Die Hochglanz-Ausstatter

In ihrem kleine Laden „soda magazine“ verkaufen Anna und Sebastian seltene Zeitschriften.
christoph-koch

Zeitschriften-Kioske gibt es viele in München. Der Laden von Anna, 27, und Sebastian, 29, ist aber ein Unikat: ein Geschäft, in dem es nur Hochglanzmagazine und seltene Zeitschriften aus aller Welt gibt. jetzt.muenchen hat die beiden Magazinfans in ihrem Laden in der Baaderstraße 74 besucht.

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

jetzt.muenchen: Woher kommt die Begeisterung für Style-Magazine und Designbücher? Sebastian Steinacker: Ich habe in London Modedesign studiert. An der Charing Cross Road sind wahnsinnig viele Kunstbuchhandlungen, Zeitschriftenläden, Antiquariate – und unsere Schule war mittendrin. Das war ein Paradies, als ich dann wieder zurück nach München kam, war das für mich wie eine Wüste. jetzt.muenchen: Aber es gibt doch Kunstbuchhandlungen und am Bahnhof bekommt man internationale Zeitschriften. . . Sebastian: Die Kunstbuchhandlungen sind meist sehr überladen und es ist zeitaufwändig, die nach tollen Sachen zu durchstöbern. Und die Läden am Bahnhof sind eng, dunkel und haben nicht das allerfreundlichste Personal. Das war nicht das, was wir uns vorgestellt hatten. jetzt.muenchen: Wer ist wir? Sebastian: Meine Freundin Anna und ich. Sie hat in München Modejournalismus studiert, während ich in London war und wir hatten schon länger die Idee, so einen Laden aufzumachen. Als ich dann eines Abends an diesem leeren Geschäft vorbei lief, haben wir es gemacht. jetzt.muenchen: War es schwierig, die Vermieter von eurem Konzept zu überzeugen: Nur Oberklassezeitschriften und handverlesene Bildbände? Sebastian: Nein, die Tochter der Vermieterin war sehr von unserer Idee angetan, das hat uns geholfen. Wer anfangs nicht an uns geglaubt hat, waren die Großhändler. Die haben gesagt, ohne Spirituosen und Zigaretten im Angebot wird das nix. jetzt.muenchen: Trotzdem existiert ihr schon anderthalb Jahre. Bekommt ihr Magazine wie das Männermodeheft „Fantastic Man“ auf demselben Weg wie „Frau im Spiegel“" oder „Bravo“ ? Sebastian: Unterschiedlich. Wir haben einige Großhändler und zusätzlich Kontakt zu Verlagen, die uns die Hefte oder Bücher direkt schicken. Mit den Frau-im-Spiegel-Großhändlern ist es schwierig. Denn die haben einerseits das Monopol, man muss also bei ihnen kaufen. Andererseits fehlt bei denen die Leidenschaft für Zeitschriften, die interessieren sich für große Stückzahlen. Wenn ich da anrufe und die „Wallpaper“ bestellen will, finden sie es nicht und sagen nach einer Weile „Ach so, die Wellpappe“. jetzt.muenchen: Was für Leute kommen zu euch in den Laden? Sebastian: Die meisten unserer Kunden haben einen Beruf, in dem sie mit den Magazinen und Büchern etwas anfangen können. Designer, Stylisten, Grafiker, Visagisten, Architekten, Fotografen und so weiter. Dass jemand nur eine Lektüre für die Zugfahrt kauft, ist eher selten. jetzt.muenchen: Und das Alter – alle Ende Zwanzig? Sebastain: Überwiegend. Aber es kommen auch 15-Jährige, die sich für gerade Graffitti begeistern. Oder Damen, die meine Oma sein könnten, und sich zum Beispiel für unsere Fotografie-Bücher interessieren. jetzt.muenchen: Ihr habt auch einen Webshop. Kaufen mehr Leute im Laden oder online? Sebastian: Derzeit macht das Internet erst einen kleinen Teil aus. Es ist schwer, die Sachen dort ansprechend zu präsentieren. Wie fotografiert man zum Beispiel ein Buch mit einem spiegelnden Cover? Außerdem fehlt