiff-Braumeister dort intern ausgeschrieben und ich war total glücklich als ich die Zusage bekam. Momentan toure ich zwischen Teneriffa, Lanzarote und Gran Canaria hin und her. Da ich aus zollrechtlichen Gründen nur brauen darf, wenn wir auf hoher See sind, habe ich hin und wieder auch mal ein paar Stündchen Zeit, um an Land zu gehen und neue Städte und Länder kennenzulernen. Mich hat es schon immer gereizt, im Ausland zu brauen. Direkt nach meiner Brauerlehre bin ich nach Italien zu einer Mailänder Gasthausbrauerei gegangen. Später wollte ich dann mein Braumeister-Diplom an der Uni in Weihenstephan machen, musste aber schon nach einem Semester das Projekt abbrechen. Alpha, Gamma und Sinuskurven waren nicht so mein Fall. Ich bin ein Praktiker, kein Physiker. Meinen handwerklichen Meistertitel habe ich dann an der Doemens Fachakademie für Brauwesen gemacht. Anschließend wollte ich wieder ins Ausland und bin dann in Albanien gelandet. Lange habe ich es dort nicht ausgehalten. Der Chef war irgendein Mafiaboss, die ganze Produktion lief vollautomatisch ab und außerdem fiel fünf Mal am Tag der Strom aus, was die Qualität des Bieres nicht unbedingt gesteigert hat. Der Job als Braumeister auf einem Kreuzfahrtschiff ist sehr viel anstrengender als das Brauen in einer ganz normalen deutschen Brauerei. Zum einen liegt das daran, dass die Bierherstellung hier nicht ganz unaufwändig ist. Das Brauwasser wird zum Beispiel mit Hilfe einer speziellen Entsalzungsanlage direkt aus dem Meer gewonnen. Außerdem stehe ich unter der ständigen Beobachtung der Gäste. Sie können mir während des Brauens Fragen stellen und auch richtige Bierbrau-Seminare bei mir besuchen. Vor kurzem haben wir einen Karaoke-Abend in der Schiffsbrauerei veranstaltet. Da musste es dann natürlich einen singenden Brauer als Überraschungsgast geben. Ich bin also rund um die Uhr im Einsatz. Mein einziger Chef ist das Bier und der Durst der Gäste. Wenn die Tanks langsam leerer werden, muss ich neuen Sud ansetzen. Drei verschiedene Biersorten braue ich hier auf der AIDA. Im an die Brauerei angeschlossenen Biergarten können die Gäste ein nach Lizenz gebrautes „Hövels Original“ probieren, ein Aida-Zwickel und ein wechselndes Saisonbier. Gerade habe ich ein Festbier mit 13,5 Prozent Stammwürze im Gärtank lagern. Pünktlich zum Oktoberfestbeginn machen wir dann Bockbieranstich und feiern unsere eigene Wiesn auf dem Kreuzfahrtschiff-Kunstrasen. Mit dem Koch zusammen überlege ich mir noch ein dazu passendes Gericht. Am besten etwas mit Ochsenfleisch. Im November werde ich mir dann erstmal Urlaub nehmen und Entspannen. Mit Pauschalreisen schaffe ich das übrigens nicht. Eigentlich laufen meine privaten Reisen immer gleich ab: Ich suche mir ein Land aus, miete ein Auto und fahre dann alle Hausbrauereien der Region ab. Als ich mich in der Brauerei in Ontario als deutscher Brauer zu erkennen gab, musst ich dann am nächsten Tag gleich selber brauen. Viel mit Urlaub war dann nicht. Toll war es trotzdem." Auf der nächsten Seite: Susanne und die Tücken des karibischen Lebensstils.


Die Brauerin: Susanne Böse, 30 Der Brauort: Bahamas

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Illustration: Julia Schubert

