Die Beerdigung


Mit drei war mein Opa der wichtigste Mann in meinem Leben. Er war ein großer Russe mit riesigen Händen, die winzige Puppenschuhe schnitzen konnten, die aber auch – geballt zur Faust – oft auf den Tisch hauten. Er war laut und „kochte schnell über“, wie er es selbst nannte. Aber er hatte immer für mich Zeit und immer noch Antworten, wenn andere Erwachsene in der „Und-Warum“-Endlosschleife längst aufgegeben hatten. Wenn ich seine Schritte im Treppenhaus hörte, rannte ich vor der Tür im Kreis herum, wie ein Golden Retriever, der den ganzen Tag eingesperrt war. Mit der Zeit wurde Opa immer kleiner – er schrumpelte zusammen, sein Herz machte Stress. Ich wurde größer. Ich zog mit meiner Mutter nach Deutschland. Andere Männer wurden wichtig.

Als ich 17 war, attackierte Opas Herz ihn wieder – und diesmal gewann es. Die Beerdigung, sagte Oma am Telefon, sei in zwei Tagen. In zwei Tagen war auch DIE Party. DIE Party, auf der der aktuell wichtigste Mann meines Lebens eben diesen Fakt erfahren sollte. Strategien dafür hatte ich schon seit Wochen geschmiedet, Tickets gekauft und einen Push-up-BH. Ich weiß nicht, worüber ich nach dem Anruf mehr weinte: dass Opa gestorben war, oder weil ich mich selbst bemitleidete, weil er es ausgerechnet jetzt getan hatte.

Flugtickets nach Russland kosteten so kurzfristig ein Vermögen. Meine Familie bot an, den Flug zu zahlen. Aber ich konnte ihnen doch nicht zumuten, so viel Geld dafür auszugeben, dass ich mich von einem Mann verabschieden konnte, der es sowieso nicht merken würde, richtig? Auf die eine Person mehr oder weniger im Trauerzug käme es nicht an, sprach ich meinem Gewissen und meinen Eltern gut zu. Sie nickten widerwillig. Ich fühlte mich erleichtert. Ich fühlte mich schrecklich.
 
Die Party und der Push-up-BH waren ein voller Erfolg. Mit dem Mann meines Lebens war ich dann genau fünf Tage zusammen. Als ich ein paar Wochen später nach Russland flog, hatte Oma schon das Doppelbett weggeschmissen. Opas Lada rostete im Hof vor sich hin, in der Windschutzscheibe ein Zettel: zu Verkaufen.

Ich habe an diesem Tag zum ersten Mal richtig verstanden, was „tot“ bedeutet. Es heißt: nie wieder. Nie wieder streiten, nie wieder versöhnen, nie wieder schwere Schritte im Treppenhaus. Ich würde meinen Opa nie wieder sehen. Und meine Chance, es ein letztes Mal zu tun, hatte ich verpasst. Das kann ich mir bis heute nicht verzeihen.

Noch später kam die Erkenntnis, dass Beerdigungen mehr sind als ein Abschied zwischen zwei Menschen. Sie sind ein Weg, den Hinterbliebenen zu zeigen, dass jemand wichtig und geliebt war. Deshalb kommt es bei der Beerdigung auch auf die Cousine dritten Grades an, die nach Katzenklo riecht.

Mir war damals schon bewusst, dass ich etwas Falsches tat. Aber ich hätte auf mein Gewissen hören sollen. Es ist wie mit einer verschleppten Bronchitis: Wenn man sie ignoriert, wird sie chronisch.

wlada-kolosowa


Die Peruanerin


„Bitte“, sagte sie und blickte mich aus großen, dunklen Augen an, „kann ich bei dir schlafen?“ Einen Augenblick haderte ich mit mir. „Sie wird dich ausrauben“, sagte eine Stimme, „völliger Quatsch“, sagte eine andere, „nimm sie einfach mit für diese Nacht, hab ein Herz.“ Immer hatte ich mir gewünscht, mal barmherzige Samariterin sein zu dürfen, mal beweisen zu können, dass ich mich von Klischees nicht beirren lasse. Dass sich mir die Gelegenheit dazu ausgerechnet während der ersten Wochen meines Erasmus-Jahres in Cordoba bieten würde, hatte ich allerdings nicht erwartet. Ich war auf andalusische Nächte und wilde Hauspartys in meiner total internationalen Sieben-Personen-WG eingestellt. Doch nun saß ich nach einem Wochenende in Madrid schläfrig im letzten Bus zurück nach Cordoba. Und hatte ein Problem.

