"Dem Menschen Mubarak gegenüber sollte man nicht respektlos sein"

Während in seinem Heimatland die Revolution tobt, hat der Ägypter Bahi Shoukry die Umwälzungen nur am Telefon und auf dem Bildschirm verfolgen können
jurek-skrobala

jetzt.de: Bahi, du hast den Großteil deines Lebens in Kairo verbracht und dich dann entschieden, in München zu studieren. Deine Familie lebt in Kairo. Wie haben deine Eltern die Proteste der letzten Wochen erlebt?
Bahi Shoukry: Meine Eltern waren nicht auf dem Tahrir-Platz. Am Anfang haben sie, wie jeder Ägypter, das Ganze unterschätzt. Keiner hat gedacht, dass eine Revolution stattfinden wird. Meine Eltern sind nicht so besonders jung und das wäre gefährlich für sie geworden. Es gab einen Tag, da war fast jeder von den Plünderungen betroffen. Meine Mutter hat mir erzählt, dass sie in der Zeit ein Messer unter ihrem Kissen versteckt hielt. Wir wohnen in Kairo in einem Mehrfamilienhaus. Mein Vater stand unten mit den ganzen Männern aus dem Haus, um Plünderer abzuwehren.

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Illustration: Julia Schubert


Prüfungen statt Protest: Der 21-jährige Kommunikationswissenschaftler Bahi Shoukry stuidert seit drei Jahren an der LMU.

Hast du mit dem Gedanken gespielt, nach Kairo zu fliegen, um dich an der Revolution zu beteiligen?
Ich habe mir sehr gewünscht, in Ägypten zu sein. Ich wollte da sein, um diesen historischen Moment zu erleben und meinen Kindern später erzählen zu können: Ich war da. Prüfungen an der Uni haben mich davon abgehalten. Meine Mama hat gesagt: Was du jetzt machen kannst, ist gut zu lernen, um später einmal deinem Land helfen zu können. Typisch Mama.

Gab es nicht auch Demos und Protestbekundungen in München, an denen du dich hättest beteiligen können?
Na klar. Am Tag, als Mubarak zurückgetreten ist, haben wir uns an der Münchner Freiheit getroffen, sind durch die Leopoldstraße und das Siegestor, über den Odeonsplatz bis zum Marienplatz gelaufen. Wir waren etwa 150 Menschen, hielten die Flaggen hoch und haben gesungen. Und jeder Ägypter war stolz auf sein Volk.

Medienberichten zufolge ist das eine "Revolution der jungen Menschen". Haben Freunde von dir protestiert?
Ja, mehrere Freunde von mir haben mitprotestiert. Mein Freund Famer hat vom 25. Januar bis zum 11. Februar auf dem Tahrir-Platz geschlafen, in einem Zelt. Er hat mir berichtet, wie es da aussieht und welche Leute da sind. In den staatlichen Medien haben sie versucht, zu desillusionieren: Es seien nur wenige Leute da, nur muslimische Bruderschaften. Ich hab Famer gefragt, ob das wirklich so ist. Er hat gesagt: "Nein, es sind Leute von überall da und wir kämpfen bis zum Ende." Das war sehr emotional.

Wie war das für dich, die Proteste auf dem Tahrir-Platz über einen Bildschirm zu erleben?
Das war ein komisches Erlebnis. Ich habe selbst den Großteil meines Lebens in Kairo gewohnt, meine Eltern wohnen da. Ich kann mich mit jeder Stelle identifizieren, die ich in den Medien gesehen habe. Ein Bild werde ich mein ganzes Leben lang nicht vergessen: Die Panzer stehen genau da, wo ich früher immer mein Auto geparkt habe.

Hattest du Angst, als Ende Januar das Internet und die Handynetze in Ägypten abgeschaltet wurden?
Ich hatte keine Angst. Ich habe das unter anderem über meine Eltern verfolgt. Sie haben mir erzählt, was sie im staatlichen Fernsehen sehen, und wir haben das immer verglichen mit dem, was ich in den westlichen Medien sehe. An dem Tag, als die Handys lahmgelegt wurden, habe ich mir schon Sorgen gemacht. Die Festnetze haben aber funktioniert und ich war so ständig in Kontakt mit meinen Eltern.

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Illustration: Julia Schubert


"Keiner hat gedacht, dass eine Revolution stattfinden wird." Bahi, Monate vor der Revolution, in seiner Heimat.

Der Begriff "Facebook-Revolution" macht die Runde. Als Kommunikationswissenschaftler und als Ägypter: Welche Rolle hat das Internet bei der Revolution gespielt?
Das Internet und die sozialen Netzwerke haben bei der Initiierung des Ganzen eine große Rolle gespielt. Es gab eine Facebook-Gruppe, in der die Proteste organisiert wurden. Das hat sich viral verbreitet. Als das Internet  lahmgelegt wurde, haben sich die Leute einfach persönlich getroffen und versammelt. Ich glaube, das ägyptische Volk würde sich gerne bei Mark Zuckerberg bedanken.

Wie ist in Ägypten die Lage nach deinem Kenntnisstand?
Politisch ist die Lage natürlich instabil, weil das Militär gerade herrscht. Das wird in nächster Zeit nicht stabiler werden – die Wahlen finden erst im September statt. Was passiert ist, ist auch sicher erst mal schlecht für die Wirtschaft. Was in den letzten 30 Jahren passiert ist – Korruption und Räuberei – hat dem Land aber viel mehr geschadet. Stabilität muss nicht unbedingt positiv sein.

Ex-Präsident Hosni Mubarak soll in ein Emirat am Golf geflohen sein. Vorher wurde überlegt, Mubarak in Deutschland Asyl zu gewähren. Der zurückgetretene Präsident hat sich letztlich selbst dagegen entschieden. Wie wärst du damit umgegangen, wenn Deutschland tatsächlich Mubarak Asyl gewährt hätte?
Ich habe keine Probleme mit Mubarak persönlich. Mubarak war 30 Jahre lang Herrscher Ägyptens. Die schlimmsten Jahre waren die letzten fünf bis zehn, sagen meine Eltern. Vorher war es nicht so schlimm. Das Volk wollte, dass Mubarak zurücktritt, weil er als Symbol für dieses Regime nicht existieren darf. Wenn man bei Facebook schaut, sieht man die verschiedenen Meinungen: "Dieser Mann war 1973 im Jom-Kippur-Krieg ein Held", steht da. Andere sagen: "Der hat das Land bestohlen, deshalb muss er gehen." Würde er nach Deutschland kommen, wäre das für mich überhaupt kein Problem. Mir war wichtig, dass das korrupte System zu Ende geht. Als Symbol musste er weg. Aber nicht als Mensch. Dem Menschen Mubarak gegenüber sollte man nicht respektlos sein.

Vor einigen Wochen haben wir uns einmal mit der umgekehrten Version von Bahi's Situation befasst: Die deutsche Studentin Lilo Brissinger ist Gasthörerin an einer ägyptischen Universität in Kairo.


Text: jurek-skrobala - Bilder: privat

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