Die Lehren meines Lebens

Die Essenz der Arbeit als Professor: Vier erfahrene Hochschullehrer sagen, was im Studentenleben wirklich zählt
peter-wagner

Im September 2007 hält Randy Pausch, Professor für Informatik an der Carnegie Mellon Universität, Pittsburgh, USA, seine letzte Vorlesung, die Last Lecture. An amerikanischen Hochschulen ist es Tradition, in der letzten Vorlesung des Berufslebens die gesammelten Ratschläge für die folgende Generation zu bündeln. Pausch war vor gut einem Jahr erst 46 Jahre alt, wusste aber, dass er wegen einer Krebserkrankung nicht mehr lange zu leben haben würde – er starb im Juli dieses Jahres. Eine Stunde sprach er damals zu den Studenten, unterhaltsam und einfühlsam, so bewegend, dass aus seiner Lesung ein Buch wurde (Last Lecture – Die Lehren meines Lebens, C. Bertelsmann Verlag, August 2008). jetzt.muenchen hat den Gedanken der Last Lectures aufgenommen und Professoren von vier Münchener Hochschulen zwar nicht um die letzte Lesung, dafür aber um einen Text über die Lehren aus ihrem Leben gebeten: 1. Nimm’ einen Mentor! Professor Dr. med. Reinhard Putz ist Vizepräsident der Ludwig-Maximilians-Universität München: Vor wenigen Wochen habe ich tatsächlich meine letzte Vorlesung für Studierende gehalten, eine ganz normale Vorlesung für die jungen Mediziner über die Funktion der Wirbelsäule. Ich habe alles hineingepackt, was mir durch die Jahre als Professor am Herzen lag, ich habe versucht, etwas von der Begeisterung zu vermitteln, die mich bewegt hat, mich mit Wissenschaft und mit Ausbildung im Medizinstudium zu befassen: Lange habe ich daran gearbeitet, studentische Ausbildung zu einem Miteinander zu machen und etwas vom einseitigen Präsentieren von Lehrstoff einerseits und vom Lernenmüssen andererseits wegzukommen.

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Wie hatte ich selbst damals vor 46 Jahren „die Hose voll“, als ich mein Medizinstudium in Innsbruck begann! Das erste Jahr war schrecklich. In Physik, der ersten großen Prüfung, bin ich auch gleich durchgefallen. Aber langsam begriff ich, dass es gar nicht darum geht, alles, was da vorgetragen wird, vollständig zu wissen – wie das die Dozenten meist predigen. Es geht eigentlich zuerst nur darum, die jeweils nächste Prüfung zu bestehen! Wie man das macht? Möglichst früh sollte man sich eine kleine Lerngruppe suchen. Wir waren damals zu dritt – das hat ein ganzes Studium gehalten und uns zu Freunden gemacht bis heute. Gelernt hat jeder für sich, der tägliche Treff im Kaffeehaus für ein, zwei Stunden zum Abfragen hat jedem aufgezeigt, wie sein Lernstand ist, und hat einfach Mut gemacht. Wenn man immer ein klein wenig mehr weiß, als für die Prüfung verlangt wird, entdeckt man auf einmal auch die Faszination des Faches. Das ist es, was einen von Prüfung zu Prüfung trägt und ein Leben lang tragen kann: Den Strukturen und den Mechanismen des Lebens nachzuspüren, die Natur des Menschen von den Knochen bis zum Gehirn, von der Biochemie bis zur Psychologie zu verstehen, ist eine phantastische Herausforderung. Daraus wächst erst die Kraft, ein Leben lang mit Patienten umzugehen und eventuell in der Forschung aktiv zu sein. Suchen Sie sich früh einen Mentor, mit dem Sie regelmäßig Ihre Art zu studieren und Ihre Pläne reflektieren können. Nein, ich meine nicht jemanden, der Ihnen sagt, was Sie tun sollen. Es hilft aber ungemein und macht Mut, jemanden zu haben, den man etwa alle halben Jahre zur eigenen Orientierung fragen kann. Es sollte jemand sein, der sich im universitären Leben auskennt und der schon etwas erreicht hat. Wenn Sie es versuchen, werden Sie überrascht feststellen, wie bereit viele Dozenten sind, sich darauf einzulassen, einen jungen Menschen durch das Studium zu begleiten. Was sonst zum Überleben im Studium hilft? Ein Hobby, das man neben dem Studium zu entwickeln und zu pflegen vermag und das Sie ein Leben lang begleiten kann!

