"Die Jugend schweigt nicht"

Nastas Freund sitzt in Weißrussland im Gefängnis, die Haft ist laut Menschenrechtsorganisationen politisch motiviert. Nasta darf ihn nicht besuchen, nur aus Briefen weiß sie, dass er sich nicht einschüchtern lassen will. Ein Gespräch über das Durchhalten und die Opposition der Jugend.
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Illustration: Julia Schubert


Seit Dezember 2010 sitzt Zmitser Daschkewitsch in seiner Heimat Weißrussland im Gefängnis. Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International halten den 31-Jährigen für einen politischen Gefangenen des Präsidenten Aleksandr Lukaschenko, der das Land seit 1994 regiert. Daschkewitsch führt die Jugendorganisation „Malady Front“ (Junge Front) an, die in offener Opposition zum Regime Lukaschenko steht. Daschkewitsch sollte gegen Ende des Jahres frei kommen, wurde aber kürzlich zu einem weiteren Jahr Haft verurteilt. jetzt.de sprach mit seiner Verlobten Nasta Palazhanka über die Haft, über die Zeit der Trennung und die Opposition in ihrem Land.

jetzt.de: Vor zwei Wochen wurde dein Verlobter zu einem weiteren Jahr Gefängnis verurteilt, weil er gegen Gefängnisregeln verstoßen haben soll. Was hältst du von dem Urteil?
Nasta Palazhanka: Zmitser sollte in vier Monaten aus dem Gefängnis entlassen werden. Aber in unserem Land lässt man eine Führungspersönlichkeit, die die Massen auf die Straße bringen kann, nur ungern raus zu den Menschen. Zmitser ist jemand, der den Leuten Vertrauen geben kann und Unruhe für das Regime bedeutet. Deswegen wollten die Behörden ihn nicht entlassen. Das ist der eine Grund. Der andere ist, dass die Offiziellen ihn moralisch vernichten wollen. Er soll sich von seinen politischen Ansichten verabschieden. Sie wollen ihn vom politischen Leben seines Landes fernhalten, damit er sich nicht mehr in irgendwelche Probleme einmischen kann. Sie gestalten die Haft für die politischen Gefangenen so unerträglich, dass die Leute draußen Angst bekommen, im Gefängnis landen zu können. Aber Zmitser lässt sich davon nicht einschüchtern, er lässt sich nicht schwächen und er lässt sich auch seine politischen Ansichten nicht nehmen. Zmitser hat in diesem Machtkampf bis dato die Oberhand behalten. Er hat keine Angst vor dem Gefängnis. Das macht die Machthaber wütend.
 
Wie versucht man im Gefängnis, den Willen der politischen Gefangenen zu brechen?
Da gibt es sehr unterschiedliche Methoden. Mitgefangene werden eingesetzt, um Häftlinge zu bedrohen. Es wird Druck auf Freunde und Familien ausgeübt. Die Gefangenen werden gedemütigt, es wird psychische und physische Gewalt auf sie ausgeübt.
 
Woher weißt du, wie es Zmitser geht?
Wir schreiben uns. Sein Anwalt übergibt die Briefe. Und er berichtet mir von den Treffen mit Zmitser. Er tut mir ein wenig leid, da ich ihn ständig mit Fragen löchere. Ich will alle Kleinigkeiten über Zmitser wissen. Wie er aussieht, wie er spricht, wie er lächelt, wie er reagiert, wie er zweifelt. Der Anwalt ist ja die einzige Verbindung, die ich zu ihm habe.
 
Du darfst deinen Verlobten nicht besuchen?
Nein. Ich durfte ihn kein einziges Mal besuchen. Er darf mich auch nicht anrufen. Es gäbe eine Möglichkeit, ihn zu sehen: Wir müssten heiraten. Wir haben uns schon dafür entschieden. Aber irgendwie hat der KGB Zmitsers Pass „verloren“. Und einen neuen zu machen, das sei – so sagen die Behörden – ach so schwierig. Deswegen schreiben wir uns. In der Zeit seiner Haft habe ich über 400 Briefe von Zmitser bekommen. Ich hätte, glaube ich, noch mehr bekommen, wenn er nicht häufig in Strafzellen sitzen würde, in denen das Schreiben verboten ist.
 
Wer unterstützt dich in dieser Situation?
Meine Freunde, meine Familie, auch Zmitser selbst, allein durch seine Worte, die er mir schreibt. Ich bin sehr gläubig. Ich bin überzeugt, dass Gott den Mutigen hilft, die nach seinem Gesetz leben. Zmitser hat keine Verbrechen begangen. Sein Platz ist hier, neben mir, neben seinen Mitstreitern. Wir glauben daran, dass er bald wieder frei sein wird.

