Der Weg zurück ins Leben

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Die Fernsehbilder zeigen den kalten Flur einer indischen Klinik. Lea* sitzt zusammengesunken auf einer Wartebank. Das blonde Haar fällt wirr herab und verdeckt ihr Gesicht. Sie ist verzweifelt, hat seit dreißig Stunden nicht geschlafen. Trotzdem ist Lea glücklich: Seit einer Stunde hat sie ihr Leben zurück. Die Entführung der 20-jährigen Lea aus Deutschland hat Indiens Medien bewegt. Ihr Schicksal ist kein Einzelfall. Im September 2008 wurde sie von fünf jungen Männern verschleppt, vergewaltigt, mit dem Tode bedroht. "Hätte sich einer der Entführer nicht entschlossen, mich wieder zurückzubringen, dann würde ich heute nicht hier sitzen", sagt Lea ein halbes Jahr danach beim Gespräch in München. Sie sitzt jetzt wieder aufrecht, ihr Lächeln ist zurückgekehrt.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Kaum ein Staat kennt schärfere Gesetze zum Schutz der Frau als Indien. Gleichzeitig ist die Zahl der Vergewaltigungen in den vergangenen Jahren massiv angestiegen. Sexuelle Übergriffe verzeichnen in Indien doppelt so hohe Zuwachsraten wie alle anderen Delikte. Die Ergebnisse der Ursachenforschung sind ebenso vielfältig wie die Kultur des Landes. Viele Experten verweisen auf die niedere Rolle der Frau in einer patriarchalischen Gesellschaft, andere sehen den Einfluss der Pornographie als Triebfeder. So kontrovers auch diskutiert wird: Die hohe Vergewaltigungsrate des Landes ist eine Tatsache. Menschenrechtsorganisationen prangern dies an, die indischen Medien und das Tourismusministerium sorgen sich um die Außenwirkung des Landes. Denn: Immer öfter trifft es Urlauberinnen wie Lea. Sie war eigens zur Hochzeit ihrer Freundin angereist; ins nordindische Chandigarh, eine Million Menschen leben hier. "Es war alles so schön", sagt Lea, wenn sie über die Stunden vor der Entführung spricht, vom Vortag der Hochzeit. Sie erzählt von singenden Menschen, die auf der Straße tanzen und von einem Trommler, der das ganze Dorf auf die Trauung einstimmt. Mittendrin: die Touristenpolizei. Es ist der erste Arbeitstag des städtischen Sicherheitsdienstes. Die Polizei möchte die Touristen besser schützen. Zu viele Vergewaltigungen hatte es in letzter Zeit gegeben. Die Beamten fragen Lea, ob sie ein Foto von ihr machen dürfen. Für die Touristenzeitung. Sie lächelt in die Kamera. Sie fühlt sich beschützt. Um Mitternacht betritt Lea mit zwei Freunden eine Hotelbar. "Wir haben uns gesagt: Jetzt trinken wir noch schön einen Kaffee und morgen früh geht's los." Lea spricht mit dem Brautpaar über den Trommler, über die anstehende Hochzeit. Dann verlässt sie alleine die Lobby des Luxushotels, raucht vor der Tür eine Zigarette. Ein silbergrauer Geländewagen steht in der Einfahrt. Die Sicherheitskräfte des Hotels prüfen das Kennzeichen und kontrollieren den Kofferraum. Das Auto fährt in den Hof, alles scheint in Ordnung. Lea sieht fünf Gestalten aussteigen, erkennt nur deren Silhouetten. Dann geht alles ganz schnell: Fünf junge Männer zerren sie in den Wagen. Lea weiß nicht, wohin die Fahrt geht. Plötzlich hält der Wagen. Die Entführer bringen Lea in ein altes Haus. Sie schreit. Sie wehrt sich. Immer wieder. Die Entführer befürchten, entdeckt zu werden. Sie machen kehrt. Lea muss zurück in den Geländewagen. Der Motor startet, das Auto setzt sich wieder in Bewegung. Es ist jetzt früher Morgen, der Wagen hält an einer Tankstelle. Es herrscht Betrieb. Lea ruft wieder um Hilfe, doch niemand hört sie. Sie versucht zu flüchten, doch sie wird ins