"Die Leute warten sehnsüchtig"

Nach einem Jahr Pause wird Münchens untypischste Kneipe bald wieder eröffnen. Wir haben nachgefragt: Wie war das das Jahr ohne X-Cess?
jetzt-redaktion

Am 16. Mai 2010 verlor die Stadt eine einzigartige Kneipe: Im X-Cess regierte nicht das Durchgestylte, sondern eine unvergleichliche Mischung aus unvorhersehbarer Musik, abgenutztem Mobiliar und ausgelassener Enge. Vor einem Jahr haben wir einige X-Cess-Insider gebeten, uns einen Abgesang auf ihre liebste Bar zu schreiben. Ein Jahr später steht sie kurz vor der Wiedereröffnung in der Sonnenstraße. Wir haben nachgefragt, wie die IX-Cess-Freunde das Jahr ohne ihre Stammkneipe verbracht haben und was sie sich vom neuen X-Cess erwarten.

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Illustration: Julia Schubert


X-Cess-Wirt Isi Yilmaz an seiner alten Theke. Momentan laufen die Vorbereitung für die Neueröffnung im Harry Klein.
 
„Als das X-Cess irgendwann geschlossen war – den genauen Tag habe ich gar nicht bemerkt – kam mir das Geschrei der Stammgäste übertrieben vor. Die Postings auf der Facebook-Seite der Kneipe waren voll herzzerreißender Dramatik. Ich befürchtete schon, verzweifelte Fans würden am Promenadeplatz Kerzen aufstellen und eine Statue mit Tittentapete einwickeln. Mein Gott, es gibt doch auch andere Kneipen, dachte ich mir. Ein paar Wochen später war ich im Kilombo und wollte danach in die Cubar. Leider hat die unter der Woche zu. Oh nein, dachte ich, angetrunken und mit dem Pathos einer griechischen Tragödie: „Wo ist das X-Cess?"

Ein paar Wochen später war ich mit Freunden in der Niederlassung. Eine nette Kneipe, aber irgendwann, wenn die letzten S-Bahnen fahren, werden alle Pärchen gebeten, ihre Bionade auszusaugen und die Sitzwürfel zu räumen. Auch das Maroto hatte zu. Wir streunten ziellos herum. Jetzt wäre man ins X-Cess gegangen, dachte ich mir und wickelte die Lorenz-von-Westenrieder-Statue gedanklich mit Tapete ein.

Aber das neue X-Cess blieb weiterhin ein Facebook-Mysterium, ein leerer, weißer Raum mit einer Treppe. Ich klickte in meiner Verzweiflung so lange auf diesen Facebook-Seiten herum, bis ich bei Isis Kinderfotos aus der Türkei gelandet war. Ich aß im Fischerstüberl um 4 Uhr nachts Schnitzel und schaute einem Spielsüchtigen zu, wie er eine Slot-Machine mit Münzen fütterte. Ich schaute im Holy Home den alten Männern zu, wie sie den tätowierten Armen der Barkeeperin zuschauten. Und ich schlief viel. Was ja alles nicht schlecht wäre, um die Nacht herumzubringen, wenn man statt dessen nicht auch ins X-Cess gehen könnte. Schön, dass man das bald wieder kann.“
Matthias Eberl ist freier Journalist und gewann mit seiner Audio-Slideshow über das X-Cess den Deutschen Reporterpreis. Auf der nächsten Seite liest du, wie Murat, Barmann im X-Cess, das Jahr verbracht hat.



„Seit wir am 16. Mai geschlossen haben, habe ich die ganze Zeit auf das X-Cess gewartet. Der Laden war Legende. Ich war mir sicher, dass wir irgendwann einen neuen Ort finden würden, aber ich wusste, dass es mindestens ein Jahr dauern kann. Wir wollten keinen Laden mehr im Glockenbachviertel, das Publikum dort hat sich geändert. Die Sonnenstraße war die erste Wahl, und wir haben da auch ein paar Möglichkeiten gefunden. Aber einige Hausverwaltungen waren nicht einverstanden – weil sie keine Kneipe wollten, und weil das X-Cess wegen Lärmbeschwerden in der Zeitung gestanden hatte. Irgendwann im Sommer dachten wir dann: Jetzt machen wir erst mal Urlaub. Ich habe von 2003 bis 2010 so gut wie keine Pause gehabt. Ich war fünf- bis sechsmal die Woche im X-Cess. Es war unser erster freier Sommer seit der Eröffnung, und ich habe diese Freiheit und die Pause von der Gastro-Arbeit sehr genossen: Ich war in der Türkei und habe zuerst einfach nichts gemacht, dann meinen Eltern geholfen, damit die auch mal Urlaub machen konnten. Dann habe ich Teilzeit in München in der Gastronomie gearbeitet, in Bars und Kneipen von Bekannten und Freunden.

