"Das richtige Auto öffnet dir eine Menge Türen"

Akon erklärt, warum Hiphop Schuld an großen Benzinschluckern ist und wieso Pkw sexy sein müssen
jonathan-fischer

Man kann kaum das Radio einschalten, ohne seine Gesangslinien zu hören. Aliaune Akon Thiam, kurz Akon, gehört als Sänger, Songwriter und Produzent zu den erfolgreichsten HipHop-Künstlern Amerikas. Gerade hat der Sohn senegalesischer Einwanderer sein drittes Album veröffentlicht: "Freedom". Was viele nicht wissen: Der Mann, der kürzlich selbst von Michael Jackson ins Studio geladen wurde, liebt Autos mindestens genauso sehr wie Chart-Hits. Herr Akon, Sie waren gerade im Tourbus unterwegs. Ich hätte erwartet, dass Sie sich als Autonarr selbst hinter das Steuer klemmen . . . Akon: Mann, ich hätte es geliebt, selbst zu fahren. Davon fantasiere ich doch die ganze Zeit mit meinen Kumpels in Amerika: Einmal auf einer deutschen Autobahn zu fahren. Das Gaspedal durchzudrücken. Ohne Tempolimit. Bei meiner Ankunft habe ich mich noch zu müde dafür gefühlt. Aber in Köln habe ich mir ein Auto gemietet . . . Welches? Akon: Einen sportlichen BMW . . . Also eins der Modelle, die sie früher regelmäßig geklaut haben? Akon: Sie sprechen von der Zeit, als ich eine Autoknackerbande in Atlanta hatte. Dorthin bin ich damals gezogen, weil da die Musiker, die Filmstars, die berühmten Athleten wohnten - das hieß, es gab was zu holen. Sie kommen nicht aus einer armen Familie. Ihr Vater Mor Thiam hat sich in Amerika seit langem als Jazzmusiker einen Namen gemacht. Warum hatten Sie das nötig? Akon: Zum Teil lag es an der Begeisterung für die Autos, zum Teil war es einfach ein Geschäft. Der größte Reiz war aber der Nervenkitzel: In einem schnellen Wagen zu sitzen und zu wissen, dass man jede Minute in eine Verfolgungsjagd verwickelt werden kann (lacht)

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Illustration: Julia Schubert

