Die letzten Schritte muss jeder allein gehen. Vorbei am Fußballplatz, einmal um die Ecke, hinein in das rote Backsteingebäude der Kujeong High School in Seoul. Kein Schüler dreht sich noch mal zu den Eltern um, die hilflos in der Kälte am Eingangstor stehen. Einige Mütter murmeln vor sich hin, ein Vater bekreuzigt sich. Alle wissen: Die nächsten neun Stunden entscheiden über die Zukunft ihrer Kinder – wer in Südkorea Karriere machen will, der muss bei dieser landesweiten Aufnahmeprüfung zu den Besten gehören. Wer versagt, hat zwölf Jahre lang vergeblich gelernt: Vorherige Leistungen werden kaum berücksichtigt.

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Willkommen in der Hölle: Schülerinnen feuern ihre Mitschüler an, die auf dem Weg zur wichtigsten Prüfung ihres Lebens sind. Auf ihrem Plakat steht: "Es scheint der Stern der Seamon Mädchen Schule" Bild: Juliane Eirich Ganz Südkorea ist von dieser Prüfung beeinflusst: Eltern und Großeltern beten in Kirchen und Tempeln für ihre Kinder, Beamte und Angestellte gehen auf Anweisung der Regierung eine Stunde später als sonst zur Arbeit, um den Verkehr zu entlasten. Es fahren mehr U-Bahnen, wer spät dran ist, kann sogar eine Polizeistreife anhalten und wird mit Blaulicht zur Schule gefahren. Zwischen 13.10 Uhr und 13.30 Uhr dürfen im ganzen Land keine Flugzeuge starten oder landen, da während des Englisch-Tests eine Hörverständnisübung stattfindet – kein Schüler soll abgelenkt werden. Oberstes Ziel ist Chancengleichheit: Alle 585 000 Oberschüler, die vergangenen Donnerstag an der diesjährigen Prüfung teilnahmen, mussten die gleichen Multiple Choice-Fragen beantworten. Ein staatliches Institut entwirft die Prüfungsinhalte, die Angst vor Betrug ist so groß, dass die beteiligten Lehrer fünf Wochen in ein Hotel eingesperrt werden und nicht mal mit ihrer Familie telefonieren dürfen. Eine Stunde vor Prüfungsbeginn ist die Atmosphäre vor der Kujeong High School noch locker: Schüler aus den unteren Klassen sind zur Unterstützung gekommen, verteilen Süßigkeiten, schwenken Plakate, singen. Straßenhändler verkaufen Kaffee, Tee und Plastik-Armbanduhren. „Die Kandidaten sind sehr aufgeregt und wir möchten zeigen, dass wir an sie denken“, sagt der 16jährige Schüler Michael Kim. Er und seine Freunde schreiben die Prüfung erst in zwei Jahren, doch alle kennen die strengen Regeln: Handys sind ebenso verboten wie eigene Stifte – angekreuzt wird mit Spezialtinte. „Ich habe jetzt schon Angst, wenn ich daran denke“, sagt ein Mädchen. Michael erklärt den Traum aller Oberschüler: „They want to reach the SKY“. SKY steht für die drei Top-Universitäten: Seoul National University, Korea University und Yonsei University. Die Studienplätze an diesen Unis sind streng begrenzt und hoch begehrt. Im konservativ geprägten Südkorea ist der Status an den Bildungserfolg gekoppelt – wer eine Elite-Uni besucht, bekommt nicht nur einen guten Job, sondern hat auch beste Chancen auf dem Heiratsmarkt. Dementsprechend hoch ist die Konkurrenz unter den Jugendlichen, unter den Eltern ist sie meist noch ausgeprägter.

