„Das wahre Künstlerdasein spielt sich in der Sozialhilfe ab“

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Carl Oesterhelt, 36, macht Musik unter dem Namen Carlo Fashion. Als Gast spielt er unter anderem bei Ms. John Soda und Tied&Tickled Trio.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

„Für Künstler gibt es kein Geschäft. Die Gesellschaft schmückt sich mit ihnen, aber das wahre Künstlerdasein spielt sich in der Sozialhilfe ab. Rückblickend auf die letzten 18 Jahre als freier Musiker gibt es gewisse Strategien, die man lernen muss. Zum Beispiel muss ich jemanden kennen, der eine Bar hat, in der ich für geminderte Preise ein Bier trinken kann, sonst könnte ich mir das nicht leisten. Wenn man ehrlich ist, kann man gar nicht mehr erwarten, außer sein Leben einigermaßen zu regeln. Man entzieht sich ja auch den Regeln, denen andere Menschen unterworfen sind. Ich konnte mir nie vorstellen, irgendwo angestellt zu sein und eine Arbeit zu leisten, die letztendlich nichts mit mir zu tun hat. Freiheit wird gegen Geld eingetauscht. Das ist ein großer Ausgleich. Und doch muss man für sich selbst Werbung machen. Sonst wird man ausgesiebt. Meine eigene Musik ist kaum zu vermarkten. Mir wurde trotzdem mal ein Verlagsvertrag angeboten für drei Jahre. Damals habe ich das naiver gesehen, letztendlich gibt man nur seine Rechte ab, ohne, dass es einem etwas einbringt. Die Möglichkeiten, Geld zu verdienen, sind schwieriger geworden, obwohl alles kommerzialisiert ist – das hört sich paradox an. Ein gutes Beispiel: Wir haben letztens mit dem Tied&Tickled Trio auf dem Roskilde-Festival gespielt. Die Band hat 5 500 Euro Gage bekommen. Das hört sich viel an, aber abzüglich aller Spesen blieben jedem Musiker nur 100 Euro. Und die Agentur, die mit zwei Anrufen den Auftritt abgemacht hat, bekam 20 Prozent. Trotzdem tut man es, vielleicht auch aus Eitelkeit. Wenigstens muss ich keine Steuern bezahlen, weil ich unter dem Freibetrag liege. Aber ich habe von Anfang an so gelebt – mit Musik und Barkeeping meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Und die Platten nehme ich in der Wohnung meiner Freundin auf." Karla Molina, 29, hat an der Kunstakademie Caracas Malerei studiert. Seit zwei Jahren lebt sie als freie Künstlerin in Deutschland.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

„Anfangs habe ich Design studiert – aber das war mir zu eng. Ich wollte meine Kreativität auf meine eigene Art und Weise ausleben können, nicht für einen Auftraggeber kreativ sein müssen. Aber da war gleichzeitig auch die Angst, kein Geld zu verdienen. Erst ein Freund hat mir Mut gemacht. Also ging ich auf die Kunstakademie. Damals hat mich meine Familie noch unterstützt. Hier in Deutschland ist der Druck viel größer, alles ist sehr viel bürokratischer als in Venezuela. Aber das hilft mir, sauberer zu arbeiten und mit einem strengeren Konzept an die Sachen heran zu gehen. Meine Kunst ist der Spiegel des Kampfes, den ich in Deutschland austragen muss. Für mich ist es ein Spiel. Wer kann schon von sich behaupten, Künstler zu sein? Um Erfolg zu haben, muss ich Kontakte knüpfen, mich als Mensch verkaufen, meine Produktivität präsentieren. Erst danach kommen meine Fähigkeiten als Künstler an die Reihe. Das ist nicht immer schön, aber es ist gut gegen den Autismus, den man manchmal bekommt, wenn man zu lange alleine im Atelier ist. Ich bin optimistisch, das Spiel zu gewinnen, obwohl ich mir nicht sicher bin, was das genau bedeutet. Vielleicht geht es darum, weiter zu träumen. Am Anfang meiner Zeit in Deutschland habe ich über ein Stipendium an der Universität unterrichtet. Der Kurs hieß: „Die Soziologie der Kunst.“ Die Arbeit mit den Studenten war toll. Das war, was ich wollte: etwas gesellschaftlich verändern, eine Antwort bekommen. Zum Glück ist München sehr billig, wenn man es kennt. Anfangs war das noch sehr schwierig. Drei Monate ohne Job, ohne Wohnung, da fällt schnell die gesellschaftliche Anerkennung weg. Meine Alternative heißt: zurück nach Venezuela. Aber eigentlich will ich hier bleiben, hier etwas aufbauen. Leider ist es nicht so einfach, in Deutschland immer wieder ein Visum zu bekommen. Außerdem darf ich nicht sehr viel arbeiten. Vier Mal die Woche 10 Stunden in einem Hotel. Zum Glück kann ich dort auch wohnen – und malen. Ich muss eben mit sehr wenig Platz auskommen. Wenn der Kopf explodiert vor lauter Druck, mache ich Kunst, das hilft. Die Freizeit gehört meiner Malerei und neuen Ideen. Und so lange ich noch genügend Geld habe, um mir eine Flasche Wein zu kaufen, ist es gut." Chasper Senn, 24, studiert im dritten Semester Bildhauerei an der Akademie für bildende Künste in München.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

