Denk dir einen Ein-Euro-Job aus!

Das Wiener Kollektiv WochenKlausur will mit Kunst die Gesellschaft verändern. Die Gruppe hat es sich zur Aufgabe gemacht, kleine, aber konkrete Vorschläge zu entwickeln, mit denen soziale Probleme gelöst werden können. Anfang des Jahres war die WochenKlausur im Rahmen des Projekts „Shrinking Cities“ in Leipzig zu Gast und setzte sich dort mit den Themen Arbeitslosigkeit und Ein-Euro-Jobs auseinander. Wolfgang Zinggl, Erfinder der WochenKlausur und Abgeordneter der Grünen im österreichischen Parlament, erklärt, was es mit dem Projekt auf sich hat und warum Ein-Euro-Jobs Freude machen können.
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Illustration: Julia Schubert

Was genau habt Ihr in Leipzig gemacht? Wir wollten die Lage der Arbeitslosen nach der Hartz-IV-Reform verbessern: Das Problem an den Ein-Euro-Jobs ist, dass sich niemand die Arbeit aussuchen kann, sondern dass sie zugewiesen wird. Sie hat deshalb auch selten etwas mit den Interessen der Menschen oder ihrer Ausbildung zu tun. Das ist fast wie Zwangsarbeit: Viele haben einfach keine Lust, solche Jobs zu machen. Das führt dazu, dass sie zu spät kommen oder nach einer Woche ganz daheim bleiben und schon verlieren sie die Sozialhilfe-Berechtigung. Unsere Intention war, das zu ändern. Sie sollten Einfluss auf die Art ihrer Arbeit nehmen können und versuchen, etwas zu machen, das ihnen Freude macht. Dann ist die Motivation größer und vielleicht können sie eine selbstständige Tätigkeit daraus entwickeln. Liegt die mangelnde Motivation nicht auch daran, dass man eben nur einen Euro pro Stunde verdient? Merkwürdigerweise haben sehr viele Menschen gar nichts gegen die Ein-Euro-Jobs. Lieber verdienen sie 400 Euro zusätzlich und müssen dafür 20 Stunden arbeiten, als untätig zu Hause zu sitzen. Allerdings nur wenn das eine Arbeit ist, die Spaß macht. Wie habt Ihr diese Situation in den sechs Wochen Eurer Klausur geändert? Wir haben die Arbeitslosen, die mit uns zusammengearbeitet haben, gefragt, was sie gerne machen würden und haben gemeinsam aus ihren Ideen verschiedene Projekte entwickelt Für diese Projekte haben wir wiederum Trägervereine gesucht, die berechtigt sind, Ein-Euro-Jobber zu beschäftigen. Die Vereine fanden die Ideen gut und fordern jetzt unsere Ein-Euro-Jobber bei der Stadt an und beschäftigen sie. Was für Ein-Euro-Jobs sind durch Eure Arbeit in Leipzig entstanden? Vier Projekte beginnen im März. Drei erwerbslose Künstler haben sich zusammengeschlossen und möchten im Leipziger Osten eine Stadtteilgalerie eröffnen und den Menschen dort künstlerisches Arbeiten nahe bringen, den Stadtteil beleben. Drei junge Punks wollen einen autonomen Veranstaltungsort mit dem Namen Les-café aufbauen und dort nicht-kommerzielle Konzerte und Lesungen organisieren. Das dritte Projekt heißt „Außenstelle Literatur“ und da sind eine Schriftstellerin, ein Übersetzer und zwei Leute, die gar nichts mit Literatur zu tun haben dabei. Am Stadtrand sollen Lesungen organisiert werden und was gelesen wird, bestimmen die zwei, die am wenigsten mit Literatur am Hut haben. Das vierte Projekt ist die „Alltagshilfe für Senioren“. Da ist dann zum Beispiel einer mit dabei, der sich mit Computern auskennt. Und wenn alte Menschen ein Problem mit ihrem Computer haben, kommt er und hilft. Das hört sich alles so problemlos an. Ging das alles so einfach? Wenn zwanzig Leute zusammen sitzen, kommen erst mal abstruse Ideen. Zum Beispiel: „Ich möchte gar nichts machen.“ Das ist natürlich schwierig. Oder: „Ich möchte im Minensuchdienst arbeiten.“ Auch schwierig, da Leipzig nicht so stark vermint ist. Der Antragsteller hatte eine Dokumentation gesehen und wollte unbedingt Ähnliches machen. Einige konnten wir nicht unterstützen, weil sich einfach keine Gruppe zusammen gefunden hat. Manchmal ging es aber auch ganz schnell, wie bei dem Stadtteil-Galerie-Projekt. Unsere Aufgabe war es, die Projekte auf den richtigen Weg zu bringen.

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