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Die neue Ästhetik des alten Aktes

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Das Web beginnt die Pornographie abzuwickeln und am Ende der Abwicklung wird sie nicht mehr Pornographie sein, sondern das, was sie ist: Fotos und Filme von nackten Menschen, die sich mit Menschlichem beschäftigen. Es gibt mehrere Auslöser für diese noch junge Entwicklung, ein wichtiger ist die Blogsoftware tumblr, die seit 2007 im Web verfügbar ist. Ihre simple Ausrichtung auf Fotos macht tumblr zu einem Lieblingsmittel für alles, was visuell in die Netzwelt gestreut werden soll. Es wimmelt in den tumblr-Blogs von Galerien mit aufregendem Produktdesign, japanischen Stühlen, Selbstgestricktem, Häusern, Katzen, Marmeladen etc., die von Menschen gebloggt werden, die sich für schöne Häuser, Katzen, Marmeladen etc. interessieren. Und direkt daneben wimmelt es von tumblr-Bloggern, die sich dem Thema Sex verschrieben haben und den wenigsten geht es um das bloße Versammeln von Geschlechtsteilen. Stattdessen benutzt die aktive Mehrheit dieser Blogger das Medium, um sich unterschiedlich konfrontativ mit der eigenen Sexualität und dem, was sie stimuliert, auseinanderzusetzen – und produziert nebenbei eine neue, nicht-kommerzielle Porno-Ästhetik. Diese neue Ästhetik des alten Aktes wird dabei aus dem Meer an Sexbildern zusammengestellt, die das Internet anbietet. Sie bedient sich in kleinerem Maße noch bei den klassischen Bild-Angeboten der Pornobranche, korrumpiert dieses aber sogleich doppelt – einmal, indem die sexuelle Information so selbstverständlich als freies Gut verwendet wird, wie alle anderen Informationen im Netz auch und zum anderen, indem die pornographischen Abbilder in einen neuen, sauberen Kontext gestellt werden. Die tumblr-Blogger knipsen gewissermaßen das Rotlicht aus und bringen den Sex zu sich nach Hause, zu den Katzen und Marmeladen.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Porno-Bild oder privater Schnappschuss? DIe neuen Fotosammlungen im Netz knipsen das Rotlicht aus und bringen den Sex zu sich nach Hause - zu den Katzen und Marmeladen. Mit diesem Material entstehen heute etwa auf bekannten tumblr-Blogs wie „thathipsterporn“ oder „sexisnottheenemy“ täglich neue Bricolagen, die aus unterschiedlichstem Treibgut, Fetischen und Genres eine immergleich authentische Sexualität abbilden und diese in einen lebensweltlichen Kontext aus Mode, Popkultur und Anspruch verpflanzen. Diese Seiten ziehen schon jetzt eine große Zahl ähnlich atmender Projekte nach sich, manche legen die Schwerpunkt auf feministischen Sexdiskurs, andere behandeln Gender-Themen und viele bebildern einfach nur die ureigene Lust – frei von Tabus, mit dem Anmut schlichter Lebensfreude. Festzuhalten ist dabei, dass sich diese Pornographie von der ehemals klaren Flußrichtung verabschiedet, die früher zwischen produzierender Pornobranche und einsam konsumierendem Endverbraucher bestanden hatte. Der Endverbraucher im Web ist mittlerweile oft Multipliaktor für andere, man nimmt und gibt ohne kommerzielle Interessen, Trieb und Triebbefriedigung normalisieren und solidarisieren sich und Männer und Frauen konsumieren gewissermaßen aus den gleichen Töpfen. Denn das ist der interessanteste und auf den ersten Blick auffälligste Aspekt der tumblr-Pornographie: Sie hat sich vom strengmännlichen Grundton verabschiedet und bezieht gleichoft weibliche, bisexuelle und homosexuelle Porno-Ästhetik ein – ohne gesonderte Erklärung, sondern mit gelassener Selbstverständlichkeit. Weil sich sexuelle Lust eben genauso abbilden lässt wie ein japanischer Stuhl, Häuser, Katzen und Menschen – allgemeinverständlich und ohne eine Betrachtergruppe per se auszuschließen. Die genannten Blogs mischen genauso selbstverständlich Fotos ohne expliziten Inhalt neben Hardcore-Bilder, dazu Musik, Clips, Links. Die