„Die Mehrheit benimmt sich endlich wie eine Minderheit“

Sarah ist nach Tel Aviv gezogen und Teil der jungen Protestbewegung geworden. Für uns schreibt sie auf, was sie dabei erlebt
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Ein Eimer Farbe ist schnell aufgetrieben. Vor einem der Zelte findet sich sogar eine ganze Kiste mit Spraydosen, die der Besitzer noch vom Plakat-Sprühen übrig hat und gerne zur Verfügung stellt. „Bibi geh nach Hause“, steht auf einem Banner, das quer über seine Matratze hinweg zwischen den Feigenbäumen hängt. Daneben hat er eine eierköpfige Karikatur von Benjamin Netanjahu gemalt. „Falls ihr Hilfe braucht, sagt Bescheid“, ruft er uns nach, während wir uns durch die Menschenmassen auf dem Boulevard drängeln. „Lasst es sein!“oder „Seid vorsichtig!“, sagt er nicht.
  Die Bank ist nicht weit weg. Nichts ist in Tel Aviv weit weg. Es sei denn, man nimmt den Bus, dann scheint alles Lichtjahre entfernt, aber der fährt jetzt sowieso nicht mehr, mitten in der Nacht. Die Scheinwerfer entlang des Wolkenkratzers, an dessen Spitze das grüne „Discount“-Schild prangt, strahlen in die Dunkelheit. Schon von weitem sieht man die Überwachungskameras. Oded winkt in eine Linse. Dann tunkt er den Pinsel in den Farbeimer und beginnt zu schreiben: „86 Schekel fürs Kontoüberziehen? Wir hängen euch auf dem Dorfplatz.“ 

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Illustration: Julia Schubert


  Einer, der nicht ganz so mutig ist und lieber namenlos bleiben will, macht ein Foto von ihm. Am nächsten Tag wird Oded es auf Facebook stellen. „Wenn sie mich schnappen, umso besser. Dann redet vielleicht mal jemand darüber, wie die Banken uns ausnehmen.“ In einer Hosentasche klingelt ein Handy. Der Vater ist dran. Als sein Sohn ihm erzählt, was er gerade macht, lässt er sich die Adresse geben. Eine Viertelstunde später hat der Vater uns eingeholt und schnappt sich eine Spraydose. „Alle Macht den Zelten, ihr Fucker“, zieht es sich bald leuchtend blau über eine glänzende Marmorfront.
  Von außen mag der Satz ein bisschen kryptisch klingen. Aber als am nächsten Morgen die ersten Passanten vorbeilaufen, Menschen mit noch nassen Haaren auf dem Weg zur Arbeit, Jogger, übernächtigte Partygänger, ist ihnen die Botschaft sofort klar: Die Protest, der in diesen Tagen in Israel entflammt ist, macht bei den Wohnungspreisen nicht halt. „Es geht darum ein Zeichen zu setzen“, sagt Hila, 24, die gestern die Beschriftung einer anderen Bank übernommen hat. Ein Zeichen, erklärt sie, gegen die Gier, dagegen, dass eine Gruppe von 18 Familien, denen in Israel so ziemlich alles gehört, die Supermärkte, die Lebensmittelkonzerne, Internetprovider, Stromanbieter, Fernsehsender und natürlich auch die Banken, den Staat kontrollieren. Es geht darum, dass die Politiker sich so weit von den Bürgern entfernt haben, dass sie gar nicht sehen, dass selbst Ärzte oder Lehrer sich den ganz normalen Alltag, Wohnen, Essen, Trinken, nicht leisten können. „Es geht um Moral“, sagen Oded und Hila fast gleichzeitig und lachen ein bisschen, aber auch nicht zuviel.
  Es sind große Worte, aber auf dem Rothschild Boulevard, da, wo alles angefangen hat, kommen sie den Protestlern so ehrlich und nüchtern über die Lippen, dass man fast die Hoffnung hat, da könnte es jemand mal ernst meinen mit seinen Idealen. 

  Zwischen die Stimmen, die hier heftig diskutieren, immer, morgensmittagsabends, mischt sich Gitarrengeplänkel, irgendwo spielt eine Band. Vor den silbrig glänzenden Zelten, die sich in der Sonne so aufheizen, dass es darin schon mal über 40 Grad heiß wird, stehen Klappstühle und Couchen, auf dem Boden liegt ein staubiger Perserteppich. Eine Freundin von Hila, die für ein Jahr ins Ausland gegangen ist, hat ihre kompletten Möbel gespendet. Die Nachbarn lassen die Camper bei sich duschen. Ein Bauunternehmen hat Dixi-Klos gestellt. Restaurants überall in der Stadt bringen Essen ins Küchenzelt. Die Unterstützung in der Bevölkerung ist riesig. Laut der letzten Umfrage befürworten 91 Prozent der Israelis die Proteste – was bei einem Land, in dem man sich sonst auf so ziemlich gar nichts einigen kann – „zwei Juden, drei Meinungen“, wie Israelis gern und oft sagen – ziemlich beeindruckend ist. 