Ich weiß nicht, ob der neue Laden wieder so wird wie der alte. Dafür brauchen wir Zeit. Das alte X-Cess hatte Geschichte: die Einrichtung aus der Dönerbudenzeit, die ganzen Sprüche und Schriften an den Wänden und in den Toiletten – es dauert, bis so etwas entsteht. Im alten X-Cess haben wir dafür drei Jahre gebraucht. Der neue Laden muss seine Geschichte erst wieder schreiben, aber das wird schneller gehen – das Publikum ist schon da, es wird gleich voll sein. Die Leute warten sehnsüchtig auf das neue X-Cess. Seit Mai 2010 habe ich die Frage, wann wir wieder aufmachen, wahrscheinlich eine Million Mal gestellt bekommen. Per E-Mail, SMS, auf der Straße – ich konnte nicht mal mehr Kaffee trinken gehen, ohne dass mich jemand gefragt hat.“

Murat Türüt hat von Anfang an mit Besitzer Isi Yilmaz im X-Cess zusammengearbeitet. Auf der nächsten Seite erzählt Adrian, Student, was das X-Cess mit seiner verschwundenen Ausgehlust zu tun hat.

   
„Irgendwann hat das mit dem Ausgehen einfach aufgehört. Keine Kneipen und Clubs mehr am Wochenende, nein, kein Interesse mehr. Ich kann kaum sagen, warum, ich kann nicht mal mehr genau sagen, wie lange das jetzt her ist. Das einzige Narrativ, dass sich in meinem Kopf gebildet hat, ist, dass es gleichzeitig mit der Schließung des X-Cess eingetreten sein muss. Irgendwann war das X-Cess zu. Irgendwann bin ich nicht mehr ausgegangen.

Ich vermisse nicht viel daran, betrunken und tanzen bin ich hin und wieder doch noch. Was ich vermisse: Die Leute, die man im Nachtleben kennen gelernt hat. Den schlecht riechenden, alkoholisierten, brüllenden Mob, der im X-Cess ab eins auf den Tischen stand und einem Bier in den Nacken gekippt hat. Das X-Cess war genau in dieser Hinsicht einzigartig: Entgegen den Distinktionsgewinnungsbars des Münchner Nachtlebens waren im X-Cess einfach diejenigen, die sich auf Bier, Musik und eine Tittentapete einigen konnten. Und da man im allgemeinen Gedränge sowieso immer mit den Leuten um einen herum ins Gespräch kam, ergab das oft skurrile, manchmal anstrengende, aber meistens lustige Begegnungen mit Menschen, die man sonst einfach nicht getroffen hätte. Diese Ungeplantheit und Milieudurchmischung vermisse ich. Ich kann mir nicht ganz vorstellen, dass das neue X-Cess das bewahren wird. Aber vielleicht wünsche ich mir das nur, um mit guten Gewissen am Wochenende daheim bleiben zu können.“

Adrian Renner ist Student und war Stammgast im alten X-Cess. Auf der nächsten Seite liest du, was das X-Cess mit Alleinherrschaft zu tun hat.

 
„Es ist fast schon paradox: Während sich die Bevölkerung vieler Länder 2011 in Revolutionen ihrer Machthaber zu entledigen versucht, sehnt sich das Münchner Partyvolk seit einem Jahr nach einer Militär(mützen)-Diktatur zurück. Gemeint ist General Isi und sein X-Cess. Ausgerechnet wegen eines Aufstands lärmempfindlicher Glockenbach-Anwohner musste der unumstrittene Herrscher über Münchens absturzwillige Nachteulenarmee sein Imperium aufgeben. Im Gegensatz zu anderen abgesetzten Potentaten gibt es für General Isi jedoch nach der Verbannung die Option auf Rückkehr. So kündigte Isi über das gerade in Zeiten der Revolution unverzichtbare Medium Facebook den Umzug seiner Residenz in die Sonnenstraße an. Doch die Wiedereröffnung verzögert sich seit Monaten. Den drängelnden Bubsis und Süßies ist währenddessen immer wieder der Geduldsfaden gerissen: „WANN ist es denn soweit? In der Zeit hätt' man ja Kinder kriegen können! Und ich hab' Durscht!“, schreibt ein ehemaliger Stammgast auf Facebook.

Isis zweite Regentschaft könnte um einiges länger dauern als die erste. Zumindest Probleme mit der Nachbarschaft scheinen unwahrscheinlich. Der einzige Anwohner heißt Harry Klein und gilt nicht nur als ziemlich lärmresistent, sondern macht mindestens genausoviel Radau. In diesem Sinne: Prost, Isi! Auf die zweite Amtszeit!“

Lisa Sonnabend und Max Sterz betreiben das Stadtblog muenchenblogger.de.

Text: jetzt-redaktion - Foto: Matthias Eberl

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