Auto zurückgestoßen. Dann geht die Fahrt weiter. Eine halbe, vielleicht eine Stunde später: Der Wagen stoppt erneut, jetzt in einer besseren Wohngegend. Die Entführer bringen Lea in einen Hausflur. Dann in ein Schlafzimmer. Sie ruft um Hilfe. Es kommt zum Kampf. Lea schlägt auf die Entführer ein. Mit aller Kraft. Sie tritt, sie kratzt, sie beißt. Die Entführer werden nervös, drohen, sie umzubringen. Sie zerren Lea zurück ins Auto. Damit sie aufhört zu schreien, stopfen sie ihr ein Tuch in den Mund. Lea muss in den Kofferraum des Wagens. Wieder gibt der Fahrer Gas. Die Uhr auf dem Armaturenbrett zeigt 5:30 Uhr. Der Geländewagen kommt ein viertes Mal zum Stehen. Die Irrfahrt dauert nun schon sechs Stunden. Lea muss aussteigen. Es ist still, kein Mensch weit und breit. Mitten in der Einöde: ein verwahrloster Stall. Was in den folgenden fünf Stunden in diesem Stall geschieht, darüber will Lea nicht sprechen. Zwischendurch sieht sie eine Gestalt am Fenster. Doch ihre Lage ist aussichtslos: im Stall ihre fünf Peiniger, die nicht von ihr lassen, am Fenster ein Unbekannter, der ihr nicht hilft. Wieder möchte sie schreien. Dann spürt sie die kalte Klinge einer Sichel an ihrer Kehle. Sie hört auf, sich zu wehren. Gegen Mittag bringen die Vergewaltiger die verletzte Lea zurück ins Auto. "Da wusste ich: Jetzt geht es nach Hause. Ich hatte so ein Gefühl", sagt sie heute. Wenige Minuten zuvor haben die fünf jungen Männer gestritten. Sie haben sich angeschrien, einander gestoßen. Lea erinnert sich: "Ich habe zwar kein Wort verstanden, aber ich wusste genau, worum es ging." Es ging darum, was nun mit ihr geschehen sollte. Einer der Vergewaltiger plädierte dafür, Lea am Leben zu lassen. "Letztlich hat er sich bloß deshalb für mich eingesetzt, weil er sich erhofft hat, dass wir uns am nächsten Tag wieder treffen könnten", sagt Lea. "Das ist absurd." Um 12.30 Uhr setzen die Vergewaltiger ihr Opfer nahe dem Hotel ab. Eine Stunde später hockt Lea in jenem kalten Flur der indischen Klinik und wartet auf die medizinische Untersuchung. Polizisten, Fotografen und Kameraleute drängen sich vor dem Krankenhaus. Das öffentliche Interesse ist groß: Wieder ist eine Touristin Opfer eines sexuellen Übergriffs geworden. Am frühen Nachmittag flimmern erste Bilder der erschöpften jungen Frau über die indischen Fernsehbildschirme. Chandigarh, vier Monate später: Während die deutschen Behörden eine Nachrichtensperre zum Entführungsfall erwirken, steht Lea in Indien erneut im Scheinwerferlicht der Medien. Sie ist mit ihrem Vater zum Prozess angereist. Wenige Tage nach der Tat hatte die Polizei die fünf Vergewaltiger gefasst. Dass es so schnell zu einer Verhandlung des Falles kommt, ist für indische Verhältnisse ungewöhnlich. Zwei der fünf Vergewaltiger stammen aus Familien mächtiger indischer Politiker und Polizisten. "Hätten die indischen Medien und die deutsche Botschaft nicht so viel Druck gemacht, weiß ich nicht, ob es überhaupt zu einem Prozess gekommen wäre", sagt Lea heute. Vor Gericht muss sie jede Einzelheit ihres Martyriums noch einmal erzählen. Mehrmals bricht sie zusammen. "Meinen Vater habe ich davor rausgeschickt. Ich wollte nicht, dass er das hört", sagt sie. Auch den Dolmetscher, der während der Verhandlung anwesend ist, scheinen die detaillierten Schilderungen zu berühren. Im Gerichtssaal erleidet er einen Herzinfarkt. "Später", erinnert sich Lea, "hat er mir gesagt, dass er selbst Töchter hat. Als er hörte, was ich erlebt habe, war das zu viel für ihn." Während der Verhandlung erfährt Lea, dass ihre Anwältin