Die Hacktivisten bewegen endlich etwas

Macht man es sich zu einfach, wenn man sich nur im Internet für eine politische Sache einsetzt? Keinesfalls, sagt Dirk von Gehlen
dirk-vongehlen

In der Berichterstattung rund um die Wikileaks-Veröffentlichungen tauchen immer wieder zwei sich widersprechende Begriffe auf. Mit diesen Begriffen sollen die Aktivitäten derjenigen beschrieben werden, die sich für die Publikationsfreiheit der Plattform von Julian Assange einsetzen. Einerseits werden sie als politisch aktive Hacker beschrieben, als so genannte Hacktivisten. Andererseits bezeichnet man sie als Slacker, deren Engagement nur vorgeschoben ist, also als Slacktivisten. Welche Bezeichnung ist die richtige? In der jetzt.de-Redaktion gibt es zu der Frage zwei Meinungen. Im nachfolgenden Text liest du, warum es gut ist, dass sich Menschen online für etwas einsetzen. In der Gegenrede vertritt Christina Waechter die These, dass Online-Engagement nur wohlfeil ist.

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Illustration: Julia Schubert


Das Internet ist ein Kommunikationsinstrument. Daran sollte man sich erinnern, will man den Überblick behalten bei all den Begriffen, die rund um Wikileaks und die Proteste für Pressefreiheit durch den digitalen Raum geistern. Der wichtigste Nutzen dieses Kommunikationsinstruments liegt in der Tatsache, dass es Dinge vereinfacht. Wir müssen nicht mehr nach London reisen, um einem Freund aus England ein Lied vorzuspielen oder ein Bild zu zeigen. Wir spielen und zeigen von zu Hause. Das gleiche Vereinfachungsprinzip gilt fürs Veröffentlichen und Verbreiten von Informationen und es gilt auch für die politische Meinungsäußerung. All das gelingt heute mit weniger Aufwand als früher, was keineswegs heißen muss, dass es auch weniger Aufmerksamkeit erzeugt als das auf die Straße gehen oder Briefe schreiben. Wer heute zum Amazon-Boykott aufruft oder mittels digitaler Sitzstreiks die Zufahrtswege zu Webseiten blockiert, liefert die Entsprechung zu dem, was im Offline-Leben eine Demo in der Innenstadt oder das Sitzen auf Bahngleisen beim Castor-Transport wäre. Für all das bekommt man zur Zeit aber nicht nur ausführliche mediale Berichterstattung, sondern wird auch einer neuen politischen Bewegung zugeordnet: dem Hacktivism. Der Begriff ist gar nicht neu, er wurde schon Anfang der Nullerjahre für die politisch motivierte Form des Hackens verwendet. Doch früher gab es Menschen wie Julian Assange und seine Plattform noch nicht, weil sie technisch nicht möglich war. Daher musste man sich mit den von ihm jetzt aufgeworfenen Fragen auch nicht befassen. Und schon gar nicht musste man sich fragen, ob die Art, wie für ihn im Web demonstriert wird jetzt eigentlich politisch oder doch eher blöde ist? Ich bin davon überzeugt, dass sie politisch ist und halte den Begriff des Hacktivsten (bei allen Unklarheiten) für hilfreich. Das hat weniger mit den Angriffen auf die Webseiten von Mastercard oder Visa zu tun als mit dem größten Hack, der den als Anonymous bezeichneten Aktivisten geglückt ist: Sie tauchen in den Medien auf, obwohl sie niemand sind! Anonymous entzieht sich den Regeln der Aufmerksamkeitsökonomie, Anonymous hat kein Profilbild, keinen Kopf, keine Hierachie. Nun ist es diesen Niemanden allerdings geglückt, Wellen zu schlagen, deren Ursprung wir nicht richtig verorten können. Das liegt weniger an dem technischen Unverstand der Elterngeneration, die die DDoS-Attacken auf Webserver nicht verstehen, als vielmehr daran, dass sie nicht begreifen, wie etwas eine Bewegung sein kann, wenn es gar keinen Dutschke oder Che Guevara dahinter gibt. Dass die US-Administration Julian Assange gerade genau in eine solche Rolle drängt und ihm durch ihre Drohungen Glaubwürdigkeit schenkt, ist der eine Grund für den großen Reiz an der losen Kombination Wikileaks und Anonymous. Ein weiterer Grund liegt in dem zweiten Hack, der den Aktivisten geglückt ist: Sie haben die Vorstellung von der Internet-Masse auf den Kopf gestellt. Sie haben gezeigt, dass man dem Webvolk nicht gerecht wird, wenn man es auf die Kommentar-Trolle und digitalen Danebenbenehmer reduziert, die sich beispielsweise unter YouTube-Videos Schlammschlachten liefern. Im Internet gibt es Menschen, denen nicht egal ist, wie dieser öffentliche Raum in Zukunft aussieht. Früher nannte man dieses Engagement Bürgerrechtsbewegung. Es ist Bestandteil der Anonymous-Inszenierung, dass wir nicht wissen, ob es 9000 Aktivisten sind (wie in einer Stellungnahme behauptet wird) oder viel mehr oder viel weniger. Es spielt aber auch keine Rolle. Wichtig ist, dass die Öffentlichkeit wahrnimmt, dass es Menschen gibt, die sich im digitalen Raum mit den Mitteln, die ihnen dort zur Verfügung stehen für die Pressefreiheit einsetzen. Dass bei der Beurteilung dieser Aktionen der Vorwurf, diese seien wertlos, weil eben mit geringem Aufwand möglich, ins Leere läuft, merken wir spätestens dann, wenn wir uns vorstellen, die Hacktivisten wären in einem diktatorischen Regime aktiv. All diejenigen, die ihr Tun jetzt für sinnlos oder gar gefährlich halten, würden sie dann nämlich loben und ihren Mut preisen. Aber gibt es tatsächlich einen Unterschied zwischen der Pressefreiheit beispielsweise in China und der in westlichen Ländern?

Text: dirk-vongehlen - Illustration: Alper Özer

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