Der Zauber der letzten Schultage

Eine süße Schwerelosigkeit: Kurz vor den Sommerferien ist Schule richtig gut.
max-scharnigg

Es liegt etwas Besonderes in den letzten Schultagen, kurz vor den Sommerferien. Eine Süße, die sich von der Bushaltestelle zum Vertretungsplan, durch die geöffneten Fenster der Turnhalle und bis in die Mundwinkel der Lehrer hinein legt. Mit jedem Tag jedenfalls, mit dem die Ferien näher rücken, wird Gewicht von all diesen Dingen genommen, bis sie fast schweben. Und dann sind Ferien. Er fängt leise an, der Zustand und man übersieht seine Anfänge jedes Schuljahr wieder. Vielleicht beginnt es mit den Klassenfahrten, die jetzt stattfinden – plötzlich fallen Lehrer aus, die sonst nie fehlen. Vielleicht beginnt es auch mit Hitzefrei, das auf einmal leichter gegeben wird, weil die wichtigen Arbeiten geschrieben sind, vielleicht fängt es nur damit an, dass Herr Krämer in der Fünf-Minuten-Pause der Mathedoppelstunde auf der Treppe sitzenbleibt und lieber in die Sonne blinzelt als in die Tafel.

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Illustration: Julia Schubert

Der Unterricht schmilzt in der Julihitze zusammen: Wandertage, Bundesjugendspiele, Aktionstage schieben sich über die Stundenpläne, die selbst schon ganz alt noch an der Wand hängen und bald gar keinen Sinn mehr haben. Eines Tages geht man in die Schule und die halbe Klasse fehlt – ein Seminar oder eine Orchesterfreizeit – und die Lehrer geben die Stunde her, sie fangen an zu plaudern, halb auf dem Pult sitzend. Man fragt sich in diesen lichten Vormittagen, warum Schule nicht immer so sein kann, fließend und leicht und offen. Aber der Zauber der letzten Schulwoche funktioniert natürlich nur, weil es vorher anders war. Wenn all die gewohnten Regeln aufgehoben scheinen, wenn Sorge und Unzufriedenheit, die einen das Jahr über durch die Gänge begleiteten, sich langsam setzen und ein neues, gutes Gefühl bilden: Wieder ein Jahr geschafft. Wichtig ist jetzt nicht mehr viel, nur, dass noch ein paar Freunde da sind, wenn der ganze Tag ausfällt und man trotzdem bleiben muss. Weil ein Lehrer eben doch bis zum Schluss durchmacht, oder die Busse nicht früher fahren. Dann braucht man Gesellschaft beim Kaffeetrinken, um gemeinsam das träge Verrinnen der Vormittagszeit zu beobachten. Stunden, die bisher immer auf die letzte Minuten vollgepackt waren, werfen nun nur noch Blasen – in Abständen, groß genug, um über die paar Sachen zu reden, die unterm Strich übrig bleiben: Wen man doch wieder nicht geküsst hat. Wer nächstes Jahr ein Austauschjahr macht. Was alles geht, im Sommer. Gelassenheit wird vielleicht nie wieder so groß und fühlbar sein, wie in diesen Freistunden, auf dem Gipfel eines Schuljahrs. Sind die Bücher abgegeben, hat nicht nur die Tasche eine ungekannte Leichtigkeit. Es ist dann schlicht nichts mehr zu tragen, außer einem Sportbeutel, einem Stück Kuchen oder dem neuen Jahresbericht. Das Letzte schließlich, ist die Klarsichthülle fürs Zeugnis. Es lässt einen nach einer Woche des Taumelns noch einmal gerade sitzen, lässt noch mal kurze, ernste Ruhe im Raum sein, fünf Minuten lang. Viel passiert dabei ja nicht mehr – die Schlachten, sie lagen doch irgendwo zwischen Februar und Mai. Die Noten auf diesem doch seltsam feierlichen Papier, sie haben fast keine Funktion mehr, am Zeugnistag um halb elf. Die wichtigen Einsprüche sind zu spät, die richtigen Tränen sind längst geweint, nötige Entscheidungen gezogen. Das war’s. Man geht dann, zum ersten Mal in diesen Gängen, ganz ziellos und ganz ruhig. Draußen ist Sonne. Ein paar Mütter von den Kleinen stehen da und ihre Sommerkleider wehen. Mitschüler treiben von hinten vorbei, die Schritte verlangsamen sich, ein vages Verabschieden, eine leichte Wehmut jetzt tatsächlich. Wie sie so alle gehen. Im September, wenn all die Unschärfe gewichen ist und das neue Schuljahr kantig und hart in den Winter steuert, dann werden alle wieder da sein. Aber auch anders, ein bisschen. Irgendwann, man kann es sich nicht vorstellen, gibt es nach den Sommerferien keine Schule mehr. Und der Zauber der letzten Julitage bleibt dort.

Text: max-scharnigg - Foto: dpa

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