Die da ist jetzt der da: Chrissie will endlich aussehen, wie er sich fühlt

Auf der Geburtsurkunde steht, dass Chrissie ein Mädchen ist. Der 16-Jährige fühlt sich aber wie ein Junge. Die Geschichte einer Verwandlung.
caroline-vonlowtzow

Chrissie* hat kurze braune Haare, trägt Skaterturnschuhe und weite, dreiviertellange Skaterhosen in beige. Sie sitzt vor einem Café am Münchner Hauptbahnhof und trinkt eine Pink Grapefruit Limonade. Von Gleis 21 des Münchner Hauptbahnhofs fuhr Chrissie vor einem halben Jahr ihrem neuen Leben entgegen. Ihrem neuen Leben als Junge. Deshalb will Chrissie sich auch hier zum Gespräch treffen, deshalb wird sie von jetzt an ein er sein. Chrissie ist 16 Jahre alt, geht in die zehnte Klasse eines Münchner Gymnasiums und ist transsexuell. Mit dem Klischee der im Lackmini und auf High-Heels durch jede Talkshow stöckelnden Transe hat das nichts zu tun. Chrissie ist ein Transmann. Das heißt: der Geschlechtseintrag in seiner Geburtsurkunde lautet „weiblich“, die weibliche Anatomie passt aber nicht zu seiner männlichen Identität. Chrissie ist ein Mädchen, fühlt sich aber als Junge. Schätzungen gehen davon aus, dass auf etwa 10 000 Menschen ein Transsexueller kommt. „Genaue Zahlen gibt es nicht“, sagt Henrik Haas, Vorstand des Vereins TransMann in München. Die letzte Statistik stammt aus den 80er Jahren, erhob aber nur, wie viele Menschen aufgrund von Transsexualität ihren Personenstand ändern ließen. Das Verhältnis lag bei 1 : 30 000. „Das Thema war aber wesentlich tabuisierter, und es lässt nicht jeder seinen Namen ändern“, interpretiert Haas die Statistik. Es gibt Transmänner, die viele Jahre als Frau gelebt haben oder noch leben und nur in einigen Bereichen als Mann erkannt werden möchten. Und es gibt Transmänner wie Chrissie, die schon immer wissen, dass sie im falschen Körper stecken. Dazwischen ist das Spektrum der möglichen Lebensläufe unbegrenzt. „Ich konnte mich immer nur mit Jungs identifizieren, habe mit Autos gespielt und Mädchenkleider verabscheut“, erzählt Chrissie. „Ein Klischee, ich weiß“, sagt er, „aber so war es.“ Erleuchtung in Bio Seine Hose verbírgt jeden Ansatz einer weiblichen Hüfte – sollte da überhaupt eine sein. Unter dem weiten Hemd zeichnen sich keine Brüste ab. „Abgebunden“, erklärt er, beziehungsweise mit einem speziellen, sehr engen Hemd für Transmänner zusammengedrückt. „Da hat jeder seine eigene Methode.“ Chrissie erzählt das alles, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt. Dabei ist mit 16 eigentlich nichts selbstverständlich. Chrissies Stimme klingt wie die eines Jungen und er sieht aus wie ein Junge – allerdings zu seinem Leidwesen eher wie ein 13-jähriger. Zu Schuljahresbeginn kommt es regelmäßig zu Irritationen, wenn neue Lehrer die Klassenliste durchgehen, um ihre Schüler kennen zu lernen. „Ein Lehrer hat mir nicht geglaubt, dass ich ein Mädchen bin. Er dachte, ich will ihn verschaukeln und wollte mich deswegen nachsitzen lassen.“

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Illustration: Julia Schubert

