Der Werkzeugmacher

Selbst wenn Barack Obama nicht halten sollte, was er verspricht – er hat einer ganzen Generation beigebracht, wie man Politik macht
dirk-schoenlebe

Ohne die Hilfe von Shannon Rego wäre Barack Obama vielleicht nicht der 44. und erste farbige Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Die 24-jährige Brünette lacht, als sie das hört, hebt abwehrend die Hände, aber ganz falsch ist es nicht. Shannon lebt in Cincinnati, Ohio, einem der entscheidenden Staaten bei der Präsidentenwahl im November 2008. Obama gewann Ohio, auch dank zahlreicher junger Helfer und Anhänger wie Shannon. Sie verteilte einen Tag lang Flyer, mehr Zeit ließ ihr ihre Arbeit als Künstlerbetreuerin beim Cincinnati Symphonieorchester nicht. Aber sie nahm mit ihrem Freund zwei Wahlkampfhelfer in ihrer Wohnung auf, die vor der Wahl rund um die Uhr im Einsatz waren. Sie redete mit ihren Freunden. Sie überzeugte sogar ihre Mutter, eingefleischte Bush-Wählerin, diesmal die Demokraten zu wählen. Und dann gab sie selbst am 4. November ihre Stimme ab für Barack Obama. „Die Bush-Regierung hat ihre Inkompetenz zu oft bewiesen: Zwei Kriege, die Wirtschaftskrise, Umweltzerstörung, Hurrikan Katrina – es reichte“, sagt Shannon. 2004 wählte sie zwar auch den demokratischen Bewerber John Kerry, „aber ich habe mir kaum Gedanken gemacht. Ich war erst 20, verstand noch nicht viel, es schien mir alles nicht so dringend zu sein.“ Zum ersten Mal gesehen hatte sie den damaligen Senator von Illinois Barack Obama bei einem Festival in Chicago, wo sie ein Praktikum machte. „Ich kannte ihn nicht, hörte ihn reden und erinnere mich, dass ich dachte: Hoffentlich kandidiert der mal als Präsident.“ Er sei inspirierend gewesen, so umittelbar, so, „als würde er direkt mit mir sprechen“. Rund 23 Millionen Amerikaner unter 30 Jahren stimmten am 4. November 2008 ab, mehr als bei jeder anderen Wahl in den vergangenen Jahrzehnten – mit der Ausnahme von 1972, damals durften erstmals 18-Jährige wählen. Obama gewann in dieser Wählergruppe mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit gegen den republikanischen Kandidaten John McCain. Doch nicht nur die Stimmen der jungen Wähler waren wichtig, auch ihr Engagement. Dass sie wie Shannon Verwandte überzeugten, sich als Wahlkämpfer einsetzten, zahlte sich für Obama aus. Die Medien erfanden die „Generation O.“ für Obama. Peter Levine, Direktor des Center for Information & Research on Civic Learning and Engagment der Tufts Universität in der Nähe von Boston, Massachusetts, sieht das etwas differenzierter: „Schon die Wahl 2004 brachte eine hohe Beteiligung junger Wähler. Seit den Anschlägen vom 11. September 2001, den Kriegen im Irak und Afghanistan interessieren sich junge Leute mehr für Nachrichten. Informiert zu sein ist eine der Voraussetzungen, um wählen zu gehen. Dazu kommt, dass so viele junge Leute sich freiwillig engagieren wie nie zuvor. Aber Obama hat das alles noch verstärkt und junge Wähler gezielt angesprochen.“