umwerfend einfache Botschaft: Lust ist alles, was uns heute Spaß macht. Mit diesem neuen Lustbegriff, mit der gerade dort begonnenen Egalisierung der geschlechtlichen Vorlieben und mit dem Einbetten einer mündig artikulierten Sexualität in die Normalität des Web-Alltags, ist Pornographie so nahe an echten Sex herangerückt, wie sie es in ihrer ganze Geschichte noch nicht war. Es existieren im Netz auch noch die Vorläufer dieser Entwicklung, denn es ist ja ein Merkmal des Web, dass es unterschiedliche Epochen in Gleichzeit vereint. Anfangs, als das Netz weltweit noch über 14.4er-Modems ruckelte, waren die Pornoseiten schon opulente Paläste – schnell hochgezogen, grell geschmückt mit Free-Pics und geschützt von Kreditkartenschranken. Sie boten keine andere Projektion von Sex als der analoge Sexshop an der Ecke. Die Frühzeit des öffentlichen Sex’ im Internet spielte sich auf reaktionären Plattformen ab, deren Inhalte die Mainstream-Lust bedienten. Das Netz hatte noch keinen eigenen Sex-Begriff, auch wenn in dieser Zeit der Ausdruck „Cybersex“ florierte. In diesem Stadium entsprach der Hetero-Netzporno genau jenem von Alice Schwarzer stets gebrandmarkten frauenfeindlichen Machtgefälle, auf dessen Gipfel die männliche Befriedigung und an dessen Ende die devotisierte Frau standen. Mit dem Wachsen der Bandbreiten und dem Entstehen einer vollwertigen zweiten Welt im Netz begann auch für den projizierten Sex eine zweite Epoche. Es fand eine Liberalisierung statt, wenn auch zunächst keine inhaltliche, sondern eine zugängliche. Die Pornobranche erlebte noch vor der Musik- und Filmbranche, dass die Menschen auf Dauer eher kein Geld für ihre Inhalte bezahlen würden. Die Pornopaläste wurden schneller gehackt, als man „boobs“ sagen konnte, der allgemeine Netzanspruch hatte sich verändert: Porno sollte nun selbstverständlich verfügbar sein wie leere Wohnungen auf immobilienscout24.de oder Gebrauchtwagen auf mobile.de. So näherten sich die Porno-Plattformen in Form und Funktion den übrigen Angeboten im Netz an und hochfrequentierte Portale wie YouPorn zeigen seitdem, in Anlehnung an YouTube, von Usern geladenes Pornomaterial mit offener thematischer Streuung: Ausschnitte klassischer Produzenten-Pornographie wechseln sich dabei mit ebenso vielen Clips ab, in denen sich Privatprotagonisten penetrieren – die Mitmach-Pornographie war geboren und wurde zur ersten Sex-Definition, die das Web formulierte. Es standen der Amateur und das girl next door im Mittelpunkt des pornographischen Interesses im Web und legten den Grundstein für die Ent-Blödung bzw. Menschlichwerdung des Angebots. Für diesen neuen Kundenwunsch formten sich auch kommerzielle Angebote wie suicidegirls.com, deren Frauenbilder suggerierten, sie wären selbstständige, ungeschminkte Lustwesen, die sich vor der Kamera nicht nach den Ansprüchen der Betrachter, sondern nur nach eigenem Befinden verrenkten. Aber suicidegirls.com war nicht der Anfang von etwas Neuem, wie die massive Medien-Aufmerksamkeit damals glauben ließ, sondern eher der vorläufige Endpunkt einer Entwicklung. Denn die Indie-Damen dort entsprachen noch nicht dem neuen Indie-Begriff, den eine hyperindividualisierte Netzwelt entwickelt hatte und den junge Firmen wie American Apparel parallel dazu mit einer expliziten Bildsprache sexualisiert hatten, eine Bildsprache, die sagte: Wir wollen uns nackt sehen. Wir sind Porno. Vielleicht waren es die Amateur-Bilder von übergewichtigen, unrasierten oder einfach schiefen Menschen, die ihren Spaß am Sex mitteilen wollten, die den Machern von „thathipsterporn“ vorschwebten als sie mit ihren Einträgen anfingen. Vielleicht muss man die banale Erkenntnis, dass alle irgendwie Sex haben, erstmal so plakativ betrachten, um sie zu verstehen.

Text: max-scharnigg - Foto: Photocase (Miss X)

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