Die senden mit der Maus

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Vielleicht ist dieses Hinterzimmer wirklich nur eine umgebaute Küche, vielleicht ist die junge Frau, die hier am Schreibtisch sitzt und eine Grimasse schneidet, tatsächlich nur eine Studentin der Fachhochschule Rhein-Sieg. Und vielleicht ist dieses Ladenlokal, in dem ein Heizstrahler für Wärme sorgt, lediglich das Büro einer Kölner Produktionsfirma. Vielleicht. Doch es spricht einiges dafür, dass im Belgischen Viertel in Köln gerade viel mehr passiert. Womöglich wird hier neben einem türkischen Kiosk die Zukunft des Fernsehens gemacht. Womöglich haben Carola Sayer und Rainer Bender, die sich hier am Heizstrahler wärmen, tatsächlich mehr geschafft als in die Küche ihres Ladenlokals ein kleines Fernsehstudio zu bauen. Ganz sicher haben die beiden Deutschlands einzige Fernsehmoderatorin gefunden, die noch nie im Fernsehen zu sehen war: Katrin Bauerfeind ist das Gesicht von ehrensenf – Deutschlands erstem Internet-Fernsehprogramm. Seit November setzt sich die 23-Jährige montags bis freitags um acht an den Schreibtisch in der ehemaligen Küche und zeichnet eine Folge ehrensenf auf. Tagsüber studiert sie Technik-Journalismus in St. Augustin an der Fachhochschule Rhein-Sieg. „Das ist zu 50 Prozent Technik“, Katrin lacht. „Und – wen wundert’s – zu 50 Prozent Journalismus.“ Katrin lacht viel. Sie findet die Meldungen über Internetspiele oder ungewöhnliche Webseiten, die sie vorliest, selbst lustig. Das ist ein Grund, warum sie sich beim Casting im Oktober gegen 100 andere Bewerber durchsetzen konnte. Moderationserfahrung hatte sie nicht. „Ich wollte mal Schauspiel studieren“, erzählt die angehende Technikjournalistin, „dann dachte ich aber, das ist nichts für mich.“ Gemeinsam mit Carola Sayer sitzt Katrin im Büro der Produktionsfirma ravenrocker. Sie warten auf Rainer Bender, der noch an der aktuellen Folge schreibt. Katrin kocht Tee. In ein paar Minuten kriegt sie den aktuellen Text. Ehrensenf ist ein Anagramm für Fernsehen. Die gleichen Buchstaben ergeben in anderer Reihenfolge einen neuen Sinn. Das beschreibt sehr treffend, was die ehrensenf-Macher mit dem Fernsehen tun: Sie erfinden nichts, machen nur alles etwas anders und schaffen damit doch Neues. Das neue Fernsehen braucht keine Sendezeiten oder Frequenzen, das neue Fernsehen funktioniert auf Abruf. Jeden Morgen stellen Rainer Bender und Carola Sayer eine neue Folge ehrensenf ins Netz. Wann die täglich rund 6000 Zuschauer sich Katrins Späße runterladen, ist für die Macher egal. „Die meisten schauen die Folge morgens vor der Uni an“, erzählt Carola Sayer. Doch auch wer morgens keine Zeit hat, kann das Programm sehen. Ehrensenf ist immer auf Sendung. Dieses Prinzip gibt es bei so genannten Videoblogs oder Videocasts schon länger. Mit leicht zu bedienender Technik filmen Videoblogger ihr Leben, erzählen, was ihnen beim Einkaufen oder in der Arbeit passiert und stellen die Ergebnisse anschließend ins Netz. Doch ehrensenf ist mehr Fernsehen als Videocast und Katrin ist eher Moderatorin als Bloggerin. Sie gießt ihren Tee auf. Der Text für die aktuelle Folge ist da. Carola druckt die Seiten mit dem Titel „AZ 52 240106“ aus. Katrin setzt sich mit dem Moderationstext in eine Ecke und liest. Der Text für die 52. Folge von ehrensenf, die gleich aufgezeichnet wird, stammt von Rainer Bender. Der 36-Jährige trägt eine Baseball-Mütze mit dem Aufdruck „Was guckst du?