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Der künftige US-Präsident als Lehrer: Obama entwickelte in seinem Wahlkampf einen neuen „politischen Werkzeugkasten“ – nun wissen viele, wie sie sich organisieren müssen, wenn sie für ihre Interessen kämpfen wollen. Facebook-Seiten, Obama-Mails, gezieltes Werben um kleine Spenden, Telefonanrufe, Gespräche an der Haustür – am Ende hatten 16 Prozent der jungen Wähler in der einen oder anderen Form direkten Kontakt zum Obama-Wahlkampfteam, keine andere Wählergruppe wurde vergleichbar erfolgreich umworben. Harte Wahlkampfarbeit war das eine. Obama erreichte die Menschen aber auch mit seinen Reden. „Manchmal waren sie prächtig und lyrisch wie ein Jazz-Solo um zwei Uhr nachts, manchmal pragmatisch und banal wie eine Bauanleitung“, schrieb die USA Today. „Ich habe immer das Gefühl, er spricht genau nur mit mir“, beschreibt, genau wie die 24-jährige weiße Shannon, die farbige Marketingmanagerin Kamilah Jones, 28, ihr Gefühl bei Obama-Reden. Sie ist kurz vor Weihnachten Gastgeberin eines Treffens für Obama-Unterstützer in Chicago, eines von Tausenden von House-Meetings in den ganzen USA, die vom Obama-Übergangsteam initiiert wurden. Hier treffen sich Menschen, die in ihrem Viertel etwas verändern wollen. Bei Kamilah sind es 14 Obama-Anhänger zwischen 25 und 85 Jahren, Menschen unterschiedlichster Hautfarbe. Jeder hat einen Obama-Moment zu erzählen. Zum Beispiel Stephanie Brown, 32. „Ich war in Grand Park am 4. November. In dem Moment, in dem CNN den Sieg bekannt gab, fiel ich auf die Knie und dankte.“ Als Renee, 31, erzählt, dass sie ihn sogar selbst traf und mit ihm redete, geht ein Raunen durch den Raum. Der 85-jährige Veteran Jim White sagt, er wisse jetzt, wofür er in den Krieg gezogen sei. Alle nennen Sie ihn nur „Barack“, in Kamilah Jones’ Appartement scheinen die Menschen immer noch im Obama-Rausch. Aber nicht nur hier. Das Magazin New Yorker berichtet von Eltern, die ihre Säuglinge in die Wahlkabine mitnahmen, um ihr Däumchen auf den Touchscreen für die Stimmabgabe zu drücken – damit sie später sagen können, sie haben mitgeholfen, den ersten schwarzen Präsidenten zu wählen. Die Wahl hat Barack Obama gewonnen, die Euphorie seiner Anhänger ist groß geblieben. Was aber passiert mit diesen jungen Wählern, wenn Obama ihre Erwartungen nicht erfüllen kann? 1968 ging Robert F. Kennedy, Bruder des 1963 ermordeten US-Präsidenten John F. Kennedy, in das Rennen um die demokratische Präsidentschaftskandidatur. Viele Beobachter erinnert Obama an Robert Kennedy. „Beide sind berühmt für ihre Eloquenz, beide haben ihre wichtigsten Reden selbst geschrieben. Sie verwendeten beide viele biblische Sprachelemente um ihre liberale Sozialpolitik zu erklären. Beide warben um die einfachen Menschen und baten sie um ihre Hilfe“, sagt Peter Levine. „Beide können junge Menschen begeistern, sie erreichen und motivieren“, beschreibt der Historiker und Autor Thurston Clarke die Ähnlichkeiten. Und noch etwas lohne den Vergleich, sagt Clarke: „Das Land ist in einem ähnlichen Zustand: eine verwundete Nation.“ Damals Vietnamkrieg, heute Irak und Afghanistan, damals wie heute unpopuläre Präsidenten, die die Kriege führten, damals Rassenunruhen in den Städten, heute Finanzkrise und Hurrikan Katrina. „Die Menschen waren auf der Suche nach jemandem, der diese Wunden heilen kann.“ Dann wurde Kennedy am 5. Juni 1968 ermordet, erst zwei Monate zuvor war der Schwarzenführer Martin Luther-King einem Attentat zum Opfer gefallen. „Er war der letzte von drei großen Hoffnungen einer Generation“, sagt Clarke, der die Bedeutung der kurzen Robert-Kennedy-Kampagne in seinem Buch „The Last Campaign: Robert F. Kennedy and 82 Days that inspired America“ untersucht hat. „Viele aus seinem Wahlkampfstab kehrten der Politik den Rücken.“ Der Reporter zum Beispiel, der den Wahlkampf für die Nachrichtenagentur AP verfolgt hatte, kündigte und studierte stattdessen Jura. „Damals ist fast eine ganze Generation von den Parteien und der Politik entfremdet worden“, sagt Clarke. Einige blieben aktiv, in der Schwulen-, Frauen-, Antiatomkraft- oder Menschenrechtsbewegung. Aber wählen gingen viele nicht mehr. Daran, dass Obama etwas passieren könnte, möchte Clarke nicht mal denken. „Aber wenn, wäre wohl wieder eine Generation Wähler verloren“, sagt er. Viele fürchten zwar immer noch um sein Leben, aber die Hoffnungen könnten wahrscheinlicher dadurch enttäuscht werden, dass es zu viel ist für Obama, zu viel auf einmal: Finanzkrise, Gazakrise, marodes Bildungs-, extrem mangelhaftes Gesundheitssystem usw. Darüber macht sich Rachel Weston keine Sorgen. Die 27-jährige Demokratin ist die zweitjüngste Abgeordnete im Parlament des US-Bundesstaates Vermont. „Natürlich wäre ich enttäuscht, wenn in vier Jahren zum Beispiel gar nicht in erneuerbare Energien investiert wurde, aber ich erwarte auch nicht, dass ab Februar Strom nur noch aus Solaranlagen gewonnen wird“, sagt sie. Obama könne nichts falsch machen, solange er die Wahrheit sage, den Menschen das Gefühl gebe, er habe einen klaren Plan. Zudem habe Obama die politische Landschaft schon irreversibel verändert. „Es gibt jetzt Millionen von Menschen, vor allem junge, die diesen politischen Werkzeugkasten entdeckt haben“, sagt sie. „Sie wissen jetzt, wie sie sich organisieren und Menschen finden, mit denen sie zusammen für ihre Interessen kämpfen können.“ Shannon Rego sieht es pragmatisch: „Er kann mich nur enttäuschen, wenn er so weiter macht wie Bush.“ Das New York Magazine formulierte es noch etwas prägnanter: Nach den Präsidentschaften von Bush jr. und Bill Clinton seien die Erwartungen in Sachen Kompetenz und Überparteilichkeit beziehungsweise moralischem Verhalten so niedrig – da könne Obama nicht viel passieren. Auch Kamila Jones ist zuversichtlich. „Barack kann nur dann versagen, wenn er sich uns verschließt und uns nicht die Wahrheit darüber sagt, wie schwer es werden wird.“ Kamila plagt eine ganz andere Sorge: Schon vor Monaten hat sie Flugtickets nach Washington gebucht, für den 20. Januar, Obamas Amtseinführung, genau wie ein halbes Dutzend der Besucher ihres House-Meetings. „Aber weiß hier jemand, wie ich noch an ein Ticket für die Parade danach komme?“

Text: dirk-schoenlebe - Illustration: Katharina Bitzl

  • teilen
  • schließen