Die Jugendkultur ohne Jugend

Schutzgebiet für Haartollen und Lederjacken – ein Freizeittreff in Giesing ist seit 15 Jahren Zufluchtsort für Münchens Rockabillys
christina-waechter

Siegfried Bauer ist frustriert. Er steht am Eingang, die erste Band spielt schon eine Weile und es lässt sich jetzt schon absehen: in der Eintrittskasse ist zu wenig Geld. Und das, obwohl heute ein Jubiläum ist. Seit 15 Jahren gibt es Live im 103er, die Konzertreihe in dem Freizeittreff in der Perlacher Straße 103 in Obergiesing. In den Wintermonaten treten dort einmal im Monat Bands auf – und zwar ausschließlich Rockabilly-Bands. Entstanden ist diese Konzertreihe aus der Arbeit des Sozialpädagogen Bauer. Damals, vor 15 Jahren, waren einige seiner Jugendlichen Rockabillys. Und die fühlten sich zunehmend unwohl im Freizeittreff 103er. Sie wurden immer öfter schräg von der Seite angeschaut, dumm angemacht und beschlossen daraufhin, das Etablissement zu wechseln. Siegfried Bauer schlug ihnen eine Abschiedsparty vor, die ein überwältigender Erfolg wurde. Also beschloss er, aus der einmaligen Party eine regelmäßige Veranstaltung zu machen. In den 15 Jahren seither haben schon Bands aus ganz Europa und aus Nordamerika in diesem Turnhallen-ähnlichen Saal gespielt. Dafür hat Siegfried Bauer einiges auf sich genommen. Von Seiten anderer Jugendbetreuer wurde ihm vorgeworfen, er würde das „103er“ zweckentfremden, denn viele der Rockabilly-Anhänger, die zu den Konzerten kamen, konnte man nicht mehr jugendlich nennen. Es wird trotzdem geduldet, dass er dort Konzerte veranstaltet. Eine Art stillschweigendes Agreement herrscht zwischen ihm und den offiziellen Stellen: Solange sich die Konzerte selbst finanzieren und von den Einnahmen auch ab und zu etwas für die reguläre Jugendarbeit übrig bleibt, kann Bauer seine Konzerte im „103er“ veranstalten.

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Illustration: Julia Schubert

Und darum steht er jetzt ziemlich frustriert an der Kasse. Er war davon ausgegangen, dass zumindest die regelmäßigen Stammgäste kommen würden. Doch statt der erhofften 100 zahlenden Gäste sind ungefähr 75 gekommen. Das ist zu wenig. Und Bauer nimmt das persönlich. Er findet, die Münchner Rockabillys sind zu wählerisch. Selbst in dieser überaus überschaubaren Jugendkultur gibt es sehr unterschiedliche Ausprägungen. Ein Style stirbt aus Derek Singleton, der Sänger der Münchner Band Tri Sonics, die den ersten Teil des Abends bestreiten, versucht sich an einer Aufschlüsselung: „Es gibt die Hardcore-Rockabillys, für die jedes Detail original 50er-Jahre sein muss. Die akzeptieren auch musikalisch nur, was absolut nach dem Original-Sound klingt. Das heißt: als Band bist du damit beschäftigt, ein Repertoire nachzuspielen, das aus ungefähr zwei Jahren in den 1950er Jahren stammt, der Blütezeit des Rockabilly.“ Dann gibt es die weniger Konservativen und eine Menge Leute, für die weniger die Musik, sondern der Style wichtig ist: die richtige Frisur, die richtigen Jeans, die richtigen Lederjacken, die richtigen Aufnäher. Siegfried Bauer steht deshalb regelmäßig vor einem Problem: „Hol ich eine traditionelle Band, beschweren sich die einen, dass es langweilig ist. Hol ich eine, die etwas mehr ausprobiert, kommen die Traditionalisten und schimpfen.“


Mittlerweile spielt die zweite Band des Abends, die englischen Cathouse Creepers, die unter anderem schon Vorband für die Rockabilly-Legenden The Stray Cats waren. Sie sind gut, sie sind laut und spielen Rock’n’Roll. Trotzdem sind nicht alle glücklich. Der DJ des Abends heißt Blacky. Er trägt Tolle, Lederjacke und ein blaues Auge von einer Wirtshaus-Schlägerei. Auch er meint, die miesen Besucherzahlen lägen an den Bands: „Die Leute sind heute deswegen nicht gekommen, weil ihnen die Musik zu modern ist – ich wäre auch nicht da, wenn ich nicht auflegen würde.“ Zu den Konzerten im „103er“ geht er seit dem Beginn. Er ist durch die Musik in die Szene gekommen, ein eher ungewöhnlicher Weg – normalerweise läuft es anders herum. Die Rockabillys, nicht nur in München, haben vor allem ein Problem, das für Jugendkulturen nicht unbedingt typisch ist: Ihnen fehlt der Nachwuchs. Nur wenige junge Leute interessieren sich für ihre Musik, ihren Kleidungsstil und ihr Lebensgefühl. Auch wenn in den vergangenen Jahren immer mal wieder, dank Johnny Cash oder „Dick Brave“, dem Alias von Popsänger Sasha, die Musik in die Charts kommt – es gibt nur wenige Jugendliche, die wirklich noch Rockabilly werden wollen. Stefan, ein anderer Gast mit Tolle, Lederjacke und allem, was dazu gehört, glaubt, dass München, was die Rockabilly-Szene angeht, allgemein auf dem absteigenden Ast ist. Zwar gibt es noch ein paar andere Orte – die Peppermint Lounge an der Wasserburger Landstraße und den Rattlesnake Saloon in Feldmoching, aber die sind alle irgendwo am Rand von München, und denen geht es auch nicht viel besser, als dem „103er“. In Regensburg und Augsburg dagegen, sagt er, sei noch viel mehr los. Dass die Rockabilly-Szene von außen eingeschworen und verschlossen wirkt, ist nach seiner Erfahrung ein falscher Eindruck: „Am Anfang habe ich das auch gedacht. Aber wenn man ein paarmal da hingeht, miteinander auf Konzerte fährt, kennt man sich binnen kurzer Zeit und dann ist man drin in der Szene.“ Europaweit gilt die deutsche Rockabilly-Szene als am konservativsten und auch am ältesten. Für Bauer heißt das, er muss weiter von Konzert zu Konzert schauen, ob er die Veranstaltung „Live im 103er“ noch finanzieren kann. Auch wenn er nicht besonders glücklich mit dem Verlauf dieses Abends ist, freut er sich am Ende doch darüber, dass einige Besucher da waren, die er noch nie gesehen hat. Wenn die zusammen mit denen kämen, die heute fehlen, dann wäre alles gut, sagt er. So aber muss er einmal mehr schauen, wie lange es das Szene-Biotop „Live im 103er“ noch geben kann. Oder ob der Laden zusammen mit der Rockabilly-Szene demnächst einfach verschwindet – wegen Nachwuchsmangel. Fotos: David Freudenthal Am 15. Dezember spielt die Band „Mars Attacks“ im 103er (Perlacher Str. 103), Einlass 21 Uhr, Beginn: 21:30 Uhr. Hier findest du eine Rockabilly-Bildergalerie.

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