Neben mich hatte sich eine winzige Frau gesetzt, vielleicht 30 Jahre alt. Sie trug einen Rucksack bei sich und sah sehr, sehr, traurig aus. Sie kam aus Peru, aus Lima, und erzählte mir, dass sie dort keine Arbeit habe, dass sie nicht wisse, wie sie ihre zwei Kinder versorgen solle, dass sie jetzt in Spanien ihr Glück versuchen würde. Ihre Kinder und ihren Mann hatte sie in Lima zurückgelassen, für ein Rückflugticket hatte ihr Geld nicht ausgereicht. Ob sie jemanden in Cordoba kenne? Ob sie wisse, wo sie schlafen könnte heute Nacht? Nein. Sie sagte, sie würde eine Kirche suchen, da gäbe es doch immer Menschen, die helfen. Ich war entsetzt angesichts so viel Naivität, sagte nichts und ließ mir stattdessen ein Foto ihrer kleinen Kinder zeigen.

Als wir uns Cordoba näherten – es war nach Mitternacht – wurden wir beide unruhiger. Ich wusste, worauf unser Gespräch hinauslaufen würde. Am Busbahnhof blieb sie stehen und fragte: „Bitte, kann ich heute Nacht bei dir schlafen?“ „Tut mir leid“, sagte eine Person, die definitiv nicht der barmherzige Samariter war, „die Vermieterin hat Gäste im Haus verboten.“ Das stimmte natürlich nicht. Die Wahrheit: Ich hatte einfach keine Lust, mich der Probleme dieser Frau anzunehmen. Ich hatte Sorge, dass sie mich um Geld anbetteln, dass sie meinen Computer klauen, dass sie, wenn sie erst mal in unserer Wohnung war, einfach nicht mehr gehen würde. Aber das konnte ich ihr ja nicht sagen. Die kleine Peruanerin nickte. Kein Vorwurf, kein Flehen. Aus lauter schlechtem Gewissen bezahlte ich uns ein Taxi in die menschenleere Altstadt und kaufte ihr eine selbst gestrickte bunte Peru-Mütze ab, gab ihr zehn Euro, obwohl sie fünf verlangt hatte. Ich wünschte ihr Glück und verabschiedete mich schnell. Sie ging die dunkle, leere Gasse hinunter, so langsam, wie jemand geht, der kein Ziel hat.

Bis heute bereue ich, sie nicht mitgenommen zu haben. Ihr nicht die Gästematratze herausgezerrt, all die verdammten Strickmützen abgekauft und am nächsten Tag bei der Zimmersuche geholfen zu haben. Ich fühlte mich, als hätte jemand meine Menschlichkeit testen wollen – und ich habe den Test nicht bestanden.

christiane-lutz


Das Auto im Maisfeld



Um zwei Uhr morgens kamen J. und ich in die Straße, in der wir wohnten. Er war mein bester Freund und Nachbar, wir waren 16 und lebten in einem ruhigen Dorf am Ende einer noch viel ruhigeren Straße. In dieser Nacht hatten wir mehr als nur ein Bier getrunken, und weil der Himmel sternenklar war und der Wagen seiner Mutter in der Einfahrt besonders schön glänzte, kam J. auf eine Idee.

Ein paar Wochen vorher hatte uns seine Mutter angeboten, irgendwann mal mit uns auf einem Parkplatz Autofahren zu üben. J. hatte eine sehr lässige Mutter. Warum also das Angebot nicht annehmen – und zwar genau jetzt, und ohne die Mutter? Ich war noch nie in meinem Leben selbst Auto gefahren und wäre lieber ins Bett gegangen, sagte das aber nicht. Außerdem wollte J. fahren, ich sollte der Beifahrer sein. Das klang okay. Also holte er den Autoschlüssel aus dem Haus und setzte den Wagen aus der Einfahrt, während ich auf der Straße stand und ihn rauswinkte.

