Die ewige Stressliebe

Als Münchner muss man die Berge gern haben. Doch ihre Nähe und Schönheit setzen einen jedes Wochenende von Neuem unter Druck.
Von Max Scharnigg
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Illustration: Julia Schubert

Nur gut, dass die Berge nicht nachtragend sind. Wie oft wir die schon versetzt haben! Wie oft wir schon an einem Freitagabend an irgendeiner Theke den Satz gesagt haben: „Eigentlich wollte ich morgen in die Berge“, wohlweislich schon ins Imperfekt gesetzt und gesprochen in der bitteren Gewissheit, dass wir morgen froh sein werden, wenn wir es überhaupt bis zum Supermarkt schaffen, bevor er zumacht.

Die Berge und München, das ist eine Stressliebe, mit mehr Gewicht auf Liebe. Es ist schön, sie da hinten stehen zu sehen und zu wissen: Die hauen nicht ab, die machen den Föhn und das gute Trinkwasser und irgendwie geben sie uns auch Deckung. Deswegen hat man sie gern und weist sich ständig darauf hin, wenn sie bei guter Witterung zu sehen sind. Neumüncher erkennt man dagegen leicht daran, dass sie bisweilen noch ganz kess bekunden: „Mit Bergen habe ich nichts am Hut.“ Das mag zwar sein und insgeheim auch auf die Mehrheit der Münchner zutreffen, aber: Man sagt es nicht. Berge sind gut und in die Berge geht jeder gefälligst gerne, der einen halbwegs normalen Verstand hat. In Kitzbühel wird vorausgesetzt, dass man Skifahren kann, in München wenigstens, dass man gerne wandert, selbst die schnittigsten Urbanisten halten sich daran.

Wenn man am Sonntag vom Bett aus sieht, dass gutes Wetter wird, ist es schon viel zu spät

Deswegen ist hier auch die Klage so beliebt, wonach man es diesen Sommer wieder viel zu selten in die Berge geschafft hat. Das trifft auf Verständnis bei jedem Gesprächspartner, egal ob Chef oder Eisbachsurfer, und an schönen Herbsttagen hängt über der ganzen Stadt ein Seufzen: Ach, heute in die Berge! Es ist also ein ewiges schlechtes Gewissen, das uns der verflixt hohe Freizweitwert dieser Stadt bereitet, für den ja nun mal vor allem die alten Berge verantwortlich zeichnen. Schließlich weiß jeder, der den Zirkus ein paar Jahre mitgemacht hat: Wenn man am Sonntag vom Bett aus sieht, dass gutes Wetter wird, ist es schon viel zu spät. Dann sind die Wanderparkplätze voll, die Weißbier-Almen überfüllt und alle stehen längst am Tegernsee im Stau. In die Berge, das ist eben nicht wie in den Park, das ist eigentlich immer eine Riesenaktion.

Aber das ist ein Tabuthema, keiner gibt gerne zu, wie viel lieber er morgens im Bett statt in den Wanderschuhen steckt. Also stellt man den Wecker, trinkt am Abend davor nichts, tauscht geheime Gipfel und wenig begangene Routen aus und hofft, dass man sie einmal nur für sich hat, die geliebten, geduldigen Berge, die man schon so oft vertrösten musste. Hat man natürlich nie, es kommt uns stets beim Aufstieg schon wieder jemand entgegen und Stau am Tegernsee ist immer. Das gehört dazu. Deswegen aber fühlt es sich so ganzheitlich wunderbar an, wenn man es doch ein oder zweimal gepackt hat in die Berge. Und mal ganz unter uns: Mehr schafft doch kaum einer.

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