Der härteste Freundeskreis der Welt

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  „Kill people, burn shit, fuck school!“ – dieser üble Spruch wird seit ungefähr zwei Jahren von wütenden Teenagern weltweit auf Schulbänke gekritzelt, Wände gesprüht und in Twitternachrichten getippt. Schuld daran ist der Song „Radicals“ eines kalifornischen Rappers namens Tyler, The Creator. Er und seine Freunde sind zum Zeitpunkt der Entstehung des Stücks alle gerade um die 20 Jahre alt. Zusammen nennen sie sich Odd Future Wolf Gang Kill Them All, kurz OFWGKTA. Es wird schnell klar: Odd Future sind mehr als ein Haufen halbstarker Hiphopper mit zu viel Freizeit. Sie sind derzeit der mit Abstand härteste Freundeskreis der Welt. Anfangs zählen zu dem losen Umfeld des Kollektivs um die 50 junge Skater, Rapper, Produzenten, Film-Regisseure und sonstige Kreative aus Los Angeles. Sie bewegen sich irgendwo zwischen der Mystik des Wu-Tang Clans, den verlorenen Skater-Seelen aus dem Film „Kids“ und dem Geist von Andy Warhols offener Kunst-Werkstatt, der Factory.

  Odd Future sind für nichts und gegen alles. Sie sind sperrig, unkonventionell, aber als Musiker gnadenlos talentiert. Gerade sorgt das Debütalbum „Channel Orange“ von Frank Ocean, dem R’n’B-Wunderkind von Odd Future, für Aufsehen. Obendrein hat sich der Sänger kurz vor dem Release als schwul geoutet. Er macht damit einen einschneidenden und längst fälligen Schritt in der Geschichte der schwarzen Musik. Die Odd-Future-Crew beeinflusst mit ihrer Kunst, Mode und Haltung eine ganze Generation rebellierender Jugendlicher. Grund genug, ihre wichtigsten Mitglieder vorzustellen.
 
Tyler, The Creator 

  Tyler, The Creator sitzt auf einem Hocker und rappt. Dabei krabbelt eine riesige Kakerlake über seine Hände. Plötzlich schnappt er zu und verschlingt das widerliche Vieh mit einem Happen. Er übergibt sich. Dann zieht er sein Hemd aus, steigt auf den Hocker und erhängt sich mit einem Seil. Die Beine zappeln in der Luft, die Sicht wird unscharf. Das ist die Storyline des Videos, das ihn und seine Crew weltberühmt gemacht hat. Es ist mehr als nur ein Schocker, es ist ein Stück Performance-Kunst, das dem Betrachter unweigerlich die Nackenhaare aufstellt. In dem Song dazu, namens „Yonkers“, spricht er auch das Verhältnis zu seinem Vater an, den er nie kennengelernt hat. „Ich möchte nur wissen, ob mein Vater mich jemals mögen würde“, rappt er, nur um diesen Moment der rührenden Ehrlichkeit mit Disses und Morddrohungen an Popacts wie Bruno Mars wieder zu brechen. Tyler ist der unumstrittene Chef der Crew, das Mastermind der Marke Odd Future und hat auch die Regie bei dem schaurig-schönen Video zu „Yonkers“ geführt. Er hat sich selbst das Klavierspielen beigebracht, auf der High-School eine eigene Modelinie entworfen und die ersten Odd Future-Tracks auf ihrem Tumblr-Blog veröffentlicht. Allerdings ist er oft kein besonders angenehmer Zeitgenosse. Er gibt sich unnahbar und ironisch. Journalisten mussten sich von ihm als „Schwuchteln“ beschimpfen lassen, er schlägt sich auf Konzerten mit der Security und traktiert seine eigenen Odd Future-Kollegen. Seine raue Stimme, sein Look (Vans, hochgezogene weiße Ringelsocken und Supreme Cap) und seine Leck-mich-Einstellung machen ihn unverwechselbar. In seinen Texten ist er aggressiv und doch jederzeit bereit für einen schonungslosen Seelenstrip. So wird er zur Identifikationsfläche für Außenseiter und rebellische Teenager. Das Credo „Kill people, burn shit, fuck school!“ ist das neue „I hate myself and I want to die“ und Tyler, The Creator damit der neue Kurt Cobain.

Frank Ocean

  Alle reden gerade über Frank Ocean . Einerseits wegen seines neuartigen Entwurfs für das bis noch vor kurzem verteufelte R’n’B-Genre und andererseits wegen seines Outings als Homosexueller, der trotzdem Teil einer Hiphop-Crew ist, die in kaum einem Song ohne das Wort „Schwuchtel“ auskommt. Plötzlich wird klar, woher der Schmerz in seiner Stimme und die Traurigkeit in seinen Texten kommen. „Ich fahre auf dem Boulevard herum, der Kofferraum blutet.“ So cool hat seit Ewigkeiten kein R’n’B-Sänger getextet und so zerrissen hat lange keiner geklungen. Kein Wunder, dass er auf dem Kollabo-Album von Jay-Z und Kanye West gleich zweimal als Gast vertreten ist. Schon bevor er zu Odd Future gehörte, hat er Songs für Justin Bieber oder Brandy geschrieben. Frank Ocean und seine gequälte Seele haben eine große, seltsame Zukunft vor sich.

Syd Tha Kid 

  Syd Tha Kid ist das einzige weibliche Mitglied von Odd Future. Sie legt bei den Shows die Beats auf. Wenn sich vor der Bühne mal wieder ein Moshpit wie bei einem Punkkonzert bildet und sich Tyler und der Rest ohne Rücksicht auf Verluste in die Menge stürzen, beobachtet sie von ihrem DJ-Pult aus etwas schüchtern die Szenerie. Ihr persönliches Projekt nennt sich „The Internet“, sie singt und produziert und saß auch oft für die Aufnahmen von anderen Mitgliedern hinter den Reglern. Auch Syd hat sich öffentlichkeitswirksam geoutet. In dem Video zu „Cocaine“ verführt sie mithilfe einer Line Kokain ein Mädchen auf dem Jahrmarkt und es kommt zu einer trippigen Kuss-Szene. Danach lässt sie das Mädchen bewusstlos auf dem Parkplatz liegen, zündet sich eine Kippe an und fährt davon. Definitiv eine Ansage.

Earl Sweatshirt 

  Als der Hype um Odd Future vergangenes Jahr gerade richtig Fahrt aufnahm, war Earl Sweatshirt plötzlich von der Bildfläche verschwunden. Er war auf den Konzerten nicht mit dabei, gab keine Interviews und es erschienen keine neuen Songs. Die Fans rätselten, bis ein amerikanisches Onlinemagazine aufdeckte, dass ihn seine Mutter in ein Bootcamp für verhaltensauffällige Jugendliche auf der kleinen Pazifikinsel Samoa gesteckt hatte. Sie wollte ihn vor dem schlechten Umgang mit den Skater-Jungs bewahren. Seitdem ist Earl ein Mythos. Als dann noch kurz später bekannt wurde, dass sein Vater ein berühmter südafrikanischer Dichter und Polit-Aktivist ist, wurde klar, woher der wahrscheinlich talentierteste Rapper der Odd Future-Crew seine Gabe hat. Earl Sweatshirt ist der rappende Robinson Crusoe der Gang.



Text: kevin-schramm - Collage: Katharina Bitzl

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