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An diesem Tag Ende Januar, als im Konferenzzentrum in Davos Wirtschaftsexperten und Politiker über weltbewegende Fragen diskutieren, ist es bitterkalt. Doch die junge Frau, die sich vor dem Gebäude schreiend und kreischend im Griff der Polizisten windet, ist bis zu den Hüften hinab splitternackt. Eine andere wird in Handschellen abgeführt. Sie wendet ihren Kopf, ihr langes Haar weht herum und zugleich verführerisch und flehend blickt sie in die Kameras der Fotografen. „Poor because of you“ steht in schwarzen Lettern auf ihrem nackten Oberkörper. 

  Die Fotos dieser Szenen wirken wie aus einem Shooting einer Model-Castingshow. Aber Oksana Shachko und Inna Shevchenko sind keine Models. Sie sind Aktivistinnen der ukrainischen Frauenprotestgruppe „Femen“, die vor dem Weltwirtschaftsforum gegen Armut und Ausbeutung demonstrierten und schließlich abgeführt wurden.
  Femen, deren Name eine Anspielung an „Feminismus“ ist, sind seit 2008 aktiv und mit Protesten für Frauenrechte in ihrem Heimatland bekannt geworden. Vor allem, weil sie ihre Schilder mit Parolen wie „Die Ukraine ist kein Bordell“ stets barbusig in die Luft recken und damit in dem konservativen Land, in dem Frauen kaum politische Mitsprache haben, Themen wie Zwangsprostitution und Sextourismus auf die Tagesordnung bringen. In den vergangenen Monaten vergrößerten sie ihren Aktionsradius und mauserten sich zum Liebling der Medien: Frauen oben ohne gegen Armut in Davos, gegen Berlusconi in Rom, gegen Strauss-Kahn in Paris. Aber können nackte Brüste die Öffentlichkeit für ernste Themen sensibilisieren oder verkommt ihr Protest zu koketten Show? Und wenn ja: Darf Protest Show sein?

  Femen setzen bei ihren Aktionen auf Provokation. „Nackte Frauen, die nicht in der Werbung oder auf einem Magazincover sind, sondern mit Postern auf der Straße stehen, schockieren die Menschen“, sagt Inna Shevchenko. Die 21-Jährige ist eine der Organisatorinnen der Gruppe und Vollzeit-Aktivistin. Ihr Hauptanliegen sei es „zu zeigen, dass eine Frau frei ist, wenn sie sich in ihrem Land ausziehen und nackt protestieren kann.“ Für die Ausübung dieser Freiheit werden sie in ihrer Heimat und anderen osteuropäischen Ländern immer wieder festgenommen. Nach einer Demonstration in Weißrussland gegen Präsident Lukaschenko wurden sie angeblich sogar von Unbekannten in den Wald verschleppt und dort misshandelt. „Das war die schlimmste Haft bisher“, sagt Inna Shevchenko, „aber so konnten wir der Welt zeigen, was wirklich in diesem Land passiert.“ Und stolz erzählt sie weitere Erfolgsgeschichten: Von abgeschreckten Sextouristen; einer Pornodarstellerin, der sie geholfen haben, ihren Sohn gegen den Willen der Regierung zu behalten; einer Frau, für die sie Geld für ihre Brustkrebsbehandlung gesammelt haben. Das für Inna wichtigste Ergebnis ihrer Aktionen: „Wenn ich während eines Protests um mich herum zehn, fünfzehn Femen-Mädchen sehe, dann weiß ich, dass diese Mädchen niemals zulassen werden, dass Männer sie benutzen.“

Ob die Aktivistinnen mit ihrer Protestform auch in Westeuropa etwas bewirken können, ist fraglich, denn dort hat der Nacktprotest eine viel längere Tradition. In Deutschland haben schon die 68er nackt demonstriert, heute ist es vor allem die Tierrechtsorganisation PETA, die nackte Haut als Statement gegen die Pelzindustrie nutzt. Auch bei Demonstrationen gegen Hartz IV oder den G8-Gipfel in Heiligendamm zogen sich die Beteiligten aus. „Man kann mit nackter Haut neue Themen setzen. Wenn das schon geschehen ist, bringen nackte Protestierende zwar Farbe in die Bildredaktionen, aber der Effekt nutzt sich ab“, sagt der Berliner Protestforscher Simon Teune. Dr. Kyryl Savin, Büroleiter bei der Heinrich-Böll-Stiftung in Kiew, kennt die Femen-Aktivistinnen persönlich, nicht zuletzt, weil sie bei der linksliberalen Stiftung bereits um beratende Unterstützung gebeten haben. Savin sagt, Femen fielen in der Ukraine zwar als modern und exotisch auf, die Aktion in Davos sei ihm allerdings rätselhaft: „Ich glaube, die Mädchen überschätzen sich selbst, denn im Ausland haben sie eine ganz andere Bedeutung.“ 

