Die Rematrikulation

Unser Autor hat vor fünf Jahren die Uni ohne Abschluss verlassen. Zeit für einen Selbstversuch: Wäre er heute ein besserer Student?
Von Dorian Steinhoff

Er ist wieder da.

Illustration: Daniela Rudolf

Der Hörsaal hat keine Fenster. Schwarzer Noppen-PVC. Würde man die Stuhlreihen, die Tafel und das Pult entfernen, sähe er aus wie ein sehr breiter U-Bahn-Aufgang. Die Uni Trier wurde 1970 neu gegründet, und so sieht der Campus eben auch aus. Montagmorgen, 10 Uhr, Lyrik des 20. und 21. Jahrhunderts, Vorlesung. Ich war so pünktlich auf dem Campus, dass es sogar noch für einen Kaffee und ein Brötchen in der Sonne gereicht hat. Das habe ich früher nie geschafft. Erst recht nicht an einem Montag. Nicht morgens um zehn.

Von 2005 bis 2010 war ich hier eingeschrieben. Rechtswissenschaften, Philosophie und Germanistik. Fünf Jahre, zehn Semester. Genau so lang, wie ich jetzt nicht mehr an der Uni bin. Das ist der Anlass meines Selbstversuchs: Ich möchte herausfinden, wie es ist, jetzt, mit 30, noch mal zu studieren. Was hat sich verändert? Und: Kann man das sehen und erleben?

Als ich mir im Vorfeld dieses Versuchs meinen Stundenplan zusammenstellen durfte, habe ich mich gefreut. „Literatur nach 1989“, „Hannah Arendts politische Theorie“, „Dramenanalyse“. So hießen meine neuen Veranstaltungen. Sechs bis acht Stunden am Tag Vorlesungen und Seminare, Wissen und Bildung und das drei Tage lang. Geil. Das Gefühl war neu. Früher fand ich alles an der Uni schrecklich. Und war ein schrecklicher Student.

Die Studierenden im Hörsaal sehen gesund aus und lieb. Die Ohrsteckerdichte ist hoch. Besonders voll ist es nicht. Niemand muss auf dem Boden sitzen, wie sonst oft erzählt wird. Vorne hält sich die Dozentin am Mikrofon fest und liest uns „Trunkene Flut“ von Gottfried Benn vor. Anschließend höre ich Ausführungen über göttliche Symbolik, über Transzendenz und Metaphysik in Benns Gedicht. Als es bald darauf um eine Orpheus-Referenz geht, ist der Bild lesende Seniorenstudent aus der vierten Reihe im Sportteil angekommen. Ich kann das Rascheln der Seiten beim Umblättern bis nach oben hören. Die Dozentin ist keine sehr schlechte, aber auch keine gute Rednerin. Nach 45 Minuten fällt es mir schwer, ihr zu folgen. Sie stellt keine Fragen, es gibt keine Interaktion, keine Diskussion. Nur Vortrag. Sie ermahnt den Bild-Leser nicht.

So geht es los: Ernüchterung, erst mal

Nach 70 Minuten beendet sie die Vorlesung, wir klopfen artig auf unsere Klapptische. Ich nehme einen guten Satz mit: „Die Lyrik fragt: Was ist das menschliche Leben, und was kann der Dichter davon in Worte fassen?“ Außerdem die Erkenntnis, dass Else Lasker-Schüler in den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts wahrscheinlich die coolste Frau Berlins war. Sie unternahm, verkleidet als arabischer Prinz, Spaziergänge Unter den Linden. Wie großartig ist das denn bitteschön? Mehr ist nicht hängen geblieben. Vorlesungen sind immer noch didaktischer Wahnsinn. So geht es los. Ernüchterung, erst mal.

Zuerst studierte ich Rechtswissenschaften auf Staatsexamen, dann Germanistik und Philosophie auf Magister. Präsenzpflicht in Vorlesungen und Seminaren lehnte ich ab, Scheinerwerb auch. Ich verstand nicht, wozu mich ein gestempeltes Stück Papier befähigen sollte, das ich mir nur abholen durfte, weil ich mich für einen gewissen Zeitraum ein Mal pro Woche in einem fensterlosen Hörsaal gelangweilt oder in einem Seminarraum über schlechte Referate geärgert hatte. Veranstaltungen vor 14 Uhr besuchte ich nicht. Wenn ich den Dozenten nicht mochte oder wenn er nicht reden konnte, ging ich in die Veranstaltung kein weiteres Mal. Meine Kommilitonen fand ich fast alle blöd. Ich wollte nichts werden, ich war doch schon was, dachte ich, und vor allem wollte ich eines nicht: einen Beruf. Aber was ich wollte, wusste ich auch nicht wirklich. Und in dieser Kombination aus Ablehnung und Orientierungslosigkeit lag mein Problem.

Nachdem ich in einem Zwischentest zum Seminar „Einführung in die ältere Deutsche Philologie“ Alternativantworten gegeben hatte, weil ich nichts wusste und mir langweilig war, lud mich der Dozent in die Sprechstunde der Lehrstuhlinhaberin. Gemeinsam legten sie mir wegen meines Fehlverhaltens und offensichtlichen Desinteresses am Studienfach meine Exmatrikulation nah. Sie sagten, es gäbe viele andere, die meinen Studienplatz gerne haben würden. Ich blieb eingeschrieben, belegte nur Veranstaltungen, die mich interessierten, dann machte ich mich als Autor selbstständig und das Studium nicht zu Ende. Heute gebe ich selber Seminare für kreatives Schreiben und Poetik an der Uni.

