Stefan Weiss, 24, und Martin Eutermoser, 26, sind „Boazn“-Liebhaber. Seit knapp zwei Wochen ist ihre Website Euwei.net online – ein Führer durch Münchens vergessene Kneipen. Jeden ersten Freitag machen sie eine Boazn-Tour. jetzt.muenchen haben sie im „Hasenstall“ erzählt, warum die Boazn ein Nachwuchsproblem haben und weshalb das schade ist. jetzt.muenchen: Auf eurer Website habt ihr die Gaststätte „Zum Hasenstall“ in der Truderinger Straße zur „Euwei Boazn Nummer 1“ gewählt. Was macht eine gute Boazn aus? Stefan: Der Hasenstall ist etwas größer als eine normale Boazn, es gibt einen Stammtisch, einen Kachelofen, Holztische – trotzdem ist es keine Wirtschaft. Hier ist es gemütlich, griabig eben. Seit über vier Jahren macht ihr Boazn-Touren. Viele Leute sind etwas eingeschüchtert, wenn sie zum ersten Mal in eine Boazn gehen. Man hat das Gefühl, in einen festen Kosmos einzubrechen, in dem man nichts zu suchen hat. Martin: Genau das ist der Knackpunkt! Geht man in eine Boazn und sagt keinen Ton, wird man komisch angeschaut. Sobald du aber freundlich „Servus, Grias eich“ sagst, freuen sich die Leute, und bald fragt dich der erste: Wer bist du? Wo kommst du her? Man kommt mit den Leuten schnell ins Gespräch. Auf unserer Homepage sind momentan 50 Boazn verzeichnet, insgesamt waren wir aber bestimmt schon in 80 – in keiner hatten wir je Ärger. In fast jeder dagegen haben wir etwas Besonderes erlebt. Zum Beispiel? Martin: Der Würfelmann. . . Stefan: In einer Boazn in Sendling saß ein in sich gekehrter, stiller Typ und spielte mit einem Rubic-Würfel herum. Der Wirt meinte, dass der schon seit 20 Jahren hier sitzt, nie ein Wort sagt und nur mit seinem Würfel spielt. Martin: Der war ein ehemaliger Postbote und hatte einen kleinen Sprachfehler, deswegen wollte er nicht gern sprechen. Er gab uns den Würfel und sagte: „Da, aber g'scheid verdrahn.“ Nach ein paar Sekunden hatte er die Farben wieder geordnet. Das ging ein paar Mal so – es war unglaublich. Solche Geschichten erlebt man nur in einer Boazn! Stefan: Oder letztens kam eine Frau mit einem Tablett Wurstbroten und sagte: „Buam, kommt’s rein! Wir feiern einen Geburtstag.“ Die Leute freuen sich über junge Leute. Martin: Beim „Bauerngirgl“ in Giesing hing über dem Pissoir ein Zettel, auf dem stand „Defekt“. Ein Gast hat mit Kugelschreiber darunter geschrieben: „Schon wieder! Wie lange diesmal?“ Anstatt, dass der Wirt den Zettel entfernt, hat er darunter geschrieben: „Das G’scheidhaferl, des immer seine Kommentare hierher schreibt, kann das Klo gerne selber richten!“ Was ist der Unterschied zu Szene-Bars, von denen es zum Beispiel um den Gärtnerplatz viele gibt? Martin: In solchen Bars ist keiner er selbst. Die Leute versuchen, etwas darzustellen, sie spielen etwas, das sie nicht sind. Jeder versucht, besonders cool zu wirken. Authentische Leute trifft man dort nicht. Stefan: Boazn sind halt auch kleiner, so kommt man leichter miteinander in Kontakt. In so genannten „In-Kneipen“ kennt man, nachdem man drei-, viermal da war, mindestens 15 Leute vom Sehen. Geredet hat man aber mit niemand von denen. Martin: Die Leute, die an einem Abend in irgendwelchen Szene-Kneipen ein paar hundert Euro ausgeben, hätten für 50 Euro in einer Boazn mehr Spaß. Davon bin ich überzeugt. In München hat man den Eindruck, dass sich das Publikum nachts kaum vermischt. Junge Leute gehen in die Favorit-Bar oder ins Cafe Kosmos, alte gehen in die Eckkneipe. Stefan: In Hamburg zum Beispiel sind die Kneipen fester in den Kiez integriert, dadurch vermischen sich die Leute mehr. Die Kellnerin kommt zum Kassieren: „Hast schon wieder Feierabend?“ „Ja, freilich.“ „Des gibt’s ja ned. Jutta, was machst du den ganzen Tag?“ „Da frag i mi a, was ihr deads.“ „Menschsein“, „Ja genau, i a!“