Als er mit dem Wagen quer auf der Straße stand, passierte etwas, das in unserem Dorf sonst nachts nie passierte: Ein Auto näherte sich. Ich erstarrte zu Eis. J. würgte den Motor ab, ließ ihn wieder an, würgte ihn gleich wieder ab. Das andere Auto gab Lichthupe. J. drehte den Zündschlüssel, gab Vollgas und ließ die Kupplung schnalzen. Der Wagen schoss nach vorne, das Auto seiner Mutter kratzte seitlich an dem anderen Wagen entlang, ein Rückspiegel riss ab, dann war es still. Beide Autos standen, ich sah, wie sich die Tür des anderen Autos öffnete. Dann gab J. Gas und raste im ersten Gang die Straße hinab um die nächste Kurve. Und ich rannte weg, so schnell ich konnte.

J. war am Ende unserer Straße in ein Maisfeld gefahren, um sich zu verstecken. Am Ende einer 50 Meter langen Schneise steckte er fest. Nach einer Stunde bekamen wir das Auto frei, J. fuhr es in Schrittgeschwindigkeit zurück in die Einfahrt. Der Wagen sah katastrophal aus, zerkratzt und vermatscht, noch schlimmer sah nur J. selbst aus: kreidebleich und immer noch leicht betrunken. Ich war halb erschrocken und halb sauer auf ihn und half nur noch kurz, Maiskolben und Blätter aus den Radkästen zu holen. Dann ging ich nach Hause.

J. schlief in dieser Nacht gar nicht, erfuhr ich später. Als es hell wurde, stoppte ein Streifenwagen vor seinem Haus. J. musste die Reparatur der beiden Autos zahlen und den Mais des Bauern. Er stotterte die Schulden über Jahre ab und durfte seinen Führerschein erst mit 20 machen. Und ich? Hatte nicht den Mut zu sagen, dass ich auch schuld war. Dass ich genau wie er Lust gehabt hatte auf diese Fahrt unter dem Sternenhimmel. Ich habe ihm nicht mal angeboten, einen Teil der Schulden zu zahlen. Nicht mal ein Achtel. Insgeheim war ich heilfroh, dass ich nicht im Auto gesessen war, sondern auf der Straße stand. Ich war gerne mitgegangen, aber dann nicht mitgehangen. Weil J. ein deutlich besserer Freund ist als ich es war, hat er mir daraus nie einen Vorwurf gemacht. Er war groß, und ich war ein mieser Feigling. 

jan-stremmel


Die Wasserflasche


 


Ich stand vor dem Schrank auf einem Hocker und holte Schokolade aus dem obersten Fach. Neben meinem rechten Fuß stand eine dunkelblaue Plastikflasche. Sie war leer. „Schubs’ die Flasche runter!“, sagte eine meiner Zimmergenossinnen. „Ja, mach mal schnell“, sagte eine andere, die auch auf ihrem Bett lag. Die Flasche gehörte Grace, die gerade nicht im Zimmer war.

Ich war 12. Es war mein erstes Jahr im Internat in Sichuan, China. Grace hatte eigentlich einen chinesischen Namen, den Spitznamen hatte sie sich im Englischunterricht gegeben. Sie war meine Zimmergenossin, und die anderen Mädchen mobbten sie. Ich bekam davon nicht viel mit, weil ich weder mit ihr noch mit den anderen Mädchen viel zu tun hatte. Für mich war Grace ein ruhiges kleines Mädchen, das eines Tages sein Knie verletzt hatte und deshalb an manchen Tagen nicht laufen konnte. Da ich die Größte in der Klasse war, trug ich sie jeden Tag huckepack von unserem Zimmer zum Klassenzimmer. Ich fühlte mich gut, weil ich ihr half.

Warum wollten die Mädchen jetzt, dass ich diese Flasche runterstoße? „Weißt du nicht?“, sagte die eine, „sie hat uns Geld geklaut!“ Ich erinnerte mich, dass ich vor kurzem das Gefühl gehabt hatte, dass in meinem Geldbeutel etwas fehlte, nachdem er im Schrank lag. Aber das war so wenig gewesen, dass ich dachte, ich hätte falsch gezählt.

„Woher wisst ihr das?“, fragte ich. Ich stand immer noch auf dem Hocker. „Mach einfach schnell, sie kommt gleich zurück!“ In meinem Kopf wirbelten die Fragen durcheinander. War das mit dem Geld wirklich Grace gewesen? Warum wollten die beiden Mädchen mich da mit reinziehen? Und warum stand jetzt bloß diese blöde Flasche neben meinem Fuß?

