Die Leute auf der Straße wollen die Wahrheit hören

Der Weg zum Rapstar: Street-DVDs krempeln in New York die Musikindustrie um
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Sein rechter Zeigefinger hämmert auf die Pfeiltaste einer Tastatur ein. Pfeil links, Pfeil Rechts – es ist die typische Handbewegung eines Video Cutters, auf der Suche nach dem richtigen Frame. Kraze schneidet gerade Aufnahmen von Lil Kim: „Wir haben sie in ihren letzten 24 Stunden auf freiem Fuß begleitet, dann ging sie ins Gefängnis, um ihre einjährige Haftstrafe anzutreten“, kommentiert Kraze die bewegenden Bilder, die stehen bleiben, als er auf die Leertaste tippt. Sein Blick wendet sich vom Bildschirm ab und mit hochgezogenen Augenbrauen erklärt er, dass seine DVD „All Access“ etwas ganz besonderes ist: „Das, was wir zeigen, siehst du nicht auf MTV. Die Musiker geben sich so, wie sie in echt auch sind. Alles ist erlaubt. Sie dürfen ihr Gras rauchen, Unsinn labern, Bier trinken oder ihre Knarre rausholen. Was auch immer sie vorhaben, die Welt wird genau das sehen.“ Vor fünf Jahren hatte James „Kraze“ Billings die Idee, mit seiner Kamera ein DVD-Magazin zu produzieren, um „TV und Print zu kombinieren“, wie er seine Idee heute definiert. Da in seiner Nachbarschaft Hip Hop-Legenden wie Rakim und EPMD wohnen, lag es auf der Hand, erst mal durch die eigene Umgebung zu ziehen. Kaufen konnte man die erste DVD zuerst nur dort, wo viele afro-amerikanische Selbststarter ihr Produkt unters Volk bringen: im Barbershop.

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Illustration: Julia Schubert

Über der Tür des Ladens, in dem Krazes Erfolgsgeschichte begann, steht in roten Buchstaben „Skills R Us“, ein Name, der schon nach Hip Hop klingt. Innendrin surren die Rasierer auf Anschlag, im Hintergrund laufen Musikvideos. Als Kraze die Tür hinter sich schließt, schallt ein „Yo what’s Up“-Kanon durch den schlauchförmigen Raum. Jeder wird per Handschlag begrüßt, jeder hier hat einen Spitznamen, so wie Party Arty. Dessen Skills liegen im Rasieren. Er erinnert sich noch genau daran, wie Kraze mit seiner ersten DVD in den Laden kam. „Er gab uns ein paar Werbekopien, die wir auf unseren Fernsehern gezeigt haben. Wir haben ihm auch ein paar abgekauft, um ihn zu unterstützen.“ Auch nach fünf Jahren ist „All Access“ immer noch in Barbershops und kleinen Kiosks zu finden. Der Vertrieb beliefert mittlerweile aber auch Plattenläden in ganz Nord-Amerika und selbst Fans aus Europa und Japan bestellen die DVDs. Als Geschäftsmann möchte er zwar so viele Käufer wie möglich finden, sein Zielpublikum ist jedoch die schwarze Community. Leute, die wie er in einer vernachlässigten Gegend aufwuchsen. Dort, wo alleinerziehende Mütter mit Essensmarken am Kiosk bezahlen und Rapper ihre ersten Veröffentlichungen mit dem Verkauf von Drogen und Waffen finanzieren. Ein Lebensstil, der auf seinen “All Access“-DVDs eins zu eins abgebildet ist. Wenn Rapper Redman den Kameramann auf eine Tour durch seine Neighbourhood „Brick City“ mitnimmt, sieht man, wie real Gangsta Rap wirklich ist. Hinter dem Steuer seines Van erzählt er, an welchen Songs er gerade arbeitet und spricht über die neuen Talente aus seinem Freundeskreis. Als Redman ein Reagenzglas mit Weed in die Linse hält, heulen hinter ihm plötzlich die Polizeisirenen auf – Redman stockt der Atem und biegt in eine Seitenstraße ein – die NYPD fährt gerade aus weiter. Cut, nächste Szene: Redman steht in einem Raum mit den Leuten aus seinem Viertel. Viele sind maskiert und halten ihre Knarre in die Kamera. Kopfkissen große Weed-Beutel werden ausgepackt, ein Beat setzt ein und Redman fängt an, sein neustes Stück live vorzutragen. Aus einem atmosphärischen Interview wird ein improvisiertes Musikvideo.

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Illustration: Julia Schubert

Die ungeschnittenen, unzensierten Geschichten sind es, die DVDs wie „All Access“ und auch „Smack“ zum Stadtgespräch machen. Nur wer seine Credibility auf der Straße behält, wird auch weiterhin geliebt und letztendlich Millionen im Hip Hop-Geschäft machen. Krazes Fragen beginnen denn auch häufig mit der Einleitung: „The Streets wanna know, what is true about…“ Die Leute auf der Straße wollen die Wahrheit hören. Viele Rapper erzählen dann, dass auch als Star nicht alles so golden ist wie ihre neuen Grills oder ihre Zähne. Viele betonen, dass sie immer noch in ihrer alten Umgebung wohnen „same block, same hood“ – kein Geld der Welt wird sie da wegbringen. Es geht ums „Hustlen“, also ums Geld verdienen, um Fragen, wie „Wo hast du deine Sneakers her?“ oder „Zeig uns deinen Schmuck!“. Hier ist der wahre Straßenslang zu hören und viele Musiker beenden ihre Antworten mit „yo, know I am still grindin“, was soviel bedeutet wie: „Ich arbeite hart und muss trotzdem schauen, dass ich kohlemäßig über die Runden komme.“ Die Anzahl dieser Real-Street-Live-Dokus wächst von Monat zu Monat. Verkaufszahlen von zehn- bis vierzigtausend Stück pro Ausgabe sind an der Tagesordnung. Das neue Medium hat auch die Musikindustrie umgekrempelt: Der Rapper True Life war lange nur in New York’s Lower East Side bekannt. Als er plötzlich auf den wichtigsten Street-DVDs auftauchte, wurde er zum Stadtgespräch und bekam einen Vetrag beim bekannten Hip Hop-Label Def Jam Records. Inzwischen versuchen die Plattenfirmen sogar, sich mit ihren Künstlern auf den DVDs einzukaufen. „Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis sich ,corporate Amerika’ ins Spiel bringt“, prophezeit Kraze. Das Straßenprodukt hat sogar schon MTV beeinflusst. Das Autotune-Spektakel „Pimp my Ride“ gab es auf „All Access“ schon lange vorher unter dem Titel „Parking-Lot-Pimpin“. Bisher hat Kraze es geschafft, sich von den Angeboten der Industrie nicht verführen zu lassen. Er möchte unabhängig bleiben, sein Ding machen und mit der Kamera durch die Gegend ziehen. Von New York über Atlanta bis LA. Zuspruch bekam er dafür auch von Rapstar Juelz Santana. Dessen Spruch hat sich Kraze auf ein T-Shirt drucken lassen: „If I is not All Access, than it’s small Access!“

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