Eigentlich ist Hero zu alt für so was. Er wirft sein Gamepad weg. „Kratsch“, Plastik kracht auf Plastik. So die Nerven zu verlieren. Das machen sonst nur jüngere Spieler. 17-Jährige vielleicht. Aber nicht Hero. Er ist 22, ein Star, die eine Hälfte von Hero und Styla – Deutschlands berühmtesten E-Sport-Brüderpaars. Hero hat sein Spiel verloren. Und das im Finalturnier zur Deutschen Mannschaftsmeisterschaft. Zwei Kamerateams haben alles gefilmt. Durch die geöffnete Tür schwallt der Jubel der Gegner von nebenan. Hero bleibt sitzen, fasst sich an die blondierten Haare. Er schreit. „Ich versteh’ nicht, wieso ich in den Finals immer so abkacken muss.“ Neben ihm sitzt sein Bruder Styla. Styla ist ruhig. Nach außen. Er lässt sich nie etwas anmerken. Nicht einmal, als er vor wenigen Wochen zum zweiten mal Weltmeister wurde, zeigte er große Reaktionen. Er bedankte sich bei seinem Gegner, ging in die Mitte der Bühne und erst dann ließ er die ganze Freude raus. So ist das bei den Brüdern: Hero hat blondierte Strähnen, Styla dunkle Haare. Hero lässt das Hemd lässig herunterhängen, Styla hat es in die Hose gesteckt. Hero flucht, Styla bleibt ruhig. Bei Hero und Styla zu Hause hängt ein Poster an der Tür. „Gemeinsam stark für Deutschland“ steht darauf. Das Poster zeigt ein Foto von den beiden: Daniel und Dennis Schellhase – grinsend Arm in Arm in Trainingsjacken mit Goldmedaillen um den Hals. „Fifa Football 2003 Worldchampions“ steht klein darüber. Mit dem Motiv machte ein Computerhersteller vor zwei Jahren Werbung – in Sportzeitschriften und an Bushaltestellen. Es war die allererste Anzeigenkampagne mit professionellen Computerspielern als Stars. Sie sind Deutschlands bekannteste und erfolgreichste E-Sportler: Daniel Schellhase, genannt Hero, Teamweltmeister und Einzel-Vizeweltmeister 2003 und sein Zwillingsbruder Dennis, genannt Styla, Teamweltmeister 2003, Einzelweltmeister 2003 und 2005. Beide 22, beide aus Gelsenkirchen. In der Szene nennt man sie ehrfürchtig die „Fifa Twins“. Sie spielen „Fifa Football“, Fußball als Computerspiel, und sind darin so gut wie kaum ein anderer. Hätte Daniel keine gefärbten Haare, könnte man die beiden auf den ersten Blick kaum unterscheiden. Beide sind gleich groß, durchtrainiert, sie tragen Jeans und das selbe dunkelblaue Sweatshirt. Ihr Teamoutfit, inklusive Sponsorenaufdruck: Intel, ATI, die großen Hardware-Fabrikanten zahlen ihnen die Reisen zu den Wettkämpfen und noch ein bisschen mehr. Die Schellhases machen im Gegenzug Werbung für Notebooks und Prozessoren. Wenn es sie nicht gäbe, müsste die Industrie die Fifa-Twins glatt erfinden: Zwei smarte und furchtbar bodenständige Jungs, die Wirtschaftsinformatik studieren, nebenher Fußball spielen, am Wochenende mit ihren Freunden in die Disco gehen und eben leidenschaftlich am Computer zocken. Mit jedem PR-Foto, jedem Interview, jedem Satz sagen sie vor allem eines: „Wir versuchen die Botschaft rüberzubringen: Wir sind ganz normale junge Leute. Wir machen dasselbe wie alle anderen Jugendlichen auch“, erklärt Dennis. Er sagt den Satz wie gedruckt. So etwas können nicht viele Sportler. Das meint der Intel-Pressesprecher Hans-Jürgen Werner wohl auch, wenn er von den Zwillingen als „hochkommunikativen Jugendlichen“ schwärmt, die so „wunderbar darstellen können, wie E-Sport läuft“. In Deutschland denken viele bei Computerspielern eben noch immer an bleichgesichtige Pickelteens, die Mittelerde nicht von der Wirklichkeit unterscheiden können und mit jedem Counterstrike-Match Gefahr laufen, irgendwann als Amokschütze zu enden. Die neue Bundesregierung hat in den Koalitionsvertrag geschrieben, dass sie „Killerspiele“ verbieten möchte. Das wäre für den E-Sport in Deutschland ein ziemliches Problem. Auch wenn die Szene – wie der Intel-Sprecher sagt – „die kritische Masse weit überschritten“ hat, braucht sie Figuren wie die Fifa-Twins ganz dringend. In Daniels Zimmer hängt eine große Kaiserslautern-Fahne über dem Bett. An mehreren Stellen sammeln sich Medaillen, Pokale und Urkunden. Von echten Fußballspielen und von virtuellen. Daniel und Dennis haben einmal in der Jugend von Schalke 04 gespielt und in einigen Auswahlmannschaften. Wenn sie gewollt hätten, hätten sie Chancen auf eine Profi-Laufbahn gehabt. Sie wollten nicht. „Das Risiko war uns zu groß“, sagt Daniel. „Schule und Studium gingen vor.