Ich weiß nicht, woher der Impuls kam, aber mein Fuß bewegte sich ein Stück nach rechts. Die Flasche fiel runter, rollte aus meinem Sichtfeld und unter ein Bett. Kurz darauf kam Grace ins Zimmer gehumpelt. Sie fand natürlich ihre Wasserflasche nicht, suchte überall danach. Ich lag im Bett, mit einem tonnenschweren Gewissen. Warum hatte ich das gemacht? Warum hatte ich nachgegeben und das Mädchen mitgemobbt, dem ich sonst half?

Ein paar Tage später kam unsere Lehrerin mit Grace in unser Zimmer. Grace gestand, dass sie von uns Geld geklaut hatte. Ihre teure Uhr war ihr geklaut worden, sie wollte sich so das Geld wiederholen. Außerdem gab sie zu, die Sache mit dem Knie nur gespielt zu haben. Damit wollte sie uns ablenken. Sie gab mir ein Papiertütchen mit dem wenigen Geld, das sie aus meinem Geldbeutel genommen hatte: zwei Yuan, ungefähr 25 Cent, das reicht für ein Eis.

Die mobbenden Mädchen hatten also recht gehabt. Und ich hätte damit gute Gründe gehabt, böse zu sein auf Grace. Aber ich war nicht böse. Alles, woran ich denken konnte, war: Ich hatte mitgemacht. Aus Schwäche? Oder vielleicht wirklich aus Bosheit? Ich weiß es nicht, aber in dem Moment auf dem Hocker sah ich zum ersten Mal eine düstere Seite in mir.

Yinfinity hat die Geschichte von der Wasserflasche auch als Comic gezeichnet. Mehr Comics von Yinfinity findest du hier.



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yi-luo


Die böse Schwester


Ich war in der siebten Klasse, als meine Schwester von der Grundschule aufs Gymnasium kam. Mit neuen Situationen konfrontiert war sie schon immer extrem ängstlich und verschüchtert gewesen. Umso mehr hatte sie sich darauf gefreut, in der neuen Schule gleich eine Verbündete zu haben. Ich leitete zu der Zeit die Schülervertretung für die Unterstufe, die SV, wir organisierten Partys und Videoabende. Sie trat mit einigen ihrer Freundinnen in die SV ein und war, glaube ich, sehr stolz, meine kleine Schwester zu sein.

Und ich? Fand das alles scheiße. War ein Arschloch. Schämte mich für sie. Einfach so, weil ich mich zwischen sechs und 16 generell immer für meine Familie geschämt habe. Ich wollte mit niemandem in Verbindung gebracht werden, dessen Wesen ich nicht bestimmen konnte. Ich fand die Existenz als Einzelkämpfer besser, sie machte mich weniger verletzlich. Also fand ich meine Schwester lieber selbst doof, bevor es jemand anderes tun konnte.

Von ihren Freundinnen aber wollte ich gemocht werden, ich verhielt mich ihnen gegenüber liebenswürdig, interessierte mich für sie, machte Witze und gab ihnen immer die coolen Aufgaben. Meine Schwester ignorierte ich. Lachte sie aus oder putzte sie vor allen herunter. Manchmal tat ich so, als gäbe es sie gar nicht. Ich war kalt, ließ sie stehen oder befahl ihr, irgendeine Drecksarbeit zu erledigen. Es war ekelhaft. Und total bescheuert. Irgendwann trat sie aus der SV aus. Etwas später klaute sie mein Tagebuch und las ihren Freundinnen daraus die für mich beschämendsten Stellen vor. Was mir natürlich einen Grund gab, noch fieser zu ihr zu sein. Dabei hatte ich es ja verdient. Ich hatte ihre Wut provoziert. Aus völlig anderen Gründen zog ich bald darauf zu meinem Vater, wir sahen uns kaum noch und die Zeit verging schnell. Irgendwie verjährte der Konflikt. Vor einigen Jahren entschuldigte ich mich bei ihr. Doch die Sache war schnell abgehandelt, sie wollte nicht viel drüber reden und tat so, als habe sie alles längst vergessen.

