"Davon bekomme ich Pickel"

Im Fernsehen ist Maxi Arland so etwas wie ein Volksmusikstar - für jetzt.de erzählt er aus einer Welt, die nicht jeder kapiert
anabel-schleuning

Mit zwölf Jahren stand Maxi Arland das erste Mal auf der Bühne gemeinsam mit seinem Vater Henry und seinem Bruder Hansi. Sie sangen den Titel "Echo der Berge" und gewannen den internationalen Grand Prix der Volksmusik. Heute moderiert, singt und tanzt Maxi Arland, 29, solo durch verschiedene Shows der Volksmusikbranche. In der ARD moderiert er die Sendungen "MusikantenDampfer" und "Melodien der Herzen", zudem präsentiert er seit vier Jahren für denselben Sender das Silvesterfeuerwerk aus Berlin. Vor dem diesjährigen Jahreswechsel erzählt Maxi anhand von neun Stichpunkten, wie es ist, als junger Mensch seinen Lebensunterhalt mit den Gefühlen älterer Menschen zu verdienen und warum sein Bruder der Branche irgendwann fern blieb.
     
  1. Über die heile Volksmusikwelt
  Die Welt, in der ich arbeite, ist nicht heiler als eine andere. Doch die Sehnsucht nach ein wenig heiler Welt zu stillen, ist ein Teil meines Berufes. Leider wird dies meinen Kollegen und mir immer wieder zum Vorwurf gemacht: Wir würden eine Scheinwelt vorgaukeln und die Realität vernachlässigen, heißt es von denen, die sich mit unserer Branche nicht richtig beschäftigen. Und viele wollen ihr Bild, das sie sich über die Schlager- und Volksmusik in den letzten Jahrzehnten gemacht haben, einfach nur bestätigt sehen. Das ist einfach und kostet keinen mühsamen Blick hinter die aktuellen Kulissen.
    
  2. Über die Berichterstattung
  Es gibt so viele Journalisten, die sehr darauf bedacht sind, alte Klischees zu bedienen und immer wieder das Gleiche zu schreiben, frei nach dem Motto: So, jetzt mach ich mich mal wieder ein bisschen über die ach so heile Welt der Volksmusik lustig und hau mir auf die Schulter, wie schön ironisch ich doch schreiben kann. Davon bekomme ich Pickel! Wenn man schon mit jemandem aus der neuen Generation der öffentlich-rechtlichen Fernsehunterhaltung ein Interview führt, sollte man dies doch bitte ohne die alten Vorurteile im Kopf tun und wenigstens mit dem Ziel, ein neues Licht auf unsere Branche zu werfen. 
  

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Illustration: Julia Schubert

Maxi


  3. Über die Musik
  Hier hat sich, wie in fast allen Musiksparten, sehr viel verändert. Eine natürliche Entwicklung lässt auch bei uns alles moderner klingen. Heino und Co haben vor 25 Jahren fast ausschließlich volkstümliche Instrumente wie Akkordeon, Hackbrett, Zither und Gitarre eingesetzt. Heute haben wir Arrangements wie in der Popmusik. Und wir singen deutsch. Deswegen versteht man alles. Doch am Ende sind es keine anderen Themen als bei internationalen Stars. Meistens gehts eben um die Liebe! Dass wir den ganzen Tag über die heile Welt singen, ist nicht ganz richtig aber auch nicht ganz falsch. Natürlich gibt es auch traurige Lieder. Doch keiner kauft sich eine CD, um zu weinen oder um sich Alltagsprobleme vorsingen zu lassen. Ich bin Entertainer, also Unterhalter und möchte mein Publikum fröhlich machen. Unterhaltungsmusik wäre in diesem Zusammenhang vielleicht der bessere Begriff, denn mit Volksmusik im klassischen Sinne hat das, was wir machen, nichts zu tun. 
  
