Der endgültige Chefredakteur

Weil angeblich kein anderer wollte, leitet Leo Fischer, 27, Deutschlands wichtigstes Satiremagazin "Titanic"
lars-weisbrod

Ein sonniger Januarmorgen, Frankfurt-Bockenheim. Gegenüber einer großen Baustelle findet man das Klingelschild der Titanic-Redaktion, man muss aber danach suchen, wie nach einer Briefkastenfirma. Wer erwartungsvoll den Flur betritt, denkt an die Simpsons-Folge, in der Bart die Redaktion des MAD-Magazines besucht: Als er schon enttäuscht gehen will, weil es doch nicht der verrückte Spielplatz ist, den er sich vorgestellt hat, da öffnet sich eine Tür, Alfred E. Neumann schaut heraus und verlangt ein doppelt-geschnackseltes Riesensandwich, während im Hintergrund die MAD-Zeichner auf Pogostäben hüpfen und mit Saugnäpfen an der Decke gehen. Leo Fischer geht leider nicht mit Saugnäpfen an der Decke. Er telefoniert mit Hans Zippert, einem der Titanic-Herausgeber. Es geht ums Cover der nächsten Ausgabe. "Jetzt drehen die Russen uns auch noch den X ab" ist einer der unfertigen Vorschläge. "Das X wäre noch das Problem", sagt Leo. Er hat Ende vergangenen Jahres Thomas Gsella als Redaktionsleiter ersetzt. Im für einen Chefredakteur zarten Alter von 27 Jahren leitet Leo jetzt ein Magazin mit einer Auflage von immerhin fast 100 000 Exemplaren. Und es ist nicht irgendein Magazin, das ihm da anvertraut wurde, sondern die wichtigste Satirezeitschrift in Deutschland.

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Illustration: Julia Schubert