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Martin: Eine Boazn sieht von außen nicht besonders einladend aus. In Düsseldorf verläuft man sich leichter mal in eine Eckkneipe, weil alles auf einem Fleck ist. Da landet man auch mal in einer Rockerkneipe. In München trauen sich einfach viele junge Leute nicht in solche Läden hinein. Stattdessen gehen sie jedes Wochenende in dieselben Clubs mit denselben Leuten. Dann wundern sie sich, dass sie nix erleben. Wenn junge Leute in Boazn gehen, dann ist das oft ironisch gemeint. Manche finden es lustig, „fertige Leute“ am Spielautomaten zu sehen, die zu „Ich war noch niemals in Hawaii“ schunkeln. Aber davon distanziert ihr euch. . . Martin: In den Boazn sieht man Leuten oft nicht an, wie hochintelligent manche sind. Natürlich gibt’s auch Deppen, aber die gibt es überall, und in einer Boazn trägt keiner eine Maske. Stefan: Man sollte sich schon darauf einlassen und die Leute ernst nehmen. Natürlich schauen die erst einmal böse. Aber wenn man freundlich ist und „Servus“ sagt, wird man sehr schnell akzeptiert. Martin: Man muss auch nicht unbedingt bairisch sprechen. Erst letztens haben wir ein paar Hamburgerinnen kennen gelernt, die sagten: „Na, so etwas Schnuckeliges wie euch hatten wir schon lange nicht mehr hier.“ In einer Boazn Frauen kennen zu lernen, ist aber eher schwierig, oder? Stefan: Ja, das muss man schon so sagen. Martin: Es ist nicht der Ort, um jemanden aufzureißen. In eine Boazn sollte man mit ein, zwei guten Freunden gehen. Klar, wenn man sich trifft, kommt man sich schnell näher als in anderen Bars. Aber man trifft insgesamt eher selten Gleichaltrige. Finden die Wirte es schade, dass so wenig junge Leute kommen? Stefan: Ja. In fast allen Boazn sind wir die jüngsten. Wenn sich nichts ändert, gibt es in zwanzig Jahren keine mehr. Martin: Die Münchner Boazn hat ein Nachwuchsproblem. Jeder dritte Wirt jammert. Im „Grandauer Fassl“ in Untergiesing zum Beispiel arbeitet ein 76-jähriger Wirt, ein absolutes Unikat übrigens, der meinte letztens erst: „Irgendwie geht’s schon noch, aber es ist deutlich schlechter geworden.“ Viele leiden auch unter den Auflagen – manche haben zum Beispiel nur ein Klo und müssen deswegen um zehn Uhr schließen. Stefan: Fast alle Boazn sind Raucherkneipen. Das absolute Rauchverbot würde vielen das Genick brechen. Habt ihr schon einmal daran gedacht, das Projekt zu kommerzialisieren? Viele Touristen würden wahrscheinlich liebend gerne eine Münchner Boazn-Tour mitmachen. Martin: Daran gedacht schon – aber langfristig würde das die Boazn-Kultur zerstören. Die Kneipen würden sich an den Geschmack der Touristen anpassen. Stefan: Unser Ziel ist es, dass irgendwann eine Brauerei auf uns aufmerksam wird und wir einen Tisch auf der Wiesn bekommen. Stefan und Martin zahlen, stehen auf und sagen „Servus beieinander!“ Ein Dutzend Leute an den Nebentischen rufen gleichzeitig: „Servus!“, „Pfiads eich, Buam!“, „Schönen Abend noch.“, „Bis zum nächsten Mal!“

Text: philipp-mattheis - Fotos: Juri Gottschall