Der olympische Dackel

München bewirbt sich bisher ohne Maskottchen für die Winterspiele 2018. Doch der kleine Hund von 1972 ist noch immer präsent. Zehn Fakten über Waldi
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Der Erste
Der gestreifte Dackel mit blauem Kopf war 1972 das erste olympische Maskottchen überhaupt. Zumindest offiziell. Inoffiziell hatte bereits 1968 „Schuss“, ein stilisierter Skiläufer, die Olympischen Winterspiele in Grenoble beworben.
 
Regenbogenfell
Als Waldis „Vater“ gilt der Grafiker und Designer Otl Aicher. Allerdings stellte das Maskottchen nur einen kleinen Teil der Arbeit des Gestaltungsbeauftragten der Olympiade und seines Teams dar. Aicher verantwortete unter anderem die Gestaltung von Plakaten, Anzeigetafeln, Hostessendirndln sowie Piktogrammen und prägte so das Design der Spiele. „Heiter, unpolitisch und offen“ wollten München und die BRD wirken. Klare Linien, helle, „unpathetische“ Farben – „Münchner“ Blau, Grün, Silber, Orange – sollten dabei die nationalsozialistischen Spiele von 1936 vergessen machen. Die Farbpalette der „Regenbogenspiele“ spiegelt sich auch in Waldis Fell – ergänzt um die Farben der olympischen Ringe.
 
Grantiger Symphatieträger
Ein Maskottchen war im Gestaltungsauftrag eigentlich gar nicht vorgesehen. Entsprechend wenig Lust hatten die Kreativen darauf. Mit einem eher „unolympischen“ Tier konnten sie sich aber schließlich anfreunden: Willi Daume, damals Präsident des Nationalen Olympischen Komitees, hatte einen kleinen Dackel geschenkt bekommen. Dackel, die für Münchner Grantigkeit sowie die „deutschen“ Tugenden Treue und Fleiß standen, galten gleichzeitig als tapsig und lustig. Sie taugten zu Sympathieträgern, mit denen man Selbstironie signalisierte – und schienen die perfekten Maskottchen für eine Olympiade zu sein, die sich selbst nicht so ernst nehmen wollte.
   
Ein Dackel zum Lutschen
Waldi nahm also Form an. Oder besser: Formen. Den Hund gab es unter anderem als Stofftier, Garderobenhaken, Shampooflasche und dreidimensionales Puzzle. Man konnte ihn aufkleben, anziehen, lutschen, aufblasen, mit Geld befüllen und Bier auf ihm abstellen. Und zwar in Plastik, Papier, Gold, Glas und Plüsch. Das kam an: Bereits im Januar 1972 hatten Waldi-Artikel den Organisatoren fünf Millionen Mark eingebracht.
 
Waldi, das Buch
Eine besonders charmante Form der Waldi-Vermarktung: Erik Buus' Bilderbuch „Waldi und die Olympiade“, in dem sich der Hund durch verschiedene Sportarten witzelt. So zieht er einem fiesen Boxer das Hufeisen aus dem Handschuh, schießt Fotos für den Dackel-Kurier oder wünscht sich eine Fechtmaske „für den täglichen Lebenskampf“, konkret: zur Katzenabwehr. Außerdem enthüllt er, dass echte Dackel in den Wettkampfanlagen Hausverbot hatten, denn: „Lärm und Umweltverschmutzung sind bei der Olympiade den Menschen vorbehalten.“
 


Folgt Butzi!
Der Hype um Waldi spiegelte sich im echten (Dackel-)Leben: In München wackelten bei einem olympischen Dackellauf fast 1 000 Hunde hinter OB Vogels „Butzi“ durch die neu geschaffene Fußgängerzone. Und deutsche Dackelzüchter freuten sich über die gestiegene Nachfrage: Der Krummbeiner löste den Pudel als beliebteste deutsche Hunderasse ab.
 
Plüschfiguren-Bieterkrieg
Auch heute, circa vierzig Jahre, nachdem er entworfen wurde, ist Waldi als Sammlerstück gefragt. Besonders gut lässt sich das auf ebay beobachten. Tauchen dort Waldi-Exponate auf, lösen sie in schöner Regelmäßigkeit Bieterkriege aus. Ein rares Din-A0-Poster kostet dann schnell über 50, Plüschwaldis etwa 20 und eine Mini-Plastikfigur immer noch mehr als zehn Euro.
 
Waldi, Matten und das Monchichi
In quasi-natürlicher Umgebung kann man Waldi im München 72 erleben. Die beiden Filialen dieser Kneipe – einmal im Glockenbachviertel und einmal im Olympiapark – haben sich dem Flair der Siebzigerjahre verschrieben. So gibt es dort original Olympia-Poster und -Serviettenhalter, aber auch Eiskarten aus der Zeit, Hollywoodschaukeln, poppige Röhrenfernseher und Monchichis. Wer mag, kann sein Turner-Frühstück mit Marmelade auf blauer Sportmatte zu sich nehmen.
 
Pack ma's!
Zwar ist Waldi als offizielles Maskottchen längst berentet, seit sich München um die „freundlichen“ Winterspiele 2018 beworben hat, tritt er aber gelegentlich wieder als Werbeträger auf. „Pack ma's!“ schrieb zum Beispiel das Sporthaus Schuster zur Abgabe des Bid Books auf seine Fassade am Marienplatz, und: „München 1972 – Treffpunkt der Welt“. Dazu zeigte man als Unterstützer der Bewerbung noch einmal die heitere Seite der Olympiade 1972 mit den Dirndlhostessen – und Waldi.
 
Dackelkrise überwunden
Ob 2018 tatsächlich München Austragungsort der Olympischen Spiele wird, steht noch in den Sternen – genauso wie das Aussehen des Maskottchens. Sollte es wieder ein Dackel werden, wäre das natürlich besonders schön. Genügend Inspiration dürfte unterwegs sein: Nach einer „Dackelkrise“ in den 90er Jahren – zeitweise spazierten nur noch rund 1 000 Exemplare durch München – gehören Dackel laut Deutschem Teckelklub derzeit wieder zu den beliebtesten deutschen Hunderassen. Therese Meitinger[/AUTOR_ENDE]

Text: therese-meitinger - Foto: dpa

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