Mit 13 hat Chrissie ein Schlüsselerlebnis. Er fährt mit seiner Schwester U-Bahn, als sie ihn fragt: Schaust du dir manchmal die Leute an und überlegst, wie du später aussehen wirst? „Dabei hat sie auf einige Mädels gezeigt“, erzählt Chrissie. „Ich dachte nur: nein, nein, nein. Ich bin dann zwei Stunden suchend durch München gefahren, bis ich schließlich einem Typen gegenüber saß und wusste: So möchte ich aussehen.“ Chrissie weiß lange nicht, was mit ihm los ist. Als ihm Brüste wachsen und er seine Tage bekommt, wird er unglaublich wütend – vor allem auf sich selbst. „Viele Transsexuelle leiden an Depressionen, haben Selbstzweifel, sogar Selbstmordgedanken und Angst vor dem, was nach einem Outing auf sie zukommt. Vor allem solange sie es sich nicht selbst eingestanden haben“, erklärt Henrik Haas von TransMann. Erst als im Biologieunterricht das Thema Transsexualität gestreift wird, erfährt Chrissie, dass es Menschen gibt, deren Körper nicht zu ihrem empfundenen Geschlecht passen. „Das war wie eine Erleuchtung. Und erleichternd, denn ich habe gemerkt: Ich bin nicht alleine.“ Chrissie ist zu diesem Zeitpunkt 15 Jahre alt. „Vor zehn Jahren wäre er eine totale Ausnahme gewesen“, sagt Henrik Haas. Er hat beobachtet, dass heute mehr Jugendliche schon zwischen 15 und 17 Jahren ihre Transsexualität feststellen und vermutet dafür mehrere Gründe: zum einen sei das Thema medial präsenter, zum anderen seien die Jugendlichen aufgeklärter. Er selbst habe erst Anfang 20 erfahren, dass es Transsexualität gibt. Hinzu kommt: auch die Eltern sind aufgeklärter. Haas erzählt von Eltern, die bei ihm anrufen, weil sie vermuten, dass ihre Kinder transsexuell sind. Sie wollen ihnen helfen. Chrissie hat sich vor knapp einem Jahr geoutet. Leicht fiel es ihm nicht. Aber mit dem Wissen um die eigene Transsexualität wird das Leben als Christina unerträglich. „Für die Firmung hat mir meine Schwester einen Mantel mit lauter Puscheln geliehen. Das war total nett, aber ich habe mich darin so unwohl gefühlt. Es war furchtbar.“ Auch die Haare sind zu diesem Zeitpunkt noch schulterlang. „Einen Tag nach der Firmung habe ich sie aber abgeschnitten. Vorher habe ich mich nicht getraut. Sonst hätte es Zuhause einen Riesenärger gegeben.“ Oft geht es um solch scheinbar profane Probleme. Wie man genannt wird zum Beispiel: „Sobald ich in Zusammenhang mit mir weibliche Artikel höre, kann ich nur noch denken: das stimmt nicht! Es ist, als wäre ich eingesperrt. Ich schäme mich richtig für meinen Namen und mein Geschlecht.“ Als Chrissie einen regelrechten Ekel gegen sich selbst entwickelt, schreibt er seinen Eltern einen Brief. „Ich hatte bei einer Freundin übernachtet und als ich nach Hause kam, saß meine Mutter am Esstisch und wollte mit mir reden. Ich habe mich gefühlt, als hätte ich etwas ausgefressen und werde nun zur Rede gestellt. Ich stand da und habe auf meine Füße gestarrt.“ Chrissies Mutter weint immer wieder in den ersten Wochen, möchte mit ihm reden, wissen, warum und wie Chrissie es gemerkt habe. Irgendwann macht er dicht, was die Mutter noch mehr verletzt. Der Vater versucht so zu tun, als würde es ihm nichts ausmachen, als sei alles in Ordnung. Es ist bedrückend zu Hause. „Einmal hat mein Vater zu mir gesagt: Kannst du dich nicht weiblicher anziehen. Du siehst doch, dass deine Mutter leidet.“ Die Schwester redet bis heute kaum noch mit ihm. Wenn Freunde zu Besuch kommen, stellt sie Chrissie betont als ihre Schwester Christina vor. Am meisten helfen ihm die Gespräche in der Selbsthilfegruppe und mit seinem besten Freund. Als er sich ihm gegenüber outet, antwortet dieser nur: „Na und? Zwischen uns ändert das doch nichts. Ich dachte mir eh schon so ’was.