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Reinhard Putz Mein persönliches Lebensrezept als Professor? Ich habe gegenüber den vielen Tausenden von Studierenden nie das Wort „Masse“ in den Mund genommen, sondern immer nur von einer „großen Zahl“ gesprochen. Das hat es mir erleichtert, trotz der vielen Studierenden für jeden einzelnen offen zu sein – wenn er/sie das denn auch wollte. Viele Studierende haben das gespürt und sind auf mich zugegangen. Mancher hat sich nicht getraut -, schade für ihn/sie um die vertane Chance. Schließlich: Bedenken Sie, dass Professoren auch nur Menschen sind und dass sie – genauso wie die Studierenden – ernst genommen werden möchten. Gehen Sie auf Ihre Dozenten zu und stellen Sie überlegte fachliche Fragen. Sie werden staunen, wie schnell Sie ins Gespräch kommen.


2. Ändere deine Richtung! Professor Dr.-Ing. Peter A. Wilderer ist Professor Emeritus of Excellence am Lehrstuhl für Siedlungswasserwirtschaft der TU München: Es gibt einen Ratschlag, den ich vermitteln will: „Bewahren Sie sich Ihre Neugierde und haben Sie Mut, Chancen zu nutzen, auch wenn dies Änderungen Ihre vorgefassten Lebensplanung erforderlich machen sollte.“ Ich habe mich mein Leben lang auf das Abenteuer „Umorientierung“ eingelassen. Ohne dieses Prinzip hätte ich den Stockholm-Wasserpreis, auch bekannt als „Wassernobelpreis“, nie und nimmer gewinnen können. Angefangen hat bei mir das Umorientieren gleich nach dem Abitur. Ich hatte fest vor, Architektur zu studieren, gab dann aber dem Rat meiner Eltern nach, zuerst im Rahmen eines Bauingenieurstudiums alles über Statik zu lernen, um damit später als Architekt kühne Bauwerke entwerfen und realisieren zu können. Im Rahmen des Bauingenieurstudiums war es auch Pflicht, Kanalisation und Abwasserreinigung verstehen zu lernen. Der Professor, der dieses Fachgebiet vertrat, gehörte zu der Garde der ewig Trockenen: Er las uns aus seinem Buch vor, während seine Assistenten mit einem Stock auf Bilder zeigten, die auf Schautafeln aufgemalt waren. Wir Studenten fanden diese Art der Lehre abstoßend und mich traf fast der Schlag, als am Ende seiner Lesestunde der Professor seinen Blick auf meinen Freund und mich richtete und uns in sein Büro zitierte. Wir sollten seine Hilfsassistenten werden, weil wir seinen Ausführungen so begeistert gefolgt seien. Alle unsere Ausflüchte hatten keinen Erfolg. Schließlich gaben wir nach. Und da saß ich nun in einer vermeintlichen Falle, weit entfernt von meinem Traumziel, der Architektur. Aber es kam noch abenteuerlicher: Wenig später verstarb der Professor.

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

An seine Stelle trat ein junger Dozent, der damals gerade aus den USA zurückgekehrt war. Seine erste Vorlesungsstunde werde ich nie vergessen. Er kam nicht mit einem Buch und Schautafeln, sondern mit fünf Gläsern. Diese füllte er nacheinander mit Wasser auf. Dazu gab er Tropfen eines handelsüblichen Geschirrspülmittels. Schließlich ließ er auf jedem Glas eine dünne Scheibe eines Flaschenkorks schwimmen und setzte darauf ein Gerstenkorn. Wir staunten nicht schlecht, als zu Beginn der nächsten Vorlesung, eine Woche später, die Gerstenkörner zu keimen begonnen hatten. Allerdings waren die Halme und Wurzeln um so kürzer, je mehr Tropfen des Spülmittels zuvor zugegeben worden waren (Man sollte wissen, dass zur damaligen Zeit waschaktive Substanzen in Spülmitteln noch nicht biologisch abbaubar waren). So wurden wir Zeugen der schädlichen Wirkung von nicht abbaubaren Chemikalien in der Umwelt. Für mich bedeutete diese Erfahrung eine völlige Abkehr von der Architektur hin zu den Umweltwissenschaften. Fortan beschäftigte ich mich mit Bakterien und anderen Kleinstlebewesen und deren Fähigkeiten, Abwässer biologisch zu reinigen.