  4. Über die Shows
  Früher stand in vielen Musiksendungen die Heimat und das Brauchtum im Vordergrund. Zünftig und griabig musste es zu gehen. Das funktioniert auch heute noch, doch neu sind hierbei verbindende, unterhaltsame Showelemente, die es in der Form früher nicht gab. Unser Publikum honoriert diese Entwicklung mit einer unheimlichen Treue. Fünf Millionen Zuschauer schalten regelmäßig meine Shows ein. Doch leider gibt es auch Leute, die sich diese Sendungen nicht ansehen, weil sie die Nennung Genre: Volksmusik in den Fernsehzeitschriften abschreckt. Und schon sind die Vorurteile wieder da.
 
  5. Über das alte Publikum
  Privat höre ich auch mal andere Musik von Alicia Keys, Michael Bublé oder Sportfreunde Stiller. Doch im Fernsehen und auf meinen Konzerten biete ich eine Art Insel der Glückseligkeit mit Musik, die gerade ältere Menschen aus ihrem grauen Alltag reißen soll. Neben aller Leidenschaft für diesen Beruf sehe ich mich dabei auch ein wenig als eine Art Dienstleister. Letztendlich muss ich mein Publikum bedienen. Die Zuschauer sind meine Chefs. Von daher kann ich nicht einfach machen, was mir gerade Spaß macht. Doch den Satz, den ich nicht mehr hören kann, ist: "Du machst ja nur Sendungen für alte Leute." Ehrlich gesagt ist es mir völlig egal, wie alt mein Publikum ist. Es geht doch darum, dass es Menschen sind, die ich begeistern kann. Da spielt das Alter keine Rolle. Und ältere Menschen sind doch nicht Menschen zweiter Klasse. Ganz im Gegenteil. Diese Menschen haben viel erlebt und viel gesehen und können in ihrem Erinnerungsschatz auf ganz große Musiker und Entertainer zurückgreifen. Wenn ich dann als junger Mann angenommen und akzeptiert werde, ist das doch eine riesengroße Auszeichnung. Ich fühle mich geehrt, da in irgendeiner Form mithalten zu können. Doch auch junge Fans sind immer willkommen. 1993, als ich angefangen habe, gabs das eher selten, dass sich junge Leute ins Publikum verirrt haben. Bei meinen Konzerten heute ist das anders. Das Publikum vermischt sich und immer mehr Junge können sich für unsere Art von Unterhaltung begeistern. Sie haben es gewagt, die Klischee-Grenze zu überschreiten und sagen: Egal, was meine Kumpels davon halten, ich geh da jetzt einfach hin, weils mir gefällt. Doch egal ob jung oder alt, wenn ich am Autogrammstand stehe und die Resonanz höre, was den Menschen so ein Konzert mit mir bedeutet, dann kann ich nur dankbar sein für diesen Beruf. Es gibt zum Beispiel einen Jungen aus Passau, der kommt fast zu jedem Konzert von mir. Er bringt Bilder mit, er schneidet Artikel aus Zeitungen aus, hat alle CDs und Karten, die ich dann unterschreiben muss das berührt mich. Dann kenne ich eine Frau, die ich auch immer wieder auf meinen Konzerten sehe. Ihr Mann ist vor ein paar Jahren gestorben und meine Lieder würden ihr ein wenig Trost spenden, erzählte sie mir mal. 

