Dichterschlacht um die Isomatte

Wie es ist, als Poetry Slammerin immer in fremden WGs schlafen zu müssen.
anna-kistner

Die Vorstellung, sich mit zehn betrunkenen Jungs drei Matratzen in einem WG-Zimmer zu teilen, ist nicht besonders schön. Vielleicht hätte sie mich damals davon abgehalten, als Poetry-Slammerin durchs Land zu fahren – wenn sie mir nur in den Kopf gekommen wäre! Nur: Nachgedacht habe ich damals wenig. Ich wollte von Slam zu Slam zu reisen. Den Schlafsack unterm Arm.

  Auf Poetry-Slams läuft es so: Fahrtkosten werden vom Veranstalter übernommen, Hotelkosten gibt es nicht. Nur Spießer oder Romanautoren steigen nach einem Slam im Hotel ab. Ich habe es nie gewagt, nach Geld für ein Hotel zu fragen. Morgens setzte ich mich in den Regionalzug, nachmittags stieg ich in einer fremden Stadt aus, abends las ich im Kleinkunst-Keller ein paar Geschichten vor. Manchmal war es so unglamourös wie es klingt. Manchmal hielt der Zug aber auch in Berlin und ich eilte atemlos zu einem der Clubs in der Kastanienallee. 

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Illustration: Julia Schubert



  Am liebsten würde ich das naive Herzblut, das meine Wangen an solchen Abenden knallrot leuchten ließ, heute voll distanzierter Selbstironie beschreiben können. Es würde dann vielleicht so klingen, als sei es damals eine ganz andere Person gewesen, die die Frage nach einem Schlafplatz für die Nacht mit dem prüfenden Blick ins Publikum beantwortete. Einmal stellte sich am nächsten Morgen heraus, dass der Kerl mit dem Holzfällerhemd und dem gelockten Seitenscheitel eine Ausbildung zum Totengräber machte. Ich war dann schnell wach und weg, mein Kopf erlangte die Kontrolle über das Bauchgefühl zurück. Diese Art der Schlafplatzbeschaffung wurde mir daraufhin zu abenteuerlich. 

  Hatte ich Glück, fand der Slam in einem Jugendzentrum statt, in dessen Keller oder Dachboden ein paar Stockbetten standen. Super war auch, wenn es im Raum daneben Toiletten gab, zu denen das Publikum mit seinen Zigaretten und Bierblasen den Abend über keinen Zugang gehabt hatte. Zum Standard gehörte das WG-Zimmer des Slam-Veranstalters. Ob die Zahl der zur Verfügung stehenden Schlafplätze mit denen der Übernachtungsgäste übereinstimmte, war Zufall. Trotzdem kam es nur selten zu Dichter-Schlachten um die Matten. Nach einem Bierchen gegen die Nervosität, einem weiteren gegen den Durst, nach der geteilten Flasche Whisky (sie war die Sieg-Trophäe für den besten Slammer des Abends) und dem letzten Glas Bier in der Absturzkneipe legte sich jeder auf die nächstbeste Schlafgelegenheit. Man brauchte auch nicht zu meinen, dass man als einziges Mädchen in einer Gruppe mit zehn Dichten irgendeinen „Henne im Korb“-Status besaß. 

  In Hamburg schlief ich einmal auf den blanken Holzdielen eines WG-Flurs. Nach einer Stunde wachte ich auf, mir schmerzte der Rücken. Ich schlich aus der Wohnung, lief auf der Suche nach Kaffee orientierungslos durch die Stadt. Die Sonne ging auf und irgendwann stand ich an der Elbe. Damals dachte ich natürlich, ich wäre bis zum Meer gelaufen.
 
Es war eine schöne Zeit. Auch deshalb, weil ich heute weiß: Sie ist vorbei.



Text: anna-kistner - Foto: xxee | REHvolution.de / photocase.com

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