“ Diese Antwort bekommt er auch vom Großteil seiner Mitschüler, als er ihnen Anfang des Schuljahres E-Mails schreibt und ihnen erklärt, dass er transsexuell ist. Ab diesem Tag war er für alle nur noch „der“ Chrissie. Blöde Sprüche, Diskriminierung oder Mobbing – Chrissie kann davon fast nichts erzählen. Ein einziger Freund erklärte, er werde ihn nie als Jungen behandeln können. Seitdem ist der nicht nur für Chrissie gestorben, sondern auch für Chrissies Freunde, die sich mit ihm solidarisierten. Transsexualität zu leben, ist heute kein Tabu mehr, sondern scheint von der Gesellschaft akzeptiert zu werden. Auch das Verhältnis zu seinen Eltern hat sich entspannt. Anfang des Jahres stellte ihn seine Mutter zum ersten Mal als ihren Sohn vor. „Da war ich gleich ein paar Zentimeter größer. Mit solchen Kleinigkeiten kann man mich sehr glücklich machen.“ Einmal im Stehen pinkeln Obwohl die meisten Menschen in seiner Umgebung schnell von „die“ auf „der“ Chrissie umgeschaltet haben – die Probleme bleiben: Im Sportunterricht muss Chrissie weiter bei den Mädchen mitturnen. „Das ist jedes Mal eine Demütigung. Ich empfinde die Mädchenumkleide regelrecht als persönliche Beleidigung.“ Als seine Freunde in den Stimmbruch kommen und anfangen wie Männer auszusehen, legt er sich aus Eifersucht zunächst immer wieder mit ihnen an. Chrissie war seit drei Jahren nicht mehr schwimmen. Immer wieder kommt es zu Situationen, in denen sich Chrissie verstecken muss. „Ich habe mich vor Kurzem in ein Mädchen verliebt, das mich noch als Mädchen kennen gelernt hat. Das geht natürlich gar nicht.“ Wie selbstverständlich hat Chrissie bisher seine Geschichte erzählt, doch bei diesem Thema stockt das Gespräch zum ersten Mal. Chrissie hat bereits zwei Freundinnen gehabt. Seine erste Freundin weiß sogar von Chrissies Transsexualität. Die andere nicht und es wäre für Chrissie ein Weltuntergang gewesen, wenn sie es erfahren hätte. „Knutschen geht natürlich, aber ich lasse mich nicht gerne berühren. Es dauert extrem lang, bis ich jemand erlaube, mich zu umarmen. Deswegen hat mich meine erste Freundin einmal angesprochen, weil sie enttäuscht war, aber es ging nicht. Ich könnte mir das auch gar nicht vorstellen, mit meinem jetzigen Körper Sex zu haben. Das geht einfach nicht in meinen Kopf rein.“ Deshalb möchte Chrissie so schnell wie möglich mit der Hormonbehandlung beginnen, um endlich künstlich die ersten körperlichen Veränderungen herbeizuführen. Ein gutes Jahr muss er sich noch gedulden, dann ist er 18. Theoretisch könnte er die Behandlung früher beginnen, doch bis sämtliche Einwilligungserklärungen vorliegen, ist er wahrscheinlich längst 18. Chrissie will den ganzen Weg gehen: Therapie, Gutachten, lebenslang Hormonbehandlung, Brustentfernung, sogar den Penoidaufbau – auch wenn die Ergebnisse dabei noch relativ schlecht sind. Angst vor Komplikationen und langwierigen Verfahren hat er keine. „Schlimmer als jetzt kann es nicht werden. Ich möchte nicht mein Leben lang aufs Freibad verzichten und ich möchte später mal im Stehen pinkeln.“ Als Chrissie im Winter von Gleis 21 des Münchner Hauptbahnhofs für zehn Tage in den Schüleraustausch nach Frankreich fährt, weiß dort niemand, dass Chrissie ein Mädchen ist. Sein Gastvater hat ihn lediglich gefragt, für welchen Namen Chrissie die Abkürzung sei: Christian oder Christoph. *(Name geändert) Der Verein TransMann bietet Information und Hilfe auf transmann.de Illu: Marcus Holzmayr

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