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Peter Wilderer Einige Jahre später wurde ich mit einem amerikanischen Wissenschaftler bekannt gemacht, der die These vertrat, dass man Bakterien stressen müsse, damit sie Hochleistung erbringen. Dies stand im krassen Gegensatz zur herrschenden Lehrmeinung, und es dauerte eine Weile, bis ich die Bedeutung dieser These verstand. Später entwickelten wir gemeinsam eine Methode, die wir SBR nannten, die anfangs belächelt, dann bekämpft und schließlich weltweit akzeptiert wurde – heute arbeiten Tausende von SBR-Anlagen in aller Welt. Ich selbst beschäftige mich heute mit der Frage, wie Wasser auf die Erde kam, warum wir seit mehr als zwei Milliarden Jahren flüssiges Wasser und damit Leben auf der Erde haben, und wie wir es erreichen können, dass trotz Erderwärmung und Klimaänderung auch künftig Leben auf Erden möglich ist. Wieder hat sich mein Fokus verändert, wieder war es ein Bote aus einem anderen Wissensgebiet, der mich auf die neue Fährte gebracht hat, und wieder werden meine Bemühungen gewürdigt. Was ich daraus gelernt habe? Bereitwilligkeit, neue Wege einzuschlagen, ist die Mutter des Erfolgs.


3. Bleibe misstrauisch! Claudia Eckstaller lehrt als Professorin für Betriebswirtschaft an der Hochschule für angewandte Wissenschaften München: Erstens: Kompetenz ist nicht äußerlich erkennbar, schon gar nicht an distanziertem und elitärem Verhalten. Als Professorin für Personalwirtschaft mit Schwerpunktforschungsfeld Personalbeschaffung (und deshalb von Berufs wegen mit dem Problem der Kompetenzerkennung befasst) kann ich nur immer wieder schmunzeln: Gäbe es irgendeine Möglichkeit, das volle Kompetenzspektrum einer Person äußerlich zu erkennen, würde es zu keinerlei Fehlbesetzungen mehr in Unternehmen kommen – es sei denn zu solchen, die billigend in Kauf genommen werden. Herausragende Persönlichkeiten, denen ich im Laufe meines Lebens begegnen durfte, sind im allgemeinen Auftreten eher bescheiden oder zurückhaltend, manche auch sehr menschennah. Das wahre fachliche und persönliche Ausmaß der Kompetenz solcher Personen zeigte sich erst, wenn man länger mit ihnen zu tun hatte.

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Ich denke, persönliche wie fachliche Kompetenz beweist sich manchmal gerade darin, dass die Person sich und ihr Wissen „relativ“ sehen kann. Deshalb: Seien Sie immer misstrauisch, wenn Sie jemanden kennenlernen und dieser Mensch es schafft, Ihnen in fünf Minuten sein gesammeltes Leben anzuvertrauen – wer er ist (natürlich wie bedeutsam), wen er alles kennt (keine Angst, falls Sie nicht alle davon kennen) und was er hat (insbesondere in materieller Hinsicht). Es könnte sein, dass sie oder er inhaltlich nicht mehr als fünf Minuten zu bieten hat. Zweitens: Einer der großen Frustrationsfaktoren in meinem Beruf ist der Kampf gegen die knappe Studienzeit. Hier treffen gegensätzliche Entwicklungen aufeinander: Während sich auf der einen Seite Wissen kontinuierlich vermehrt, werden auf der anderen Seite aus ökonomischen Gründen Zeiten der Wissensvermittlung stetig verkürzt. Wen wundert es da, dass akademische Wissensvermittlung manchmal zu einer intellektuellen Materialschlacht führt, auf die die Studierenden – völlig verständlich – mit einem Wissenskonsumverhalten reagieren. Rechtzeitig zur Klausur wird unverdautes Wissen aus dem biologischen Arbeitsspeicher – leider oft endgültig – heruntergeladen.

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Claudia Eckstaller Es bleibt dabei nur noch wenig Zeit für eine der zentralsten Aufgabenstellungen im Rahmen eines Studiums: der Förderung von Reflexionsfähigkeit über das Wissen eines Fachgebietes. So müssen sich Dozenten nicht selten entscheiden: entweder möglichst viel Wissen vermitteln oder einen Überblick bieten und damit den Studierenden das fachbezogene Denken lernen. Zum Denken lernen gehört ein Spektrum von „Zutaten“: Zum einen braucht man das Fachwissen als Grundlage, aber das alleine genügt noch nicht. Wie in einem Rezeptbuch gehört zum Wissen auch die Methodik, sich dieses Wissen zu erschließen. In einem Rezeptbuch wäre das die Anleitung zum Kochen; in der Wissenschaft wären dies, je nach Fachrichtung, die Forschungs- oder Anwendungsmethoden. Freilich kann man nicht alles, was man theoretisch lernt, praktisch umsetzen. Jedoch kann man mit den theoretischen Inhalten gedanklich „experimentieren“. Es geht um „aktiv darüber nachdenken“, um „kritisch hinterfragen“, sich mit anderen austauschen, Hypothesen aufstellen, und darum, immer wieder neue Zusammenhänge zu kreieren. Hierfür braucht es Zeit, die oft nicht mehr zur Verfügung steht. Das wäre einer meiner Wünsche für die Zukunft: dass wir wieder etwas mehr Denkzeit ins Bildungssystem einbauen.


