Der Freibad-Umzug

Nackt sind alle Menschen gleich. Aber beim Nacktmachen unterscheiden sie sich doch sehr. Beobachten kann man das auf jeder Freibad-Wiese in diesem Land: vier besondere Umzieh-Typen.
max-scharnigg
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Illustration: Julia Schubert

Der zeigefreudige Greis Er ist derjenige, der schon im März als Erster die Badesaison eröffnet. Gleichzeitig beendet er sie als Letzter im November. Während seine Altersgenossen zwischen ZDF und Bauerngarten friedlich wegdämmern, springt er überenergisch im Freibad herum und hat sich für das langsame Verdorren als Abgang entschieden. Seine Haut ist tiefbraunes Leder. Er ist ausgemergelt und trainiert und reißt sich seine ausgeblichene Badehose herunter, kaum dass er dem Wasser nach 2000 Meter Kraul und einer halben Stunde toter Mann entstiegen ist. Dann trocknet er sich mit ausgiebiger Gemütsruhe und einem sehr kleinen Handtuch ab, macht ein paar Kniebeugen, schießt nackt den Ball der kickenden Jungs zurück und weißt eine Mutter auf den fehlenden Sonnenschutz für ihr Kind hin. Seine sehnige Blöße empfindet er als zutiefst natürlich. Alle saftigen Menschen können daran nichts Anrüchiges finden. Es umfängt sie nur jener kurze Schauer, den sie bereits vom Anblick vertrockneter Kaffeereste in einer alten Tasse kennen. Der verschämte Teenager Gott, ist ihm das alles peinlich. Dabei war gerade eben noch alles super mit den anderen Jungs am Steg – das Mädchenreinwerfen hat nicht nur toll gespritzt, es hat sich auch gut angefühlt. Jetzt aber müssen die nassen Badeshorts runter, sonst, naja, scheiß Blasenentzündung und so, noch oberpeinlicher. Die anderen kicken schon mit einer leeren Colaflasche, also schnell: Handtuch hudelnd um die Hüfte, dann unter dem Handtuch den klatschnassen Stoff irgendwie runterzerren – gar nicht so leicht, denn der Verschämte muss dabei auf einem Bein hüpfen und mit der einen Hand den Handtuchknoten an der Hüfte festhalten. Schließlich ist die Badehose unten. In diesem Moment bemerken die anderen Jungs, was vorgeht und scharen sich anfeuernd um den Umziehenden, der jetzt, schnell, schnell, raus möchte aus dem Mittelpunkt – er gibt die Knotensicherung für einen Moment lang auf, um mit beiden Händen nach den rettenden Trockenshorts zu greifen und: Herrje! Die Sekunden dehnen sich, die Anfeuernden verstummen vor Entzückung, alles steht still und atmet nicht, nur der Verschämte spürt am fröstelnden Hinterteil ein unendlich weiches Sommerwindchen. Was jetzt folgt ist alles Ungemach, das dieser Lebensabschnitt bereithält: begeistertes Johlen der anderen, die ihr Glück nicht fassen können. Ein eiliges Händepaar des einen, das wenigstens das Wichtigste zu verbergen sucht. Boshaft herumgeschleuderte Trockenshorts, die das Spektakel verlängern sollen und eben leider auch: das Kichern der Mädchen vom Steg. Die Umhang-Hexe Anders als der zeigefreudige Greis freut sie sich nicht über die Dimension, auf die ihr kleines Seebad in den letzten vierzig Jahren anwuchs. Sie fühlt sich an ihrem Stammplatz zunehmend in die Enge getrieben und auf ihrer Wäscheleinen-Liege unangenehm begafft – obwohl freilich ihr Körper in den letzten vierzig Jahren auch einiges an Dimension zulegen konnte. Trotzdem: Zwischen Goldenem Blatt und Neuer Revue wird geschwommen! Dem Stapellauf allerdings geht eine Verwandlungsnummer voraus, deren wichtigster Bestandteil ein bräunlicher Frottee-Umhang ist. Damit nahezu gänzlich verhüllt, beginnt die Umhang-Hexe ein amtliches Hantieren, in dessen Verlauf der Umhang umfangreiches Miedermaterial sowie etliches an Strumpf- und Beinkleid ausspuckt und im Gegenzug einen blasslila Badeanzug leise wühlend verschluckt. Weil ihr Kopf bei der langen Prozedur rötlich angestrengt aber starr in die Ferne blickt und nur ihr Restkörper werkt und bebt, fühlt sich der zufällige Betrachter an einen Vulkan kurz vor dem Ausbruch erinnert.

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Illustration: Julia Schubert

Die Trocknen-Lasser Häufigste Spezies bei Bikini-Mädchen mit Geburtenjahrgängen ab 1970 – einer Freibad-Generation, die gar nicht mehr weiß, was genau daran schlecht sein soll, wenn man den Badeklamotten am eigenen Leib beim Trocknen zusieht. (So ähnlich, wie auch keiner mehr weiß, warum man nachdem man Kirschen gegessen hat, nichts trinken soll). Die Trocknen-Lasserin ist locker und spontan, hüpft raus aus der Hose und rein ins Wasser und so lange sich nur nach jedem zweiten Schwimmbadbesuch dieses lästige „Ich muss ständig aufs Klo rennen und muss dann gar nicht“-Gefühl einstellt, ist doch eigentlich alles paletti. Schade nur, dass immer, wenn das bisschen Bikini trocknen soll, die Sonne hinter einer Gewitterfront verschwindet. Und dass es auch bei voll funktionsfähiger Sonne ganz schön lange dauert mit dem Trockenwerden. Beliebte Augenwischerei deswegen: Immer wenn das Trocknen zu lange dauert, geht man wieder ins Wasser. Irgendwann allerdings sind alle anderen schon vorgefahren Richtung Kino und nur die Trocknen-Lasserin hat immer noch klamme Fäden an. Deswegen steigt sie – ist ja fast ganz trocken – in die helle Leinenhose und kommt schließlich mit einem dunkelfeucht verfärbten Hinterteil wieder aus dem Kino, schlecht gelaunt, verschnupft und ewig: nass.

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