  „Deshalb kann uns die Regierung nicht spalten“, sagt Daphni Leef, die wohl berühmteste Obdachlose, die das Land je hatte. Genau einen Monat ist es her, dass die 25-Jährige sich ihre Wohnung nicht mehr leisten konnte. Wochenlang suchte sie nach etwas billigerem – ohne Erfolg. Also schrieb sie eines Abends auf Facebook: „Ich hab’s satt, ich nehme jetzt ein Zelt und ziehe auf den Rothschild Boulevard. Wer kommt mit?“ Am ersten Tag kamen 20 Freunde und stellten ihre Zelte auf Tel Avivs Prachtstraße auf. Am nächsten Tag waren es schon 50 Zelte. Am Ende der Woche 100. Mittlerweile sind es rund 400 im ganzen Land. Hinter Daphni hängt eine Karte, auf der die Orte eingezeichnet sind, die mitmachen. „Ich bin unter Schock“, sagt sie. Ihr Leben hat sich völlig verändert. Menschen umarmen sie auf der Straße, jedes Mal, wenn sie sich umdreht, hat sie ein Objektiv im Gesicht, BBC ruft an, dann ist ein Sprecher von Netanjahu dran. „Diesen Monat hab ich 20.000 Schekel Telefonrechnung“, umgerechnet rund 4000 Euro, „keine Ahnung, ob ich am Ende darauf sitzen bleibe.“ Zum Arbeiten hat sie keine Zeit mehr. Jeden Tag spricht sie in einer anderen Stadt vor tausenden Menschen. „Auf einer Kundgebung hab ich meine Oma getroffen. Sie wusste gar nicht, dass ich das Ganze organisiert habe, sondern wollte nur die Sache unterstützen. Sie hat den Holocaust überlebt und jetzt schafft sie es kaum, über die Runden zu kommen.“

  Tatsächlich ist das Leben in Israel furchtbar teuer. Allein für ein WG-Zimmer in Tel Aviv zahlt man rund 500 Euro, für eine Zweizimmerwohnung über 1000 – bei einem durchschnittlichen Gehalt von 1800 Euro. In den letzten fünf Jahren sind die Mietpreise um 65% gestiegen. Lebensmittel kosten zum Teil doppelt so viel wie in Deutschland. Einen freien Markt gibt es nicht – zum einen, weil mit Wettbewerb nicht gerade viel los ist, wenn man mit all seinen Nachbarländern entweder noch oder vielleicht schon bald im Krieg steht und daher verständlicherweise keinen Handel betreibt; zum anderen, weil die israelischen Konzerne eben alle in der Hand jener 18 reichen Familien sind und die untereinander Preisabsprachen treffen. 

  Auf dem Land ist es ein bisschen billiger, aber die Arbeit ist nun mal in der Stadt und die öffentlichen Verkehrsmittel sind furchtbar, am Wochenende nicht mal existent, weil die Ultraorthodoxen in der Koalition der Regierung ein Bus- und Bahnverbot am Schabat aufzwingen. Für viele sind sie der Kern allen Übels. „Die Regierung lässt sich von den Religiösen erpressen. Statt das Geld in Schulen oder Kindergärten zu stecken, baut sie lieber neue Siedlungen für Fanatiker und finanziert denen ihr zehntes Baby", sagt Motti, 30, der vor einem Zelt seiner fünfjährigen Tochter eine Gutenachtgeschichte vorliest. „Allein der Kindergarten kostet 700 Euro im Monat. Die ganze Zeit haben wir das einfach geschluckt. Protestiert haben immer nur die Randgruppen. Jetzt fängt die Mehrheit endlich an, sich wie eine Minderheit zu benehmen.“ Aber es schließen sich auch Rechte und Konservative den Protesten an. Die offizielle Losung ist: Jeder darf mitmachen, solange er nicht fordert, dass ein anderer nicht mitmacht. „Ja, natürlich ist das absurd, Israel ist halt noch immer das Land der Gegensätze“, sagt Hila. „Aber der Frust darüber, dass das Geld zum Leben fehlt, verbindet alle. So eine Chance, wirklich etwas zu verändern, gab es hier noch nie.“

  Erstmal tut sich ziemlich wenig. Das Parlament hat sich in die Sommerpause verabschiedet und denkt gar nicht daran, vorzeitig zurückzukommen, um sich stürzen zu lassen. Viele glauben, dass Netanjahu das Problem einfach aussitzt. Im September wollen sich die Palästinenser von der UNO ihren eigenen Staat anerkennen lassen. Wenn es klappt, gibt es womöglich Krieg; wenn nicht, eine Intifada. Unwahrscheinlich, dass sich dann noch jemand für Mietpreise interessiert.
  „Das Argument kann man hier ja immer bringen“, sagt Oded auf dem Weg zur nächsten Demo. „Klar, das ist ein Kriegsgebiet. Wir hatten am Anfang fast ein schlechtes Gewissen, wegen so was Banalem wie Lebenshaltungskosten auf die Straße zu gehen.“Am Straßenrand lehnt ein Polizist und lächelt so freundlich, wie man in Israel noch nie einen Polizisten hat lächeln sehen. Mitdemonstrieren darf er nicht. „Als wir letzte Woche die Straße blockiert haben, hat mir einer beim Wegtragen gesagt, wir sollen bitte auch höhere Löhne für sie auf die Liste der Forderungen setzten“, sagt Oded. Das Einstiegsgehalt für Polizisten liegt bei umgerechnet 830 Euro im Monat.
  Die Menschenmenge um uns wird dichter. 300 000 sollen es sein, die auf den Beinen sind, so viele wie noch nie in der Geschichte des Landes. „Das Volk fordert soziale Gerechtigkeit“, brüllen sie (was auf Hebräisch knackiger klingt). Überall blitzen Kameras, die versuchen, die besten Sprüche einzufangen. „Zu arm, um mir ein Zelt zu kaufen“, steht auf einem Plakat. Ein Mädchen fordert auch gleich mit kreischender Stimme „einen Mann, der einen nach einem Date zurückruft“. Es ist laut. Es ist dreckig. Wir schwitzen. Wir stinken. Die anderen stinken. Wir können kaum atmen. Es ist wunderbar.



Text: sarah-stricker - Foto: oh

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