Der Krieg im Web oder die Suche nach einer Million Unterstützern

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Es herrscht Krieg auf Facebook. Durch den Kulminationspunkt der globalen 2.0-Gemeinde läuft eine tiefe Verwerfung, die Kriegsbefürworter und -gegner, Hamassympathisanten und Israelunterstützer voneinander trennt. Kurze Zeit nachdem der Konflikt im Gazastreifen eskalierte, gründeten sich im Internet zahlreiche Gruppen, um die jeweilige Kriegspartei zu unterstützen. "I wonder how quickly i can find 1 000 000 people who support Israel" oder "Hamas? I don't like them" heißen sie beispielsweise. Die Pendants der Gegenseite nennen sich "I bet i can find 1 000 000 who dislike the state of Israel" oder profaner: "Fuck Israel". Teils umfassen diese Netz-Interessengemeinschaften mehrere 100 000 Mitglieder. Die realen Auswirkungen der digitalen Entrüstung hielten sich zunächst in Grenzen. Man ruft zu Spenden für die Familien getöteter israelischer Soldaten auf, teilt der Gruppe Ideen für alternative Friedenspläne mit und beschimpft sich dabei ausgiebig. So genannte "Flame Wars" sind im Internet auch in Friedenszeiten nichts Ungewöhnliches und entzünden sich oft an Kleinigkeiten. Doch die Härte der Auseinandersetzung in Foren und Blogs erreichte in den vergangenen Tagen eine neue Qualität. Einige der oben genannten Gruppen waren in der vergangenen Woche über längere Zeit nicht erreichbar. Den Ruhm für die Blockade beanspruchte die so genannte Jewish internet defense force für sich. Eine Gruppe, deren Ziel es ist, "Antisemitismus und Terrorismus im Web zu bekämpfen".

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Illustration: Julia Schubert

Dieses Beispiel zeigt: Noch immer geht es um Territoriumsgewinne und Frontverläufe. Der Kampf verlagert sich vom realen Schlachtfeld auf das der öffentlichen Meinung. Im "Krieg 2.0" ist vor allem moralische Deutungshoheit das strategische Ziel. Informationsströme zu kontrollieren ist in Zeiten der dezentralisierten Online-Kommunikation und sozialen Netzwerke aber ein schwieriges Unterfangen. Früher wurden, sollte die feindliche Kommunikation lahmgelegt werden, Fernsehsender und Radiostationen bombardiert oder hinter der Grenze Flugblätter abgeworfen. Die Blogosphäre hingegen zum Schweigen zu bringen ist ungleich diffiziler. Jedoch: Aus dem Gazastreifen selbst erreichen in den vergangenen Wochen nur wenige Berichte die Online-Öffentlichkeit. Deren geringe Zahl ist vermutlich auf den dort herrschenden Elektrizitätsmangel zurückzuführen. Ein Aufschrei der Entrüstung durchfährt dagegen den Rest der arabischsprachigen Blogosphäre: Zahlreiche Blogeinträge aus Ägypten, Syrien oder dem Iran befassen sich mit dem Konflikt. So genannte "Google-Bombs" werden benutzt, um Webseiten mit dem eigenen Anliegen auf der Trefferliste der Suchmaschinen nach oben und damit in die öffentliche Aufmerksamkeit zu treiben. Einen direkteren Weg wählte eine marrokanische Hackercrew namens DNS-Team und griff in einem eher unkoordiniert scheinenden Akt der Cyber-Solidarität israelische Homepages an. Die überrannten Webseiten wurden mit Fotos toter palästinensischer Kinder und Durchhalteparolen gepflastert.

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Illustration: Julia Schubert

Die "Aufrüstung" á la Web 2.0 ist Teil einer umfassenden Strategie. Beide Seiten haben die Bedeutsamkeit der öffentlichen Meinung im postmodernen Krieg erkannt. "Die Blogosphäre und die neuen Medien sind grundsätzlich eine Kriegszone", sagte Major Avital Leibovich, Sprecherin der israelischen Armee (IDF) kürzlich in einem Interview mit der Jerusalem Post. Es scheint als hätte man sich bei der IDF bereits mit dem nötigen Rüstzeug ausgestattet - die Streitkräfte befüllen ihren Blog und den hauseigenen YouTube-Channel. Die Videos von Präzisionsluftschlägen gegen Hamasstellungen erlauben in der verfremdeten Ästhetik der Wärmebildkameras einen Einblick in das Kriegsgeschehen. Die Kommentarfunktion unter den Einträgen hat die IDF wohlweislich abgestellt. Im visuellen Bereich herrscht ein asymmetrischer Krieg. Aqsatube, das Videoportal der Hamas, ist bereits seit längerer Zeit nicht mehr erreichbar. Auch mobile Kommunikation wird Teil des Kampfes um die Köpfe. Der isralische Konsul in New York, David Saranga, gibt über seinen Twitter-Account Pressekonferenzen mit 140 Zeichen Länge in Leet-Speak. "we R pro nego...we talk only w/ ppl who accept R rt 2 live", so eine seiner Mitteilungen. Mobiltelefone werden auch andernorts zu Zielen im Informationskrieg. So verschickte die IDF nach einem Bericht des Guardian massenhaft SMS, um Zivilisten vor niedergehenden Bomben in ihrer direkten Nachbarschaft zu warnen. Ein Hamas-Sprecher bezeichnete diese Mitteilungen gegenüber der Zeitung jedoch als Propaganda, die viele Menschen ohne Not aus ihren Häusern getrieben habe. Die Antwort der Hamas auf dem SMS-Schlachtfeld besteht in Kurznachrichten an israelische Handy-Nutzer, in denen mit Vergeltungsschlägen in Form von fortgesetztem Raketenbeschuss gedroht wird. Einen gänzlich neuen Ansatz wählen die Betreiber der Website help-israel-win. Sie fordern auf ihrer Homepage den Surfer auf, seinen eigenen Anteil zum Sieg beizutragen. So soll der Besucher ein Programm mit dem treffenden Namen patriotinstaller.exe auf seinen Computer laden, "um die Absicht unserer Feinde, den Staat Israel zu zerstören, zu behindern". Bei der Datei scheint es sich um einen Trojaner zu handeln, der die Computer des Downloaders in ein Bot-Netzwerk gliedert. So könnte help-israel-win konzertierte DoS-Attacken (Denial of Service) auf Hamas-freundliche Websites steuern und diese blockieren. Laut Angaben der Macher haben sich bereits über 8 000 Freiwillige das Programm heruntergeladen und ihre Rechner damit den selbst ernannten Cyber-Feldherren übereignet. Eine weitere kleine Armee im Krieg der Informationen.

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