"Merkel verstaatlicht sich selbst", lautet der nächste Vorschlag. "Rollt nicht", sagt Leo. Im Konferenzraum steht ein runder alter Tisch, auf dem fast jedes Magazin der Welt liegt. Leo Fischer hat sein Telefongespräch beendet und setzt sich, er trägt ein schwarzes Hemd von New Yorker für sechs Euro, das erzählt er später selbst stolz in der Konferenz. Man weiß nicht genau, was einen erwartet, wenn man den Chefredakteur der Titanic interviewt. Auf Spiegel Online prognostizierte er in einem Gastbeitrag den Untergang des Internets, man bereite sich daher frühzeitig auf die Offline-Ära vor: "Unsere Web-Präsenz wird schon seit Wochen sukzessive zurückgebaut; am Ende soll nur mehr ein Link zum Focus übrigbleiben." Das seien, sagt Leo, "ganz verlässliche und seriöse Informationen" gewesen und er habe "das auch alles so gemeint." Überhaupt lässt er es nicht gelten, wenn man mutmaßt, etwas könne ironisch gemeint gewesen sein. "Ironie ist, dass man nicht unterscheiden kann, ob es ernstgemeint oder ist oder nicht", sagt Leo Fischer. Eigentlich hatte er sich auf eine ernstgemeinte akademische Karriere vorbereitet. Magisterarbeit über "Glück und Rede bei Jean Paul", dann hat er an einer Doktorarbeit zum europäischen Schauerroman gearbeitet. Tut er auch immer noch, wenn er dazu kommt. Aber Satire macht man vermutlich nicht einfach nebenbei, jedenfalls nicht solche wie er. 2007 schrieb er über "Die ARD und ihre Girls", ein brillanter Text zum Zuhause-an-die-Wand-Hängen. Leo parodiert mit einer unwahrscheinlichen Genauigkeit den Moderatorinnenportraitwahn der großen Zeitungen, der Anne Will und ihren Kolleginnen Blödsinnigkeiten wie "Fehler zu wiederholen finde ich doof" als charmant-kluge Äußerungen durchgehen ließ. Als er über Katrin Bauerfeind schreibt, scheut er aber auch vor keinem noch so doofen Wortspiel zurück: "Ihr Vater war Veteran im Bauerkrieg, ihre Mutter ißt gern Bauerjoghurt (den großen)." "Das endgültige Satiremagazin" nennt sich die Titanic in der Unterzeile. In keiner Richtung Tabus zu kennen, auch nicht nach unten, das ist ein Garant für Endgültigkeit. Oder, wie Leo es einmal der FAZ gesagt hat, als er noch Praktikant war: ",Titanic‘ hat mich schon immer fasziniert. Da stehen Pimmel-Witze neben niveauvoller Satire." - "Man macht sich dort über Journalismus lustig", hat Max Goldt einmal über das Heft geschrieben; "und da ich meine, daß dies genau das ist, was man mit Journalismus machen sollte, hat es mir bei der gewiß oft allzu derben Titanic auch immer gut gefallen." Also macht sich der Kolumnist der Männerzeitschrift über Frauen lustig, das Feuilleton macht sich über den Kolumnisten der Männerzeitschrift lustig, die Avantgarde-Magazine machen sich über das Feuilleton lustig und die Titanic über alle zusammen, einschließlich der Frauen. Man hat manchmal das Gefühl, dass die Titanic dabei behilflich ist, ein ganz pubertäres Bedürfnis nach Orientierung zu befriedigen. Man liest zum Beispiel einen Namen, sagen wir den von Maxim Biller, und einem fällt ein: ,Ach, auf den prügeln sie in der Titanic doch immer so ein. Dann ist das wohl einer von den Bösen.‘ Leo widerspricht vehement: "Nein, er ist keiner von den Bösen. Einer von den Dummen vielleicht. Und sicherlich sagt Maxim Biller auch kluge Sachen und sei es aus Zufall, das tut jeder Mensch. Es ist nicht die beabsichtigte Wirkung, dass jemand durch die Erwähnung bei Titanic komplett erledigt wird. Er wird in einem konkreten Zusammenhang komplett erledigt." Wenn man Leo Fischer zuhört, klingt alles versöhnlicher als bei der Lektüre einer Titanic-Ausgabe. Man macht so ein Heft nicht nur mit Wut. "Man soll ja Spaß daran haben. Meistens geht das über ein Kopfschütteln: Dass es das auch noch gibt! Dass es immer noch dümmer geht. Es ist eher Verblüffung und seltener Wut. Zumindest bei mir." Es sei schwierig, wütend zu werden, sagt er später sogar. Es ist verführerisch, einen 27-jährigen Chefredakteur danach zu fragen, wie er die Situation der "Generation Praktikum" beurteile. 2007 hatte Leo außer auf der Titanic-Website nirgendwo sonst geschrieben. Irgendwann bot man ihm aber ein Praktikum in der Frankfurter Redaktion an. "Damit ging ein Traum in Erfüllung", sagt Leo. Und das meint er wohl tatsächlich so. "Ich glaube, kein anderes Presseerzeugnis ist so frei wie Titanic, wir sind nur uns selbst verpflichtet und verantwortlich." Wenn man ihn fragt, warum man gerade ihn, den Unerfahrenen, Jungen, zum neuen Chefredakteur des Heftes auserkoren hat, dann sagt er: "Es wurde überlegt, ob es nicht Zeit für einen Generationenwechsel ist. Aber ausschlaggebend war am Ende, dass kein anderer wollte." Der Chefredakteursposten der Titanic ist mit keinen finanziellen Vorteilen verbunden, jeder bekommt das gleiche Gehalt. Leo wollte trotzdem, weil es eine Chance ist, die man wohl nur einmal im Leben bekommt. Die anderen Redakteure, die nicht wollten, loben Fischer über alle Maßen. Er könne alles, das Akademische, das Feingeistige und das Krawallige. Er scheint so eine Art Synthese aus seinen Vorgängern Martin Sonneborn und Thomas Gsella zu sein. Außerdem sei er, heißt es, ein exzellenter Kenner des Heftes: Wenn man einen Text sucht, den ein Autor vor zehn Jahren geschrieben hat, dann fragt man die Redaktionsassistentin, die zwei Stunden danach suchen muss - oder Leo, der weiß es sofort. Seit der fünften Klasse liest er die Titanic, in der langweiligen Mathestunde ging sie unter dem Tisch herum, er erinnert sich an unbeholfene Versuche, Schulaufsätze wie Max Goldt zu schreiben. "Das Heft hat sich mir mit der Zeit erschlossen und hat nie richtig gefehlt. Es war einfach Teil des Seelenhaushalts." Ob und wie sich der Humor einer jungen Generation von dem der älteren unterscheidet, darüber weiß Leo aber nicht viel zu sagen. Es gebe eben andere Interessen. "Aber ich glaube Humor ist universal und nicht auf einzelne Generationen zu beziehen." Das mit dem Rückbau der Internet-Präsenz revidiert er dann indirekt doch noch: Man möchte die Titanic-Website sogar ausbauen, vor allem das Archiv. Weil Montag ist, ist um 13 Uhr Konferenz. Kurz nach 14 Uhr sitzen dann alle Redakteure um den großen runden Tisch herum. Ein anstrengender Konferenzmarathon beginnt, denn Endgültigkeit gibt es nicht umsonst. Die Redakteure regen sich auf über die Spiegel-Berichterstattung zum Tod Merckles und über die Firma Nestlé. Sie lesen herum, in Focus, Frankfurter Rundschau und Junge Welt, sie schweigen. Einmal steht Leo Fischer auf, blättert im Duden und setzt sich wieder hin, ohne etwas zu sagen. Und natürlich werden Witze gemacht, gute Witze, manchmal im Sekundentakt. Dann ist es kurz doch so wie in der MAD-Redaktion, die Bart besucht - nur ohne Saugnäpfe und Pogostäbe. Man würde die Witze gerne aufschreiben und seinen eigenen Texte damit schmücken. Aber Fischer bittet bei der Verabschiedung darum, möglichst keine Ideen zu verraten, bevor das Heft erschienen ist. Und wer wäre man, sich mit dem Chefredakteur des endgültigen Satiremagazins anzulegen?

Text: lars-weisbrod - Foto: Tom Hintner

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