„Manche machen Kunst, um sich in den Mittelpunkt zu stellen und manche müssen es tun, um Genugtuung zu finden. Ich gehöre zur zweiten Sorte. Und es gibt auch viele, die versuchen, ihr Geld damit zu verdienen. Viele Leute in der Kunstakademie stellen sich die Frage, wie sie sich verkaufen sollen. Ich finde es gefährlich, gleich vom ersten Augenblick der künstlerischen Ausbildung darüber nachzudenken, wie man sich am besten in Szene setzt. Eine Selbstfindungsphase sollte schon gewährleistet sein, aber das wird immer schwieriger. Heutzutage stellt man permanent aus, klar, dass darunter die Qualität leidet. Wenn ich gleich zu Beginn einer Arbeit nur an das Geld denken würde, das ich damit verdienen muss, würde ich mit Sicherheit niemals das machen, was in mir steckt. Ich würde mich verfälschen oder nur das machen, was von mir erwartet wird. Kommerzieller Erfolg ist zweischneidig, viele Leute bleiben dann einfach stehen und machen nur noch die Dinge, mit denen sie Erfolg haben. Stillstand ist böse. Deshalb ist es für mich nicht das ultimative Ziel, mit meiner Kunst meinen Lebensunterhalt bestreiten zu können. Höchstens der Idealfall, sonst würde ich mich zu sehr verbiegen. Wenn es nicht klappt, kann ich ja immer noch eine ordinäre Ausbildung machen. Aber ich habe Glück – meine Mutter ist Glasgestalterin und durch das Entwurfsmalen für sie kriege ich mein Geld und mein Equipment. Dadurch bleibt mir aber nur noch ein Viertel meiner Zeit, um meine eigenen Sachen zu verfolgen. Aber es ist nötig. Außerdem kann ich dabei auch handwerklich noch etwas lernen. Gerade versuche ich an einen Auftrag zu kommen, der mir mein restliches Studium finanzieren würde. Wenn es nicht klappt, mache ich halt einfach so weiter. Das klingt wie eine Floskel, aber ich mag es, spontan zu leben. Deswegen kommt es mir eigentlich entgegen, keine Wohnung zu haben – ich lebe in den Ateliers meiner Eltern. Ich sehe das als Vorteil, man kann schnell seine Zelte abbrechen. Ich klappe mein Bett hoch und fahre zwei Kilometer in die Innenstadt, um zu frühstücken und zu arbeiten. Man muss sich schon immer bewusst sein, dass man etwas kann, was andere nicht so gut können. Ein bisschen Arroganz muss sein, aber nur im existenziellen Sinne.“ Fotos: Michael Moorstedt

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