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jetzt.de: Mir ist beim Lesen deines Buches aufgefallen, dass ich gar nicht weiß, ob ich mal erbe.
Julia Friedrichs: Das haben mir auch viele erzählt. Die wollten zum Beispiel eine Wohnung in der Großstadt kaufen, merkten, dass das eine halbe Million kostet, und dann sagten die Eltern: Kein Problem, kannst du von uns haben. Die fielen aus allen Wolken.

Woher kommt das viele Geld unserer Elterngeneration überhaupt?
Unsere Eltern konnten, sofern sie gute Jobs in Westdeutschland hatten, in den Siebzigern und Achtzigern enormen Wohlstand aufbauen. Man hat gut verdient, musste nicht fürs Alter vorsorgen, weil die Renten gesichert waren, und bekam hohe Zinsen, wenn man sein Geld angelegt hat. Ich war überrascht, dass aus normalen Lebensläufen von Ärzten oder Verwaltungsbeamten zwei oder drei Millionen Euro resultierten!

Für uns ist es kaum möglich, so ein Vermögen anzuhäufen, oder?
Es ist zumindest viel schwerer. Und der Staat hat sich entschieden, Arbeit steuerlich viel stärker zu belasten als Vermögen und Erbe fast gar nicht. So ist ein Ungleichgewicht entstanden.

"In unserer Generation macht es zum ersten Mal wieder einen Unterschied, ob du Erbe bist oder nicht"

Der Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty sagt, die Generation der zwischen 1970 und 1980 Geborenen wird die erste seit dem zweiten Weltkrieg sein, bei der das Erbe das Leben mitbestimmt. Du gehörst zu dieser Generation – merkst du's schon?
Erbe spielte in meinem Leben bisher keine Rolle und ich dachte, so sei es auch bei meinen Freunden. Und dann wurden langsam alle sesshaft, haben Kinder bekommen und Freunde von mir kauften plötzlich Häuser für eine halbe Million Euro. Ich habe mich gefragt: Wie kriegen die das hin? Da wurde das Erbe auf einmal Thema.

Habt ihr darüber gesprochen?
Viele wollten nicht darüber sprechen, und es wurde mir auch unangenehm, zu fragen. Die, die sich entschieden haben, mit mir zu reden, haben oft gesagt, das sei das erste Mal. Ist ja auch komisch, vor seinen Freunden zu sagen "Du, ich hab eine halbe Million und fühl mich nicht gut damit".

Wieso ist das so komisch?
Es ist ein Punkt, der einen trennt. Ich habe eine Erbin getroffen, die ihr Erbe deswegen geheim hält. Sie könnte sich ohne Probleme eine große Immobilie leisten, aber lebt mit einer vierköpfigen Familie in einer 80-Quadratmeter-Mietwohnung. Sie sagt: "Wenn meine Freunde davon wüssten, könnte ich nicht mehr mit ihnen befreundet sein, dann müsste ich ein anderes Leben führen." Die Erbschaft liegt auf dem Konto und wird nicht angerührt. Nicht mal die Kinder wissen davon.

Erbe sein hat also ein schlechtes Image?
Ich habe es bei einer Recherche tatsächlich noch nie als so schwierig erlebt, Interviewpartner zu finden. Die Erblasser, also Eltern, Unternehmer, Patriarchen, reden. Aber die Generation der Erben ist eher stumm.

Warum?
Zum einen will man nicht zugeben, dass man nicht so sehr der Regisseur des eigenen Lebens ist, wie man immer behauptet. Unsere Eltern haben uns gesagt: "Nimm dein Leben in die Hand!" und uns vermittelt, dass wir frei sind. Später einräumen zu müssen, dass eigentlich die Vergangenheit der Familie bestimmt, wo man wohnt oder welchen Beruf man ausübt, ist schwer. Ein anderer Grund ist, dass es in Deutschland keine Tradition für eine Debatte übers Erben gibt. Geerbtes Geld gilt hier als sehr spezielles Geld, das dem Clan gehört.

Ist das in anderen Ländern anders?
In Frankreich oder in den USA wird sehr hart und kontrovers über Erbe diskutiert  – und bei uns viel zu wenig. Dabei ist das ein wahnsinnig wichtiges Thema. Jetzt wird dieses viele Geld vererbt und die ökonomische Architektur der Gesellschaft wird sich dadurch ändern. In unserer Generation macht es für die Frage "Wie willst du leben?" plötzlich einen Unterschied, ob du Erbe bist oder nicht.

Lars, ein Protagonist in deinem Buch, hat sich von seinem vorgezogenen Erbe eine große Wohnung gekauft. Er sagt, das Geld seines Vaters gebe ihm Sicherheit und die Möglichkeit, sich selbst zu verwirklichen. Bei anderen zeigt sich: Je größer das Erbe, desto kleiner die Möglichkeit, sich selbst zu verwirklichen. Vor allem bei denen, die nicht nur Geld erben, sondern ein Unternehmen.
Ja, ich habe zum Beispiel mit einem reichen Unternehmersohn gesprochen, der einfach nie den Raum hatte herauszufinden, wer er sein will. Weil immer klar war: Er wird mal der Nachfolger seines Vaters. In so einer Position muss man sich entweder total auflehnen und mit den Eltern in einen Konflikt gehen oder man macht einfach, was sie erwarten. Wobei auch Lars sich nach der Erbschaft verpflichtet gefühlt hat, sein Leben und das, was er mit dem Geld gemacht hat, vor seinem Vater zu rechtfertigen.