4. Finde unsere Wurzeln! Gerd Haeffner ist Professor für Philosophische Anthropologie, Geschichtsphilosophie und Geschichte der Philosophie an der Hochschule für Philosophie in München: Passend zum Darwin-Jahr, wenngleich rein zufällig, fand ich kürzlich eine Äußerung von Darwin zum Begründer der Biologie, zu Aristoteles: „Obwohl ich schon eine hohe Meinung von den Verdiensten des Aristoteles hatte, war ich doch zunächst davon entfernt zu sehen, was für ein wunderbarer Mann das war. Meine Götter waren Linné und Cuvier. Aber im Vergleich mit dem alten Aristoteles waren das doch bloß Schulkinder“ (Life and Letters of Ch. Darwin, II, 427). Zu einer ähnlichen Auffassung bin ich im Lauf meiner philosophischen Arbeit auch gekommen. Vielleicht abgesehen von seinem Lehrer Platon, kann es unter den Denkern Europas keiner mit Aristoteles aufnehmen, so groß auch Descartes, Kant und Hegel ansonsten sind.

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Wie ist es möglich, dass er uns Heutigen noch als so bedeutend vorkommt? Sind nicht seit seiner Zeit mehr als 2000 Jahre vergangen, und haben sich nicht neue wissenschaftliche Erkenntnisse in immer schnellerem Rhythmus angesammelt? Ganz sicher. Und doch ist die Weisheit des Alten nicht einfach veraltet, obwohl er weder von der Evolutionstheorie noch von der Quantentheorie etwas wusste. Seine Theorien der Veränderlichkeit, des Kontinuums, der Wahrnehmung und der ethischen Erkenntnis sind es immer noch wert, dass man sich mit ihnen beschäftigt. Als ich jung war, glaubte ich, nur das Moderne könne uns etwas sagen, bis ich eines Tages auf einem Empfang einen älteren Kollegen traf, der Mathematiker war. Ich fragte ihn, was er so treibe und war sehr erstaunt zu hören: „Ich lese gerade Gauß.“ – „Gauß (1777-1855)?“ fragte ich zurück. „Ist der nicht durch die Weiterentwicklung der Mathematik ganz überholt?“ Die Antwort des Mathematikers war: „Bei den großen Autoren gibt es immer etwas, was nicht in den Prozess der Tradition eingeht, sondern erst noch zu entdecken ist. Man darf sie nur nicht der Vergessenheit überlassen.“ Ist es nicht erstaunlich, dass geistige Leistungen aus Jahrhunderten, deren Kultur sich von der unseren fundamental unterscheidet, doch in voller Frische nachvollziehbar sind? In dem Maße, in dem sie sich uns erschließen, gewinnen sie Gegenwärtigkeit. Oder soll man besser sagen, dass wir dadurch mit ihnen die Gleichzeitigkeit gewinnen, die dem Leben des Geistes zu allen Zeiten eigen ist?

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Gerd Haeffner Aktualität hat ihren Reiz und ihr Recht. Sie ist freilich nicht mit Qualität zu verwechseln. Beneidenswert scheinen uns jene Zeiten, in denen das Wertvolle zugleich das Aktuelle war. Aber auch damals sog man das Wertvolle nicht mit der Luft ein. Es musste erst entdeckt werden, herausgehoben aus den auch damals lauteren und schrilleren Produktionen, die weniger oder kaum etwas wert waren. Und es musste in einer eigenen Anstrengung angeeignet werden, die selbst etwas Schöpferisches hatte. Die Herausforderung besteht immer darin, jene vorbildlichen Formen der Wissenschaft, der Kunst, der Religion und überhaupt des Lebens in den Blick zu bekommen, wo immer sie auftauchen. Nur aus ihnen kann man zugleich die Qualitätsmaßstäbe für die gegenwärtigen Bemühungen gewinnen. Ohne solche Maßstäbe regiert der Zufall und man taumelt dahin. Ohne die Verwurzelung in ihren Klassikern stirbt eine Kultur ab. Aber Verwurzelung heißt nicht Musealisierung, sondern schöpferische Weiterführung oder gegebenenfalls auch alternativer Entwurf im Gegenüber zu den Klassikern.

Text: peter-wagner - Illustrationen: Katharina Bitzl; Fotos: privat

  • teilen
  • schließen