  Wenn man Protestorganisationen um ein Statement zu Femen bittet, geben die sich sehr zurückhaltend. Attac, Greenpeace oder Campact äußern sich zu der Gruppe nicht, weil sie die Arbeit anderer Aktivisten nicht bewerten wollen oder angeben, zu wenig über Femen zu wissen. Auch Sibylle Schreiber von der Bundesgeschäftstelle der Frauenrechtsorganisation „Terre des Femmes“ (TDF) schreibt, dass TDF keine bestimmte Stellung zu den Aktivitäten von Femen habe. Es verbänden sie zwar teilweise die gleichen Themen, ihren Einsatz für Frauenrechte hielten sie für unterstützenswert und ihre Protestkultur für sehr effektiv - aber „ob Protest gegen Sexismus in einer sexistischen Welt nur mit bloßen Brüsten funktionieren kann, da kann frau durchaus geteilter Meinung sein.“ In einer Stellungnahme zum Berliner Slutwalk, bei dem ebenfalls viel nackte Haut als Protestmittel eingesetzt wurde, kritisierte TDF, „dass sich die anwesenden PressevertreterInnen zumeist um die als ‚Sluts' kostümierten Frauen drängten und so in den Medien weniger das Anliegen der Protestierenden als deren Äußeres kommentiert wurde.“ 

  Viel Unterstützung in der Protestszene scheinen die Femen also nicht zu genießen, auch nicht unter Frauenrechtlern. „Wir haben keine offiziellen Verbindungen zu anderen feministischen Gruppen“, sagt Inna Shevchenko, „viele werfen uns Sexismus vor. Wir kämpfen auf eine andere Art als sie, man könnte es New Feminism nennen.“ Simon Teune sieht den Grund für die Skepsis gegenüber Femen auch darin, dass ihrem Protest der inhaltliche Anschluss fehle: „Aufmerksamkeit wird dann produktiv, wenn sie mit weiterführenden Informationen kombiniert wird. Es kann nicht nur bei Slogans bleiben.“ Kyryl Savin kritisiert ebenfalls, dass Femen „nicht in die Tiefe“ gingen: „Wenn man mit ihnen spricht, merkt man schnell, dass sie nicht bescheid wissen.“ 

 Der größte Kritikpunkt an den ukrainischen Aktivistinnen lautet also: zu viel blanke Brüste, zu viel Selbstdarstellung und Show, zu wenig Substanz. Inna Shevchenko macht keinen Hehl daraus, dass die Mädchen sich stets von ihrer besten Seite zeigen. Für sie ist dies der Weg, sich Gehör zu verschaffen: „Wir kämpfen in einem Informationskrieg und unser Körper ist unsere Waffe.“
Die Femen-Frauen inszenieren sich aber auch, um damit Geld verdienen zu können. Die meisten von ihnen kommen aus einfachen Verhältnissen, viele haben keinen Job neben der Protestarbeit. Sie finanzieren sich über Spenden und ihren Online-Shop, in dem sie zum Beispiel Tassen und T-Shirts verkaufen, auf denen das Femen-Logo abgebildet ist – zwei an Brüste gemahnende Kreise in den ukrainischen Nationalfarben blau und gelb. Auch die blau-gelben Brustabdrücke seiner Lieblings-Aktivistin kann man bestellen. Auf der Facebookseite der Femen zeigt ein Fotoalbum namens „Switzerland“ die Davos-Demonstrantinnen nicht in Handschellen, sondern ganz privat im Schneeurlaub. Auch private oben-ohne-Bilder kann man auf der Seite anschauen. Die Femen-Damen provozieren eine Art Starkult. Simon Teune vermutet dahinter auch noch etwas anderes als Finanzierungshilfe: Selbstschutz. „Es ist hilfreich, prominent zu sein, um Repressionen zu entgehen“, so Teune.

Ob es nun darum geht, eine Idee in die Welt zu tragen, sich zu finanzieren, zu schützen, oder einfach darzustellen – in jedem Fall ist der Umgang der Gruppe mit den Medien auffallend professionell. Das kommt nicht von Ungefähr, weiß Kyryl Savin: „Die Mädchen haben sehr gute PR-Manager. Übrigens alles Männer.“ Einer von ihnen komme aus dem Showbusiness und plane die medienwirksamen Aktionen mit den Mädchen. „Sie protestieren nicht für Passanten, sondern für die Kameras, alles ist mehr oder weniger Schauspiel. Sogar die Miliz weiß das schon.“ Auf das angebliche PR-Management angesprochen, weicht Aktivistin Inna aus: „Dass wir einen PR-Manager haben stimmt so nicht. Alles, was wir tun, ist die Arbeit der gesamten Gruppe.“

Gerade erst ist diese Gruppe wieder aufgetaucht – diesmal in Moskau, um gegen Gazprom und zu hohe Gaspreise zu demonstrieren. Wo ist der Zusammenhang zwischen diesem Thema und ihren nackten Brüsten, wo war er beim Weltwirtschaftsforum? „Wer sagt, dass Armut kein Problem der Frauen ist“, fragt Inna, „wer sagt, dass Frauen sich nicht für Wirtschaft interessieren? Unsere Strategie ist es, zu zeigen, dass Frauen überall sind und sich für alles interessieren.“

Überall zu sein, diesem Ziel kommen sie langsam näher. Sie leisten dabei keine ernstzunehmende inhaltliche Arbeit und ihre nackten Brüste schockieren längst nicht mehr jeden. Aber die Femen-Mädchen beherrschen den Umgang mit den Medien spielend. Auch das ist Protestarbeit. Das informative Unterfüttern müssen die anderen übernehmen, aber vielleicht können ihnen die Ukrainerinnen dabei helfen, Aufmerksamkeit für ein Thema zu gewinnen, wenn es durch sie wieder ein Protest auf eine Titelseite geschafft hat. Sie sind die Covergirls. Und man wird das Gefühl nicht los, dass sie genau das sein wollen.

Text: nadja-schlueter - Foto: dpa