wahrscheinlich von den Angeklagten gekauft ist. Sie beendet die Zusammenarbeit. Lea selbst wird ein fünfstelliger Dollarbetrag geboten, damit sie die Klage zurückzieht. "Auch in Indien geht es nur ums Geld", sagt sie. Ein schwieriger Moment sei das gewesen, als sie plötzlich ohne Verteidigerin da saß. Als ihr die fünf Angeklagten zur Identifizierung gegenübertraten, war Lea allein. "Alle haben auf den Boden gestarrt, keiner hat mir in die Augen gesehen", sagt sie. Es sei ein Gefühl gewesen, das sie nicht beschreiben könne: "Kurz nach der Tat war so viel Hass da, am liebsten hätte ich ihnen alles Mögliche angetan. Aber als sie vor mir standen, war dieses Gefühl weg. Ich habe gewusst: Jetzt bin ich dran!" Zurück in Deutschland, zwei Wochen später. Leas Telefon klingelt. Das Display zeigt eine indische Nummer. Lea hebt ab. Ein Freund hat gerade vom Urteil erfahren: Alle fünf Täter müssen für den Rest ihres Lebens ins Gefängnis. Lea strahlt: "In diesem Moment war endlich klar: Das Kämpfen, der Stress, die seelische Belastung haben sich gelohnt." Mit dem Tag des Urteils bessert sich Leas Schlaf. Monatelang hatten die Bilder der Entführung ihre Träume bestimmt, der Kampf mit den Peinigern, die Vergewaltigung, die Todesangst. Lange konnte sie ihre Gefühle nicht kontrollieren, brach immer wieder in Tränen aus, hatte Suizidgedanken. "Aber das Schlimmste war, dass ich mit niemandem über meine Erlebnisse sprechen konnte", sagt Lea. Zwar seien Familie und Freunde für sie da gewesen, doch könne ihre Gefühle nur nachvollziehen, wer ähnliches erlebt habe. Auch die Beziehung zu ihrem Freund zerbricht. Nach der Tat macht sie Schluss. Erst im November fühlt sie sich stark genug, ihm von der Entführung zu erzählen. Schließlich entscheidet sie sich für eine Therapie. "Es war eine Phase, in der ich es als Strafe empfunden habe, dass die Entführer mich am Leben gelassen haben", sagt Lea. Zwar zeigt die Therapie Erfolge, doch fühlt Lea sich mit ihren Erlebnissen allein. Sie möchte mit anderen Vergewaltigungsopfern sprechen. Lea stellt fest: Es gibt anonyme Diskussionsforen im Internet und Therapiegruppen, die von Fachkräften angeleitet werden. Doch es gibt nur wenige Selbsthilfegruppen, in denen die Opfer sich persönlich austauschen können und zugleich unter sich sind. Lea handelt: Sie gründet "Sprung-brett". "Die Entscheidung für die Selbsthilfegruppe war mein eigener Weg zu sagen: Nein! Ich gebe nicht auf!", erzählt Lea. Sie hat nun wieder eine Aufgabe, möchte sich selbst und anderen Opfern sexueller Gewalt helfen. Mit ihrem Bruder richtet sie eine Internetseite ein, verteilt Flugblätter in Arztpraxen, bietet Gespräche an. "Es gibt Möglichkeiten, ins Leben zurück zu finden", sagt sie. Eine davon sei der Austausch mit anderen Opfern. Als Ersatz für eine Therapie sei die Gruppe nicht gedacht. Vielmehr könne man dort Freunde finden, einfach nur reden. "Ich war an einem Punkt, an dem es nicht mehr weiterging, an dem ich dachte, ich zerbreche. Da habe ich nach einem positiven Grund gesucht, warum mir das alles passiert ist. Und dieser Grund ist mein Projekt. Ich will mir und anderen helfen." Lea sagt diese Worte mit entschlossenem Blick. Sie hat ihr Leben zurück. Lea hat das Projekt "Sprungbrett" ins Leben gerufen. Es soll Opfern von Vergewaltigung, Entführung und häuslicher Gewalt die Möglichkeit geben sich auszutauschen. Mehr zum Projekt gibt es online unter Sprungbrett.de.tp. * Name von der Redaktion geändert

Text: andreas-glas - Illustration: Katharina Bitzl

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