Auf den Karten stand „100 000 000 Sonnenuntergänge lang werde ich auf deine Rückkehr warten“ oder lustiges Deutsch-Englisch wie „I kehr for you“ und nur wenige Mittzwanziger kamen vor zehn oder 15 Jahren darum herum, die Bekanntschaft mit Diddl-Postkarten zu machen. Es gibt dieses Zeitfenster während des Erwachsenwerdens, in dem es zum ersten Mal gilt, ein Gefühl für Witz oder überhaupt ein Gefühl auszudrücken. Diddl schien in den Neunzigern vor allem für Mädchen der Kommunikationsträger der Wahl. Schließlich gab es lange Zeit keinen Geschenkeladen im ganzen Land, der neben Kerzenständern, California Dreamboy-Plakaten und Knuddelmaterial nicht auch die Diddl-Vollausstattung mit Blöcken, Plüschtieren und Karten im Programm hatte. So war das damals. Heute ist es noch viel schlimmer. Diddl hat die Neunziger Jahre nicht nur überlebt, er ist stärker aus ihnen hervorgegangen. Da können Journalisten in ihren Hasstiraden gegen das debil winkende Mäuslein von einer „Prollmaus“ und einem „Monster“ sprechen, die Depesche Vertrieb GmbH & Co KG in Geesthacht bei Hamburg vertreibt heute, 18 Jahre nach der Erfindung, 450 Diddl-Produkte in 26 Ländern und in 16 Sprachen. Die Sprecherin des Unternehmens mag zum Jahresumsatz keine Angaben machen, aber von einer dreistelligen Zahl in Millionen ist auszugehen und die 350 Mitarbeiter haben prima zu tun.

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Diddl, Springmaus. Schuld an der deutschen Mickey Maus und an dem Erfolg ist Thomas Goletz, 41, der irgendwo in Norddeutschland lebt und so schwer zu greifen ist wie die Aldi-Brüder. „Herrn Goletz ist es sehr wichtig, dass nur Diddl in der Öffentlichkeit steht und nicht er“, heißt es bei Depesche. Eine der wenigen, dafür sehr umfangreichen Lautäußerungen des gebürtigen Franken ist einem Interview auf depesche.de zu entnehmen, in dem Goletz unter anderem die Erfindung von Diddl am 24. August 1990 beschreibt. „In den allerersten Zeichnungen war Diddl ein Känguru, noch ohne Namen, aber bereits mit seiner bekannten Latzhose. Doch bald darauf beschloss ich, das Kerlchen viel viel kleiner und handlicher zu zeichnen, damit ich es besser in eine Kaffeetasse oder ein Käsestück hineinsetzen konnte. So wurde aus dem Känguru Diddl, die Springmaus. Ich wollte einen Namen finden, der sich niedlich, quirlig und etwas frech anhört.“ Goletz malte 13 Postkarten und suchte seiner Maus eine verlegerische Heimat und die Depesche GmbH sagte: ,Bleib’, Diddl!’ Im Januar 1991 kommt also eine erste Serie mit 48 Postkarten in die Grußkartenläden und die Diddelei beginnt. Blöcke werden mit der Maus bedruckt, Zahnbürsten, Schulranzen und ehe die Aufzählung zu lange dauert stellt man sich besser sehr viele bedruckbare Gegenstände vor – Diddl war bis heute sehr wahrscheinlich schon drauf. Und wenn nicht er selbst, dann eben seine Freunde, die Goletz seiner Schöpfung beistellte: Freundin Diddlina, den Feuerschwanzminiraben Ackaturbo, den Bommelschwanz-Setter Bibombl oder Diddls Großonkel Professor Diddldaddl Blubberpeng. Die Diddl-Familie ist enorm gewachsen und lebt vor allen Dingen in der Monatsschrift „Diddls Käseblatt“, die in Deutschland in einer Auflage von 175.000 Exemplaren erscheint und in zusätzlich 165.000 Exemplaren auch auf Niederländisch und Französisch Buchtipps, Geschichten aus der Diddl-Welt sowie lustige Horoskope bietet. Geht man nach den Zahlen aus Geesthacht, muss Diddl als legitimer Vorgänger der Bravo Girl bezeichnet werden: Die Diddl-Zielgruppe besteht heute zu 80 Prozent aus Mädchen im Alter zwischen fünf und zehn Jahren. Und die sehnt sich, sagt Thomas Goletz, nach „Zärtlichkeit und Liebe“, nach einem „Freund, bei dem sie sich geborgen fühlen, der immer bei ihnen ist. Denn niemand ist gerne alleine.“ Weil die Welt aber nicht nur super ist, vermarktet Depesche seit neuestem auch das Gegenteil zum knallfrohen Diddl: Die Dark Dudes sind rotzige, hasengleiche Figuren mit schwarzer Augenklappe. „Bewusst heben sich die Dark Dudes von niedlichen Accesoires für Kinder und Jugendliche ab“, schreiben die Hersteller. Sie seien „rachsüchtige Fieslinge, die keine Chance auslassen, sich zu ärgern oder ihren Unmut auszudrücken. Generell sind sie: Gegen alles und für nichts!“ Hört sich an, als bräuchten die Dudes eine Karte von Diddl. „Lach mal wieder, du alter Krümel!“

Text: peter-wagner - Abbildung: depesche.de