"Nach meiner Lehre zum Brauer und Mälzer habe ich meinen Diplom-Braumeister an der VLB in Berlin absolviert und arbeite nun für ein Unternehmen, das im Ausland Brauereien baut, berät und managed. Anschließend stellen wir auch den Braumeister und den Betriebstechniker. Die Hälfte des Jahres bin ich für diverse Projekte im Ausland, die andere Hälfte bin ich in Deutschland in der Zentrale. Vor gut zwei Jahren haben wir die Brauerei auf den Bahamas eröffnet. Gerade ist der deutsche Braumeister einen Monat im Urlaub und ich bin als seine Vertretung eingesprungen. Ausnahmsweise bin ich also mal wieder für die Bierherstellung verantwortlich. Hier auf den Bahamas gibt es zwei Brauereien. Eine von Heineken und die von uns. Was die Arbeitseinstellung der Mitarbeiter angeht, ist sie nicht vergleichbar mir der, die in Deutschland vorherrscht. Das lockere Leben macht natürlich auch den Charme der Bahamas Inseln aus. Aber gutes Bier lässt sich eben nur dann brauen, wenn wirklich nirgends geschlampert wird und Dreck auf dem Boden einfach sofort weggewischt wird. Es ist wirklich wichtig, dass der Braumeister hier keiner ist, der den karibischen Lebensstil pflegt. Man muss ein guter Motivator sein und den Leuten auch mal freundlich in den Arsch treten können. Wer das Brauen in Deutschland gewöhnt ist, muss sich darauf gefasst machen, dass auf den Bahamas wenig nach Plan läuft. Mal fällt der Strom aus, mal das Wasser. Technische Ersatzteile sind lokal schwer zu bekommen. Gerade fehlen uns die Flaschen zum Abfüllen, die an eine falsche Adresse geliefert wurden. Das Bier, das wir hier brauen heißt „Sands“ und ist ein leicht gehopftes Lagerbier. Außerdem haben wir noch ein Stout einen Malztrunk und ein Light-Bier im Angebot. Das „Sands Light“ wird eigentlich nur für die vielen amerikanischen Touristen gebraut. Es hat kaum Kalorien und kaum Geschmack, dafür aber einen ähnlich hohen Alkoholanteil wie das normale Lager. Amerikaner mögen so etwas: kalorienarmes Bier mit fettigen Pommes. Eine weitere Biersorte, das „High Rock“, wird nach deutschem Reinheitsgebot gebraut, aber da das Malz auf den Bahamas teuer importiert werden muss, wird bei dem Großteil unserer Biere auch Zucker zur Extraktgewinnung genutzt. Das Oktoberfest wird hier nicht extra gefeiert. Letztes Jahr haben wir an einem Samstag eine Art „Oktoberfest“ gefeiert, aber das war kein großer Erfolg. Die Leute wussten einfach nicht, was auf so einer Veranstaltung passieren soll. Auf den Bahamas feiert man Endes des Jahres groß Karneval. Dann trinken die Leute auch viel Bier." Auf der nächsten Seite: Florian und der amerikanische Traum von der eigenen Brauerei.


Der Brauer: Florian Kuplent, 36 Der Brauort: St. Louis, Missouri, USA

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Illustration: Julia Schubert

"Zwei Monate ist es jetzt her, dass ich meinen Job bei dem weltweit größten Bierkonzern Anheuser-Busch Inbev in St. Louis gekündigt habe. Schon als Kind habe ich von meiner eigenen, kleinen Brauerei geträumt. Hier in Amerika will ich ihn jetzt endlich verwirklichen. Meine Kollegen aus Bayern, wo ich aufgewachsen bin und das Brauen gelernt habe, werden mir da möglicherweise widersprechen, aber: Amerika ist das derzeit interessanteste Bierland der Welt. Es ist unglaublich, was sich hier für eine Biervielfalt entwickelt hat. Wenn man zum Beispiel in St. Louis in den Supermarkt geht, steht man vor zwei riesigen Stellewänden voller Spezialbiersorten und kann sich kaum entscheiden. Seit einigen Jahren entstehen als eine Art Gegenbewegung zum Einheitsgeschmack der amerikanischen Biere überall in den USA so genannte Microbreweries. Das sind kleine Brauereien, die alle möglichen kreativen Biersorten herstellen. Die Kunden mögen diese Vielfalt. In Amerika hat Bier noch oft den Status eines besonderen Getränks. In Deutschland gehört Bier zum Alltag. Oft geht es im Verkauf nur noch um den Preis. Mein Diplom als Braumeister habe ich an der TU München-Weihenstephan in Freising gemacht. Anschließend bin ich nach London zu einer kleinen Brauerei gegangen, die mit meiner Hilfe als Brauexperte in Betrieb genommen wurde. Auf einer Dienstreise in die USA habe ich im Flugzeug meine zukünftige Frau kennengelernt, eine Amerikanerin. Es hat dann nicht mehr lange gedauert bis ich zu ihr in die USA gezogen bin und bei Anheuser-Busch als Schichtleiter angefangen habe. Später war ich zuständig für die Entwicklung von Spezialbieren für den amerikanischen Markt. Mit einem bayerischen Weißbier, dem „Michelob Bavarian Style Wheat“, habe ich sogar eine Qualitätsauszeichnung gewonnen. Für immer wollte ich nicht für einen großen Konzern arbeiten. Gemeinsam mit einem früheren Kollegen, der sich um Marketing und Vertrieb kümmert, habe ich die

Text: anna-kistner - Illustration: Katharina Bitzl; Fotos: privat

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