Die Helden meiner Kindheit

Es gibt da ein paar Figuren, die aus einem Jungen erst einen Mann machen – eine Erinnerung
daniel-schieferdecker

Zu einer Biografie gehören nicht nur Schulabschlüsse und Wohnorte, sondern auch Produkte, Frisuren und Moden. Heute erzählt unser Autor von seinen Kindheits- und Jugendidolen. 1. Karlsson vom Dach

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

„Die Brüder Löwenherz“ hatte ich als Buch von meiner Tante geschenkt bekommen. Das war gut. „Pipi Langstrumpf“ hatte ich im Fernsehen gesehen. Das war auch gut. Aber als „Karlsson vom Dach“ plötzlich seinen Propeller auf dem Rücken anschmiss und in meine kleine Welt flog, war auf einmal alles anders. Und vor allem: besser! Nie zuvor war ich jemandem begegnet, der all die Dinge in sich vereinte, die ich für mich als erstrebenswert erachtete. Er war absolut unabhängig, wusste für jedes Problem eine naheliegende Lösung und konnte fliegen. Noch heute kann ich nahezu jeden Dialog aus der grandiosen „Karlsson“-Verfilmung von 1974 nachsprechen; noch heute gehören Sätze wie „Das stört keinen großen Geist“ zu meinem aktiven Wortschatz. Noch heute bleibe ich beim Besuch einer Buchhandlung stets auf ein paar Seiten „Karlsson vom Dach“ in der Kinderabteilung hängen. Sein kleines Haus hat auf ewig einen Platz auf dem Dach meines Herzens.


2. Bud Spencer und Terence Hill

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Aus heutiger Sicht ist meine Faszination für das vorlaute Prügelpärchen kaum noch nachzuvollziehen. Die Geschichten sind hanebüchen, die Charaktere entbehren jeglicher Tiefe und die synchronisierten Dialoge sind affig und aufgesetzt. Doch als ein Freund meines Vaters eines schönen Tages während meiner Grundschulzeit mit einer riesigen Plastiktüte voller VHS-Kassetten mit Bud-Spencer-und-Terence-Hill-Filmen für mich vorbeikam, war das für mich der langersehnte Befreiungsschlag aus der Langeweile meiner piefigen Heimatstadt. Jede beidhändige Doppelbackpfeife stärkte meine Resistenz gegen die Einöde und jeder „5-Sekunden-Narkose-Hammer“ war eine akkurate Waffe gegen eine Welt aus Unkrautjäten, Verwandtenbesuchen und Hausaufgaben. Meine Verzückung über die verbalen Entgleisungen der Beiden ging so weit, dass ich sämtliche Sprüche aus den Filmen in Kategorien unterteilt in meinem Deutschheft notiert habe, um Freunden, Feinden und Mädchen damit ein ums andere Mal einen Spruch zu drücken und mit dieser billigen Bud-Spencer-und-Terence-Hill-Kopie zur Attraktion auf dem Schulhof zu avancieren. „Keule, du hast einen Knacks am Wirsing“ oder „Du hast auch nicht mehr Hirn als ein Spatz Fleisch an der Kniescheibe“ sind zwei der Sprüche-Klassiker. Die Mutter eines Klassenkameraden hat ihrem Sohn daraufhin sogar kurzzeitig den Umgang mit mir verboten. Die hatte wohl eine „Delle in der Gewürzgurke“.


3. Bill Cosby

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Ich habe einen tollen Vater. Er ist lustig, er ist verlässlich, und er hat es mir nie an etwas fehlen lassen. Dennoch hätte ich in meiner Jugend insgeheim lieber einen anderen gehabt – nämlich Dr. Heathcliff Huxtable aus der Bill Cosby Show. In dieser Rolle ist und bleibt Bill Cosby die personifizierte Blaupause für den perfekten Familienvater, dessen Humor, Coolness und unangefochtene Kreativität in Sachen Kindeserziehung wohl bis in alle Ewigkeiten unerreicht bleibt. Während mein Vater ein Anhänger von Marianne Rosenberg war, besaß Bill Cosby eine grandiose Jazzplattensammlung und hat mir bereits in frühen Jahren die Musik von Stevie Wonder, B.B. King und James Brown näher gebracht. Während mein Vater bereits kläglich an der Zubereitung einer Tiefkühlpizza scheiterte, konnte Bill Cosby das schärfste Chili der Welt, mexikanische Premium-Quesadillas und grandiose Riesenhoagies zubereiten, die bei mir die Lust am Kochen schürten. Und während mein Vater eine Tochter aus erster Ehe hatte, die ich nicht allzu oft zu Gesicht bekam, war Bill Cosby in seiner Sendung der Erziehungsberechtigte der göttlichen Lisa Bonet, deren unbeschreibliche Schönheit zwischen mir und meinen Freunden nach der Ausstrahlung jeder neuen Folge Pausenhofthema Nummer eins war. Doch Bill Cosby verschwand 1992 plötzlich spurlos von der Fernsehbildfläche, ließ mich kurzerhand im Stich und kam auch nie mehr wieder. Mein Vater hingegen blieb, ruft immer noch regelmäßig an und interessiert sich für mein Wohlbefinden. Und mit den Jahren habe ich gemerkt, dass das doch ein bisschen wichtiger für mich ist als B.B. King, Quesadillas und Lisa Bonet zusammen.


4. Spiderman

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Superhelden sind im wahrsten Sinne des Wortes fantastisch: Sie haben außergewöhnliche Fähigkeiten, die oft nicht nur praktisch, sondern auch hervorragend zum Eindruck schinden beim anderen Geschlecht geeignet sind. Sie haben ein Alter Ego, in das sie immer dann schlüpfen können, wenn sie mal keine Lust mehr haben auf Abenteuer, Leben retten und Raufereien mit Superschurken. Und sie haben trotz ihrer Superkräfte immer auch eine weiche Seite, die sie menschlich, nachvollziehbar und verletzlich macht. The Amazing Spiderman war, ist und bleibt dabei mit Abstand der Coolste von allen. Superman ist irgendwie zu glatt und alleskönnerisch, Batman ist nur superreich und kann sich bloß deshalb all die tollen Batgimmicks leisten und Der Rote Blitz kann bloß schnell rennen, was als Superkraft in etwa so öde ist wie schnell einen Schnupfen zu bekommen. Spiderman hingegen beweist mit dem Einsatz seiner Fertigkeiten stets Athletik, Stil und Eleganz, wirkt trotz seiner Heldenhaftigkeit irgendwie gefährlich und gehört für mich daher ohne Wenn und Aber auf den ultimativen Superheldenolymp.


5. Herr oder Frau Musik

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

„Lieber Herr oder Frau Musik, ich möchte Ihnen von Herzen danken/da Sie irgendwann, irgendwie einmal das Allerderbste erfanden/Ihr Patent zeugt von Talent, bedenkt man, was es für Früchte trägt/denn Musik ist immer da, auch wenn alles andere in die Brüche geht.“ So haben die Beginner 2003 ihre Verehrung für die Musik auf ihrem „Blast Action Heroes“-Album sehr treffend in Worte gefasst. Ich kann mich dieser Danksagung nur bedingungslos anschließen, denn Musik ist zweifelsohne das, was mich in meiner Menschwerdung seit meiner Kindheit am meisten geprägt, fasziniert und beeinflusst hat. Stille ist für mich daher bis heute kein erholsamer Zustand. Sie ist für mich das unangenehme Fehlen von Tönen.

Text: daniel-schieferdecker - Illustrationen: Franziska Hartmann

  • teilen
  • schließen