Der Miet-Klatscher

Joel verdient sein Geld als Claqueur. Das heißt: Er jubelt für jeden, der ihn dafür bezahlt.
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Joel ist Hardrock-Fan, aber heute geht er zum Konzert eines Schlagersängers. Aus den Boxen in seiner Kölner Studentenwohnung quietschen die Gitarren von Led Zeppelin, sein Kopf nickt im Takt des polternden Schlagzeugs. Mit seinem tätowierten Arm langt er nach einer der teuren Whiskey-Flaschen, die im Regal stehen, und gießt sich einen Schluck in sein Glas. Wessen Auftritt sich der 25-Jährige heute ansieht, darf er nicht verraten. Das steht in seinem Arbeitsvertrag. Auch sein Auftraggeber, der ihn zu der Show schickt, darf hier nicht genannt werden. Joel arbeitet an diesem Abend nämlich als Claqueur.

 "Es erwartet mich schlechte Musik", sagt Joel. "Aber wahrscheinlich auch eine Menge Spaß." Joel jubelt und klatscht auf Veranstaltungen, wenn man ihn dafür bezahlt. Als Claqueur soll er für gute Stimmung sorgen, aber auch im richtigen Moment still sein. Keiner darf wissen, dass er gekauft wurde. Wenn das bekannt würde, wäre der Ruf der Veranstaltung und des Künstlers ruiniert.

Vor ein paar Jahren hat er sich im Internet nach Minijobs umgesehen. Er stieß auf die Möglichkeit, mit Applaus Geld zu verdienen. 2012 hat er zum ersten Mal als Claqueur gearbeitet. Seitdem ist er auf vier Schlagerkonzerte gegangen und hat jedes Mal in drei Stunden etwa 25 Euro verdient. Das ist nicht viel, geht für ihn aber in Ordnung – schließlich genießt er die Kuriosität der Auftritte, und ein paar seiner Freunde gehen oft mit.



Wie Stimmung entsteht und warum sie oft auch fehlt, ist ein großes Mysterium. Liegt es an der Location, die vielleicht ungemütlich ist? Sind zu wenig interessante Gäste gekommen? Ist es der DJ, der das Publikum langweilt? Kaum jemand bedenkt diese Dinge, wenn er auf dem Konzert seiner Lieblingsband die Liedtexte mitsingt oder auf der Tanzfläche eines Clubs die Klamotten durchschwitzt. Für Claqueure wie Joel sind diese ekstatischen Momente das Zeichen, dass sie gute Arbeit geleistet haben. Stellt sich nur die Frage: Wenn vor der Bühne gekaufter Applaus erklingt, verfälscht das nicht die Atmosphäre eines Konzertes? Verdirbt es die Feierkultur, wenn heimlich Gelder fließen, um gute Stimmung zu garantieren? Oder im Gegenteil, profitieren Publikum und Künstler nicht vielleicht sogar von der falschen Euphorie?

Eine Agentur, die Claqueure für Konzerte, Firmenveranstaltungen, Flashmobs und andere Events bereitstellt, ist Rent A Fan aus Schwabach in Mittelfranken. Seit der Gründung vor zehn Jahren haben sich online über 6 000 Menschen als mietbare Klatscher registriert. Auch die Auftraggeber melden sich über das Internet bei Klaus Bernhard, dem Chef von Rent A Fan. Der IT-Fachmann betreibt seinen Claqueur-Verleih nebenberuflich. Er träumt davon, einmal ein ganzes Fußballstadion mit gekauften Klatschern zu füllen. Nach der Besprechung mit einem Auftraggeber durchsucht er seine Datenbank nach möglichen Fans und wählt aus – ganz nach den Wünschen des Kunden, der  zum Beispiel "100 Menschen unter 40 Jahren" bestellt.

Bis zu 200 Leute hat Bernhard schon zu einer einzigen Veranstaltung geschickt, 20 sind das Minimum. Im Jahr versorgt er um die zwei Dutzend Events mit gekauftem Publikum. So wird dem Künstler und dem Publikum suggeriert, an einer erfolgreichen Veranstaltung teilzunehmen. Oft wüssten die Künstler selbst nicht, dass gemietete Fans ihnen zujubeln, sagt Bernhard. In den meisten Fällen heuere das Management oder der Veranstalter die Miet-Fans an. Betrug sei das nicht, eher ein Marketing-Instrument. "Wenn ich mir abends die Werbung ansehe, wird mir so viel Unwahrheit vorgegaukelt." Und die echten Fans klatschten ohnehin noch mehr als die gemieteten Extra-Gäste.



Die gefälschte Begeisterung hat aber auch Grenzen. Anfragen für politische Aktionen lehnt er ab. "Von uns wird es keine bezahlten Demonstranten geben. Ein Produkt zu verkaufen ist etwas anderes, als eine Meinung zu verkaufen." Und jeder Künstler gehe mit einem besseren Gefühl von der Bühne, wenn der Applaus größer sei.

Dass die Musiker den bezahlten Jubel genießen, bezweifelt der Veranstalter und Musiker Albert Ruppelt. Er bezweifelt es sogar sehr: "Die Künstler würden sich sicher veräppelt fühlen, wenn ich denen da Fans hinstelle, die die Musik überhaupt nicht fühlen und verstehen." Der Münsteraner ist seit über 13 Jahren in der deutschen Funk- und HipHop-Szene tätig. Er hat mit Bands wie Seeed und Fünf Sterne Deluxe gearbeitet und legt bei seinen Events großen Wert auf Authentizität.

"Ich will auf der Bühne abgewatscht werden, wenn ich Blödsinn mache. Nur wenn ich da ein ehrliches Feedback bekomme, kann ich mich als Künstler und Veranstalter weiterentwickeln. Dann kann ich auch Erfolg haben." Albert liegt die Subkultur, die mit seinen Bands verbunden ist, sehr am Herzen. Da könne er keine angemieteten Fans gebrauchen – "am Ende klatschen die noch an den falschen Stellen!"

Dem Hardrock-Fan Joel ist das ziemlich egal. Vor der heutigen Show wird er wohl, wie sonst auch, eine Trillerpfeife und andere Utensilien bekommen, mit denen er die Stimmung für den geheimnisvollen Schlagerkünstler anheizen soll. Ob neben ihm und seinen Freunden auch andere Claqueure vor Ort sein werden, weiß er nicht. "Man wird ja dafür bezahlt, möglichst echt und authentisch rüberzukommen", sagt er. "In einer perfekten Welt kann ich echte von gekauften Fans nicht unterscheiden."

Text: sebastian-witte - Illustration: katharina-bitzl

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