Für mich aber ist nichts vergessen. Ich muss mir oft vorstellen, wie niederträchtig behandelt und verletzt sie sich gefühlt haben muss, wie allein und ausgestoßen. Es reißt mir regelmäßig das Herz raus. Es hätte alles so anders kommen können. Bis heute sind wir nicht die harmonischsten Schwestern. Ihr Stil, ihr Geschmack und ihre Meinungen sind oft das komplette Gegenteil von meinen. Unbewusste Abgrenzung, denke ich. Vielleicht habe ich sie ja daran gehindert, der Mensch zu werden, der sie hätte sein wollen? Ich weiß es nicht. Aber an all den Problemen, Unglücken und kleinen Depressionen, die sie manchmal hat, fühle ich mich mitschuldig. Hätte ich mich damals hinter sie gestellt, wäre sie heute vielleicht ein stolzerer, weniger ängstlicher Mensch. Uns zu verbünden, hätte vielleicht uns beide stärker gemacht. Als Älteste habe ich immer davon geträumt, selbst eine tolle, große Schwester zu haben. Als die Chance kam, meiner kleinen Schwester eine zu sein, habe ich sie einfach versemmelt.

martina-holzapfl


Der einfach Schlussstrich


Wir waren drei Jahre zusammen, als ich in eine andere Stadt zog. Und dann hat es nicht viel länger als drei Tage gedauert, bis mich die allabendlichen „Wie geht’s dir, wie war dein Tag?“-Anrufe mehr anstrengten als dass sie mich freuten. In dieser fremden Stadt wusste ich ganz plötzlich, was ich monatelang in meiner heimatlichen Routine verdrängt hatte: Das ist es nicht. Er ist es nicht. Manchmal muss man eben erst einen Schritt zurücktreten, um klar sehen zu können.

Die Entscheidung war eigentlich längst getroffen, schon bevor ich ihn das nächste Mal zu Hause besuchte. Aber ich wollte mir nichts anmerken lassen. Ich redete mir ein, dass ich ihn erst einmal sehen müsse, um abzuwarten, was ich fühlte, wenn ich ihm gegenüberstehe. Natürlich merkte er, dass etwas nicht stimmte. Die Menschen, die dir am nächsten stehen, merken das immer sofort.

Ich fuhr nach München, ging den Bahnsteig entlang, sah ihn und mein Gefühl sagte: nein. Ich werde wahrscheinlich nie vergessen, wie er da an diesem Bahnsteig stand. Nichts ahnend. Dann umarmte ich ihn ganz lange. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt, dass ich Schluss machen würde – und er wusste gar nichts.

Er fragte mich, ob wir zu ihm fahren. Doch alleine die Vorstellung, jetzt minutenlang mit ihm in einer Straßenbahn zu sitzen und dann bei ihm zu sein, überforderte mich komplett. Ich wollte einfach nur weg. So schnell wie möglich da raus. Wir schafften es noch vom Hauptbahnhof bis zur Frauenkirche. Das ganze Gespräch dauerte vielleicht ein paar Minuten. Er kämpfte, nahm mich in den Arm, ließ mich nicht mehr los, doch das machte mich nur noch sicherer. Ich wollte nicht, dass er mich anfasst. Ich war so abweisend, dass es mich selbst erschreckte. Wir tauschten unsere Schlüssel. Er ging.

Das Wochenende verbrachte ich damit, auf den Sonntag zu hoffen. Am Sonntag fuhr ich zurück in meine fremde Stadt. Das war das Beste, was mir nach dieser Trennung passieren konnte. In einer anderen Stadt, in einer anderen Wohnung sein. Beschäftigt sein, andere Gesichter sehen. Ich meldete mich nie mehr. Weil es einfach war und mir einredete, alles andere sei egoistisch.

Diese drei Jahre hätten ein anständiges Ende verdient. Natürlich: Schluss machen ist nie fair und meistens trifft einer die Entscheidung und überrumpelt den anderen damit, aber wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, würde ich es jetzt anders machen. Ich würde mir Zeit nehmen und nicht so feige sein.

Ich denke mir oft, dass wir noch einmal hätten reden sollen. Und es tut mir heute unfassbar leid, dass ich es mir so einfach gemacht habe. Einfach davon gelaufen bin. Ich kann mir nicht verzeihen, dass ich einem Menschen, der es so gut mit mir gemeint hat wie kein anderer, das Herz gebrochen habe. Und das auch noch auf diese unfaire Art und Weise.

anja-schauberger


Text: jetzt-Redaktion - Illustrationen: Yinfinity