Weil Eltern mit ihrem Vermögen auch ihre Zuneigung zeigen?
Genau. Bei Lars war es so: Wenn sein Vater keine Zeit für ihn hatte, hat er ihm 50 Mark in die Hand gedrückt. Lars hat immer gesagt "Ich lass meine Gefühle nicht kaufen" – und jetzt ist er total dankbar, dass sein Vater ihm diese Wohnung gekauft hat. Damit hat er quasi in diesen Deal eingestimmt und eingesehen, dass sein Vater so seine Wertschätzung zeigt.

Gibt es eine Grenze, ab der sich ein Erbe im Leben bemerkbar macht?
Ein Erbe wird dann relevant, wenn es einem Leben eine Wendung gibt. In der Großstadt würde ich das bei etwa 200 000 oder einer Viertelmillion Euro ansetzen. Wenn man so eine Summe erbt, katapultiert einen das in die Gruppe der sehr Wohlhabenden.

>>> Warum um Erbe so oft gestritten wird und warum die Politik in Deutschland Erben begünstigt.


Wie oft führt Erbe zu Streit?
Man sagt, jede zweite Erbschaft bringt eine Familie kurzzeitig ins Wanken, bei jeder fünften kommt es zum Konflikt. Je mehr vererbt wird, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass es zum Streit kommt.

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Julia Friedrichs, geboren 1979, studierte Journalistik in Dortmund. Sie lebt und arbeitet in Berlin als freie Autorin von Fernsehreportagen und Magazinbeiträgen. Diesen Montag erscheint ihr Buch "Wir Erben. Was Geld mit Menschen macht" im Berlin Verlag (320 Seiten, 19.99 Euro)

Welche Geschichte hat dich am meisten bewegt?
Der Fall einer Berlinerin, Lea: Die ist jetzt Mitte 30 und steckt seit acht Jahren in einem Erbstreit. Es geht um etwa zehn Millionen Euro, es gibt fünf Parteien, es ist also für alle genug da  – und das Erbe wird einfach nicht angetreten, weil sie sich so überworfen haben, dass sie lieber selbst nichts haben, als dass der andere was hat.

Wieso wird es beim Erben so emotional?
Das Problem ist, dass das Erbe oft als Endabrechnung der elterlichen Gefühle verstanden wird. Die Tochter sieht im Testament, dass es Ungleichheiten gibt und die denkt: "Jetzt ist es schwarz auf weiß, mein Bruder war immer der Liebling!" Obwohl die Eltern vielleicht nur dachten, dass die Tochter im Leben besser klarkommt als der Sohn und das Erbe darum nicht so sehr braucht.

Laut einer Langzeitbefragung im Auftrag der Postbank hat die Zahl der Erbstreitigkeiten in der Vergangenheit zugenommen. Warum?
Zum einen, weil mehr vererbt wird. Zum anderen, weil älter vererbt wird, dann haben sich die Familienbande schon gelöst, da streitet es sich leichter. Und es gibt mehr Patchwork-Familien, bei denen es noch komplizierter wird. Ich glaube, das wird sogar noch mehr werden. Auch, weil unser Erbrecht total veraltet ist: Blut zählt immer noch am meisten, unverheiratete Paare werden vom Gesetzgeber wie Freunde behandelt, jede Cousine dritten Grades gilt mehr. Das hat wenig mit unserer Art zu leben zu tun.

Die Steuervorteile für Erbschaften hast du ja schon erwähnt. Deutschland begünstigt Erben  – und das ist politisch gewollt, oder?
Ja. Nach zwei Jahren Recherche bin ich mit meinen Sorgen um eine Gesellschaft, die durch das Erbe ungleicher und ungerechter werden könnte, zu den steuerpolitischen Sprechern der Fraktionen gegangen. Das waren bizarre Gespräche! Bis auf die CDU teilten alle meine Sorgen. Wenn ich aber fragte: "Die Erbschaftswelle rollt gerade an was machen wir jetzt?", dann hieß es: nichts. Das Thema sei politisch nicht durchsetzbar, die Mehrheit der Menschen sei gegen eine Erbschaftssteuer, in den Medien sei das Thema nicht vermittelbar. Man müsse abwarten.

Zahlen und Rechtslage

Erbengeneration:
Laut des Instituts für Altersvorsorge und einer Universitätsstudie werden im nächsten Jahrzehnt jedes Jahr 250 Milliarden Euro vererbt, also insgesamt 2,5 Billionen. Allerdings unterscheiden sich die Zahlen je nach Studie stark. Sie bewegen sich zwischen 60 und 300 Milliarden pro Jahr.