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Fahnen schwenkend begrüßen Schüler Prüflinge vor der Schule Bild: Juliane Eirich Als der Prüfungsmarathon um 8.40 Uhr beginnt, stehen viele Eltern noch immer am Eingangstor. Sie sprechen kaum miteinander, alle starren ins Leere. Kong Mahn Park hat seine Tochter Yun Son zum Examen begleitet, er hat Augenringe, knetet unentwegt seine Hände. Endlich sei der Tag X gekommen, die ganze Familie habe gelitten: „Unser System ist sehr schlecht. Wir setzen die Kinder enorm unter Druck und am Ende zählt doch das Geld.“ Acht von zehn Oberschülern besuchen nach dem Unterricht ein privates Paukstudio, genannt „hagwon“. Yun Son geht seit fünf Jahren in ein hagwon. Anfangs lernte sie nur Englisch und Mathe, später auch Physik, Chemie und Biologie. Ihr Vater seufzt: „Alle machen es so und wir wollen nicht, dass unsere Tochter Nachteile hat.“ Pro Fach zahlen die Eltern jeden Monat durchschnittlich 200 Euro. Es ist ein Teufelskreis: Die Eltern überbieten sich gegenseitig mit der Förderung und verschulden sich sogar, um die Kinder im Sommer für Englischkurse ins Ausland zu schicken. Koreanischen Familien geben überdurchschnittlich viel für Bildung aus – ein Viertel des Familieneinkommens pro Kind gilt als normal. In den Medien wird die Kritik an diesem System immer lauter. Die Eltern beruhigten ihr Gewissen, indem sie die Kinder in teure hagwon-Institute schicken, heißt es. Es ist eine absurde Situation: Die Prüfung bestimmt jahrelang das Leben von Hunderttausenden, aber keiner ist mit dem System zufrieden. Die Hölle auf Erden Am Tag der Prüfung nannte ein Pädagogik-Professor in der Zeitung JoongAng Daily das Verfahren „die Hölle auf Erden“. Es basiere nur auf Auswendiglernen und behindere die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit. Das Arbeitspensum wirkt unglaublich: Samstag ist ein normaler Schultag. Aus den hagwon kommen die Schüler gegen 21 Uhr zurück, daheim warten dann noch Hausaufgaben. Zeit für Hobbies oder Sport bleibt da kaum. James Kobes, Dozent der Seoul National University, vergleicht das erbarmungslose System mit einer Spielsucht: Die Koreaner investieren so viel Geld und Gefühle in diese Prüfung, dass sie sich selbst schaden. Auch die Schüler, deren Träume schließlich in Erfüllung gehen, leiden unter den Folgen.Kobes berichtet von einer Schülerin, die nach dem Test minutenlang heulte: Das Mädchen habe festgestellt, dass sie ihre ganze Jugend dieser Prüfung geopfert hatte – und nun war das, was ihr Leben geordnet hatte, verschwunden.Wer scheitert, der muss erneut zwölf Monate lang lernen oder seine Ansprüche reduzieren. Studien belegen, dass die Selbstmordrate unter koreanischen Schülern überdurchschnittlich hoch ist. Wirklich gerecht ist das System übrigens nicht, wie Studien zeigen: Wenn die Eltern viel Geld investieren, schneiden die Kinder besser ab. Kritiker klagen zudem, dass die jungen Koreaner schlecht auf das wissenschaftliche Arbeiten vorbereitet werden: Sie haben großes Faktenwissen, wie etwa das Top-Ergebnis in der PISA-Studie zeigt, aber sie sind schlecht darin, eigenständig und kreativ zu arbeiten. Wie sehr das Bildungssystem auf den Test zugeschnitten ist, merkt jeder Besucher in Seoul: Obwohl Englisch Pflichtsprache ist, gibt es nur wenige, die die Sprache fließend beherrschen – im Vordergrund steht Grammatik, nicht deren Anwendung. An den Unis ist Teamwork selten, weil andere Studenten als Konkurrenten gesehen werden. Zugleich klagen Dozenten, dass Erstsemester nach der Prüfungstortur anderes im Kopf haben als die Wissenschaft – und erst mal ihr Leben und die neue Freiheit genießen wollen.

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"Viel Glück für den Test": Mit Plakaten wie diesen versuchen die Schüler, den Prüflingen Mut zu machen. Bild: Juliane Eirich Von dieser Freiheit sind die Oberschüler der Kujeong High School noch ein Stück entfernt. Während sie am Nachmittag über den Fragen zur Naturwissenschaft sitzen, kommen immer mehr Eltern, Geschwister und Freunde. Sie schauen ständig auf die Uhr, Herr Park knetet noch immer seine Hände, dann ist es soweit: Um 16.56 Uhr ist die Prüfung zu Ende. 900 erschöpfte Gestalten strömen aus dem Schulhaus. Einige weinen, doch die meisten lächeln. Yun Son lässt die Tasche fallen, umarmt ihren Vater und murmelt: „Es war okay.“ Sie will nur noch nach Hause. Ihre Mitschülerin Ji Yong Bak sagt: „Der Test war schwierig, aber immerhin ist es vorbei.“ Sie ist zwar erschöpft und hat Rückenschmerzen, aber schlafen will sie nicht: „Ich will mit meiner Familie essen und danach gehe ich zum Karaoke-Singen.“ Doch allzu lange können Ji Yong und ihre Freundinnen nicht feiern: Die meisten Hochschulen verlangen von ihren Bewerbern weitere Essays. Das Lernen geht also weiter – und auch das Bangen dauert an. Erst am 12. Dezember werden die Testergebnisse bekannt gegeben – dann wissen Yun Son und Ji Yong, ob sich die Schinderei gelohnt hat. Auf der nächsten Seite kannst du weitere Bilder der Prüfungen in Südkorea ansehen.


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Eltern bangen um ihre Kinder, die gerade die Prüfung ablegen. Bild: Juliane Eirich

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Mitschülerinnen jubeln den Prüflingen zu. Bild: Juliane Eirich

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Yun Son - nach der Prüfung. Bild: Juliane Eirich