Zeit für einen kleinen Rundgang. Der Zeitgeist hat auch auf dem Campus Einzug gehalten: An den Süßigkeitenautomaten kann man jetzt auch Bio-Schokolade ziehen. Auf den Plastikflaschen am Salatbuffet kleben Aufkleber, die verraten, welche Dressings vegan sind. Über gestapelten Kaffeebecherdeckeln fragt ein Aushang: „Brauchst Du wirklich einen Deckel?“ Und im Mensa-Foyer ist ein Probierstand eines Limonadenherstellers aufgebaut, der für seine Fair-Trade-Ausrichtung bekannt ist. Vor dem Stand steht ein Aufsteller: „Trinken hilft!“ Außerdem haben es High Waist Jeans, entblößte Fesseln und Nike-Sneaker auch schon über die Mittelgebirge geschafft, die Trier erfolgreich vom Rest des Landes abschirmen. Die meisten Studierenden sehen genauso aus wie alle anderen jungen Leute, die in mittelgroßen, westdeutschen Städten in bürgerlichen Elternhäusern aufgewachsen sind. Man kann sogar bestens beobachten, wie sich einstige Subkultur-Codes im Mainstream aufgelöst haben. Chucks mit Lederjacke und dazu Perlenohrringe: geht alles. Das eine Barfuß-Mädchen in Space-Leggins, das über den Campus läuft, hat eher identitätsstiftende Wirkung für die Mehrheit, als dass sie das homogene Bild aufmischt.

Nächste Veranstaltung. Ich belege das linguistische Seminar „Werbesprache“. Superspannend, dachte ich: Werbung analysieren und verstehen, wie sie funktioniert, und dann diskutieren, was uns das über die Welt verrät, in der wir leben. Aber erst mal dauert es zehn Minuten, bis der Dozent alle formalen Fragen zur Prüfungsordnung, zu Modulen und Credit Points beantwortet hat. Dann präsentiert eine Studentin das Protokoll der letzten Sitzung. Bruchstückhaft und nervös werden irgendwelche Sätze und Begriffe wiedergekäut, die wahrscheinlich genau so im Lehrbuch stehen.

Nach dem Seminar sagt der sympathische Dozent zu mir, dass man in Seminaren nichts lerne

So geht es weiter. Zuerst Gruppenarbeit, dann wieder Kurzvorträge. Alles erschöpft sich in der hanebüchenden Wiedergabe von theoretischem Lehrbuchwissen. Fast alle Seminare, die ich besuche, laufen ungefähr nach diesem Schema ab.

Nach dem Seminar sagt der sympathische Dozent zu mir, dass man in Seminaren nichts lerne. Dass sie nur dazu da seien, Lerninteresse zu wecken. Ich glaube, das stimmt. Aber das Problem ist, dass die meisten Veranstaltungen genau das Gegenteil leisten. Wenn ein gutes Seminar die Zündfläche einer Streichholzschachtel ist, an der sich das Interesse der Studierenden entflammen soll, waren die meisten Veranstaltungen, die ich besuchte, eher Feuerlöscher.

Zwei Ausnahmen erlebe ich aber doch: Ich höre einen Gastvortrag, der zum Seminar „Politisches Theater“ gehört, und besuche das Seminar „Dramenanalyse“. Dass es sich meistens lohnt, Vorträge von Lehrenden anzuhören, wenn sie über ihre Forschung sprechen, habe ich schon öfters erlebt. Und „Dramenanalyse“ läuft so, wie man sich ein gutes Seminar vorstellt. Jeweils ein Student erteilt eine Einführung in das zu besprechende Stück und formuliert Fragen, die anschließend zur Diskussion gestellt werden. Die Professorin regt das Gespräch an, konkretisiert die Fragen, schaufelt Wissen an den Stellen nach, wo es fehlt und zum weiteren Verständnis gebraucht wird.

Obwohl ich beide Stücke, die besprochen werden, vorher nicht kannte, gehe ich bereichert um viele neue Perspektiven aufs Theater aus der Veranstaltung. Ich merke: Auch wenn die meisten Vorlesungen und Seminare nicht hielten, was ihre spannenden Titel zunächst versprachen, finde ich Studieren heute viel besser als früher.

30 wäre für mich das viel geeignetere Studieneintrittsalter gewesen

Das liegt vor allem an einer Kontextverschiebung. Ich bin kein Student, ich will keinen Abschluss machen, ich muss mich in keine Anwesenheitsliste eintragen. Die wissenschaftlichen Mitarbeiter, die die meisten Seminare leiten, sind nur unwesentlich älter als ich, und auch mit den Professoren befinde ich mich heute auch eher auf Augenhöhe als mit 20. Außerdem ist mein Textverständnis geschulter, ich weiß mehr und kann schneller lesen und Inhalte erfassen. 30 wäre für mich das viel geeignetere Studieneintrittsalter gewesen. Ich kann das geisteswissenschaftliche Studium jetzt als das betreiben, was es im Idealfall ist: eine Ausdehnung der Jugend zur interessensorientierten Ausbildung geistiger Fähigkeiten.

Und egal, wie schlecht ein Referat, wie mies eine Vorlesung gehalten ist, die Texte, auf die man gestoßen wird, regen einen trotzdem zum Denken an. Dazu, sich neue Themen eigenständig zu erarbeiten. Die Uni bietet dafür einen institutionellen Rahmen, nicht mehr und nicht weniger, und das empfinde ich heute als großes Geschenk.  

Ich habe mir für das kommende Semester einen Gasthörer-Ausweis an der Uni in meiner Heimatstadt beantragt. Ich möchte weiter zur Universität gehen, am besten mein ganzes Leben lang, zuhören und lesen und mich mit Dingen auseinandersetzen, die ich spannend finde. Und irgendwann bin ich dann auch Seniorenstudent und sitze in der vierten Reihe im Hörsaal. Nur die Bild-Zeitung, die werde ich nicht lesen.

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