“ So wurden sie eben Fußball-Profis am Computer. Mit 16 bekamen die Zwillinge von ihren Eltern eine eigene Wohnung. Im selben Mehrfamilienhaus wie Mama und Papa, ein Zimmer für Dennis, eines für Daniel. Die Eltern sahen nicht mehr alles, Daniel und Dennis konnten endlich so viel am Computer spielen, wie sie wollten. „Unsere Eltern hatten immer etwas gegen die Kiste“, erinnert sich Daniel. 2003 erschien das erste Fifa-Spiel, mit dem sie ohne großes Insider-Wissen online spielen konnten. „Wir haben viele Spiele gewonnen“, erzählt Dennis, „mehr als erwartet.“ Sie fuhren zu Turnieren, wurden immer erfolgreicher und nach weniger als einem Jahr saßen beide im Flieger zur E-Sport-WM, den World Cyber Games in Korea. Das Sportstadion ist voller jubelnder Menschen. Daniel zeigt das Video von den World Cyber Games. Zu wummerndem Techno flackern schnell hintereinander geschnitten die Eindrücke einer ganzen Weltmeisterschaft über den Bildschirm. Die pathetische Eröffnungsfeier mit Fahnen und einem Eid auf das Fair Play. Die Teams aus aller Welt. Die Autogrammjäger. Die kleinen koreanische Mädchen, die vor den Hotels der E-Sport-Stars warten, als wären es Boygroups. Und am Ende Daniel und Dennis auf der großen Bühne, wie sie das Einzelfinale unter sich ausspielen. Und Daniel, wie er seinem Bruder gratuliert – dem neuen Weltmeister. Der große Traum der Zwillinge: Bei Olympia dabei sein. Das ist weniger utopisch als es klingt: 2008 finden die Olympischen Spiele in Peking statt und die Chinesen sind so E-Sport-begeistert, dass es tatsächlich für einen Demonstrationswettbewerb im Rahmenprogramm reichen könnte. Dennis und Daniel waren sogar schon auf einem Test-Turnier in China. 30 Millionen Menschen haben ihre Spiele im Fernsehen verfolgt. Die Twins erzählen viel von Asien: Wo allein in Korea vier TV-Stationen ausschließlich über E-Sport berichten und sich die koreanische Telekom vor kurzem ein Profi-Team für sechs Millionen Euro zusammengekauft hat. Und wo sie auch immer wieder ausländische Sportler suchen. „Das kommt für uns aber nicht in Frage“, wehrt Dennis ab. „Das Studium ist uns wichtiger.“ Einen Abschluss in Wirtschaftsinformatik wollen sie machen und danach vielleicht eine kleine Firma gründen. „Auch wenn irgendwann andere das große Geld mit E-Sport machen“, sagt Daniel. „Dann waren wir eben die Pioniere“, ergänzt Dennis. „Sehen wir es so: Andere finanzieren sich das Studium durch Nebenjobs. Wir gehen Computerspielen.“ Dafür trainieren die Zwillinge hart: Zwei Stunden jeden Tag, vor großen Turnieren auch mal vier. Sie üben das Timing der Flanken, die Präzision beim Kopfball, die Taktik. Am Ende gewinnt der, der die Nerven behält und am besten vorhersehen kann, was der Gegner als nächstes macht. Damit die Konkurrenz möglichst wenig über ihre Spielweise erfährt, spielen Dennis und Daniel im Training meist gegeneinander. Im Kölner Media-Park hat die Electronic Sports League (ESL) zum Saisonfinale ihrer Pro Series geladen. Die ESL ist so etwas wie der deutschen E-Sport-Bundesliga. Für die Fifa-Twins und ihr Team SK Gaming geht es um den Titel des deutschen Team-Meisters-Fifa Football, Fünf gegen Fünf. Die anderen Disziplinen an diesem Wochenende sind „Counterstrike“, „Warcraft III“ und die Rennsimulation „Live for Speed“. Pickel hat hier niemand. Die meisten Jungs tragen Turnschuhe, gesteppte Jacken, gegelte Haare. Mädchen sieht man kaum. Vor ein paar Monaten hat die Liga die Mitglieder ihrer Online-Community befragt. 