Die Hitmaschine: Wie kommt Musik ins Radio?

Musik im Radio ist eigentlich immer nur eins: ärgerlich. Ständig die selben zehn Songs und kaum Unterschiede zwischen den einzelnen Programmen – das ist in etwa die Volksmeinung zur Musikauswahl der großen Radiosender. Deshalb beschäftigte sich ein Radio-Schwerpunkt auf jetzt.de im Internet in dieser Woche mit den Fragen: Wo gibt es richtig gutes Radio? Und zu Beginn der Serie: Wie kommt die Musik eigentlich ins Programm?
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Damit es ein Lied ins Radio schafft, muss muss es sich markant von anderen Liedern absetzen, darf aber andererseits auch nicht anstrengen. Justus Fischer, Chef der Musikredaktion bei Deutschlands erfolgreichstem Privatsender Antenne Bayern testet die Alltagstauglichkeit von neuen Songs deshalb gerne unter anderem beim Schreiben von E-Mails. Wenn er merkt, dass die Musik ihn beim Lesen einer Mail nervt, dann ist sie für ihn keine gute Radiomusik. Trotzdem soll ein Song nicht nur Hintergrund-Gedudel sein, sondern im besten Fall begeistern – eine Gratwanderung.

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Illustration: Julia Schubert

Außerdem muss er einen hohen Wiedererkennungswert haben: einen einprägsamen Refrain oder eine Melodie, die man mitsummen kann. Andrea Schafarczyck, Musikchefin von EinsLive, dem Jugendsender des WDR erklärt: „Es ist immer schön, wenn man Sachen im Radio hört, die man auch wiedererkennt.“ Allerdings orientiert sich die Musikredaktion von EinsLive nicht ausschließlich daran: „Wir spielen auch Stücke, die wir super finden. Das ist wichtig für das Programm, auch wenn wir schon vorher wissen, dass das nicht allen gefallen wird.“ Als Beispiel für diese Ausnahme nennt sie „Soul Meets Body“ von Death Cab For Cutie. In so genannten Abhörkonferenzen der Musikredaktion hören die Redakteure sich gemeinsam die aktuellen Songs an, diskutieren das Für und Wider und entscheiden, welche es in die Playlist des Senders schaffen. Steht die Musikauswahl, machen sich die Musikplaner an die Arbeit: Welches Stück an welchem Platz gespielt wird, das diktieren klare Regeln: Am wichtigsten ist, dass Stücke, die aufeinander folgen, nicht zu ähnlich sind. Die unterschiedlichen Vorlieben der Hörer sollen möglichst gleichmäßig befriedigt werden. Eine andere Regel ist, dass ein Song nicht an zwei Tagen hintereinander zur selben Uhrzeit laufen darf. Denn Radio wird regelmäßig gehört: im Bad oder auf dem Weg zur Arbeit. Das gilt für große Stationen genauso wie für kleine Sender: Dominic Holzer, der auf dem Münchner Aus- und Fortbildungskanal M 94,5 die Musik-Sendung „Helter Skelter“ moderiert, hat für sich eigene Regeln aufgestellt: „Man sollte niemals zwei von Frauen gesungene Songs hintereinander spielen. Kaum jemand wird sie auseinanderhalten können. Will man auf einen Song aufmerksam machen, spielt man am besten danach einen sehr viel ruhigeren oder lauteren Song. Dann rufen die Leute an und fragen danach.“ Nachdem ein neues Lied zwischen drei und sechs Wochen im Programm gespielt wurde, beginnen bei den großen Radiosendern die Hörerbefragungen. Zwischen der Aussage „diesen Song kenne ich“ und „diesen Song mag ich“ gibt es oft Überschneidungen. Deshalb muss das Lied „bekannt gespielt werden“. In den Befragungen werden mehrere tausend Menschen angerufen und zu den einzelnen Titeln befragt. Nach deren Antworten wird die Playlist des Senders aufgefüllt und der Hörer bekommt das vorgesetzt, was er (und tausend andere) bestellt hat. Wem das zu langweilig ist, der hat die Möglichkeit, ins Internet auszuweichen. Dort gibt es unzählige Radiosender, die ausschließlich Spartenprogramm ausstrahlen. Für Andrea Schafarczyck von EinsLive ist das ein ernstzunehmendes Problem: „Ich würde sagen, dass wir mittlerweile in einer weltweiten Konkurrenz stehen. Wenn ich zum Beispiel gerne HipHop höre, kann ich ein Programm wie EinsLive hören, das neben HipHop auch noch Rock, Pop und ein bisschen Dance spielt. Ich habe aber auch die Möglichkeit, mir einen Channel aus New York anzuhören, der den ganzen Tag HipHop spielt.“ christina-kretschmer.jetzt.de Am Dienstag geht es weiter mit unserem Radioschwerpunkt auf jetzt.de, in dem wir interessante Alternativen zum herkömmlichen Hörfunk vorstellen. Illu: dirk-schmidt

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