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Illustration: Julia Schubert

Nasta Palazhanka, 22, ist mit dem inhaftierten Zmitser verlobt. Sie ist stellvertretende Vorsitzende der "Jungen Fron", die nationale und christlich-demokratische Werte vertritt.
 
Es vergeht kaum ein Tag, an dem in Weißrussland nicht jemand aus politischen Gründen verhaftet oder verurteilt wird. Kannst du noch gut schlafen?
Nicht alle schlafen gut in Belarus. Aber es gibt diejenigen, die sich in einem ewigen Schlaf befinden. Solche Leute gibt es natürlich in jedem Land. Wenn nur einige von denen aufwachen würden, und sei es nur mit einem Auge, dann gäbe es eine Chance, etwas zu verändern. Die Aufgabe von uns, von Zmitser und meinen Freunden bei der Jungen Front ist es, weniger zu schlafen, aber mehr zu leben. Ich will in einem Belarus leben, das ich mit meinem Gewissen vereinbaren kann.

In Deutschland wurde bekannt, dass deutsche Polizeibehörden weißrussische Sicherheitskräfte ausgebildet haben. Wie fühlt sich jemand wie du, der schon häufiger auf Demonstrationen mit Sicherheitskräften zusammen gestoßen ist, bei solch einer Nachricht?
Du fühlst dich enttäuscht, frustriert, sowohl von der verlogenen Bürokratie als auch vom Ausverkauf der Demokratie. Man muss sehr vorsichtig bei der Auswahl seiner Freunde sein. Das gilt für Menschen wie für Länder.
 
Das Regime des Präsidenten Lukaschenko, so scheint es, hat die Opposition an den Rand der Handlungsunfähigkeit gebracht. Wie groß ist deine Hoffnung, dass sich Weißrussland doch irgendwann für die Demokratie entscheiden wird?
Im Leben hängt alles von den Menschen selbst ab. Glaubst du an Gott? Ich schon. Und ich glaube, dass wir unsere Arbeit tun und uns vorwärts bewegen müssen. Ich glaube, dass Veränderungen in Belarus eintreten werden, und zwar genau dann, wenn viele aufgehört haben, auf sie zu warten. Die Frage ist, was du dafür tust, wie sauber deine Hände sind, wie rein dein Gewissen ist. Du musst etwas tun. Das ist wichtig. Glauben und nicht die Inspiration verlieren! Zmitser hat Hoffnung – und deswegen leben wir.
 
Nicht alle in Weißrussland sind so politisch aktiv wie du. Was beschäftigt die Mehrheit der jungen Leute?
Viele wollen das Land verlassen. Und ich bin der Meinung, dass dies eine Niederlage für die jetzigen Machthaber ist, eine große Niederlage. Die Jugend muss doch im Land sein, um dem Land eine Zukunft zu geben. Die Jugendlichen sind natürlich sehr verschieden in Belarus. Aber eines liebt niemand: wenn man betrogen und ausgenutzt wird. Es sind vielleicht nicht viele, die etwas dafür riskieren, das Land auf den Weg der Demokratie zu bringen. Aber wenn du Jugendliche fragst, ob sie an die staatliche Propaganda und das Regime Lukaschenko glauben, dann antworten sie mit nein. Aber sie kennen die Repressionen gegen die, die etwas riskieren und die etwas verändern wollen. Diese Angst lässt vielleicht die Hände sinken, aber sie verschließt nicht den Mund. Die Jugend schweigt nicht. Und sie ist sehr ungeduldig.
 
Denkst du auch manchmal daran aufzugeben und das Land zu verlassen?
Ich weiß eines: wenn ich aufgebe, wird es mir nicht leichter werden. Mein Leben und das von Zmitser ist ein Leben – zu zweit. Wenn er im Gefängnis ist, muss ich für ihn kämpfen. Das ist meine Pflicht. Ich hatte noch nie den Wunsch, Belarus zu verlassen. Wenn ich die Wahl habe zwischen Gefängnis und Auswanderung wähle ich das Gefängnis. Denn das ist nicht für ewig. Aber eine Auswanderung wahrscheinlich schon. Also was soll die Frage?! Ich bin hier geboren worden. Meine Familie, meine Freunde sind hier. Hier habe ich mich verliebt, hier werde ich Kinder bekommen. Es gibt ein weißrussisches Sprichwort, das heißt übersetzt ungefähr: „Als du geboren wurdest, hast du dich mit deinem Land einverstanden erklärt.“

Text: ingo-petz - Fotos: Julia Daraschkewitsch

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