Verteilung:
Laut Studien und Hochrechnungen besitzt die ärmere Hälfte der Deutschen Bevölkerung ein Prozent des Gesamtvermögens, die reichere 99 Prozent. Den größten Anteil des Vermögens findet man in den oberen zehn Prozent. Die Erbschaften der kommenden Jahre werden diese ungleiche Verteilung zementieren: Mehr als die Hälfte der Deutschen wird nichts erben, acht Prozent bekommen dafür 40 Prozent des Gesamtvermögens hinterlassen.

Erbschaftssteuer und Steuer auf Kapitalvermögen:
Geerbtes Geld wird in Deutschland kaum besteuert, im Jahr 2013 im Schnitt mit zwei Prozent. Am gesamten Steueraufkommen hatte die Erbschaftsteuer damit nur einen Anteil von 0,7 Prozent. Seit 2009 werden außerdem die Erträge aus Kapitalvermögen (also z.B. Zinsen) mit nur noch 25 Prozent besteuert. Damit soll Steuerflucht und Steuerhinterziehung bekämpft werden. Er begünstigt aber auch die ungleiche Verteilung des Vermögens, sagen Kritiker – die Reichen würden so immer reicher.

Unternehmenserbschaft:
Wer ein Unternehmen erbt und die Zahl der Beschäftigten fünf Jahre lang relativ konstant hält, zahlt auf 85 Prozent des Unternehmenswerts keine Erbschaftsteuer, nach sieben Jahren steigt dieser Wert sogar auf 100 Prozent. Wenn das Unternehmen weniger als 20 Mitarbeiter hat, gilt die 100-Prozent-Regelung sofort. Das führt dazu, dass Unternehmen vor dem Erbfall oft gestückelt werden, um sie steuerfrei an die Nachfolger weiterzugeben. Im vergangenen Dezember hat das Bundesverfassungsgericht die Regelung für verfassungswidrig erklärt, weil Unternehmenserben dadurch überprivilegiert seien. Bis Ende 2016 soll es eine Neuregelung geben. Die Bundesregierung verhandelt derzeit darüber.

Schenkung:
Der Freibetrag für eine Schenkung zu Lebzeiten an die eigenen Kinder liegt bei 400 000 Euro pro Kind und kann alle zehn Jahre genutzt werden. Steuerberater raten Eltern darum, möglichst früh mit den Schenkungen anzufangen. Innerhalb von 30 Jahren kann man so zum Beispiel 1,2 Millionen Euro steuerfrei an ein Kind weitergeben.

Viele Erben haben selbst gesagt, dass sie sich wünschen, dass man sie erleichtert und ihnen in Form einer Erbschaftssteuer etwas wegnimmt.
Ja, aber die Diskussion wird immer noch von den Alten bestimmt. Ich kann verstehen, dass die sagen: "Das ist meins!" Aber die, die es bekommen, haben einen ganz anderen Blick auf dieses Geld. Und eine größere Bereitschaft, davon was abzugeben.

Götz Werner, der dm-Gründer, hat seine Unternehmensanteile in eine Stiftung überführt und damit seinen sieben Kindern das Erbe weggenommen.
Das finde ich eine tolle Reaktion, vor der ich viel Respekt habe. Er möchte, dass seine Kinder ein eigenes Leben führen, und glaubt, dass das nicht geht, wenn sie ein eine Milliarde schweres Unternehmen erben. Gleichzeitig hat er auch gesagt, dass er es dem Unternehmen nicht zumuten kann, dass qua Geburt entschieden wird, wer es weiterführt.

Es gibt ja auch die These, dass das Erben unsere Generation träge macht und uns die Innovationslust nimmt. Man muss ja nichts dafür tun.
Ja, Volkswirtschaftler vermuten, dass in Gesellschaften, in denen das Erbe eine große Rolle spielt, die Volkswirtschaft weniger dynamisch und unproduktiver wird. Weil die Erben Angst haben, das Geld zu versemmeln, sind sie sehr viel vorsichtiger und wagen weniger.

Gibt es dafür schon Belege?
In Japan, der einzigen schon existierende Erbengesellschaft der Welt. Da haben die Jungen es sehr schwer, ihr Leben selbst zu finanzieren, und die Alten sind sehr wohlhabend. Viele Junge erstarren und erlahmen dadurch, sie gehen das eigene Leben nicht an, sondern leben wie Haustiere bei den Eltern, bis sie Mitte 30 sind.

Wie können wir verhindern, dass das in Deutschland auch passiert?
Indem wir darüber sprechen. Eigentlich ist das ja eine tolle Sache: Wir hatten so lange Frieden und Wohlstand, dass es ein großes Privatvermögen gibt. Wir sollten debattieren, wie wir damit so umgehen, dass wir eine positive Gesellschaftsvision entwickeln.


Text: nadja-schlueter - Illustration: Daniela Rudolf; Foto: Susanne Schleyer