momentan noch die Möglichkeit, dass die Kunden in alle Sachen reinblättern können. Es ist unser Ziel, dass man genauso blättern und stöbern kann, wie hier im Laden. jetzt.muenchen: Hast du ein Lieblingsmagazin? Sebastian: Nein, der Reiz ist ja, dass jeden Monat was anderes toll ist. Sonst könnte ich mir ja das eine Heft abonnieren und jeden Monat zu Hause auf der Couch lesen. jetzt.muenchen: Viele machen das aber genau so … Sebastian: Klar, aber wer die Zeit hat sollte lieber einmal im Monat vorbeikommen und sich die Sachen mitnehmen, die in dem Monat am besten sind. Das englische Modemagazin „i-D“ zum Beispiel ist in manchen Monaten der Hammer, dann kommt wieder eine Ausgabe, die mich eher nicht anspricht. jetzt.muenchen: Gibt es ein Magazin, das aus München kommt und das dir gut gefällt? Sebastian: Das „Form“ kommt zur Hälfte aus München und zur Hälfte aus Hamburg und ist sehr innovativ. „Magazin für freie Gestaltung“ ist der Untertitel und das ist auch Programm. Die Macher veröffentlichen Arbeiten von Künstlern aus unterschiedlichen Disziplinen. Es gibt keinen Erscheinungsrhythmus, sondern das neue Heft kommt dann, wenn sie genug gute Sachen zusammen haben. Das finde ich sehr sympathisch. jetzt.muenchen: Derzeit herrscht ja ein Boom an „Coffeetable Magazines“, also Heften, wie ihr sie führt, die man gut dekorativ irgendwo hinlegen kann … Sebastian: Ja, hier entsteht ständig Neues. Nach „Dummy“, „Deutsch“, „Zoo“ oder „Achtung“, gibt es jetzt mit „hekmag“ oder „Liebling“ wieder neue, spannende Magazine. jetzt.muenchen: Vor ein paar Jahren waren auf einmal Zeitschriften, die sich mit Kinderkleidung beschäftigten, der große Renner - und selbst kinderlose Art Direktoren lobten diese Hefte. Gibt es derzeit einen vergleichbaren Trend? Sebastian: Schwer zu sagen. Vielleicht im Bereich Autos, wo es mit „Carl’s Cars“ und „Intersection“ zwei sehr gute Magazine gibt. Ich persönlich bin derzeit von Architekturmagazinen sehr fasziniert, „Mark“ ist da zum Beispiel ein neues und sehr spannendes Magazin. jetzt.muenchen: Was sagst du jemandem, der sich beschwert, dass er ein Heft für 15 Euro kauft, in dem außer ein paar schönen Fotos und viel Werbung nichts drin ist? Sebastian: Ich würde sagen, dass für 15 Euro nicht nur ein paar schöne, sondern schon sehr schöne Fotos drin sein müssen. Und gerade die deutschen Magazine kosten oft ja nicht 15 Euro, sondern nur sechs oder sieben. Aber letztlich ist es nur bedrucktes Papier und jeder muss selbst entscheiden, wie viel er dafür ausgeben will – mir macht es sehr viel Freude, solche Hefte anzusehen. Wenn eine neue Lieferung kommt, ist das jedes Mal wie Weihnachten. jetzt.muenchen: Viel Gerede gab es um den Start der Zeitschrift „Park Avenue“ – ist das ein Titel für Euch? Sebastian: Nein, da sind mir die Themen ein bisschen zu alt und das Konzept zu wenig aufregend. Hat uns nicht überzeugt. jetzt.muenchen: Und das Springer-Prestigeprojekt „Der Freund“ von Christian Kracht und Eckhard Nickel? Sebastian: Hatten wir anfangs, weil wir es schon interessant fanden, aber das ist ja nur Text, deshalb passt es nicht richtig in unser visuelles Konzept. jetzt.muenchen: Müssen in einer Zeitschrift gute Texte stehen? Sebastian: Wir haben wunderschöne Magazine, die völlig ohne Text auskommen oder japanische, die kaum jemand lesen kann. Andererseits freue ich mich natürlich, wenn die Texte gut recherchiert oder witzig geschrieben sind. Interview: Christoph Koch, Foto: Maria Dorner

  • teilen
  • schließen