  6. Über die Rolle als Liebling
  Für viele Menschen bin ich wie ein Familienmitglied. Ich bin in deren Wohnzimmern aufgewachsen. Sie haben mich groß werden sehen. Das ist schon eine enge Beziehung und ich fühle mich tatsächlich dazugehörig. Deshalb habe ich auch kein Problem damit, jeden Tag auf der Straße angesprochen oder um Autogramme gebeten zu werden. Wobei ich mich an die Zeit vor meiner TV-Karriere gar nicht so recht erinnern kann. Das ist mein Leben, anders kenne ich es nicht. Für mich ist das auch keine Fassade. Ich bin auf der Bühne der, der ich auch im echten Leben bin. Ich muss niemanden spielen, ich muss keine Kunstfigur sein. Der Maxi Arland, der ich im Fernsehen bin, der bin ich auch privat. Und wenn ich mal nicht so gut drauf bin, dann reiß ich mich einfach für diese drei Stunden zusammen. Das bin ich meinen Fans schuldig. Sicher wäre es schwieriger, wenn ich hinter einem Schalter in einer Bank arbeiten würde und einen Kunden nach dem anderen bedienen müsste. Da könnte mich wahrscheinlich nur schwer etwas aus meiner schlechten Laune holen. Und wenn ich dort dann eine Fresse ziehen würde, dann stört das auch keinen wirklich. Doch werde ich während 100 Tagen Tournee mal krank oder traurig und geh dann raus auf die Bühne, kommt eine Welle der Sympathie, der Begeisterung auf mich zu. Dann ist alles wie weggeblasen. Da fühle ich mich nicht mehr krank, da bin ich nicht mehr traurig, da bin ich dann nur noch für all die Menschen da, die wegen mir gekommen sind. Ich verkörpere ja auch nicht mit Absicht irgendeine heile Welt, die es gar nicht gibt. Ich habe ein glückliches Leben, führe eine wunderbare Ehe, bin gesund und habe einen Job, der mir sehr viel Spaß macht - wenn man so will, dann ist mein Leben eben eine heile Welt.
  

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Illustration: Julia Schubert

Beim Gewinn des Grand Prix der Volksmusik mit seinem Vater und seinem Bruder. (Maxi ist rechts im Bild.)


  7. Über die fiesen Konkurrenten
  Es gibt natürlich auch einen harten Konkurrenzkampf, das ist klar. Der Druck ist bei allen sehr groß. Da gehören Plattenfirmen, Konzertveranstalter, Fernsehproduzenten und Künstler dazu. Ich habe Gott sei Dank den richtigen Zeitpunkt gefunden und mir gesagt: Jetzt musst du selbst loslaufen! Doch das kostet Zeit und Nerven.

8. Über Kritik
Als ich vor 17 Jahren angefangen habe, wurde ich von meiner Familie vor dem Haifischbecken der Showbranche behütet. 1993 standen wir das erste Mal zu dritt auf der großen Fernsehbühne. Für meinen Bruder, der damals gerade mal neun Jahre alt war, war es sehr schwer, sich von der Meinung anderer zu distanzieren. Seine Fußballkollegen und Schulfreunde haben ihn oft gehänselt. Irgendwann hat er dann gesagt: "Ich pack das nicht mehr, ich verzichte lieber darauf." Heute ist er 27 und findet die ganze Branche sehr interessant und begleitet mich oft zu Fernsehsendungen oder Konzerten. Ich war damals mit zwölf Jahren etwas älter, insofern ist es mir leichter gefallen, mich nicht von meinem Weg abbringen zu lassen. Wenn meinen Freunden unsere Musik nicht gefallen hat, war das deren Problem. Mir hat es nun mal Spaß gemacht und so war ich eine Zeit lang wirklich ein Einzelkämpfer. Aber ich stand schon immer voll und ganz hinter dem, was ich mache. So ist es auch heute noch.

9. Über die heimlichen Fans
Lustig finde ich in diesem Zusammenhang immer, dass auf dem Oktoberfest alle jungen Leute sämtliche volkstümlichen Lieder mitgröhlen können. Dabei frage ich mich dann immer: Woher die das wohl alle kennen, wenn sie doch nie Volksmusik-Sendungen schauen und diese Art Musik so blöd finden? Das ist ein bisschen wie mit der Bild-Zeitung: Jeder liest sie, aber keiner gibt es zu und trägt immer brav die Süddeutsche unterm Arm. Dabei ist die Bild doch so unterhaltsam. Ich empfehle daher: Jeder, der in Zukunft Volksmusik und Schlager schlecht reden will, sollte sich einfach mal ehrlich und offen damit beschäftigen. Bestimmt wird er feststellen, dass es nichts ist, wofür man sich schämen muss.

Text: anabel-schleuning - Foto: rbb/Oliver Ziebe

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