98 Prozent waren männlich. E-Sport hat sich zwar vom Nerd-Tum emanzipiert, ist aber fast weiter eine reine Jungs-Veranstaltung. SK Gaming, das Team der Fifa-Twins spielt gleich gegen ihre größten Konkurrenten mTw. Es geht um den Einzug ins Endspiel. „Styla spielt gegen Stefan“, werbetrommelt der Moderator in die Kamera. Er trägt Tunschuhe, T-Shirt und Sakko. „Das ist Ost gegen West.“ Im Zuschauerraum vor der großen Videowand ist es trotzdem noch ziemlich leer. Die Location ist winzig im Vergleich zum koreanischen WM-Stadion, aber immerhin etwas größer, als eine Schulaula. Der Moderator fragt: „Hero, willst Du noch was sagen?“ – Hero: „Ich grüße alle meine Freunde.“ Er klingt nett und bescheiden, ein wenig nervös. Dabei wollte er doch etwas Einschüchterndes zu Protokoll geben. Einen Spruch, wie ihn sonst nur Uli Hoeneß ablässt. SK Gaming ist im E-Sport so eine Art FC Bayern. Immer favorisiert, international erfolgreich, aber die Zuschauer jubeln meistens für die Gegner. Das ist der Preis für WM-Titel und Werbeverträge. Aber eben auch etwas, aus dem die Brüder eine Tugend machen: „Denkt immer dran: Wir sind unbeliebt“, sagt Styla zu seinen Teamkollegen. Aus einem MP3-Handy scheppert „Eye of the Tiger“ – das Motivationslied. Fünf PCs stehen nebeneinander in einem sonst leeren abgedunkelten Konferenzraum. Fünf SK-Spieler, jeder spielt gegen einen zugelosten Gegner vom anderen Team. Am Schluss werden Punkte und Tore zusammengezählt. Heros Spiel wird live auf der Videowand übertragen. Er schreibt eine Textbotschaft an seinen Gegner JiMmy und versucht sich schwächer zu machen, als er eigentlich ist. Auch das haben sich Hero und Styla über die Jahre angewöhnt. Nur dass Hero diesmal wirklich schwächer spielt, als ihm lieb ist. Bald geht das Gefluche los. Wenn E-Sportler sauer sind, fluchen sie auf das „Luck“, das Glück ihres Gegners. „So ein Lucker, Mann“, schreit Hero. „Verdammte Luck-Tore“, ein Mitspieler. Am Ende steht es zehn zu zehn. mTw hat lächerliche zwei Tore mehr geschossen und ist weiter. Hero wirft sein Gamepad weg. Wenn sie noch ins Endspiel wollen, müssen sie durch die Verlierer-Runde. Und dann im Finale noch mal gegen mTw. Die Verlierer im Finale In der Verlierer-Runde gibt es keine TV-Übertragung. Alles was die Fans draußen vom Spiel mitkriegen, sind ein paar Zahlen in einer Internet-Tabelle. SK Gaming gegen AMD Team 64. Ein Spieler von den Gegnern hat sich den Namen des Sponsors in die Haare rasiert. Auf seinem Hinterkopf steht "AMD". Zur Halbzeit liegt SK hoffnungslos hinten. Styla grummelt: „Mann, der weiß genau, wie ich spiele. Der hat alle meine Videos gesehen.“ Dann passiert das Überraschende: Die Spiele drehen sich. SK gleicht aus. Jetzt zählen die Tore. Styla ist der Letzte, der noch spielt. Sein Team steht hinter ihm. Arm in Arm. Wie eine Fußballmannschaft beim Elfmeterschießen. „Bude“, schreien sie Nebenan. Ein Gegentor für Styla. Er spielt weiter. Abpfiff. Rechnen. 10 zu 10 Punkte. Ein Tor mehr für SK. Sie fallen Styla um den Hals, springen durch den Raum. Wahrscheinlich sind das diese kleinen großen Momente, die die Zwillinge jeden Tag neu für ihren Sport faszinieren. Auch wenn sie das Finale einen Tag später deutlich verloren haben. „Im Grunde möchten wir genau das machen, was wir die vergangenen drei Jahre gemacht haben“, sagt Daniel. Zocken, Kicken, bis sie mit dem Studium fertig sind. Dann sind sie 25. Das wäre schon ein ziemliches Alter für den E-Sport. Im Profizocker-Land Korea enden die Karrieren in der Regel mit der Einberufung zum Militärdienst. Die meisten Spieler sind da gerade 20. bernhard-huebner.jetzt.de