“. Rainer und Carola kennen sich von der gemeinsamen Arbeit beim Fernsehen – für die Sendungen „Ritas Welt“ und „Wochenshow“ haben sie als Redakteure und Autoren gearbeitet. Im Sommer gründeten sie die Produktionsfirma ravenrocker. Eigentlich wollten sie Konzepte für Sender entwickeln, dann kam ihnen die Idee zu ehrensenf – und jetzt haben sie ihr eigenes Programm und jede Menge Arbeit. Meldungen finden, Texte schreiben, die Sendung aufzeichnen und schneiden. Carola und Rainer machen das alles selber. Rainer hat sich für ehrensenf sogar das Schneiden mit einer Schnittsoftware beigebracht. Mit Erfolg: In der BILD-Zeitung wurden sie schon erwähnt und in der taz. Dass diese kleine Idee für soviel Aufmerksamkeit sorgt, hat einen einfachen Grund: Sie wird nicht in der ehemaligen Küche bleiben. Wenn es mit geringem Aufwand für jedermann möglich ist, eine Fernsehsendung zu erstellen und zum Download anzubieten, können das diejenigen, die bereits Fernsehen machen, natürlich auch. Menschen, die sich damit auskennen, prophezeien, dass es in Kürze viel mehr Angebote wie ehrensenf geben wird. Fernsehen auf Abruf wird zur Regel. Wer zukünftig eine Folge seiner Lieblingsserie sehen will, lädt sie sich aus dem Netz und schaut sie werbefrei an – wann und wie er will. Dann allerdings gegen Bezahlung. In Apples amerikanischem Musikstore itunes funktioniert dieses Prinzip bereits. Eine Folge „Desperate Housewifes“ kostet dort 1,99 Dollar. Noch ist ehrensenf kostenlos. Die Macher versuchen, ihr Projekt über Werbung zu finanzieren. „Dadurch, dass wir die Ersten sind, die sowas machen, gibt es bei den Werbekunden noch kein Bewusstsein für entsprechende Formate“, erklärt Carola. Sollte sich niemand finden, der das Programm zum Beispiel als Sponsor präsentiert, muss sich das neue Fernsehen über ein Bezahlmodell finanzieren. „Es gibt die Idee, dass man die Folgen bezahlen muss, wenn man sie aufs Handy lädt“, erklärt Carola, „im Netz bleiben sie dann aber kostenfrei.“ Die Tür zum Studio ist ausgehängt. Rainer steht im Türrahmen und verkabelt einen kleinen Camcorder mit einem Monitor. Carola hat zwei riesige Scheinwerfer eingeschaltet. Katrin sitzt im wärmenden Licht der Lampen am Schreibtisch. Rainers Hund Perro läuft umher. Es gibt keine Klappe, keine Maske, keine Aufregung. Katrin hat sich selbst geschminkt. Sie sitzt ruhig da und wartet auf ein Piepsen. Das ist das einzige Signal für die Aufnahme: ein Geräusch der Kamera. Dann wird aufgezeichnet. Sie verstellt die Stimme, spricht im Dialekt oder schneidet Grimassen. Vielleicht ist das jetzt die Zukunft des Fernsehens. Vielleicht auch nicht. Für Moderatorin Katrin jedenfalls spielt das keine Rolle. Sie hat Spaß an der Aufzeichnung und erklärt später: „Ich mache mir keine Gedanken, was in fünf Jahren ist.“ Mehr zum Thema im jetzt.de-Schwerpunkt Bewegte Bilder im Netz Vor zwei Wochen haben wir bereits den Videocast "shralp" vorgestellt. Im Rahmen der kleinen Serie, in der wir in dieser Woche interessante Videocasts vorstellen, holen wir das Interview mit shralp-Erfinder Christian aus dem Archiv. Du kannst es hier nachlesen. Hier gibt es die ganze Serie über Videoblogs auf jetzt.de.

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