Da haben Sie sich sicher nicht an die Geschwindigkeitsbegrenzungen auf amerikanischen Highways gehalten? 70 Meilen? Aber ob Sie es mir glauben oder nicht: Ich habe erst einmal einen Strafzettel wegen Geschwindigkeitsüberschreitung bekommen. Wegen meiner Vergangenheit habe ich da einfach einen Instinkt entwickelt: Ich rieche einen Cop schon eine Meile im Voraus und bremse dann von 200 Meilen runter. Sie wurden nie auf einer Verfolgungsjagd gefasst? Das eine Rennen, das ich gegen die Polizei verlor, hat mich dann ins Gefängnis gebracht. Ich war mit einem geklauten 3er BMW unterwegs. Mein Fehler: Ich hatte den Tank nicht voll gemacht, geriet angesichts der Möglichkeit, aus Benzinmangel liegen zu bleiben in Panik und knallte gegen einen Briefkasten. Das war's dann. Ich kam erstmal hinter Gitter . . . . . . wo Sie mit dem Songschreiben anfingen. Nein, ich fing schon als Kind an, mein Unglück in Liedern festgehalten. Als Immigranten lebten wir in einer Parallelgesellschaft. Die Mitschüler - schwarz wie weiß - verspotteten uns Afrikaner als rückständig. Ich musste täglich kämpfen und gegen ihre Vorurteile angehen. Dafür scheinen Sie sich ja höchst erfolgreich an die afroamerikanische Kultur angepasst zu haben. Mir blieb keine andere Wahl. Anfangs hielt ich HipHop ja für den letzten Müll. Bis ich im Gefängnis entdeckte, wieviel von meiner Erfahrung sich darin spiegelt. Die meisten Hiphop-Hörer haben einen Bezug zum Gefängnis. Wer nicht schon drin war, kennt zumindest jemanden, der dort sitzt. In diesem Land wird man doch für jeden Scheiß eingelocht. Mich wollten sie wegen Autodiebstahls für 17 Jahre hinter Gitter bringen. Nach zwei Jahren haben sie mich mangels Beweisen entlassen. Und von dort sind Sie ins Studio gegangen, um ihre Welthits "Locked Up" und "Lonely" aufzunehmen? So geschmiert lief es leider nicht. Anfangs hielt nicht einmal die Plattenfirma mein Album für radiotauglich. Also habe ich mir Geld geliehen und bin mit einem Minivan durch die größeren Städte Nordamerikas gekreuzt. Jeden halbwegs einflussreichen DJ habe ich zum Essen eingeladen und um Hilfe gebeten. Anschließend bin ich durch die Gefängnisse getingelt. Das war mein Durchbruch: Plötzlich bombardierten die Häftlinge die Radios mit ihren Anfragen. Und die Plattenfirma versuchte nachzuvollziehen, wie "Locked Up" ohne jede Werbung plötzlich zigtausend Radioeinsätze pro Woche bekam. Trotzdem spielt diese Welt im Hiphop kaum eine Rolle. Stattdessen dreht sich in den meisten Videos alles um Frauen, Schmuck und vor allem: Autos. Welche Rolle spielt Hiphop für die Automobil-Kultur in Amerika? Ohne Hiphop gäbe es in unseren Innenstädten wohl kaum so viele dicke aufgetunte Jeeps. Das hängt mit der treibenden Kraft hinter Hiphop zusammen: Sie kommt immer noch aus den Armenvierteln, von Leuten, die ihr ganzes Leben von großen Schlitten träumten, sich das aber niemals leisten konnten. Wenn sie dann durch einen Rapsong in die Lage kommen, ein paar Dollarbündel auf den Kopf hauen zu können, erfüllen sie sich ihre Phantasien. Es geht doch darum zu zeigen: Ich lebe gerade meinen Traum. Was haben Sie sich von ihrem ersten Scheck als Künstler gekauft? Ich habe mir eine Diamantenkette zugelegt. Es war die typische Handlung eines Zukurzgekommenen: Das Geld gleich und gedankenlos auf den Kopf zu hauen, anstatt auf etwas zu sparen, was man wirklich braucht. Jetzt würde ich mir eher ein anständiges Haus kaufen bevor ich mein Geld in einen Lamborghini investiere. Aber in den Hiphop-Videos werden eher teure Autos und Klamotten als Immobilienanlagen propagiert. Das ist die Phantasiewelt, aber nicht die Wirklichkeit. Die Zuschauer müssen lernen, das zu unterscheiden. In Amerika sieht man oft funkelnagelneue 100 000 Dollar-Jeeps vor abgerockten Hütten stehen, die nicht mal zur Garage taugen. Ich habe diesen amerikanischen Autowahnsinn bis heute noch nicht ganz begriffen. Aber jetzt, wo sie womöglich ihr auf Kredit gekauftes Haus verlieren, möchten offensichtlich viele meiner Landsleute in den USA auch keine monströsen Benzinschlucker mehr fahren. Deswegen geht es ja der Autoindustrie so schlecht. Haben Sie schon mal daran gedacht, als Beispiel voranzugehen und ein umweltschonendes Auto zu fahren? Ich unterstütze unseren Präsidenten Obama voll und ganz in seinem Vorhaben, den Abgasausstoß zu verringern. Und ganz ehrlich: Ich brauche gar nicht so viel PS unter der Motorhaube. Mein Problem sind die Karosserien der umweltfreundlichen Autos. Die haben doch alle keinen Stil. Keinen Sex-Appeal. Sonst hätte ich mir schon längst eines zugelegt. Sie müssen ein sexy Auto fahren? Ich merke das auf Anhieb, ob ich in einem sexy Wagen unterwegs bin oder nicht. Wie einen die Leute anschauen. Mit welchem Respekt einem Passanten, ja selbst Ordnungshüter, begegnen. Der richtige Autoschlüssel öffnet dir eine Menge Türen: Ein Date verläuft etwa ganz anders wenn ich in einem hübschen Sportwagen aufkreuze. Wenn Erfolg sexy macht, dann haben Sie das doch gar nicht mehr nötig. Gibt es noch irgendwas, was Sie im Leben noch nicht erreicht haben? Für mich ist es an der Zeit, meiner Heimat Senegal etwas von meinem Erfolg zurückzugeben. Ich habe deshalb gerade eine Stiftung gegründet: IstheresomethingIcando.com. Die nächsten Monate werde ich durch ganz Afrika touren. Nicht um Geld zu verdienen. Sondern um sinnvollen Entwicklungsprojekten zu helfen. Sie unterhalten außer einer Familie mit zwei Kindern, auch noch ein eigenes Plattenlabel und eine Modemarke. Kommt da die Musik nicht zu kurz? Ich muss mich zeitweise fast zerreißen. Am Schlimmsten: Ich habe mir endlich alle die Sportwagen geleistet, von denen ich als Junge geträumt habe - zwei Lamborghinis, einen Maserati, einen Bentley. Nur dass ich kaum noch Zeit habe, sie auszufahren. Das werden wohl meine Kinder für mich nachholen müssen.

Text: jonathan-fischer - Foto: AP

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